Christian Hoch

4. Januar 2020

Seit mittlerweile 115 Tagen kämpft Jan Gyamerah (24) für sein Comeback. Mitte September hatte sich der gebürtige Berliner sein linkes Wadenbein gebrochen. Operation, Behandlungen, Reha - „Jambo“ kennt diese Situation. In seiner noch jungen Karriere warfen ihn immer wieder Verletzungen zurück, die Karriere schien 2014/2015 wegen einer komplizierten Adduktorenverletzung kurz vor dem Ende. Entdecker Peter Neururer, damals Trainer beim VfL Bochum, prophezeite dem ehemaligen U-Nationalspieler Deutschlands immer eine große Karriere. Einziger Zusatz von Neururer: „Wenn er gesund bleibt.“ Auch beim HSV startete der Neuzugang vom VfL Bochum zu Beginn der aktuellen Zweitligasaison durch, stand bei den ersten sechs Pflichtspielen immer in der Startelf. Nach dem 3:0-Heimsieg über Hannover 96 am fünften Spieltag schwebte Gyamerah auf Wolke sieben. Dann folgte die brutale Bruchlandung und der große Schock.

11. September, 10:48 Uhr, der HSV steckt als Tabellenführer der zweiten Liga mitten in der Vorbereitung auf das Stadtderby gegen den FC St. Pauli. Jan Gyamerah dribbelt während einer Spielform die linke Seite entlang und bleibt nach einem harmlosen Zweikampf mit Josha Vagnoman mit dem linken Bein im Rasen hängen. Danach nur ein Knacken, das von seinem Geräusch an einen zerbrechenden Ast erinnert und schmerzerfüllte Schreie, die sich auf das gesamte Trainingsgelände des HSV ausweiten - ein riesiger Schock. Die Einheit wird abgebrochen, ein Krankenwagen transportiert Gyamerah vom Feld direkt ins Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), die Diagnose dort: Bruch des linken Wadenbeins. Noch am selben Tag wird Gyamerah operiert.

„Im ersten Moment habe ich nur heruntergeschaut und geschrien: Oh mein Gott, mein Bein“, erinnert sich der 24-Jährige im Gespräch mit Rautenperle an das bittere Erlebnis: „Papa (Kyriakos Papadopoulos) ist sofort zu mir gekommen und meinte: Ach, ist nur gebrochen. Heute kann ich darüber lachen, Papa ist ein lustiger Typ.“ Doch über diese amüsante Anekdote hätte Gyamerah vor drei Monaten nicht einmal im Ansatz lachen können. Die ersten Stunden und Tage nach dem Schock waren geprägt von starken Schmerzen, großem Ärger und einem Gefühl der Übelkeit beim Gedanken an die Verletzung. Der Alltag für ihn fortan: weiße Kittel, Verbände und Schmerzmittel statt Millerntor, Fußball und Leidenschaft.

HSV, Familie, Berater - Unterstützung in einer harten Zeit

Gyamerah sagt rückblickend: „Die erste Zeit, unmittelbar nach der Verletzung, war hart für mich. Ich lag im Krankenhaus, hatte nichts zu tun und wusste nicht, was passieren wird. Irgendwann habe ich meine Situation aber akzeptiert - von da an wurde es dann auch direkt besser. Jetzt blicke ich durchweg positiv nach vorne und freue mich einfach, die nächsten Schritte zu gehen.“ Diese Sätze entsprechen dem Naturell des Rechtsverteidigers: bodenständig, witzig, lebensfroh. Der Mann, der früh in seiner Jugend den Schritt ins Internat des VfL Bochum wagte, lacht normalerweise gefühlt in jeder Situation. Und dieses Lachen, das ihm HSV-Trainer Dieter Hecking in so mancher Trainingseinheit auch mal als mangelnde Einstellung vorgeworfen hat, hatte „Jambo“ schon einen Tag später wiedergefunden. Aufgeben - keine Option.

Doch ohne Unterstützung hätte der Rechtsverteidiger seinen Optimismus sicherlich nicht so schnell wiedergefunden. Tausende Kommentare und Nachrichten von HSV-Fans in den Sozialen Netzwerken, sehr viele Besucher im UKE, Anrufe von Trainer Hecking und Sportvorstand Jonas Boldt: „Meine Freundin hat mir in der Phase sehr viel geholfen, sie war wirklich rund um die Uhr bei mir. Aber auch mein Berater, die Familie und der HSV haben sich sehr gut um mich gekümmert. Als erster Spieler war Kyriakos Papadopoulos bei mir im Krankenhaus - viele weitere sind später dazugekommen. Aber auch Mitarbeiter aus dem Trainerteam und von der Geschäftsstelle waren da - die Unterstützung war wirklich phänomenal und hat mich sehr gefreut.“

Gyamerah setzt Studium fort - und besteht Klausur

Und auch die prägenden Erlebnisse aus der Vergangenheit haben geholfen: Während der Saison 2014/2015 hing die Karriere des pfeilschnellen Außenverteidigers am seidenen Faden. Eine komplizierte Adduktorenverletzung setzte Gyamerah insgesamt 512 Tage außer Gefecht. Konservative Behandlungen, Untersuchungen, neue Übungen - nichts half. Gedanken an ein Karriereende - deswegen ein ständiger Begleiter. Eine Anstellung bei der Polizei war eine Option, auch ein Studium begann Gyamerah später. Diese Zeit hat ihn abgehärtet, die Gewissheit, es trotzdem geschafft zu haben, ihn noch weiter reifen lassen. Ein Bruch, der operiert wird und irgendwann wieder verheilt, wirft ihn deswegen heute nicht komplett aus der Bahn. Zumal da ja noch sein Sportmanagement-Studium ist.

