Marcus Scholz

8. November 2019

„Alles, was zählt, ist das auf dem Platz.“

Das ist ein Zitat von meinem A-Jugendtrainer Andreas Westermann - und gefühlt Millionen anderer Fußballer. Insofern werde ich an dieser Stelle auch gar nicht erst anfangen, über irgendwelche (Pseudo-)Krisen oder sich anbahnende Krisen zum sprechen. Das Spiel in Wiesbaden war sicherlich nicht gut - das stimmt. Aber damit hat es sich auch erste einmal. Und am Sonnabend um 13 Uhr bei der KSV Holstein Kiel kann und muss der HSV im Holstein-Stadion zeigen, dass er aus den Fehlern des letzten Wochenendes gelernt hat. Worauf genau es diesmal ankommen wird  (auch auf Seiten der Kieler), das haben mein Kollege Christian Hoch, unser Freund und Kiel-Experte Marius Soyke und ich hier zusammengetragen:

 

 

Die Ausgangslage

KSV Holstein Kiel: Umbruch 2.0 - so lautete das Motto für Holstein Kiel vor dem Beginn der aktuellen Spielzeit. Die Kieler mussten den zweiten Radikal-Umbruch innerhalb von zwei Jahren verkraften. Vor der vergangenen Spielzeit wechselte das Erfolgsduo Becker/Anfang den Verein, nach der vergangenen Saison verließ auch der zweite Erfolgstrainer die „Störche“ - Tim Walter. Mit der Inthronisierung von André Schubert als Nachfolger auf den Trainerposten taten sich die Kieler keinen Gefallen. Es passte schlicht die Chemie zwischen Schubert und Mannschaft nicht - eine Fehlbesetzung und Fehleinschätzung der Verantwortlichen im Vorfeld. Die Folge: Schon nach vier Spieltagen und dem 0:3 in Heidenheim folgte die Entlassung. Zunächst übernahm Ole Werner interimsweise, später wurde ihm ein fester Vertrag als Cheftrainer angeboten. Mit Siegen gegen Greuther Fürth, dem VfB Stuttgart und dem VfL Bochum führte er die KSV vorübergehend aus dem Tabellenkeller. Doch in der zweiten Runde des DFB-Pokals erlebten die Kieler mit Werner ihre erste große Delle: Aus nach Elfmeterschießen beim Viertligisten SC Verl - eine Blamage. Auch im Ligaspiel bei Arminia Bielefeld setzte es im Anschluss eine 1:2-Pleite - die zweite Pflichtspiel-Niederlage in Folge. Der Abstand auf Relegationsplatz 16 beträgt nur magere zwei Punkte. Vor dem Spiel gegen den HSV steht Werner mit seiner Mannschaft also schon wieder unter Druck.

HSV: In der Liga lief es gegen den VfB Stuttgart beim 6:2 optimal. Das 1:1 zuletzt in Wiesbaden (mit einem 1:2 n.V. im DFB-Pokal dazwischen) hat die Konkurrenz wieder aufschließen lassen. Bielefeld ist punktgleich, Stuttgart nur noch zwei Punkte dahinter. Direkt nach Wiesbaden war Trainer Dieter Hecking darum bemüht, die Diskussionen in Hamburg zu beenden, bevor sie begonnen hatten. Die Frage nach der fehlenden Einstellung in Wiesbaden ließ ihn zunächst empört reagieren. Bei der Pressekonferenz vor dem Kiel-Spiel gab dann auch Hecking öffentlich zu, dass die mangelnde Einstellung ein Grund für den unnötigen Punktverlust war.  Aber, und das ist der Unterschied zu den letzten Jahren: Aus einem Spiel wird keine Krise gemauert. Weil Hecking das nicht zulässt - und weil die Mannschaft stabil genug wirkt, diesen kleinen Rückschlag schnell wegzustecken. Die Ausfälle von Vagnoman (der ja schon als Ersatz für Gyamerah ins Team gerutscht war), Harnik und Hunt wiegen zwar schwer - sollten aber abgefedert werden können.

 

Das größte Problem

Holstein: Man könnte sagen, dass der junge Kader nicht „abgebrüht“ genug ist. Das gilt sowohl für die Chancenverwertung als auch mitunter für das Defensivspiel. Gegen Bielefeld z.B. hat Kiel über das komplette Spiel top mitgehalten – ein Klassenunterschied war da definitiv nicht zu erkennen. Mit Ausnahme eben, dass die Arminia mit Klos und  Voglsammer vorne zwei Top-Leute hat, die die zwei Fehler, die die KSV-Hintermannschaft gemacht hat, ausnutzen. Kiel braucht für ein Tor zum Teil zu viele Chancen – das zieht sich aber im Grunde schon seit Jahren so durch. Offensiv war das Team aber immer so gut, dass man eben auch genug Möglichkeiten hatte, 2-3 Tore zu machen. Das klappt diese Saison in der Masse noch nicht und da müsste man dann eben kaltschnäuziger sein. Das Gleiche in der Defensive: Die war unter Schubert mitunter ein Scherbenhaufen. Schlechte Abstimmung, viel zu offensive Spielweise. Ole Werner hat es hinbekommen, dass das Kollektiv wieder stark verteidigt und ein gutes Pressing gegen den Ball aufzieht. Ich bin kein Taktikexperte, deswegen kann ich da leider nicht wirklich ins Detail gehen. Aber es läuft deutlich besser unter dem neuen Trainer. Aber individuelle Fehler werden eben ab und an immer noch gemacht. Gegen Bielefeld waren das sogar die eigentlich erfahrenen Wahl und Meffert. Eine Top-Mannschaft nutzt das in der 2. Liga aus – und der HSV ist so eine Top-Mannschaft.

