Marcus Scholz

2. Januar 2020

Liest man nur die Überschriften, ist das Urteil schnell gefällt. Klaus Michael Kühne äußert sich über den HSV - und das nicht positiv. Im Gegenteil: Er bezweifelt sogar, dass der HSV in dieser Saison den Aufstieg schafft. Und das mögen viele gar nicht gern hörten. Insofern ist das Urteil schnell und deutlich: Kühne soll doch endlich die Klappe halten. Und auch ich war in den letzten Jahren immer wieder erstaunt über die Sinnlosigkeit einiger verbaler Frontalangriffe  des Milliardärs, der mit mehr als 20 Prozent immerhin zweitgrößter Anteilseigner des HSV ist. In diesem Fall aber muss ich sagen, dass Kühnes Aussagen richtig verstanden sogar positive Wirkung haben können. Denn Kühne spricht tatsächlich nur etwas aus, was viele denken und was als realistische Warnung sogar hilfreich sein kann - wenn man es in seine Überlegungen mit einbezieht. Und das werden die Verantwortlichen beim HSV auch genau so handhaben. Behaupte ich.

Vor allem: Was genau hat Kühne denn gesagt, dass man ihn verteufeln muss? „Es fing gut an, aber nun sehen wir wieder den alten Schlendrian. Das ist schon ein Phänomen: in der letzten Saison begann die Krise erst in der Rückrunde, nun geht es schon früher los. Fachleute betonen, das sei vorübergehend. ich bin aber sehr skeptisch. Die Mannschaft wirkt auf mich nicht mehr so homogen und motiviert. Das quält mich doch sehr, als Fan und als Anteilseigner. Im Augenblick bin ich eher skeptisch. Ein Aufschwung muss kommen, denn der Trainer ist ja gut. Wenn aber der Leistungsabfall anhält, findet sich der Club bald im Mittelfeld wieder.“ Diese Aussage höre ich jeden Tag von anderen HSV-Fans auch. Das kann es nicht gewesen sein. Also weitersuchen.

Kühne sieht Schlendrian und nennt HSV „Flop“

In dem auch sonst sehr interessanten Interview des Stellvertretenden Abendblatt-Chefdredakteurs Matthias Iken fragt dieser, ob Kühne dem HSV noch einmal helfen würde. Und das will sicher jeder wissen. Kühne antwortet dabei ausweichend: „Es steht noch eine Verlängerung meines Engagements beim Volksparkstadion an. Das würde ich machen, wenn es etwas bringt. aber der Verein muss neue Investoren finden und auch die Fans anders beteiligen, etwa über Mitgliederaktien. Der Verein benötigt mehr Schultern, die ihn tragen. Es gibt erste Ansätze, aber das geht mir alles viel zu langsam. Wenn der HSV aufsteigt, benötigt der Verein schnell weitere finanzielle Mittel, um die ersten beiden Jahre zu überstehen. Das wird ein schwerer, langer Weg.“ Recht hat er. Sage ich.

 

Denn schon 2014 hieß es - damals allerdings noch unter der Federführung des Kühne-Vertrauten Karl Gernandt -, dass Investoren quasi Schlange stehen würden und sich der HSV breit aufstellen müsse bzw. werde, um endlich wieder an alte Erfolge anknüpfen zu können. Wie wir alle wissen, blieb außer Klaus Michael Kühne und ein paar kleineren Privatinvestoren nicht viel davon übrig. Insofern hätte er sich bei der nächsten Antwort sicher auch mit in die Verantwortung ziehen müssen. Aber, dass der HSV für ihn aus wirtschaftlicher Sicht eine Fehlinvestition war ist ja gar nicht mehr zu bestreiten.  „Ja, das war ein Flop. Da kam wenig bei raus, und eigentlich wurde es immer schlimmer. Aber es waren keine 100 Millionen Euro, wie immer unterstellt wird. 60 Millionen Euro habe ich in die Beteiligung am HSV investiert – und die bleibt ja, auch wenn ich den Anteil nicht verkaufen kann.“

Nein, Kühne liefert hier interessante, sicher auch kontrovers zu diskutierende  Aussagen. Aber nicht mehr - nicht weniger. Und da er seine Anteile nicht ohne Zustimmung der HSV AG verkaufen darf, wird er sie sicher auch noch eine Weile halten. Eventuell ja auch parallel zum Recht am Stadionnamen, das er aktuell noch für vier Millionen Euro pro Jahr hält - und weiterhin halten soll, wenn es nach den Verantwortlichen des HSV geht. In dem Interview und vor allem in den Aussagen über den HSV wird indes deutlich, dass Kühne seine Beteiligung tatsächlich nur noch als Hobby sieht. Er scheint das Geld abgeschrieben zu haben und derzeit das große Interesse verloren zu haben. Und wenn man sagt, dass Kühne Segen und Fluch für den HSV zugleich ist, beinhaltet das auch immer, dass er eben einer den wenigen Menschen ist, die helfen könnten. Er hat es schon. Nicht immer ohne Reibungsverluste. Aber allein der Umstand, dass er dem HSV millionenschwere Forderungsverzichte gewährt hat, spricht für ihn. Wirklich gefährlich wird es meiner Meinung nach erst, wenn Kühne sich gar nicht mehr zum HSV äußert, wenn sich der Wunsch einiger HSV-Anhänger erfüllt und Kühne wirklich kein Interesse mehr am HSV hat.

