Tobias Escher

9. Februar 2020

Es ist das Albtraumszenario in der Spielvorbereitung: Nur wenige Tage vor dem Spiel entlässt der Gegner den Trainer. Plötzlich taugen die Aufnahmen der vergangenen Partien nicht mehr zur Analyse, schließlich weiß niemand so genau, was der neue Trainer vorhat. Kommt dann noch hinzu, dass der Neuling wenig bekannt ist, gestaltet sich die Vorbereitung als schwierig bis unmöglich.

Vor diesem Szenario stand der Hamburger SV vor dem Spiel gegen den Karlsruher SC. Der KSC hatte Trainer Alois Schwartz vergangene Woche entlassen. Der neue Trainer Christian Eichner bestritt bis dato nur ein Spiel als Chef an der Seitenlinie. Das war ausgerechnet das wenig aussagekräftige Pokalaus gegen Viertligist Saarbrücken. Lange Rede, kurzer Sinn: Der HSV ging in die Partie ohne Vorahnung, wie der Gegner agieren könnte.

Tiefe Karlsruher nerven den HSV

Dieter Hecking entschloss sich angesichts dieser Ausgangslage, seine Startelf nicht zu verändern. Er vertraute derselben Elf, die am Montagabend Bochum mit 3:1 besiegt hatte. Der HSV agierte also erneut in einem Mischsystem aus 4-3-3 und 4-2-3-1.

Ganz blind ging der HSV freilich nicht in die Partie. Auch wenn das genaue gegnerische System kaum ausrechenbar blieb, so schien doch klar: Die vom Abstieg bedrohten Karlsruher werden nicht alles nach vorne werfen. Eine stabile Defensive stand für sie im Vordergrund.

Überraschend war am Ende hauptsächlich, wie wenig überraschend Karlsruhes Variante war. Sie verteidigten – wie zahllose HSV-Gegner zuvor – in einem kompakten 4-4-1-1-System. Hamburgs Sechser Adrian Fein bekam wieder einmal einen Manndecker zugeteilt. Karlsruhes Zehner Marvin Wanitzek übernahm diese Aufgabe. Ansonsten verhielt sich der KSC ziemlich passiv. Zugriff suchten sie erst in der eigenen Hälfte. Hier agierte das Mittelfeld mannorientiert und aggressiv.

Der HSV traf also mal wieder auf einen tiefstehenden Gegner. Entsprechend wandte der HSV taktische Mittel an, die in den vergangenen Partien zum Erfolg geführt hatten. Sonny Kittel und Bakary Jatta postierten sich auf den Flügeln recht weit außen, um bereitzustehen für lange Flugbälle. Immer wieder streute der HSV diese Diagonalbälle aus der Innenverteidigung ein. Das gegnerische Mittelfeld sollte somit auseinandergezogen werden. Im Zentrum zeigte sich Louis Schaub indes umtriebig. Mal ließ er sich weit fallen, mal wechselte er in die Spitze und sorgte für Präsenz im Strafraum.

Taktische Aufstellung HSV - KSC
Taktische Aufstellung HSV - KSC

 

Angriffe prallen ab

„Wenig Neues im Norden“: So lässt sich Hamburgs Spiel aus taktischer Sicht zusammenfassen. Erneut versuchten sie sich über die linke Seite vor das Tor zu kombinieren. Jeremy Dudziak und Linksverteidiger Tim Leibold überluden zusammen mit Kittel diese Seite. Der KSC hatte sich auf dieses Stilmittel aber gut eingestellt: Außenstürmer Burak Camoglu agierte auf dieser Seite äußerst tief. Er hatte hauptsächlich defensive Aufgaben.

Auf der anderen Seite wiederum trat Marc Lorenz ungleich offensiver auf. Er lauerte teilweise sogar in vorderster Front auf Konter. Nach Ballgewinnen startete er direkt hinter die Abwehr. In der 21. Minute hätte dieses äußerst simple Stilmittel fast zum Erfolg geführt, Keeper Daniel Heuer Fernandes gewann aber das Eins-gegen-Eins-Duell gegen Lorenz. In derselben Phase des Spiels kam auch der HSV immer mal wieder zu Chancen. Gerade wenn es ihnen gelang, über die Flügel den Rückraum zu finden, wurden sie gefährlich. Schaubs Lattentreffer war die größte Chance.

