Marcus Scholz

23. April 2019

 

„Hamburg ist viel schöner als Berlin“, sangen die HSV-Fans, als die letzte Minute der Nachspielzeit angebrochen war in einem Spiel, das tatsächlich mehr als 52.365 Zuschauer verdient gehabt hätte. Denn der HSV spielte gegen die aktuell vielleicht formstärkste deutsche Mannschaft lange Zeit gut mit. Am Ende musste sich die Mannschaft von Trainer Hannes Wolf zwar mit 1:3 geschlagen geben, gewann aber nach den Minusleistungen der letzten Woche ordentlich Sympathiepunkte dazu.Yussuf Poulsen, ein Eigentor von Vasilije Janjicic und Emil Forsberg trafen für die Gäste, während Bakery Jatta mit dem schönsten Treffer des Abends zwischenzeitlich zum 1:1 ausgeglichen hatte. Rick van Drongelen nach dem Spiel: „Ich denke, dass vor allem die erste Halbzeit in Ordnung war. Mit Glück schießen wir das zweite Tor vor der Pause. Im zweiten Durchgang war Leipzig einen Tick besser. Wir können aus dem Spiel aber positive Energie mitnehmen.“

 

Dass es Überraschungen in der Startelf geben würde, war klar. Und als wir die Startelf namentlich genannt bekamen - also noch ohne taktische Grundordnung - wurde fleißig gerätselt. Viererkette mit Narey oder Vagnoman anstelle Gotoku Sakais? Oder doch Dreierkette mit Gideon Jung im Zentrum? Und als das Spiel begann, waren wir alle erst einmal irritiert. Denn es war - weder noch. Der HSV begann im 3-4-2-1-System, das defensiv zur Fünferkette mutierte. Mit Santos auf der Sechs und Janjicic im Abwehrzentrum. Rechts rückte ballorientiert Jatta mit ein, während sich auf der linken Seite Josha Vagnoman in die Fünferkette einordnete.

Eine ganz neue Formation, sehr überraschend und im Spiel flexibel - aber sie hielt nur knapp zwölf Minuten Stand. Bis zum ersten Eckball für die Leipziger. Wieder war es ein Standardgegentreffer, der den HSV in Rückstand brachte. Yussuf Paulsen kam hierbei so komplett frei zum Kopfball, dass ich selbst nach zig Wiederholungen nur erahnen kann, wer ihm zugeteilt gewesen sein könnte (Vagnoman?).

Die Leipziger waren heute insgesamt genau das, w as man erwartet hatte: Zu schnell, zu ballsicher und zu abgeklärt, als dass man bis zum Schluss daran glauben mochte, hier noch die Sensation zu schaffen. Und die Leipziger hätten normalerweise keine vier Minuten später auch tatsächlich nachlegen müssen. Timo Werner lief Jatta auf der rechten HSV-Seite davon, passte quer auf Poulsen, der allerdings nur den Pfosten traf (16.). Den abprallenden Ball schnappte sich erneut Werner, weil Jatta einfach mal das Spielen einstellte und nicht zum Ball ging. Gefährlich, denn der deutsche Nationalspieler zog per Flachschuss aus spitzem Winkel ab und durch Pollersbecks Beine hindurch gelangte der Ball am zweiten Pfosten kommt Sabitzer (aus zugegeben spitzem Winkel) an den Ball und setzt ihn erneut an den Pfosten. Doppelglück für den HSV, dass das Spiel hier noch nicht entschieden wurde.

Denn der HSV kam zurück. Ebenso überraschend wie die Ausstellung traf Jatta. Ein Tor des Willens! Zweimal setzte er stark gegen Leipzigs Kevin Kampl nach, der bei der Ballmitnahme schon Probleme hatte. Jatta spitzelte dem Leipziger den Ball weg, setzte sofort nach - und traf aus 25 Metern über den Leipziger Keeper Gulasci hinweg ins rechte obere Eck. Leipzigs Keeper stand weit vor seinem Tor und hätte den Ball wohl dennoch abwehren können - tat er aber nicht. Daher bleibe ich dabei: Ein traumhaft schönes Tor von Jatta zum 1:1 (23.).

Und Jatta war jetzt on fire, holte sich gleich den nächsten Ball und sorgte dafür, dass die eh schon gute Stimmung auf den Rängen noch mal einen kleinen Schub bekam. Nach seinen zuletzt schwachen Spielen war der Gambier nach seinem defensiven Fauxpas offensiv wieder voll da und sorgte so dafür, dass das Spiel spannend blieb. Aber, der HSV machte es insgesamt besser. Er war heiß in den Zweikämpfen, beschwerte sich bei Foulspielen und zeigte insgesamt endlich mal richtig Leben auf dem Platz. Auch die Variante mit Santos auf der Sechs (war so eine Art Fixpunkt im Mittelfeld) und Janjicic als Art Libero funktionierte immer wieder gut. Ebenfalls auffällig bis hierhin: Der HSV war wieder außergewöhnlich anfällig bei hohen Bällen von außen. Ob als Flanke aus dem Spiel oder per Standard, es wurde noch deutlich zu oft zu leicht  gefährlich. Dieses Thema wird Trainer Hannes Wolf wahrscheinlich noch mit in die neue Saison nehmen.

Bis auf eine Großchance für Werner, der aus 15 Metern ziemlich frei zum Schuss kam (27.) hatte der HSV allerdings nicht mehr allzu viel auszustehen. Im Gegenteil: Man kam selbst zu klaren Torchancen. Erst landete eine abgefälschte Santos-Flanke bei Narey, der den Ball sechs, sieben Meter vor dem Tor nicht richtig trifft (32.), dann wird Narey wieder vom überragenden  Santos geschickt und kommt aus acht Metern halblinker Position zum Schuss, trofft den Ball aber nicht voll und verzieht knapp rechts (42.). Insofern kann man das Unentschieden zur Halbzeit aus HSV-Sicht als sehr gerecht bezeichnen - denn bis hierhin wäre mit etwas Glück sogar mehr drin gewesen. Es hätte hier locker und leicht 2:2, 3:3 - sogar 4:4 stehen können.

