Marcus Scholz

30. Dezember 2018

 

Als ich las, dass sein schwierigster Moment der Moment war, als er realisierte, mit dem HSV erstmals abgestiegen zu sein, hatte ich keinen Zweifel daran, dass Gotoku Sakai es ehrlich meinte. Normalerweise steckt in derlei Aussagen immer auch viel Populismus. Immerhin wollen HSV-Fans sowas nur zu gern lesen und der Spieler untermauert damit noch einmal, wie wichtig auch ihm der Klub sei. Er steigt so in der Gunst der Anhänger. Es ist oft so ernst zu nehmen, wie nach Toren auf das Vereinswappen zu zeigen, es innig und demonstrativ vor der Fankurve zu küssen - und dann doch beim nächstbesten Angeboten den Verein zu verlassen. Selbst dann, wenn der HSV auf den laufenden Vertrag besteht. Aber bei Sakai war es andersrum. Er stieg mit dem HSV ab, hatte sich vorher schwer getan, den Vertrag zu verlängern, trotz guten Angebotes und guter Momente, in denen es nach außen wie ein Treuschwur gewirkt hätte. „Als ich dann da unten stand und die Stimmung von den Rängen mitbekam, währen klar war, dass wir abgestiegen sind, da war mir klar, dass ich bleiben werde. Ich wollte unbedingt bei dem neuen Projekt dabei sein. Und vor allem bin ich keiner, der wegläuft“, so Sakai - und ich nehme ihm jedes Wort genau so ab.

Denn bei aller berechtigter Kritik an dem Japaner, der für mich in diesem Jahr eine der großen Enttäuschungen auf dem Platz war, muss man so ehrlich sein und ihm zugestehen, dass er moralisch und von der Einstellung her einwandfrei ist. Vorbildlich sogar. An seiner Einstellung zum HSV (bzw. zu seinem jeweiligen Arbeitgeber) darf nicht gezweifelt werden. Auch dann nicht, wenn er zum zehnten Mal in Folge schwach spielt. Allein die Tatsache, dass er bei egal welchem Trainer immer erste Wahl war - und das trotz seiner erkennbar schwachen Leistungen blieb -, demonstriert, wie der Japaner im täglichen Miteinander rüberkommt. Dass er zwischenzeitlich sogar Kapitän geworden war zudem.

Aber, bei allen Komplimenten für Sakai als Mitspieler und Typ, sportlich konnte er erst in den letzten vier, fünf Spielen wieder halbwegs überzeugen - das mannschaftliche Gesamtversagen in Kiel mal ausgenommen. Zuvor war Sakai zwar von den Trainern unumstrittener Stammspieler - für mich allerdings war er das nicht. Ich hätte ihn schon deutlich früher rausgenommen und hätte auf beispielsweise Youngster Josha Vagnoman gesetzt. Dem traute ich auch heute noch unvermindert zu, Sakai zu ersetzen und auf der Position auf Sicht den HSV sogar deutlich zu verstärken. Offensiv allemal, wie Sakai vor allem in seiner offensiveren Rolle unter Christian Titz bewies. Immer wieder verschleppte er das Tempo, verlor einfache Bälle oder brachte die Angriffe nicht zu Ende, weil er plötzlich in die Mitte zog. Erst bei Hannes Wolf, der auf die Ballsicherheit Sakais setzte und diese förderte, indem er ihn im Aufbauspiel nicht nach außen sondern weiter ins Zentrum zog, fand Sakai langsam wieder zu seinem Spiel zurück.

Zusammen mit Douglas Santos, der über die gesamte Hinrunde der wahrscheinlich größte Glücksfall für den HSV ist, sorgt Sakai defensiv unter Wolf für ein kompakteres Mittelfeld. Wie gestern schon bei den Innenverteidigern geschrieben, sorgen die Außenverteidiger im Paket mit dem überragenden Orel Mangala dafür, dass viele Angriffe schon abgefangen werden, bevor sie in der Abwehr ankommen. Und das zeigt auch die Statistik, die Sakai mit 59 Prozent gewonnener Zweikämpfe als den zweikampfstärksten HSVer ausweist. Passenderweise vor  Mangala (58%) und den anderen drei Defensiven: Rick van Drongelen, David Bates und Douglas Santos (je 56%). Nur 19 Gegentreffer in 18 Partien untermauern die Bedeutung dieser fünf Spieler für die Defensive noch eimal, während die beiden Außenverteidiger parallel dazu sogar noch für Überzahl im Aufbauspiel sorgen.

Sowohl der Japaner als noch deutlich mehr der Brasilianer sorgen dabei dafür, dass der HSV sein Offensivspiel unter Wolf ankurbeln konnte, ohne gleichzeitig die Defensive zu sehr zu öffnen und den Gegner so zu Kontern einzuladen. Bei Sakai war, ist und bleibt das Offensivspiel zweifellos dabei noch ausbaufähig (bei positiver Tendenz), während Santos schon der jetzt der effektivste Aufbauspieler ist. Und das als Linksverteidiger. Als einer der ganz wenigen geht er immer wieder in Eins-gegen-Eins-Duelle - und gewinnt sie vor allem.

