Marcus Scholz

4. September 2019

Es ist wie eine Rückkehr, ohne dass er hier jemals Profifußball gespeilt hat. Weder für den HSV noch für den FC St. Pauli war er bislang aktiv.  Und obwohl er aus Hamburg nach Bremen und 13 Jahre später nach einigen Zwischenstationen aus der hier von Fanseite verhassten Stadt Bremen zurück nach Hamburg wechselte, nennt Martin Harnik das Ganze „Rückkehr in die Heimat“. Eine Rückkehr, mit der er sich einen lang gehegten Traum unverhofft doch noch erfüllen kann.  „Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass Hamburg meine Heimat und der HSV eben immer auch ein Teil davon ist“, sagt Martin Harnik, als er heute das erste Mal im HSV-Dress zum Kennentern-Interview im Busbereich des Volksparkstadions (Mixed-Zone war schon vom DFB eingenommen) stand. Mit der Nummer 22 auf seinen Trainingsklamotten.

Eine besondere Bewandtnis habe die Nummer für ihn nicht. „Sie war einfach frei, deshalb hab ich sie genommen“, so der Offensivspieler, der als Zugang Nummer 12 das Sommertransferfenster für den HSV geschlossen hatte, entspannt. Der 32-jährige Angreifer ist gut drauf. Das sagen zumindest seine Bekannten und Freunde. Er würde sich riesig darüber freuen, endlich beim HSV zu spielen, heißt es. Und Harnik unterstreicht das fast in jedem Satz. „Vor drei Jahren habe ich Hannover einen Vertrag unterschrieben und dachte dabei: ‚Das ist jetzt wahrscheinlich dein letzter Vertrag’. Und genau so dachte ich, als ich letztes Jahr dann bei Werder unterschrieb. Jetzt bin ich beim HSV“, so Harnik mit einem breiten Grinsen. Ob die nächsten zwei Jahre, die er beim HSV unter Vertrag steht, auch sein Karriereende werden könnten. „Wer weiß das schon? Ich fühle mich aktuell topfit und hatte immer Bock für den HSV zu spielen.“ Schon deshalb würde sich ein Gedanke ans Karriereende in diesem Moment eher verbieten. „Sportlich will ich erst einmal überzeugen, Erfolg haben – und dann gucken wir, wie lange es noch geht. Und wie lange der Körper noch mitmacht und es Sinn macht. Aber da haben wir noch etwas Zeit.“

Ein Hamburger Jung'

„Ungefähr vier- oder fünfmal“ sei der HSV bei ihm in seiner Karriere vorstellig geworden – jetzt hat es geklappt. „Es war vorher immer mal so, dass man mir sagte, man könne sich vorstellen, mich zu holen. Aber so konkret wie dieses Jahr war es nie. Damals gab es immer wieder Themen oder Vorstellungen unterschiedlicher Personen, die einen Wechsel verhinderten.“ Diesmal nicht. Im Gegenteil: Ein Telefonat mit Trainer Dieter Hecking war der letzte Funken, der noch überspringen musste – für den Trainer. Harnik selbst sieht das etwas anders. Er hatte mehr Aspekte, die ihn überzeigten: „Die sportliche Situation hier ist eine andere, als in den jähren zuvor. Man merkt, hier entsteht wieder etwas Gutes. Dazu die Gespräche mit Jonas Boldt und abschließend mit dem Trainer haben mich davon überzeugt, dass hier alles Hand und Fuß hat. Aber ich habe mit dem HSV geliebäugelt, hatte immer ein besonderes Verhältnis zu Stadt und Verein. Da bedurfte es auch nicht sonderlicher Überzeugungsversuche. Und jetzt liegt es an mir, das Ganze mit Leben zu füllen.“

Und das kann er schon am Donnerstag das erste Mal in einem Spiel. Um 16 Uhr geht es in Wolfsburg gegen den VfL zum Test. Wo er seine Rolle sieht auf dem Platz? „Ich bin weder klassischer Mittel- noch Außenstürmer. Bin viel unterwegs, habe mit Laufen weniger Probleme. Aber ich bin sehr viel instinktiv, intuitiv unterwegs. Ich bin kein klassischer Positionsspieler“, sagte uns Harnik heute nach der Videorunde und bewies im Training gleich einmal, was er meinte. Wobei, ehrlich gesagt gaben die Spielformen kaum was anderes her, denn heute stand bei drei Torhütern und 16 Feldspielern (Jatta und Papadopoulos fehlten, dafür wirkten U21-Kicker Maximilian Geißen und U19-Spieler Jonah Fabisch mit) vor allem Spielformen mit verkürztem Feld auf dem Plan.

 

Zuerst Zonenspiele ohne Torabschlüsse auf Ballkontakte ausgelegt, im Anschluss daran mit Torhütern auf zwei Tore und auf möglichst viele Torabschlüsse ausgelegt. Harniks Team (er traf einmal) gewann am Ende dank des alles entscheidenden Treffers von Geburtstagskind Aaron Hunt, der heute irgendwie alles traf. „Geh rein - besser wird’s nicht“, rief Tom Mickel seinem Mannschaftskapitän zu, als der einen Zaubertreffer nach dem anderen hinlegte. Sogar per Kopf war Hunt erfolgreich.  „Da musst du erst 33 Jahre alt werden, um endlich mal ein Kopfballtor zu machen“, rief unterdessen Trainer Dieter Hecking rein - natürlich wenig ernst gemeint.

