Marcus Scholz

5. Januar 2020

Endlich! Endlich geht es wieder los. Raus aus dem rein theoretischen, rein in die Praxis mit dem Ball auf dem Platz. Dann wird es weniger darum gehen, was man brauchen könnte, dann wird man wieder genau sehen, was man braucht. Sechs Tage Hamburg, danach sieben Tage Trainingslager in Portugal inklusive mindestens einem richtig guten Test (auch in Portugal soll noch ein Test absolviert werden) im Anschluss daran in Basel. Wobei auch klar ist, dass etwaige personelle Nachbesserungen bis dahin geklärt sein sollten. Also so, wie es sich Trainer Dieter Hecking wünscht. Der HSV-Coach, der am liebsten schon bis zum Trainingslager geklärte Fronten hätte, hatte zuletzt immer wieder betont, dass die Personaldecke insbesondere auf den Außenverteidigerpositionen durch die langwierigen Verletzungen von Jan Gyamerah und Josha Vagnoman zu dünn ist. Den Rest würde man zur Not hinbekommen - will man aber besser regeln.

Und das ist der große Unterschied zur Vorsaison, in der der HSV im Winzer seine Aufstiegschancen verlor. Damals musste man auch abwägen, ob personelle Nachbesserungen nötig sind. Und man entschied sich falsch: Man machte nichts. „Das war im Nachhinein sicher ein Fehler“, hatte Ralf Becker uns im Rautenperle-Talk gesagt. Ebenso wie der damalige Sportchef sagte auch der damalige HSV-Trainer Hannes Wolf, dass man sich bei der Bewertung der Kaderkonstellation getäuscht habe.

Viele neue Namen - aber noch nichts Neues

Niklas Dorsch (Heidenheim), Steven Skrzybski (1. FC Köln), Felix Agu (Osnabrück), Fabian Johnson, Tobias Strobl  (beide Gladbach), Simon Terodde, Louis Schaub (Köln) und jetzt laut slowakischen Medien der 20 Jahre junge Angreifer Robert Bozenik (MSK Zilina) wurden bzw. werden beim HSV gehandelt als Neuzugänge. Und es werden weitere Namen folgen - ganz sicher. Wer es am Ende wird? Alles noch offen.  Aus Gladbach gab es schon klare Dementi, Johnson gegenüber dem „Expresse“ deutlich: „Ich habe mich auch gewundert, als ich das gehört habe. Mit mir hat niemand gesprochen. Ich weiß davon nichts. Ich habe auch niemandem gesagt, dass ich Borussia verlassen möchte. Ich habe keine Erklärung dafür, woher dieses Gerücht kommt.“

Auch Skrzybski ist keine Alternative mehr. der Schalke-Angreifer ist bereits auf Leihbasis nach Düsseldorf gewechselt. Und auch beim HSV kann sich intern noch einiges tun, was wiederum auf die Wahl der Zugänge Auswirkungen haben kann. Kyriakos Papadopoulos soll zum Beispiel noch unbedingt abgegeben werden, während man sich bei Julian Pollersbeck etwas entspannter zeigt. Der Keeper könnte auch bleiben - und dann im Sommer gehen. Immerhin läuft sein Vertrag in Hamburg noch bis 2021 und Hecking hatte zuletzt noch einmal betont, dass er auf der Torwartposition nicht bereit ist, irgendein Risiko einzugehen und statt auf einen gestandenen Pollersbeck als möglichen Ersatz bei einem Ausfall des Stammpersonals auf einen Nachwuchskeeper setzen zu wollen. Zurecht, wie ich finde. Dafür ist die Position des Torhüters auch schlichtweg zu wichtig.

Das Misstrauen wird zunehmend ein Störfaktor

Dennoch, bei allen Planungen und allem, was wir hier als so genannte Kritiker von außen so toll und zumeist ja auch besser wissen, weil wir nie Konsequenzen fürchten müssen - es wird Dinge geben, die niemand komplett kalkulieren kann. Verletzungen, Formschwankungen - wichtig ist dabei, dass man möglichst risikomindernd zu Werke geht. Das heißt, dass man auch vor vermeintlich großen Namen keinen Halt machen darf und weiterhin versucht, einen Ersatz für Aaron Hunt zu bekommen. Dessen Bedeutung als gesunder Spieler ist für die Mannschaft inzwischen ebenso groß ist wie seine verletzungsbedingte Ausfallwahrscheinlichkeit. Zudem hat Hecking den Draht zu seinem Kapitän, um mit ihm so realistisch über den Stand zu sprechen, dass man keinen Motivationsverlust geschweige denn irgendeine Eingeschnapptheit befürchtet muss.

