Marcus Scholz

2. Februar 2018

Die Aufregung ist groß. Und das zurecht. Ein Aufsichtsrat schreibt Kollegen an, um sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, den Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen und den Sportchef Jens Todt zu kippen – was allein noch nicht schlimm ist. Dass diese Email aber wieder an die Öffentlichkeit lanciert wird, ist bezeichnend für die Lernunfähigkeit der HSV-Räte. Dennoch. Jens Todt hatte ich das erste Mal im Trainingslager unter vier Augen und anschließend vor zehn Tagen noch mal darauf angesprochen, dass es derartige Tendenzen gegen ihn im Kontrollgremium geben würde. Beide Male versicherte mir Todt, dass er das so noch nicht mitbekommen habe und auch nicht darüber nachdenken würde. Was sollte er auch sagen?

Denn – und das muss man an dieser Stelle wissen – Jens Todt war und ist noch immer ein Spielball der Großen um ihn herum. Er saß und sitzt im Vakuum zwischen den beiden Unverträglichen: Zwischen Kühne und Bruchhagen. Womit ich Todt nicht aus der Pflicht nehme, ganz im Gegenteil: Seine Situation war lange absehbar. Vor allem auch für ihn selbst. Er wusste um die Verhältnisse und hätte in den Sphären nach Verstärkungen suchen müssen, die aus eigenen Mitteln zu stemmen wären. Und das hat er schlichtweg nicht gemacht.

Dennoch zeigt die aktuelle Situation, wie hoffnungslos handlungsunfähig der HSV ohne Kühne ist. Zudem natürlich (eigentlich daraus resultierend), wie viel Macht Kühne schon hat und wie schädlich das sein kann. Vor allem zeigt es aber auch die Hartnäckigkeit des Multimilliardärs, der heute meinem Kollegen Florian Rebien ein kurzes Interview gab, in dem er schonungslos offen antwortete, was er von der Situation hält. Aber lest selbst, was wie fatalistisch Kühne heute der „Mopo“ antwortete:

MOPO: Wie bewerten Sie die aktuelle Situation und jüngsten Vorgänge beim HSV?

Klaus-Michael Kühne: Der HSV befindet sich in einer prekären Lage, was durch die jüngsten Vorgänge noch verstärkt wurde.

Sehen Sie den HSV für den Kampf um den Klassenerhalt gut aufgestellt?

Ganz und gar nicht.

Hätten Sie sich Verstärkung für das Team in der Winterpause gewünscht?

Selbstverständlich habe ich mir solche Verstärkungen gewünscht und mehrfach an Aufsichtsrat und Vorstand appelliert zu handeln.

Haben Sie eine neue finanzielle Unterstützung von der Besetzung des Vorstands und des Sportchefs abhängig gemacht oder gab es vom HSV gar keine klare Anfrage an Sie?

Ich wurde nicht angefragt, und man hat öffentlich erklärt, dass man meine Hilfe nicht in Anspruch nehmen wolle.

 

Klarer kann Kühne seinen Status nicht amchen. Der HSV-Investor geht in genau den offenen Clinch, der bislang hinter gereinigten Kommentaren Bruchhagens versteckt gehalten wurde. Bruchhagen und Kühne waren und werden keine Freunde mehr. Mehr noch: Eine Zusammenarbeit ist undenkbar. Und deshalb muss sich Bruchhagen stellvertretend für den HSV ernsthafte Gedanken machen, wie dieser HSV so überhaupt noch zu retten ist. Das heißt: Ohne funktionierende Scoutingabteilung und dementsprechend in den nächsten Jahren ohne die Möglichkeit, sich aus dem eigenen Talente-Garten zu ernähren sowie inzwischen ohne einen zahlungswilligen Investor/Sponsor/Mäzen.

Schlimmer noch: Der mächtige Investor wird alles daran setzen, der aktuellen Führung in seiner Funktion den Garaus zu machen. Zurecht. Denn diese geht sehenden Auges in den Untergang. Rücktritte? Wären sinnvoll – gab es aber nicht.

Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Wenn ein Multimilliardär so viel Geld in einen Verein bzw. eine AG steckt wie den HSV und dann in einer Phase wie jetzt alle Nöte erkennt und sie mit den Worten, man sei ganz und gar nicht ausreichend gerüstet, laufen lässt – dann muss der Graben schon sehr tief sein. Unüberbrückbar sogar, weil hier von Kühne offenbar mit dem Abstieg gerechnet wird, den er aber lieber in kauf nimmt, als Geld an Bruchhagen/Todt weiterzuleiten für Neue. Die beiden wiederum haben offenbar darauf spekuliert, dass Kühne einknickt und das Geld für Neue ausgibt. Erfolglos! Wenn man so will wurde Kühne über die Verfehlungen und Unfähigkeiten der HSV-Führung zum Zahlen „animiert“. Frei nach dem Motto: „Alter, wir allein packen es nicht, das siehst Du ja. So steigen wir ab. Es sei denn, Du zahlst...“ Ein perfider Vorgang, der das Dilemma des HSV schonungslos aufzeigt. Die aktuelle Führung will Kühne so nicht – aber ohne ihn können sie es eben nicht. Und das bittere Ergebnis dieses Existenz gefährdenden, unverantwortlichen Pokers auf dem Rücken des HSV könnte schon in diesem Sommer folgen – mit dem HSV als Verlierer...