Während der aktuellen Reha-Phase hat sich der 24-Jährige auch wieder an den Schreibtisch gesetzt, gebüffelt und letztlich auch eine Klausur absolviert. Bestanden? Eine Frage, eine Antwort: „Natürlich habe ich die Klausur bestanden, das wäre ja noch schöner (lacht). Die Note ist auch in Ordnung. Wenn die Verletzung irgendetwas Positives hatte, dann das.“ Sein aktueller Verein und seine Mannschaftskollegen überraschten ihn derweil mit einer emotionalen Aktion vor dem Stadtderby, das der HSV mit 0:2 am Ende aber doch verlor.

HSV-Trikotaktion rührt Gyamerah und sorgt für Gänsehaut

Vor dem Anpfiff am Millerntor wärmten sich alle HSV-Spieler mit dem Trikot von Gyamerah und seiner Rückennummer „2“ auf - eine gelungene Überraschung für den Verletzten, der eigentlich auch direkt wieder ins Stadion wollte, das Spiel dann aber doch von Zuhause aus verfolgte. „Meine Freundin, mein Berater und ich haben das Spiel zu Dritt in der Wohnung geschaut“, erinnert er sich gegenüber dieser Redaktion: „Vorher haben wir etwas gekocht und zusammen gegessen. Mein Berater wollte dann schon zwei Stunden vor Anpfiff die Vorberichte im Fernsehen anmachen - er hat da richtig Druck gemacht. Da habe ich mich nur gefragt: Wieso will er denn jetzt die Vorberichte schauen? Mit dem Grund dafür habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich bekam eine Nachricht von unserem Teammanager: Du bist immer bei uns. Dann hat man im TV gesehen, wie die Jungs mit meinem Trikot eingelaufen sind. Da hatte ich Gänsehaut, das hat mich wirklich berührt, weil ich niemals damit gerechnet habe.“

Eine Szene, die für Gyamerah Symbolcharakter besitzt: „Wir sind ein Team, eine Mannschaft eben. Das hat sich schon bei der Sache rund um Baka (Bakery Jatta) gezeigt. Wir gehen ehrlich miteinander um - deswegen macht es auch so Spaß. Jeder zieht an einem Strang.“ Sein Team ist nach tollem Start seit Oktober in der zweiten Liga sportlich ins Straucheln gekommen. Aus den abschließenden sieben Ligaspielen des Jahres 2019 holte der HSV nur einen einzigen Sieg - im Umfeld macht sich die Sorge eines erneuten Einbruchs breit. Gyamerah, der mittlerweile wieder regelmäßig bei Teambesprechungen dabei ist und auch sonst weiter nah an der Mannschaft ist, befürchtet das nicht. Er will ohnehin mehr Gedanken und Energie für sein Comeback aufbringen: „Mittlerweile bin ich auch wieder nah am Team und bei Mannschaftsbesprechungen dabei - direkt nach der Verletzung war das erst einmal noch nicht so. Der Kontakt zur Mannschaft ist wichtig für mich und meinen Kopf. Die Zeit alleine in der Reha ist hart gewesen: Ich musste die anstrengenden Übungen alleine absolvieren. Jetzt bin ich wieder täglich am Stadion - das fühlt sich gut an.“ Die Frage, die sich allen HSV-Fans nun noch aufdrängt: Wann ist Gyamerah wieder fit? Noch heute bekommt er Nachricht via Instagram und Co. mit exakt dieser Fragestellung.

Gyamerah will diese Saison noch einmal auf dem Platz stehen

Den Ex-Bochum-Spieler freut, dass die Anhänger in Hamburg noch immer an ihn denken, will sich aber keinen Druck machen: „Ich schaue von Woche zu Woche, mache mir keinen Druck - das hilft mir momentan am meisten. Dass ich wieder joggen kann, war schon ein Meilenstein. Aber klar ist es mein Ziel, in dieser Saison noch einmal auf dem Platz zu stehen.“ Ein Satz, der den HSV-Fans Hoffnung macht. Denn die Position des Rechtsverteidigers bereitet vielen Bauchschmerzen. Der Grund: Auch der erste Gyamerah-Vertreter Josha Vagnomann, der seine Sache sehr ordentlich machte, brach sich den Fuß und fällt lange aus. Seit mehreren Wochen spielt nun Khaled Narey als dritte und eigentlich auch letzte Alternative auf dem rechten Abwehrflügel. Gyamerah: „Das ist natürlich brutal, dass es uns direkt beide erwischt hat. Ich hoffe, dass keinem weiteren unserer Jungs noch etwas passiert. Josh (Josha Vagnoman) hat es nach meiner Verletzung sehr gut gemacht, aber auch Khaled (Khaled Narey) macht es gerade top. Er ist schnell, hat eine gute Technik und schaltet sich immer wieder in die Offensive ein.“

Dennoch suchen die HSV-Verantwortlichen aktuell während der Winter-Transferperiode nach einem Neuzugang für die Position, was angesichts der dünnen Personaldecke verständlich ist. Eine Soforthilfe könnte die Lücke schließen, die sowohl Gyamerah als auch Vagnomann hinterlassen haben und ihnen die nötige Zeit geben, die sie noch benötigen, um fit zu werden sowie ihre Form vor der Verletzung wiederzuerlangen. Eines ist gewiss: Dieser Wadenbeinbruch wird Jan Gyamerah nicht aus der Bahn werfen. Er hat schon viel Schlimmeres mitgemacht.

Bis morgen! Da meldet sich am Abend Scholle wieder bei Euch mit den letzten Neuigkeiten, ehe es am Montag um 10 Uhr das erste Mal im neun Jahr zum Trainingsauftakt wieder auf den Platz geht. Bis dahin!

Christian

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