Nein, passend zur Länderspielpause und mit der Tabellenführung im Rücken ist die Laune bei Trainer Dieter Hecking exemplarisch gut. Das Ende der Jatta-Verdächtigungen und Wunschspieler Martin Harnik als letzte Verpflichtung dazugerechnet ist der HSV-Coach für den Moment zufrieden. Auch mit Harnik: „Man sieht, dass er weiß, wie Fußball geht!“, so Hecking über Harnik, der morgen ebenso wie einige andere, die sonst weniger spielen, spielen soll. Einzig Timo Letschert, der heute kurzzeitig mitmischte und vor ein paar Tagen noch für das Spiel in Wolfsburg angemacht war, bereitet weiter Sorgen. „Er ist noch nicht stabil, das macht noch keinen Sinn“, sagt Hecking. Selbst das Spiel gegen den FC St. Pauli am 16. September am Millerntor ist „eher unwahrscheinlich“, so der HSV-Trainer.

Harnik will mehr als nur Joker sein

Harnik indes wird bis zum Stadtderby ins Team gefunden haben. Da lege ich mich fest. Nicht zwingend in der Startelf, aber als Typ. Rein menschlich scheint er hervorragend zu passen. Und sportlich hat er Qualitäten nachgewiesen in den letzten Jahren, die jedem Team helfen können. Eine Quote von 30 Toren in 60 Zweitligaspielen würde dem HSV ganz sicher helfen. Passenderweise kennen sich HSV-Stürmer Lukas Hinterseer und er eh schon - aus der österreichischen Nationalelf, für die Hinterseer wieder berufen wurde. „Ich nenne ihn Hansi. Ich weiß nicht, ob sich das hier schon durchgesetzt hat (Nein, noch nicht! Anm. d. Red.), aber wenn nicht, setze ich das hier durch. Wir kennen uns auf jeden Fall schon länger, wir immer haben uns super verstanden. Grundsätzlich hat der Trainer auch schon gesagt, dass er sich ein System mit uns beiden vorstellen kann oder mit mir über Außen“, sagt Harnik und nimmt ein wenig Druck aus der Nummer. „Ich werde jetzt erst einmal hier ankommen, werde meinen Platz suchen und meine Stärken einbringen. Am Ende werden es eh die Trainer entscheiden, wo sie mich sehen und einsetzen wollen.“

 

Wichtig ist Harnik, überhaupt wieder regelmäßig und viel zu spielen. Das war zuletzt in  Bremen nicht mehr der Fall. Daher auch der Wechsel. „Ich war mit der sportlichen Perspektive nicht glücklich“, gesteht Harnik, „weil ich eine wichtigere Rolle spielen will, als von der Bank zu kommen.“ Dennoch sei es wichtig für ihn, dass hier keine Missverständnisse aufkämen. Nachtreuen sei nicht seins - im Gegenteil: Der neue HSV-Angreifer lobte seinen ehemaligen Arbeitgeber inklusive seinen Ex-Trainer Kohfeld: „Ich bin in Bremen total im Guten gegangen. Das wird auch so bleiben.“

Die Bremer Fans indes sehen seinen Wechsel zum Nordrivalen eher kritisch. Ebenso der eine oder andere HSV-Fan. Noch. Denn wer Harnik zuhört, dem wird schnell klar, dass der HSV für ihn mehr als nur ein Arbeitgeber ist. „Wenn es um Heimat beziehungsweise einen Heimatverein geht, dann geht es für mich nur um den HSV“, so Harnik, der als Werder-Profi nie ausschließen wollte, irgendwann einmal zum Nordrivalen HSV zu wechseln. Ob er denn jetzt als HSV-Profi wenigstens ausschließen könne, jemals vom HSV zum FC St. Pauli zu wechseln? Harnik lacht und muss nicht lange überlegen: „Ja. Das kann ich. Ganz sicher. St. Pauli hat bei mir nie so eine große Rolle gespielt.“ Beste Voraussetzungen vor dem Stadtderby. Und beste Voraussetzungen, hier in Hamburg schnell anzukommen. „Hamburg war immer meine Heimat und soll auch nach der Karriere meine Heimat bleiben. Es wird sicher nicht allzu schwer, mich hier einzuleben.“

In diesem Sinne, gern auch hier noch einmal: Herzlich Willkommen, Martin!

Was ich persönlich von diesem Transfer halte? Ich glaube, dass hier Leidenschaft, Qualität und eine gehörige Portion Identifikation zusammentreffen und behaupte, dass das eine der besten Rezepturen ist, die man sich vorstellen kann. Ergo: Ich freue mich darauf!

Bis morgen! Da ist kein Training in Hamburg. Dafür melde ich mich nach Spielschluss aus Wolfsburg bei Euch!

Bis dahin,

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.