Marcus Scholz

26. Oktober 2019

Die schwäbischen Wochen haben begonnen - und wie! Mit einem 6:2-Sieg „in einem verrückten Spiel“ (Eröffnungssatz Pressesprecher Till Müller bei er Pressekonferenz) konnte der HSV das erste von zwei Duellen binnen dreier Tage vor allem im Ergebnis deutlich für sich entscheiden. Und das, obgleich man zwischenzeitlich zittern musste. So schwer vorstellbar das auch bei einem 6:2-Sieg erscheint, aber es war tatsächlich so. Einfach ein höchst unterhaltsames, aber auch komisches Spiel. Denn trotz einer gut 70 Minuten starken Leistung mit einem alle überragenden Bakery Jatta rettete der Videoassistent (SR Aytekin betonte nach dem Spiel noch einmal, dass die neue Handregel einen Pfiff zwingend vorsieht) den HSV vor dem zwischenzeitlichen 3:4-Anschlusstreffer und sorgte so dafür, dass das Spiel nicht kippte. Stattdessen konnten Kittel (2), Jatta, Harnik, Castro (ET) und Fein am Ende einen viel umjubelten 6:2-Sieg herstellen und den Vorsprung auf den VfB so auf vier Punkte vergrößern.

Hecking überrascht mit zwei Umstellungen in der Startelf

Und das, nachdem Trainer Dieter Hecking mit zwei Umstellungen in seiner Startelf zu überraschen wusste. Wobei: Die Überraschung war weniger der für Timo Letschert in die Startelf gerückte  Gideon Jung. Dass Trainer Dieter Hecking sehr viel von dem Innenverteidiger hält, das hatte er immer wieder betont. Schon gegen Bielefeld hätte Jung gesielt, wenn er nicht von sich aus dem Trainer gesagt hätte, dass er sich noch nicht komplett fit fühlt. Bitter für Timo Letschert, der seine Sache ordentlich gemacht hatte.

 

 

Aber eben auch konsequent vom Trainer, der im Mittelfeld die viel größere Überraschung parat hatte. Er rochierte mit Martin Harnik von Rechtsaußen ins Sturmzentrum, dafür musste Hinterseer auf die Bank, während Kittel und Jatta die Außenbahnen besetzten. Der Clou: Nicht Aaron Hunt rückte dafür ins Zentrum, sondern Christoph Moritz. Zusammen mit Jeremy Dudziak und Adrian Fein sollte der Techniker das Zentrum für die Stuttgarter dicht machen und parallel die Offensive kreativ bedienen. Ein nachvollziehbarer Gedanke, der durch die sehr intensiven Trainingsleistungen (extrem zweikampfstark agierte er schon knapp an der Grenze des Erlaubten) von Moritz gestützt wurden.

Moritz' Hereinnahme ist ein gutes Zeichen an die Mannschaft

Zumindest war es ein sehr gutes Zeichen an alle Spieler auf der Bank und der Tribüne, dass man sich sehr wohl über das Training ins Team arbeiten kann. Und auch wenn der HSV es in den ersten Minuten versuchte, so übernahm zunächst der VfB das Spiel im Volksparkstadion. Alles, ohne sich große Torchancen zu erarbeiten. Man merkte beiden Mannschaften an, dass sie nicht zu früh Räume für den Gegner öffnen wollten.

Und so musste ein Standard herhalten, um hier die Führung zu besorgen. Der bis hierhin offensiv auffälligste HSVer, Bakery Jatta, bediente mit einem gekonnten „Tunnler“ den durchstartenden Dudziak, der im Sechzehner vom Stuttgarter Maxime Awoudja am Fuß getroffen wird und fällt - Schiedsrichter Deniz Aytekin pfiff zurecht Elfmeter. Da die beiden etatmäßigen Elfmeterschützen Aaron Hunt und Lukas Hinterseer nicht auf dem Platz standen, nahm sich Kittel den Ball und versenkte ihn mit ein wenig Glück, da Stuttgarts Keeper Gregor Kobel noch dran war, zum 1:0 (13.). Der Dosenöffner?

