Marcus Scholz

8. Januar 2020

Dieter Hecking war nicht nach Gesprächen zumute. „Nein“, so die kurze Antwort auf die Frage eines Kollegen, ob wir kurz über die gerade bekannt gewordene Verletzung von Julian Pollersbeck sprechen könnten. Verständlich. Denn gerade nach dem ganzen Theater um einen möglichen  Wechsel des Keepers im Winter und der Mut machenden Aussage Heckings an unter anderem auch Pollersbeck, dass alle drei Keeper jetzt die Chance hätten, auf sich aufmerksam zu machen, passt die Verletzung so gar nicht rein. Vier bis sechs Wochen Pause müssen bei Pollersbeck eingeplant werden, nachdem sich seine gestern zugezogene Verletzung als Bänderriss im Sprunggelenk entpuppte. Pollersbecks Kommentar? „Scheiße.“ Was auch sonst…

Statt dem einstigen U21-Europameister stand heute Youngster Joshua Wehking auf dem Platz. der 19 Jahre junge Sommerzugang aus Bochum durfte am Nachmittag sogar im vermeintlichen A-Team beginnen, wurde später von Heuer Fernandes abgelöst. Für den jungen Regionalligakicker ist die Verletzung Pollersbecks vielleicht tatsächlich eine Chance, sich über einen begrenzten Zeitraum bei den Profis zeigen zu können. Immerhin wird Pollersbeck auch für das Sonntag beginnende Trainingslager ausfallen. Möglich ist aber auch, dass Nachwuchskeeper Kevin Harr, der schon im Sommer immer wieder im Training dabei war, die Rolle des dritten Keepers einnimmt.

Pollersbeck-Wechsel ad acta? Ewerton bricht verletzt ab

Fakt aber ist, dass spätestens jetzt nach dieser Verletzung ein Wechsel im Winter ad acta gelegt werden kann. Kein Verein wird sich jetzt einen verletzten Keeper holen. Zumindest kein deutscher. Denn hier beginnt in anderthalb Wochen die Erste und in drei Wochen die Zweite Liga. Von daher: Schön, dass Du bleibst, Julian! Und vor allem: Gute Besserung!

Gleiches kann man auch zu Ewerton sagen. Leider schon wieder. Ehrlich gesagt eigentlich fast immer, angesichts einer Ausfallzeit von gut vier Monaten, die heute eine Fortsetzung erfahren haben könnten. Denn schon beim Vormittagstraining musste der Brasilianer, der es in der Hinrunde verletzungsbedingt auf gerade einmal  drei Einsätze mit insgesamt 131 Minuten Spielzeit brachte, mit Adduktorenproblemen abbrechen. Er humpelte so stark in die Kabine, dass ich mich schon sehr wunderte, dass er überhaupt am Nachmittag wieder dabei war und beim Spiel elf gegen elf sogar im A-Team stand. Entsprechend wenig verwundert waren wir, als Ewerton kurz vor Trainingsende doch abbrechen musste. Heckings Kommentar auf die Frage, ob er denn nach dem Nachmittagstraining kurz was zu den Verletzten sagen konnte: „Nein. Schönen Abend.“

 

Auch Hecking dürfte genervt sein. Weniger, weil es in Sachen Zugänge  och immer nichts zu vermelden gibt. Hier sein man im ständigen Austausch, so der Coach, der nach eigener Aussage ganz entspannt ist. Aber der Umstand, dass sich Ewerton erneut verletzt hat, dürfte ihn nerven. So, wie es offensichtlich auch hier bei uns schon einige nervt. „Immer dieselben Namen“ schreib einer. Andere forderten, dass der HSV endlich aufhören sollen, „immer nur angeschlagene Dreißigjährige“ zu holen. „Ich bin glücklich, jetzt hier beim HSV zu sein und freue mich darauf, mit der Arbeit auf dem Platz zu beginnen. Als Innenverteidiger ist man automatisch in der Rolle eines Anführers“, hatte Ewerton im Sommer bei seinem Wechsel zum HSV gesagt. Übriggebliebene ist davon nicht viel. Ewerton damals: „Man ist für die Ordnung auf dem Platz zuständig und muss seinen Mitspielern immer Anweisungen geben. Dadurch hat man zwangsläufig viel Verantwortung und das gefällt mir.“

