Marcus Scholz

29. Oktober 2019

Der HSV kann gegen den VfB Stuttgart einfach nicht gewinnen – zumindest nicht im DFB-Pokal. Wie in der Pokalgeschichte zuletzt in allen vier Duellen ging der HSV auch heute vor 45.503 Zuschauern als Verlierer vom Platz. Mit 2:1 behielten die Schwaben im zweiten Duell binnen drei Tagen die Oberhand - und das auch nicht unverdient. Der HSV war heute einfach nie in der Lage, das Spiel zu bestimmen, geschweige denn, sich echte Torchancen zu erspielen. „Die schlechteste Saisonleistung“, schrieb mir ein Ex-HSV-Prof direkt nach Schlusspfiff. Und glaubt mir, er ist eigentlich eher einer, der auch in schlechten Phasen das Positive versucht herauszustellen. „Es war ein nicht unverdienter Sieg für den VfB“, fasste Trainer Hecking die Niederlage dann auch treffend zusammen. Aber der Reihe nach.

Zunächst kam es, wie gestern schon angekündigt: Keiner der Kollegen – auch ich nicht – hatte die Startelf komplett richtig. Vier oder fünf Wechsel waren vermutet worden. Zwei Wechsel hatte ich vermutet. Und zumindest die Namen hatte ich: Sonny Kittel und Jeremy Dudziak bekamen heute zunächst eine Pause. Zu den beiden gesellte sich allerdings auch noch der Überraschungsmann vom Sonnabend, Christoph Moritz. Aaron Hunt übernahm dafür wieder die Zehn, David Kinsombi die Achterposition und Jairo Samperio sollte die linke Außenbahn beleben – was ihm in keiner Phase auch nur im Ansatz gelang. So viel schon einmal vorweg.

Auch Harnik muss passen - Hecking nimmt vier Wechsel vor

Drei Wechsel also – dachten wir. Aber kurz vor Spielbeginn kam noch einer dazu: Lukas Hinterseer ersetzte den kurzfristig ausgefallenen Martin Harnik, der sich beim Warmmachen leicht verletzt hatte und vorsichtshalber draußen blieb. Ergo: Es waren letztlich doch vier Wechsel.

Und das Spiel begann – scheiße! So muss man es wohl nennen, wenn man nach 35 Sekunden einen Elfer gegen sich kriegt. Und war es am Sonnabend noch der HSV, der durch einen Elfer früh in Führung ging, drehte sich das Blatt heute brutal. Den ersten langen Ball des VfB unterschätzte Gideon Jung und verlor zudem das Laufduell mit Philipp Förster. Ein kurzer, aber erkennbarer Rempler und der Stuttgarter fiel – Elfmeter. Nach gerade einmal 35 Sekunden! Ein dummes Foul, was den Stuttgartern komplett egal war. Der am Sonnabend schon auffällig starke VfB-Angreifer Gonzalez (der heute wieder richtig stark spielte) lief an, verlud HSV-Keeper Heuer Fernande und verwandelte sicher zum 0:1.

 

Es wäre alles nur halb so schlimm gewesen, wenn Josha Vagnoman in der achten Minute die Flanke von Bakery Jatta am zweiten Pfosten ins Tor gedrückt hätte. Aber auch hier wurde ein längst nicht HSV-exklusives Problem deutlich: Richtig köpfen kann die junge Fuballer-Generation nur noch in Ausnahmefällen. Und so setzte auch der 18-jährige Vagnoman den Ball, wenn auch leicht bedrängt, drüber.

Jung pennt, Hunt gleicht aus - und der HSV findet ins Spiel

Dennoch kam der HSV jetzt besser ins Spiel, gewann mehr und mehr Bälle im Mittelfeld – und kam zum Ausgleich. Aaron Hunt traf passenderweise per Foulelfmeter (16.). Kinsombi nutzte eine übermotivierte Grätsche des Stuttgarters Santiago Ascacibar. Anstatt drüber zu springen, was möglich gewesen wäre, fällt der HSV-Mittelfeldmann – und bekommt den Elfer. Zurecht. Weil die Grätsche einfach saudumm war. Ähnlich unnötig wie Jungs Schubser in der ersten Minute. Ergo: Ausgleich auf allen Ebenen. Und alles wieder auf Null. Oder?

Nein, beide Mannschaften suchten weiter den Weg nach vorn. Beim VfB zog Castro aus 18 Metern einen direkten Freistoß auf Keeper Heuer Fernandes und Gonzalez per Kopf, während beim HSV der letzte Pass nicht saß. Trotzdem standen nach 30 Minuten auf beiden Seiten fünf Torschüsse – viel offensiver ist es selten. Dennoch blieb es bis zur Halbzeit beim 1:1 in einem Spiel, das unterhaltsam war. Das Spiel zeigte, dass ein Jairo und auch ein Kinsombi noch nicht da sind, wo der Trainer sie gern hätte. Beide wirken einfach noch nicht hundertprozentig fit.

Stuttgart übernimmt ab Minute 46 das Kommando

Trotz starker Bank (Kittel, Dudziak, Moritz standen bereit) beließ es Hecking auch mit Beginn der zweiten Halbzeit bei der identischen Elf. Ebenso übrigens wie sein Stuttgarter Kollege Walter, der gleich in der 46. Minute mit ansehen musste, wie ein Badstuber-Kopfball nur Zentimeter am langen Pfosten vorbeirauschte. Glück für den HSV, der wieder seine Zeit brauchte, um ins Spiel zu finden.