Kittel eröffnet, sensationll starker Jatta legt nach

Ja. Denn der HSV legte sogar nach. Wieder durch Bakery Jatta - und wieder war Stuttgarts Awoudja beteiligt. Der VfB-Verteidiger verlor kurz hinter der Mittellinie den Ball an den attackierenden Jatta und der hatte freie Bahn Richtung VfB-Tor. Mit dem Selbstvertrauen einer starken Startphase ausgestattet schob Jatta den Ball cool an Kobel vorbei zum 2:0 ein (24.). Es lief jetzt fast alles. Selbst übelste Abpraller fanden den Weg zum eigenen Mann - und der HSV wurde sicherer. Dudziak und Fein treiben an, Moritz entnervten die Stuttgarter und Harnik war nimmermüde als erster Abwehrspieler an vorderster Front unterwegs. Von Jatta ganz zu schweigen.

Der VfB fand gar nicht erst rein ins Spiel - dachten wir alle. Bis mal wieder ein Eckball dazwischenkam. Ein saumäßig unnötiger, da zuvor Tim Leibold den Ball hätte klären können, beim Versuch, Heuer Fernandes anzuspielen aber diese Ecke produzierte. Stuttgarts Philip Klement auf Gonzalez und der Trift per Kopf zum 2:1-Anschluss. Aus dem Nichts - und zum Glück: Ohne größere Wirkung. Denn Jatta hatte wieder einen dieser Momente, die ihm schon jetzt bei mir die Endnote 1+ einbrachten. Zuerst eroberte er Höhe Mittellinie den Ball, trieb ihn in höchstem Tempo Richtung VfB-Kasten, sah den durchstartenden Moritz und der chippte den Ball gefühlvoll über VfB-Keeper Kobel hinweg auf den mitgelaufenen Kitte, der den Ball aus spitzem Winkel gekonnt einköpfte. "Christoph ist eminent wichtig für die Mannschaft", lobte Hecking zum einen seine Maßnahme, zum anderen aber Moritz selbst für einen starken Auftritt. "Er ist ein richtig feiner Fußballer und einer der inteligentesten Fußballer in dieser Mannschaft."

Moritz rein, Harnik auf die Neun, Jatta auf rechts - es ging auf

Zumindest verdiente sich das 3:1 in der 38. Minute zurecht jede Menge Szenenapplaus und machte deutlich, dass bis hierhin nahezu alles aufging, was sich Hecking von seinen Umstellungen versprochen hatte. Mal abgesehen von der 45. Minute, in der Gonzalez plötzlich frei vor HSV-Keeper Heuer Fernandes auftauchte und das sichere 2:3 (aus VfB-Sicht) vergab, ehe Aytekin zur Halbzeit pfiff.

Auffällig: Neben den rund 52.000 HSV-Fans im ausverkauften Volksparkstadion applaudierte auch die HSV-Bank. Vorneweg: Lukas Hinterseer, der anerkannte, dass zum einen die Mannschaft richtig gut spielte. Zum anderen aber verdiente sich auch Harnik Bestnoten für seinen Einsatz, die Lücken, die er erlief. Und vor allem dafür, dass er Angriffe schnell machte, indem er immer wieder an Anspielpunkt den Ball schnell weiterleitete. So komisch es klingen mag, aber der einzige Spieler, der mir aus dem Spiel heraus nicht so gefiel war Doppeltorschütze Kittel - und die HSV-Defensive zu Beginn der zweiten Hälfte. Denn obwohl der eingewechselte Castro für den HSV nach einer Ecke per Eigentor die 4:1-Führung besorgt hatte, wackelte der HSV hinten bei den wenigen Angriffen bedenklich. Schon vor dem 4:1 hatte Element auf Stuttgarter Seite nach einem Stellungsfehler von Kittel und Leibold den Anschlusstreffer auf dem Fuß (54.), vergab aber kläglich.