Egal wie, es gab berechtigt Applaus zur Halbzeitpause für den HSV. Und beide Mannschaften kamen dann auch ohne Veränderungen zurück auf den Platz. Wer jetzt Dauerpressing der Leipziger erwartete, sah sich getäuscht. Der HSV stand gut, setzte vor allem über die jeweilige Jatta-Seite auf Konter - und kam trotzdem auf der anderen Seite zur ersten echten Gelegenheit. Santos hatte Vagnoman geschickt, dessen Gegenspieler sich verschätzte und Vagnoman allein über Links Richtung Leipziger Gehäuse stürmen ließ. Anstatt aber das Tempo hochzuhalten und in den Sechzehner zu ziehen, zögerte der Youngster und spielte einen harmlosen Querpass, der für die Leipziger Abwehr kein Problem darstellte (51).

Und anstatt hier vielleicht sogar in Führung zu gehen, geriet der HSV in Rückstand. Durch ein Eigentor von Janjicic, wobei hinter dem Schweizer auch Emil Forsberg einschussbereit gewesen wäre. Aber was war passiert? Gideon Jung, der zwar besser als zuletzt war, aber immer noch Probleme hat, sich dem Tempo des Spiels anzupassen, stand zu weit von Gegenspieler Kampl entfernt der Leipziger kann sich den Ball 25 Meter vor dem HSV-Tor seelenruhig zurechtlegen und auf Poulsen flanken. Der Däne wiederum sieht im Zentrum eben jenen Forsberg mitlaufen und legt so quer, dass Janjicic den Ball mit seinem schwachen linken Fuß ein wenig ungeschickt ins eigene Gehäuse lenkt (53.).  Dass man auf der Stadionanzeigetafel noch versuchte, Poulsen das Tor zuzuschreiben und eben nicht Janjicic - ein netter Versuch, nicht mehr…  Aber es war auch so schon bitter genug für den HSV, der mal wieder mit einem hohen Flankenball ausgehebelt wurde und so wieder früh einem Rückstand hinterherrennen musste.

Zumal jetzt die Waffen fehlten, das Spiel noch mal zu drehen. Vorn Lasogga viel unterwegs und bemüht,  aber eben einfach immer wieder deutlich zu langsam für schnelle Gegenangriffe.zudem gab es jetzt erste Müdigkeitserscheinungen. In der 68. Minute musste Vagnoman erschöpft ausgewechselt werden. Für ihn kam Hwang. Der Südkoreaner fungierte als hängende, zweite Spitze. Und während Aaron Hunt noch am Seitenrand stand (er kam in der 73. Minute für Janjicic), machten die Leipziger den Deckel drauf. Laimer bliebt trotz dreier Gegenspieler unbedrängt und passte den Ball von links flach ins Zentrum zu Forsberg. Der Schwede wiederum wurde nicht attackiert und hatte keine Probleme, mit einem harten, platzierten Schuss aufs kurze Eck das 3:1 zu erzielen. Pollersbeck war hierbei chancenlos.

Und wenn man sich den Jubel der Leipziger ansah, konnte man erkennen, wie froh sie waren, das doch schwieriger als vermutete Spiel endlich entschieden zu haben - denn das Ding war jetzt durch. Das musste man leider so feststellen. Und auch Trainer Hannes Wolf schien das so zu sehen. Er brachte in der 79. Minute noch Lewis Holtby für Orel Mangala, der mit einer Fußprellung angeschlagen ins Spiel gegangen war und sich vor dem wichtigen Spiel bei Union Berlin nicht noch verletzten sollte. Zudem kam Holtby so nach zwei Spielen Pause wieder zu ersten Einsatzminuten. Auch das ist im Hinblick auf Union Berlin am Sonntag vielleicht gar nicht so unwichtig.

Zumal bei allem Respekt vor dem DFB-Pokal dieses Halbfinale schon Sekunden nach Schlusspfiff abgehakt sein muss. Ab sofort kann und darf es nur noch darum gehen, den Negativtrend in der Zweiten Liga zu stoppen und sich optimal auf das Spiel in Berlin vorzubereiten. In diesem Sinne, bis später. Dann mit ein paar Stimmen, der Pressekonferenz und dem Blitzfazit, das für heute positiv ausfällt. So viel trotzdem des Ausscheidens schon mal vorweg. Schlusswort gebührt dem Torschützen, Bakery Jatta: "Wir haben alles gegeben und gekämpft, aber auch Fußball gespielt. Am Ende hat es leider nicht gereicht. Jetzt fokussieren wir uns auf nächste Woche.“

Bis später, Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Pollersbeck - Lacroix, Janjicic (73. Hunt), van Drongelen - Jatta, Jung, Mangala (79. Holtby), Douglas, Vagnoman (69. Hwang) - Narey, Lasogga

RB Leipzig: Gulacsi - Klostermann, Konaté, Orban, Halstenberg - Laimer, Kampl (90. Demme) - Sabitzer (90. Haidara), Forsberg (73. Mukiele) - Y. Poulsen, Ti. Werner

Tore: 0:1 Poulsen (12.), 1:1 Jatta (24.), 1:2 Janjicic (ET, 53.), 1:3 Forsberg (72.)

Zuschauer: 52.365

Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München)

Gelbe Karten: - / Orban (58.)

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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