Insofern dürfte er jetzt alles andere als erfreut sein. Und es stellt sich für den HSV tatsächlich die Frage, inwieweit man Ewerton als Verstärkung einplanen kann und inwieweit man tatsächlich auch für die Innenverteidigerposition noch mal nachdenken muss. Denn eines ist klar: Ewertons Kopfballstärke wird zwingend gebraucht, um die Anfälligkeit bei Standards abzustellen. Denn obgleich auch heute wieder auffällig am Kopfballspiel gefeilt wurde, galt Ewerton als Hoffnungsträger, diese Schwäche abzustellen.

Ewerton-Verletzung wirft Fragen auf

„Papadopoulos ist doch da“, schrieben heute einige auf unserer Facebook-Seite, nachdem wir über Ewertons Trainingsabbruch am Nachmittag  berichtet hatten. Eine Idee, die nicht umgesetzt wird. Dennoch muss bei allen Personalplanungen für den Winter ernsthaft auch Ewertons Situation mit einbezogen werden. Zumal er neben den Langzeit-Ausfällen Jan Gyamerah und Josha Vagnoman sowie den Knie-Vorbelasteten Sonny Kittel, Bobby Wood und dem Dauerpatienten Aaron Hunt schon der sechste Profi ist, bei dem  man jederzeit mit einem Ausfall rechnen muss.

Zu viel, wenn man das Maximum als Ziel ausgibt. Und noch ein Grund mehr, bei Sportvorstand Boldt auf ein glückliches Händchen in Sachen Wintertransfer zu hoffen. Zumindest ein glücklicheres als im Sommer, als Boldt zu der 2-Millionen-Euro-Verpflichtung Ewerton sagte: „Wir sind sehr froh, dass wir mit Ewerton einen erfahrenen Spieler gewinnen konnten. Er kennt die Zweite Liga, hat dort bereits erfolgreich gespielt und wird unsere Abwehr weiter stabilisieren. Seine Ruhe sowie seine Kopfballstärke sind zwei Elemente, die uns gut zu Gesicht stehen.“ Würden sie. Klar. Aber ob sie es auch werden, ist offen.

Ansonsten gab es heute vom Training nicht viel zu erzählen. Wie gestern schon trainierte die Mannschaft vormittags in zwei Gruppen auf zwei verschiedenen Plätzen verschiedene Sachen. Die Defensivspieler übten Kopfballspiel - was noch einmal verdeutlichte, dass hier Nachbesserungsbedarf besteht. Die Offensivspieler übten derweil auf dem Nebenplatz mit dem erneut sehr lautstarken Cheftrainer Dieter Hecking Torabschlüsse, ehe es am nachmittag dann ein Abschlussspiel gab, wo wieder alle zusammenkamen. In der vermeintlichen A-Elf, spielten (zuerst Youngster Wehking, dann) Heuer Fernandes - Narey, Letschert, Ewerton, Leibold - Kinsombi, Fein - Jairo, Kittel, Jatta - Hinterseer.

Wirrungen um Schaub-Wechsel - Boldt schweigt

In Sachen Neuzugänge gibt es aktuell noch nichts, abgesehen von irritierenden Meldungen rund um Louis Schaub vom 1. FC Köln, bei dem verschiedene Quellen behaupten, es genau zu wissen und dabei komplett Gegenteiliges erzählen. Von daher habe ich noch mal beim Sportvorstand nachgefragt, dessen Antwort in ihrer Art auch vom Trainer hätte stammen können: „Wir sind nicht für Gerüchte zuständig. Wir melden uns, wenn es etwas zu vermelden gibt.“

In diesem Sinne bis morgen. Da melde ich mich wieder pünktlich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall und am Abend dann mit dem Tagesblog bei Euch. Vielleicht gibt es dann ja schon mehr zu vermelden. Zum Beispiel, was nun mit Ewerton ist und wie der HSV mit dieser Personalien umgeht. Zum anderen vielleicht ja auch schon etwas in Sachen Zugänge.

Bis dahin!

Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.