 

Und genau so wird es gemacht. Das einzige, wogegen sich die Verantwortlichen hier nicht schützen bzw. das sie nicht beeinflussen können, ist das Misstrauen von außen. „Umfrage-Ergebnis überrascht Viele HSV-Fans glauben nicht mehr an den Aufstieg“ titelt heute die Morgenpost. 43 Prozent der Befragten (6500 abgegebene Stimmen) würden demnach nicht mehr an den Aufstieg glauben. Und ich frage mich: Warum? Weil Heidenheim, Stuttgart und Aue so drücken? Weil diese drei und Bielefeld einfach zu stark sind? Nein, dieses HSV-typische Negativdenken hat seine zweifellos seine geschichtliche Ursache in den letzten sechs knapp zehn Jahren - aber es ist angesichts der entscheidenden Personalien und Themen, die hier neu angegangen wurden, ein für mich in diesem Moment absolut überzogener, sogar ungerechtfertigter Vertrauensentzug gegenüber dem neuen Funktionsteam, das bislang funktioniert. Und der kommt nicht von den böswilligen Medien, sondern von den Fans höchstselbst.

Tief stehende Mannschaften bleib ein Problem

Damit rede ich nicht schön, dass der HSV in den letzten Wochen zu wenig Punkte geholt hat. Der HSV hätte seine gute Position noch verbessern können - hat er aber nicht. Aber bitte kommt jetzt nicht wieder mit den Spielen gegen tief stehende Mannschaften. Die werden auch in Zukunft gleichermaßen sch… aussehen. Sie werden weiterhin sehr schwer zu spielen und noch schwerer zu gewinnen sein - aber das gilt eben nicht nur für den HSV, sondern vor allem auch für den VfB Stuttgart. Den Schwaben erging es in der Hinrunde kein Deut anders als dem HSV. Das Phänomen: Fragt mal in Stuttgart, wie sie da über den HSV reden. Die Schwaben sehen den HSV deutlich vor Stuttgart aktuell - und hier scheint man den Schwaben mehr zuzutrauen.

Fakt ist: Weder gegen den HSV noch gegen den VfB macht irgendein Team hinten auf und spielt wirklich offensiv - anders gegen Aue, Bielefeld und Heidenheim, die in diesem Punkt vielleicht noch ein wenig unterschätzt werden. Sie haben immer wieder Räume nach vorn, die sie sehr gut nutzen. Und ich bleibe dabei, dass Martin Harnik es komplett richtig analysiert hat, als er sagte, dass die Spiele des HSV immer wieder ganz knapp zwischen klarem Sieg und enttäuschenden  Remis/knapper Niederlage wandeln. Die Königsdisziplin wird auch in der Rückrunde auf die Fans zukommen, und diese heißt: Geduld haben. Vertrauen haben.

 Geduld und Vertrauen entscheiden über Aufstieg

Meine Prognose: Sollten sich die Zweitligisten künftig gegen Bielefeld beispielsweise ähnlich defensiv orientieren wie gegen den HSV, werden die Ostwestfalen genauso große Probleme haben. Zumal dann, wenn mal einer ihrer zwei Offensivspieler ausfallen sollte. Auch deshalb glaube ich noch immer, dass die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Formtiefs bei der Arminia hoch ist. Denn von der Breite ist der Kader des Tabellenführers nicht annähernd so stark besetzt wie der des HSV und noch weniger wie der des VfB Stuttgart. Ausfälle und Sperren wiegen auf der Bielefelder Alm doppelt schwer. Bislang konnte alles mit der Euphorie einer herausragenden Rückrunde 2018/2019, die Bielefeld sehr gut konserviert und in die neue Saison mit rübergerettet hat, kompensiert werden. Aber, und das sage ich mit allem Respekt vor der tollen Arbeit von Trainer Uwe Neuhaus und seinem Team, es bleibt abzuwarten, wie man auf die nunmehr vorsichtigeren Gegner reagiert und wie etwaige (personelle) Rückschläge weggesteckt werden können.

 

Aber okay, ich schweife ab. Eigentlich wollte ich Euch heute nur kurz einmal auf den Stand der Dinge bringen, damit alle für den morgigen informiert sind. Denn dort geht es um 10 und um 15.30 Uhr auf den Trainingsplatz - beide Einheiten sind dabei öffentlich zugänglich. Fehlen wird morgen neben den Langzeitverletzten auch Kyriakos Papadopoulos, der aussortiert bleibt und noch eine Woche länger nach einem neuen Verein suchen darf, ehe er ggf. ab dem 13. Januar wieder bei der U21 einsteigen müsste. Neue Spieler werden noch nicht dabei sein. Bis morgen wird definitiv nichts passieren. Offen war hingegen noch, ob und wer aus der U21 zu morgen schon hochgezogen wird. Am Dienstag und Mittwoch wird ebenfalls zweimal trainiert. ehe am Donnerstag um 10 Trainiert wird und am Freitagabend um 18 Uhr im Volksparkstadion gegen den Erstligisten Schalke 04 das erste richtige Testspiel ansteht.

In diesem Sinne, ich melde mich morgen um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch, ehe ich mich auf den Weg zu den ersten Trainingseinheiten des neuen Jahres machen werde. Bis dahin!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.