Ergo: Die vorherrschenden Eitelkeiten und Machtgehabe sind nicht nur weiter da, sie sind inzwischen sogar schon unkontrollierbar gefährlich geworden. Eine Entwicklung, die viele prophezeit hatten und die jetzt im Wahlkampf um das Präsidentenamt zur Gretchenfrage wird, behaupte ich. Denn es wird darum gehen, welcher der Kandidaten für das Präsidentenamt des e.V. die zündende Idee hat, um den freien Fall zu stoppen. Wer bekommt Klaus Michael Kühne so gewogen, dass er dem HSV hilft? Oder gibt es sogar eine Alternative zu Kühne? Fragen, die in den nächsten Tagen beantwortet werden müssen, um zumindest für die neue Saison den Hauch von Hoffnung auf Besserung zu haben.

Fakt aber ist auch, dass die Zeit von Heribert Bruchhagen und Jens Todt beim HSV erkennbar endlich ist. Beim Bruchhagen läuft der Vertrag zum Jahresende 2018 aus. Sehr wahrscheinlich dürfte es aber wie auch bei Todt (ebenfalls Vertrag bis 31.12.2018) schneller gehen. Zumindest bei Letztgenanntem gilt das als unausweichlich, da weder der alte noch der bereits designierte neue Aufsichtsrat an Todt festhalten will. Und Kühne sicher noch weniger, wie Ihr aus dem Mopo-Interview schließen könnt. Und wirklich Argumente konnte Todt für eine Vertragsverlängerung nicht liefern. Weniger noch: Egal wie ohnmächtig er auch war – er hätte es ändern müssen. Zeit genug war da.

Womit ich zum Sportlichen komme. Denn die Zeit wird knapp für Gideon Jung, der sich einen Hexenschuss eingefangen hat. Ihn dürfte am Sonntag aller Voraussicht nach Albin Ekdal ersetzen, obwohl dieser erst seit dieser Woche wieder im Mannschaftstraining ist. „Albin ist eine ernsthafte Alternative, klar“, bestätigte Trainer Bernd Hollerbach heute. Der Coach, der nach seinen 224 Pflichtspielen als Profi des HSV zum ersten Mal als HSV-Trainer im Volksparkstadion einlaufen wird, setzt weiterhin auf die Basics. Im Training werden Laufwege einstudiert und Schussübungen absolviert, wie ich sie noch aus meiner frühen Jugend kenne – was nicht abwertend gemeint ist. Und wenn sich einer der Spieler mal nicht an Hollerbachs Ansagen hält, wird angehalten und der Spieler lautstark daran erinnert, was er zu tun hat. Interessant ist dabei, wen Hollerbach offenbar aktuell vorn sieht.

Wie gegen Leipzig trainiert er auch in dieser Woche die Dreierkette mit van Drongelen links, Papadopoulos und Sakai rechts zuzüglich der beiden offensiver agierenden Außenverteidiger Dennis Diekmeier über rechts und Douglas Santos über links. Auf der Sechs agieren Walace (der gesetzt sein dürfte) und heute zunächst Ekdal, während Hunt fast auf einer Linie mit den Sechsern und den offensiven Außenverteidigern eine Fünferkette im Mittelfeld bildete. Und ganz vorn? Da durften erneut Wood und Kostic ran. Wobei Letztgenannter gesetzt sein dürfte, während Wood ordentlich Konkurrenz von dem wieder genesenen Fiete Arp bekommt.

Wieder keine Rolle spielte Lewis Holtby. Wobei das „wieder“ relativ ist, denn im Training vergangenen Woche war der bei Markus Gisdol aussortierte Mittelfeldspieler fast immer im A-Team – und am Sonnabend gar nicht erst im Kader. Diese Woche könnte es andersherum laufen: Holtby wird im Training sogar Sechser Vasilije Janjicic auf der zehn vorgezogen – aber am Ende ist er doch dabei. Abwarten also. Was Hollerbach über Holtby sagt, könnt Ihr im Video von der PK hören. Egal wie, am Sonntag wird es im Volksparkstadion eines von 14 verbleibenden Endspielen geben. Hollerbach wird das seinen Spieler einhämmern bis es jeder verstanden hat. Und der HSV drumherum wäre gut beraten, die Unruhen im Umfeld möglichst beizulegen oder gar künftig zu unterlassen.

Wobei – wovon träume ich nachts...?!?

Morgen werde ich mich hier an dieser Stelle übrigens auch mit einem Gastbeitrag meiner Hannoveraner Freunde vom Blog „96Freunde“ melden. Dann werden wir mal aus erster Hand lesen können, wie unser HSV in Hannover wahrgenommen wird und was meine Freunde von dem Spiel am Sonntag erwarten.

 

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

 

PARTNER VON

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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