HSV:  Die Kopfballschwäche ist lange bekannt gewesen - konnte aber auch gegen Wiesbaden nicht abgestellt werden. Im Gegenteil: Die ständige Diskussion darüber führt zu einer Verunsicherung und dazu, „dass wir uns die Dinger hinten schon selbst reindenken“, wie Hecking das nannte, was man unbedingt verhindern müsse. Wenn die Offensive dann wie in Wiesbaden Chancen en masse liegen lässt, wird es eng. Oder es geht sogar schief - wie beim 1:1 in der Nachspielzeit. Dass die Mannschaft s auch anders kann, hat sie allerdings zuvor mehrfach bewiesen. Besonders eindrucksvoll übrigens im vorletzten Spiel gegen Stuttgart. Insofern sehe ich die Abschlussschwäche aus dem Wiesbaden-Spiel noch nicht als allgemeines Problem. Das Problem bei hohen Bällen sehe ich indes sehr wohl als Schwäche. Enge Spiele können so zunehmend zu Nervenschlachten werden - wenn die Offensive mal hakt.

 

Was ist der Lichtblick 

Holstein: Dass die Mannschaft unter Ole Werner wieder wie eine richtige Mannschaft funktioniert. Man hatte unter Schubert das Gefühl, dass die einzelnen Spieler stark sind – aber sie den richtigen Weg nicht verinnerlicht haben. Jetzt wird wieder gekämpft, um es mit dem Stammtisch zu sagen, und die Abstimmung funktioniert wesentlich besser. Wenn das so bleibt, dann wird die KSV am Saisonende auch nicht gegen den Abstieg spielen. Rein vom Spielermaterial her ansonsten natürlich Lee, der diese Saison quasi eine Art Lebensversicherung ist mit seinen Toren. Und Makana Baku, auch wenn er zuletzt eine kleine Schwächephase hatte. Baku bringt alles mit, um sich in 1-2 Jahren auch in der Bundesliga durchzusetzen. Zudem ist der HSV ist der Lieblingsgegner der Kieler. Mut macht außerdem, dass die KSV in den Duellen mit den Top-Teams der zweiten Bundesliga (bisher Bielefeld und Stuttgart) jeweils auch Top-Leistungen zeigte. Gegen den VfB reichte das sogar zu einem überraschenden 1:0-Auswärtserfolg.

HSV: Im Mittelfeldzentrum hat der HSV mit Adrian Fein sowie mit dem immer besser in Fahrt kommenden Jeremy Dudziak und Top-Scorer Sonny Kittel Spieler parat, die jedes Spiel entscheiden können. Ebenso ganz vorn mit Lukas Hinterseer sowie mit Bakery Jatta auf Rechtsaußen. Sollte zudem David Kinsombi seine Chance bekommen, dürfte das eine der vielleicht interessantesten Personalien in diesem Spiel werden. Denn genau dort im Kieler Holstein-Stadion hat er sein letztes Spiel in Top-Form absolviert - das 3:1 für Kiel gegen den HSV. Und da alle beim HSV überzeugt sind, dass der 3,5-Millionen Euro teure Zugang einfach nur Spiele braucht, um wieder in seine alte Verfassung zu kommen - wo wäre es passender, als dort das erste Mal voll durchzustarten?

 

Das spannendste Duell 

Holstein/HSV: Lee gegen Kittel. Die beiden linken Außenbahnspieler sind jeweils auch die Top-Scorer ihrer beiden Mannschaften. In zwölf Spielen erzielte der Kieler Südkoreaner schon sechs Tore und bereitete einen weiteren Treffer vor - eine starke Quote. Doch Hamburgs Sonny Kittel kann diesen Wert noch überbieten. Er weist nach zwölf Spieltagen sieben Treffer und zwei Vorlagen vor. Beide Spieler kommen zumeist auf der linken Außenbahn zum Einsatz. Beide Spieler sind im besten Fußballeralter (Lee: 27 Jahre, Kittel: 26 Jahre). Beide Spieler sind derzeit tragende Säulen und wichtige Bestandteile ihrer Mannschaft. Prognose: Die Mannschaft, die ihren Top-Spieler besser in Position bringen kann, wird dieses Duell am Ende auch entscheiden. Ansonsten wird sehr interessant, wie die Kieler Verteidigung mit Lukas Hinterseer zurechtkommt. 