Im Verlaufe der ersten Halbzeit flachte das Offensivspiel der Hamburger aber zunehmend ab. Die Karlsruher zogen sich weiter und weiter zurück. Wanitzek ließ sich immer häufiger fallen, sodass der KSC in einem 4-5-1 verteidigte. Die Manndeckung auf Fein gaben sie indes nicht auf. Diese übernahm nun Stürmer Silvère Ganvoula. Fein war weiterhin kein Faktor im Hamburger Spiel. Diese hatten nun mehr und mehr Probleme mit den engen Ketten der Gäste.

Zumindest dominant traten die Hamburger auf. Sie ließen sich vom Gegner nicht aus der Ruhe bringen und ließen den Ball laufen. Nach Ballverlusten setzten sie gewohnt wuchtig nach. Im Gegenpressing bildeten sie stets Dreiecke um den Ballführenden Spieler, der sich häufig nicht befreien konnte. Somit konnte der HSV die Partie zumindest vom Ballbesitz her dominieren.

Glückstreffer bringt Hamburg auf die Siegerstraße

Benötigt wurden jedoch Torchancen. Diese blieben auch nach der Pause Mangelware. Karlsruhe agierte nun etwas offensiver. Sie kopierten die Herangehensweise, welche Bochum am Montagabend erfolgreich angewandt hat: Die Außenstürmer liefen Hamburgs Innenverteidiger von Außen an, der HSV wurde so in die Mitte gelenkt.

Auch die frühe Auswechlung von Fein (53.) veränderte wenig am Spiel. Karlsruhe zog sich wieder etwas weiter zurück, behielt die Manndeckung auf Hamburgs Sechser aber bei. Der eingewechselte Gideon Jung wurde somit im Spiel mit Ball kein großer Faktor.

Die Zeit spielte den Hamburgern jedoch in die Karten. Die Karlsruher Spielweise kostete Kräfte. Das spürte man spätestens ab der 60. Minute, als Karlsruhe nicht mehr wuchtig herausrückte. Der HSV schnürte den Gegner nun hinten ein. Chancen blieben Mangelware, auch weil Kreativspieler wie Kittel oder Leibold ungewohnt unsicher am Ball agierten. In dieser Phase schenkte der KSC den Hamburgern den nicht unverdienten, aber auch nicht zwingend herbeigespielten Führungstreffer. Lorenz‘ Bogenlampe versenkte Lukas Hinterseer.

 

Mit dem Hamburger Führungstreffer brach Karlsruhes Taktik wie ein Kartenhaus zusammen. Sie hatten sich 67 Minuten damit begnügt, die Hamburger defensiv mattzusetzen. Jetzt da sie selbst Akzente nach vorne setzen sollten, fiel ihnen wenig ein. Sie pressten in einem hohen 4-2-4, ohne aber wirklich Zugriff zu erzeugen auf die Hamburger Abwehr. Für den HSV ergab sich die Möglichkeit, schnell umzuschalten. Somit gelang ihnen auch der Treffer zum 2:0.

Was der HSV besonders clever machte: Sie spielten gegen die weiter aufrückenden Karlsruher nicht jeden Angriff zu Ende. Die Einwechslung von Aaron Hunt war ein Stück weit auch programmatisch: Er sollte als Zehner Bälle halten und seinen Kollegen das Nachrücken ermöglichen. Karlsruhe, ohnehin ausgelaugt nach 70 Minuten Kampf, musste wieder und wieder nach hinten laufen. Der HSV blieb dominant und behielt die Oberhand. Der 2:0-Erfolg war kein Hamburger Glanzlicht der Saison. Er war angesichts der fußballerischen Dominanz aber folgerichtig. Der HSV wird bemüht sein, am kommenden Samstag in Hannover genau so weiterzumachen.

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.