Plötzlich ist Stuttgart zurück - Videoassistent rettet den HSV

Besser machte es in der 63. Minute Wamangituka, der die Ablage von Castro (nach abgefälschtem Klement-Schuss) nur noch einzuschieben braucht. Und hätte der Videoassistent nicht fünf Minuten später seehehr genau hingesehen und ein Handspiel bei Gonzalez ausgemacht, der Treffer von Philip Förster zum 3:4 hätte diese Partie tatsächlich kippen können. Aber, auch das ist eine Lehre aus dem bisherigen Saisonverlauf, der HSV kippte nicht, sondern baute die Führung sogar noch aus. Einen schnellen Konter über Kittel und Leibold veredelte der heute sackstarke Harnik mit der Fußspitze zur Entscheidung. „Oh, wie ist das schön - oooooh, wie ist das schön“ skandierten die HSV-Anhänger in dem Wissen, dass dieses Spiel in der entscheidenden Phase die richtige Richtung genommen und jetzt entschieden war.

Mehr noch: Trainer Dieter Hecking bekam die Gelegenheit, bedenkenlos wechseln zu können und Fein hätte einen weiteren Konter noch zum sechsten Treffer nutzen können, scheiterte aber ein einem Stuttgarter Bein (83.) ebenso wie Jatta per Kopf in der Schlussminute. „Der hätte es nun wirklich mal verdient, selbst zu treffen“, hatte ich meinem BILD-Kollegen Kay Fette gerade über Fein gesagt, da traf er tatsächlich. Mit Links nach Vorarbeit Kinsombi traf der Mittelfeldmann aus 14 Metern zum Endstand von 6:2.

 

Auch wenn nicht alles Gold ist, was glänzt - das war richtig gut

Am Ende reichten laut Statistik 39 Prozent Ballbesitz und eine defensiv allenfalls durchschnittliche Leistung - sowie natürlich ein sensationeller Bakery Jatta im Verbund mit einer geschlossen starken, kompromisslosen Offensivleistung des HSV, um dieses Spiel im Ergebnis deutlich zu gewinnen und die Tabellenführung zu bewahren. Ärgster Verfolger ist nunmehr die Arminia aus Bielefeld, die ihr Spiel in Dresden gewinnen konnte und zwei Punkte hinter dem HSV und ebenso viele Zähler vor den VfB rangiert. Insofern war das heute schon mal ein rundum gelungener erster von am Ende hoffentlich zwei erfolgreichen Auftritten gegen die Schwaben, die am Dienstag erneut im Volksparkstadion zu Gast sind, wen es im DFB-Pokal gegeneinander geht.

„Es ist schön - aber es ist auch erst ein Drittel der Saison gespielt. Genießt das Wochenende und seht zu, dass ihr am Dienstag alle wieder hier seid“, sagte Sportvorstand Jonas Boldt im Interview nach Spielschluss auf dem Rasen erkennbar zufrieden mit dem Ergebnis - aber auch angenehm unaufgeregt. Und auch Hecking mahnte im Anschluss, dass man in den wichtigen Situationen immer die richtige Antwort  parat gehabt habe. „Ich will jetzt nicht das Haar in der Suppe suchen, das nimmt mir bei so einem Ergebnis auch keiner ab“, so Hecking. Dennoch wollte er nicht alles in den Himmel gehoben wissen. Eben so, wie es sich für einen ambitionierten Klub gehört.

In diesem Sinne, Euch allen einen richtig schönen Sonnabend und bis später. Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Heuer Fernandes - Vagnoman, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Dudziak (77. Kinsombi), Moritz (73. Letschert) - Jatta, Harnik (81. Hinterseer), Kittel

VfB Stuttgart: Kobel - Stenzel, Awoudja, Kempf, Insua (46. Castro) - Karazor - Mangala (65. Gomez), Klement - Förster - Wamangituka, Gonzalez

Tore: 1:0 Kittel (13., FE), 2:0 Jatta (24.), 2:1 Gonzalez (33.), 3:1 Kittel (36.), 4:1 Castro (57., ET), 4:2 Wamangituka (63.), 5:2 Harnik (76.), 6:2 Fein (90. +1) 

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach)

Gelbe Karten: Vagnoman (74.) / Kempf (49.), Förster (66.)

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FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.