Stattdessen kam Stuttgart zu immer mehr Spielanteilen - und einer richtig guten Chance von Ascacibar, der aus 18 Metern nur knapp zu hoch zielte (65.). Auch, weil die Stuttgarter hoch (und gut) pressten, während im Zentrum beim HSV nur Fein stabil und anspielbar wirkte. Hunt wurde mit zunehmender Spieldauer schwächer. Er verschleppte das Tempo bei möglichen Kontern und wirkte ungewohnt unsicher. Anstatt die Bälle zu fordern und zu verteilen, wirkte es, als sei er froh, wenn er gemieden wurde.

Dass der Kapitän in der 68. Minute gegen Dudziak ausgewechselt wurde – ebenso nachvollziehbar wie die zeitgleiche Auswechslung von Jairo, für den Khaled Narey kam. Besser wurde es dennoch nicht. Im Gegenteil: Der HSV wurde fahriger: Der Versuch, in jeder Aktion besonders sicher und souverän wirken zu wollen, führte zu Nachlässigkeiten und ebenso unnötigen wie gefährlichen Ballverlusten (Jung, van Drongelen). Zudem hatten sich die Stuttgarter früh auf Jatta ein- und diesen kaltgestellt.

Vagnoman muss raus - Verdacht auf Bänderverletzung

Kurzum: Stuttgart hatte jetzt das Kommando übernommen. Glücklicherweise, ohne sich große Chancen zu erspielen. Und so kam, was ich geahnt – aber gern vermieden hätte: Verlängerung. Für den HSV in dieser Phase ein Glücksmoment, denn so konnte Trainer Hecking noch einen zusätzlichen, vierten Wechsel einplanen. Und angeboten, herausgenommen zu werden, hatten sich in den zweiten 45 Minuten gleich mehrere. So ehrlich muss man heute sein.

Und einer musste dann auch raus: Josha Vagnoman hatte sich verletzt. Für ihn kam Sonny Kittel und Narey rückte dafür auf die Rechtsverteidigerposition. Die 45.503 Zuschauer hofften auf den einen Lucky punch für den HSV. „Irgendwie einen Standard reinmarmeln“, so mein Kollege auf der Pressetribüne. Denn viel mehr schien die Verfassung des HSV heute nicht mehr zuzulassen.

HSV hofft auf Lucky punch - der VfB verdient ihn sich

Zu Chancen kam in den ersten 15 Minuten der Verlängerung aber nur der VfB, der weiter das bessere Team war . und dann auch verdient in Führung: der eingewechselte Al Ghaddioui traf in der 113. Minute. Einziger Wehrmustropfen: Passgeber Karazor konnte den Ball auch deshalb unbedrängt spielen, da Schiedsrichter Dankert den heraneilenden Moritz aus Versehen geblockt hatte. Dennoch, so bitter das Zustandekommen der Stuttgarter Führung auch war – es war leider nicht unverdient. Vor allem aber war es der Siegtreffer. Und so bleiben die Stuttgarter auch im fünften DFB-Pokal-Duell siegriech und der HSV kann sich ab sofort ausschließlich auf die Zweite Liga konzentrieren. Bleibt nur zu hoffen, dass das heutige Spiel nicht zu viel Kraft (und schlimmstenfalls Verletzte) gekostet hat.

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich natürlich wieder pünktlich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch, ehe Tobias Escher am Abend mit seiner ausführlichen Taktikanalyse kommt. Und so gespannt ich bin, was er zu aus taktischer Sicht zu diesem Spiel zu sagen hat, eines behaupte selbst ich zu wissen: Die Umstellungen heute haben dem HSV nicht geholfen.

Hecking: „Das gibt uns keinen Knacks. Wir lernen draus."

„Wir haben heute die spielerische Linie nicht so gefunden wie zuletzt“, bemängelte Hecking, der sich aber von der Niederlage dennoch nur wenig beeindruckt zeigte. Er wollte ein „Klassespiel“ gesehen haben und betonte, dass man trotzdem eine richtig gute Mannschaft habe, die nach Hammerwochen heute nicht in der Lage war, starke Stuttgarter zu bezwingen. Hecking: „Der VfB hat sich am Ende mit dem 2:1 belohnt. Wir hatten zu viele Unsauberkeiten im Spiel nach vorne, was wir eigentlich auch besser können. Das Ergebnis sollte keinen großen Knacks geben für die nächsten Wochen. Wir müssen daraus lernen. " Punkt. Und ehrlich gesagt, stört mich diese Niederlage auch nur sehr bedingt - wenn dadurch der Fokus noch ein wenig geschärfter gen Zweitligaaufsteig geht...

Bis morgen!

Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Heuer Fernandes - Vagnoman (95. Kittel), Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Kinsombi (103. Moritz), Hunt (68. Dudziak) - Jatta, Hinterseer, Samperio (68. Narey)

VfB Stuttgart: Bredlow - Stenzel, Kempf, Badstuber, Castro - Karazor - Mangala (110. Al Ghaddioui), Ascacibar - Förster (59. Wamangituka), Klement (120. Philips) - Gonzalez

Tore: 0:1 Gonzalez (2., FE), 1:1 Hunt (16., FE), 1:2 Al Ghaddioui (113.)

Zuschauer: 45.503

Schiedsrichter: Bastian Dankert (Rostock)

Gelbe Karten: Jatta (51.), Narey (111.) / Kempf (11.), Karazor (18.), Castro (51.), Mangala (68.), Badstuber (107.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.