 

Taktik/voraussichtliche Aufstellungen:

Holstein: Gelios - Neumann, Wahl, Thesker, Seo - Özcan, Meffert, Mühling - Iyoha, Lee - Serra

HSV: Heuer Fernandes - Narey, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Jatta, Kinsombi, Dudziak, Kittel - Hinterseer.

 

Ausblick

Holstein: Kiel hat in den Spielen gegen die vermeintlich großen Favoriten eigentlich immer ganz gut ausgesehen – außer in Heidenheim, aber das hatte andere Gründe. Schuberts letztes Spiel. Es ist zu erwarten, dass es auch am Samstag eine Partie auf Augenhöhe wird. Der Support von beiden Seiten wird großartig. Hoffentlich ohne Ausschreitungen - denn die Fanlager mögen sich - vorsichtig formuliert - nicht besonders gern. Ansonsten ist das Spiel aber für Kiel keines, das den Unterschied in dieser Saison ausmacht. Durch die Siege gegen den VfB und Bochum befindet sich die Mannschaft auf einem guten Weg und ich denke, dass nach der Länderspielpause, wo Werner und die Spieler noch einmal enger zusammenwachsen können, ein noch klarerer Aufwärtstrend erkennbar wird.

HSV: Für Hecking und Co. kommt die Länderspielpause gelegen. Denn bis auf die Langzeitverletzten Vagnoman und Gyamerah können in der Zeit alle Spieler so genesen bzw. sich (wie im fall Ewerton) heranarbeiten, dass sie beim nächsten Heimspiel gegen Dynamo Dresden (Sa. 23.11., 13 Uhr) wieder einsetzbar sind. Bei einer Niederlage in Kiel ist noch nichts verloren - selbst wenn es die Tabellenführung kosten könnte. Allerdings könnte der HSV tatsächlich in schwierige Fahrwasser geraten, wenn man auf der Rechtsverteidigerposition noch etwas passiert. Narey ist bereits der Ersatz vom Ersatz, aber er kennt diese Position, hat sie häufiger schon gespielt. Sollte er mal nicht spielen können, müsste Hecking tatsächlich improvisieren. Und der Umstand, dass man von den letzten sechs Spielen 2019 noch viermal (inkl. Kiel) auswärts ran muss, macht mich weniger nervös, als es anderen offenbar geht. Vielmehr sehe ich das als gute Gelegenheit (als bislang Auswärtstabellen-Dritter!), die eigene Stärke im Kreieren von Torchancen zu demonstrieren. Immerhin hat nur Stuttgart mit 212 Torschüssen mehr Versuche abgegeben als der HSV (194). Aber niemand sonst hat mehr Tore erzielt als der HSV (29). Auswärts ist man mit bislang 12 Treffern hinter Nürnberg (14) und Bielefeld (15) die dritterfolgreichste Zweitligamannschaft - was sich morgen schon ändern kann. Und wenn wir schon bei Statistiken sind: Im Verwerten von Chancen ist nur Jahn Regensburg effektiver als der HSV (6,7 Torschüsse/Tor). Insofern, ohne dass sich irgendwer darauf ausruhen darf, bleibt festhalten: Die grundsätzliche Richtung stimmt - auch wenn es nach vier sieglosen Auswärtsspielen anders wirken mag.

 

In diesem Sinne, bis morgen!

Da melden wir uns wieder voller Vorfreude auf ein "geiles, dreckiges  Spiel" (Zitat David Kinsombi) mit tollen Gästen, wie Ihr in der angehängten Ankündigung sehen könnt, von unserer "Auswärtscouch". Seid dabei, stellt Eure Fragen, freut und leidet oder chattet einfach mit uns und vielen anderen HSV-Anhängern  - bis morgen!

Scholle

 

 

Ein neuer Angstgegner?

Der HSV trifft auf seinen Angstgegner - die Störche von Holstein Kiel. Es wird ein hartes spiel werden, wie die Aufeinandertreffen der beiden Nordclubs zuvor. Die Kieler haben oft genug gezeigt, dass sie dem HSV eine ordentliche Niederlage zufügen können. Hinzu kommt die aktuelle Auswärtsschwäche der Rothosen. Gelingt dem HSV trotzdem der Punkte-Dreier in der Ferne?

Zusammen mit euch und den beiden Rappern und Durch-und-durch-HSVern Elvis und Murs94 geht es auf die Couch. Am Samstag ab 12.30 Uhr geht es los mit dem Public-Viewing 2.0.

Dazu gibt es natürlich unsere Analysen, den Talk nach Abpfiff - und euch! Via Live-Chat und Twitter könnt ihr am Treiben auf der Couch teilhaben, mitfiebern und eure Fragen stellen. Dem Fußballfest steht nichts mehr im Wege!

Die Timecodes zum Stream

Sobald der Stream als VoD verfügbar ist, versorgen wir euch hier mit den Timecodes zu den einzelnen Segmenten.

Scholles Blitzfazit zur Partie

Im Anschluss an den Live-Stream findet ihr hier Scholles Blitzfazit zur Partie.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.