Kühnes Worte, Heckings Angebot - alles gut...!

Bei einem normalen Fan ist das schwer umzusetzen - zumindest meistens. Aber Kühne ist als Investor und Anteilseigner eben auch ein Geschäftsmann und weiß, selbst beim HSV seine Emotionen hinter die Wirtschaftlichkeit zu stellen. Von daher sollte uns vielmehr beunruhigen, wenn wir irgendwann tatsächlich nichts mehr von Kühne kommt. Mit allem anderen kann man - zumal in der aktuellen Form - gut umgehen. Und dass ein Nicht-Aufstieg, wie Kühne ihn befürchtet, denkbar ist, muss man nicht mehr erwähnen. Das haben wir alle live miterlebt in der abgelaufenen Saison.

Deshalb finde ich auch das Angebot von Trainer Dieter Hecking alles andere als verwerflich. Dessen Vertrag wurde bei seiner Einstellung auch auf seinen Wunsch hin gestaffelt gestaltet, damit er rauskann, sofern sich die Entscheidung für den HSV aus seiner Sicht als falsch entpuppt. Sein Statement von heute fasse ich tatsächlich ausschließlich positiv auf. Hecking identifiziert sich mit seiner Aufgabe beim HSV. Und bei allem Respekt vor dem HSV behaupte ich, dass Hecking sehr schnell auch wieder in der Ersten Liga einen Vertrag bekommen könnte. Und eine Kapitulation vor dem weiteren Saisonverlauf ist das am allerwenigsten. Nein, so sehr es für Aufregung gesorgt haben mag, was heute in Abendblatt und BILD zu lesen war, so positiv bewerte ich es.

 

Wobei man auch sagen muss, das Kühnes Flop-Investitionen vermeidbar waren und gerade dieser HSV Investitionsflächen bietet, die auch für einen Geschäftsmann sehr interessant sein könnten. Und damit spreche ich nicht die Infrastruktur für die Profis an, die sicher verbesserungsfähig ist, aber so schon allemal einen überdurchschnittlich hohen Standard liefert. Nein, wie immer geht es hierbei um den Nachwuchs. Was das ausmachen kann, kann übrigens heute jeder nachlesen. Benfica Lissabon hat sich so allein in den letzten fünf Jahren einen Transferüberschuss von knapp 500 Millionen (!!!) Euro erwirtschaftet. Was in der SportBild-Geschichte leider nicht aufgeschlüsselt wird ist der Umstand, dass hinter dem ganzen Konstrukt ein verworrenes und anrüchiges Berater-Akademie-Verhältnis besteht. Der vielleicht berühmteste und in den Football-Leaks mit am meisten genannte Berater Jorge Mendez greift hier Jahr für Jahr ab, heißt es.

Benfica dient als Vorbild in der Nachwuchsarbeit

Dennoch, das Konstrukt der Akademie an sich ist auch ohne Mendes nachahmenswert, weil lukrativ. Es gehört dazu aber ein Aufwand, den sich die aktuelle HSV-Führung nicht anlasten will - und für den letztlich auch das Geld fehlt. Aber auch das wäre machbar, wenn man es konzeptionell einmal von A - Z aufzieht und Investoren davon überzeugt, damit DAS Geschäftsmodell HSV aufziehen zu können - womit wir wieder bei Klaus Michael Kühne wären. Denn der hätte sicher die Mittel dafür, wenn der HSV ihn überzeugen könnte. ich weiß, dass ich mit diesem Punkt seit Jahren nerve. Aber es ist und bleibt für mich unverständlich, warum der HSV es nicht versucht bzw. es dann auch schafft, sich im Nachwuchs von der Konkurrenz so abzusetzen, dass Talente den Weg zum HSV suchen.

Dabei liefert der Campus sicher schon einen (guten) Anfang. Aber in Sachen Infrastruktur (die sportliche und pädagogisch Rundum-Versorgung der Fußball-Schüler) ist der HSV hier noch abgeschlagen im Mittelfeld der deutschen Klubs. Trotz der Stadt, des Namens, der Fan-Base, Investoren wie Kühne und der Tradition des Klubs muss sich der HSV hier inzwischen hinter Klubs wie Wolfsburg, Stuttgart, Köln, Berlin, Leipzig und einigen anderen einordnen. Man verliert aktuell weiter an Boden, der deutlich schneller verloren als wieder aufgeholt ist. Aber versprochen, ich werde den Januar versuchen zu nutzen, um von den Verantwortlichen den bzw. die Gründe zu erfahren, weshalb man das Thema noch nicht deutlich aggressiver angegangen ist.

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich wie immer um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch. Euch allen bis dahin noch einen schönen Abend und weiterhin einen guten Start in das neue Jahr!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.