Santos kommt dabei sehr oft mit ordentlich Tempo und unnachahmlich enger Ballführung aus der eigenen Hälfte und sucht -  diese Qualität hatte der HSV in den letzten Jahren nur sehr selten über außen -  den direkten Weg zum gegnerischen Tor und zum Abschluss. Santos ist als einer der wenigen in der Lage, seine Gegenspieler im Eins-gegen-Eins aussteigen zu lassen und verschafft dem HSV dadurch immer wieder Freiräume, die das oftmals eher behäbige Mittelfeld mit Holtby und Hunt nicht schafft - dafür dann aber selbst offensiv zu nutzen weiß. Ergo: Santos und Sakai sind die ersten Türöffner für Hunt und Holtby. Insbesondere Hunt profitiert davon, da er sich immer mehr auf den entscheidenden Pass und/oder den entscheidenden Abschluss konzentrieren kann.

Wobei, Halt! Dieses Türöffner-Szenario ohne den für mich stärksten Spieler der Hinrunde (ligaweit!) zu machen, wäre fahrlässig: Denn Orel Mangala ist die personifizierte Überlegenheit in nahezu jedem Spiel. Diese Leichtigkeit, mit der er den Gegnern den Ball abjagt, den Ball vor ihnen behauptet und das Offensivspiel ankurbelt, während er seine Innenverteidiger (wie beschrieben im Verbund mit Sakai und Santos) nahezu beschäftigungslos macht, ist entmutigend. Für jeden Gegner! Mangala ist neben Santos heute der Spieler, der den HSV von allen Gegnern in der Zweiten Liga abhebt. Sein einziges Manko: Der HSV kann Stand heute leider nicht mit ihm langfristig planen. Diese Planungen beginnen aber in aller Regel spätestens in der Winterpause und sorgen im Optimalfall dafür, dass sich schon eine Kern für die Folgesaison herauskristallisiert.

Da der VfB Stuttgart, von dem Mangala als Leihspieler für eine Saison gekommen ist, aber sicher nicht auf dessen Qualitäten verzichten will und das ja auch schon artikuliert hat, müssen wir davon ausgehen, kommende Saison ohne Mangala zu spielen. Leider. Denn Mangala wäre nach gaaaanz langer Zeit mal wieder einer der Spieler gewesen, bei dem sich eine Millioneninvestition (wie in den letzten zehn Jahren nur zu oft fälschlich getätigt) tatsächlich mal gelohnt hätte.

Die von transfermarkt.de vermuteten 2,5 Millionen Euro Marktwert würden aber - da bin ich mir zu 100 Prozent sicher - nicht als Ablösesumme ausreichen. Es sei denn, der VfB würde sich bei Mangala noch einmal falsch entscheiden. Und: Sollte Becker es trotz der aktuellen finanziellen Probleme hinbekommen, wäre das ein richtig großer Deal. Da lege ich mich fest. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Mangala seinen Marktwert noch einige Jahre lang steigern wird und in absehbarer Zeit nicht nur A-Nationalspieler Belgiens sondern auch von internationalen Top-Mannschaften umworben wird.

Fazit: Das defensive Mittelfeld zuzüglich der beiden Außenverteidiger des HSV ist stark. Ich behaupte, dass man mit diesen Spielern auch in der Ersten Liga spielen und auf mittlerem Tabellenniveau bestehen kann. Rechnet man noch die großen Talente Josha Vagnoman sowie den meiner Meinung nach immer noch unterschätzten Vasilije Janjicic hinzu, stehen sogar die Spieler für die Zukunft schon parat, bei denen das Leistungslimit noch lange nicht abzusehen ist. Matti Steinmann sowie Christoph Moritz sind aktuell ordentliche Backups. Vor allem auch, weil sie ruhig bleiben und im Sinne des mannschaftlichen Erfolges schon vom Typus her keinen Ärger machen (werden).

So viel für heute. Der offensive Part des Mittelfeldes folgt morgen. Ich melde mich aber vorher natürlich noch mit unserem MorningCall am frühen Morgen. Bis dahin Euch allen erst einmal einen richtig schönen Abend und alles Gute! Bis gleich…

Scholle

 

P.S.: Ich hatte zu Saisonbeginn bei den HSV-Verantwortlichen mal das Thema Alex Meier angesprochen. Gefragt, ob er als Einjahreslösung in Betracht käme. Alle lobten den Ex-HSVer, aber niemand wollte ihn. Jetzt wechselt der 35-Jährige, so vermelden es die BILD-Kollegen, zum FC St. Pauli. Meier soll dort Henk Veerman (fällt mit Kreuzbandriss lange aus) ersetzen. Alles Gute, Alex! Außer natürlich für das Derby…!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.