Tobias Escher

22. April 2019

 

Die Saison neigt sich dem Ende entgegen. Fußballerische oder taktische Innovationen sind jetzt kaum mehr zu erwarten. So bot auch die Hamburger Partie gegen Aue wenig Neues für den taktisch interessierten Betrachter. Viel eher war das Spiel eine Fortführung der wechselhaften Rückrunde – mit allen guten und schlechten Eigenheiten, die den HSV in dieser Spielzeit auszeichnen.

HSV-Coach Hannes Wolf kehrte zum 4-2-3-1-System zurück. Nachdem die Außenverteidiger zuletzt klassisch den Flügel beackerten, rückten sie gegen Aue wieder stark ein. Bakary Jatta und Khaled Narey sorgten auf den Flügeln für Breite. Der grundsätzliche Plan blieb derselbe wie so häufig, wenn der HSV auf Außenseiter traf: Der Gegner sollte über das Ballbesitzspiel dominiert und die Läufer auf den Flügeln freigespielt werden.

Aue verteidigt tief und kompakt

Aues Trainer Daniel Meyer hatte sein System an die Spielweise des HSV angepasst. Er stellte von der sonst meist praktizierten Fünferkette auf ein 4-4-2-Sytem um. Der Clou: Auf den Außenstürmer-Positionen stellte er mit Philipp Riese und Clemens Fandrich zwei Spieler auf, die sonst meist auf der Doppelsechs agieren. Die Mittelfeld-Kette agierte dementsprechend kompakt, die Spieler rückten eng aneinander.

Meyers Kalkül war, dass Riese und Fandrich die Hamburger Außenverteidiger aufnehmen sollten, wenn diese ins Zentrum einrückten. Jan Hochscheidt wiederum, eigentlich Zehner, begann auf der Doppelsechs. Er rückte heraus, um Orel Mangalas Kreise zu stören.

Aue gelangen aus dieser engen Ordnung zwar wenige Ballgewinne; der HSV ließ die Kugel gut in der ersten Reihe laufen. Er verhinderte mit seiner engen Ordnung jedoch, dass die Hamburger effektiv ins Zentrum spielen konnten. Stattdessen suchten sie direkt aus der Abwehr den Weg auf die Außen, was Aue die Abwehrarbeit erleichterte. Die Spieler konnten aus dem engen Zentrum nach Außen sprinten und dabei helfen, Jatta und Narey zu doppeln.

Taktische Aufstellung HSV-AUE

 

Ein Geduldsspiel und ein Auer Treffer aus dem Nichts

Für den HSV ergab sich das zähe Geduldsspiel, das Fans so häufig in dieser Saison beobachten mussten. Das Passspiel war im Aufbau in der ersten Linie gefällig, im Mittelfeld in der zweiten Linie vorsichtig und im letzten Drittel kaum vorhanden. Abermals fehlte Tiefe im Hamburger Spiel. Auch Sturm-Talent Manuel Wintzheimer konnte dieses Problem nicht beheben, er hing als einziger Stürmer in der Luft.

Zugutehalten muss man den Hamburger Spielern, dass sie nur wenige Konter zuließen. Das ist Wolfs wohl größter Verdienst: Aufgrund der klaren Positionsstruktur mit den einrückenden Außenverteidigern stehen immer zwei bis drei Spieler in Ballnähe nach einem Fehlpass. Im Gegenpressing stellt der HSV sofort Zugriff her. Die freien Räume auf den Außen fand Aue indes nicht, was angesichts der engen Staffelung ihrer Mittelfeldkette keine Überraschung war.

Lange Rede, kurzer Sinn: Das Spiel war arm an Torchancen. Die Auer nutzten ihre erste Chance nach einem Eckball und sicherten sich die 1:0-Führung (43.). Sie sahen naturgemäß in der Folge keinen Anlass, von ihrer defensiven Strategie abzuweichen.

Umstellungen nach der Pause

Die Hamburger kamen aus der Kabine mit mehr Dynamik. Vor allem gelang es ihnen nun, Mangala im Mittelfeld einzusetzen. Aue musste sich im Zentrum enger zusammenziehen, wodurch der HSV das Spiel wiederum auf die Flügel verlagern konnte. Der Ausgleichstreffer war der verdiente Lohn.

Wolf versuchte in der Folge, mit seinen Wechseln auf das Spielgeschehen einzuwirken. Für kurze Zeit stellte er auf eine Raute im Mittelfeld um, ehe mit den Einwechslungen von Pierre-Michel Lasogga (68., für Jatta) und Aaron Hunt (76., für Wintzheimer) ein recht klares 4-4-2 entstand. Lasogga und der ebenfalls eingewechselte Hee-Chan Hwang (64., für Berkay Özcan) bildeten den Doppelsturm, Hunt und Narey versuchten den Gegner auf den Flügeln auseinanderzuziehen.

Aues Coach Meyer machte seinem Ruf als Taktikfuchs alle Ehre. Er reagierte sofort auf die Hamburger Umstellung. Seine Mannschaft verteidigte fortan im breiten 5-3-2-System. Sie bekamen fortan die Flügel wieder besser verteidigt. Dass der HSV in der Schlussphase noch zu einigen (Halb-)Chancen kam, lag vor allem am hohen Aufwand, den die Auer zuvor betrieben hatten. Sie wirkten in der Schlussphase platt. Doch der HSV konnte dies nicht nutzen.

Fazit und Ausblick

Die Partie hatte alles, was ein HSV-Spiel in der Zweiten Liga ausmacht: Eine Hamburger Mannschaft, die das Spiel dominierte, aber kaum Torchancen herausspielte. Einen Gegner, der aufopferungsvoll verteidigte, aber nach vorne nicht mehr machte als nötig. Zwei Tore, die weitestgehend aus dem Nichts kamen. Und ein Ergebnis, das Stadiongänger grummelnd zurückließ. In der Heim-Tabelle steht der HSV mit 25 Punkten auf einem traurigen neunten Platz.

Der HSV steckt in einer schwierigen Phase. Der DFB-Pokal war in dieser Saison eine Oase zum Krafttanken, wenn es in der Liga nicht lief. Mit RB Leipzig haben die Hamburger aber ein undankbares Los gezogen. Leipzig überzeugt unter Ralf Rangnick mit hoher defensiver Kompaktheit und Flexibilität. Erst sechs Gegentore haben sie im Kalenderjahr 2019 kassiert.

Für den HSV ist es insofern eine dankbare Aufgabe, als dass sie als Underdog die eigene Defensive forcieren können. Die Ausgangslage ist eine gänzlich andere als in der Liga, wo sich Teams wie Aue am eigenen Strafraum verschanzen. Leipzig wird das Spiel gestalten, Hamburg kontern müssen. Vor allem die Momente nach Ballgewinnen sind entscheidend; Leipzig presst intensiv gegen wie kein zweites Team in Deutschland.

Das Pokal-Halbfinale bietet die Chance, den Liga-Alltag für einen Abend zu vergessen. Ein Sieg gegen die formstarken Bullen wäre dennoch eine mittlere Sensation – und Sensationen gab es diese Saison nur zu Ungunsten des HSV.

 

 

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