Marcus Scholz

24. August 2018

„Wir werden uns sicher noch mal Gedanken machen.“

Dieser Satz ließ alles offen und drückte den ersten Schock aus, unter dem alle standen, als sich Jairo Samperio am Donnerstag das Knie verdreht hatte. Doppelter Kreuzbandriss sowie Innenbandriss und Meniskusschaden – schlimmer hätte es der Außenstürmer kaum treffen können.  Der Spanier wird nach seiner Operation aller Voraussicht nach bis zum Ende der Saison ausfallen. Mit Glück und gutem Heilfleisch könnte er noch mal auflaufen. Aber sicher ist das bei dem Außenstürmer, der nur ein Jahr Vertrag beim HSV hat, nicht.

Und deshalb tagten die hohen Herren heute am freien Trainingstag intensiv. Chefscout Johannes Spors, Sportvorstand Ralf Becker und Trainer Christian Titz stehen im ständigen Austausch auf der Suche nach einem neuen Offensivspieler als Ersatz für Jairo. Es werden Optionen ausgelotet, die finanziell machbar sind. Wobei das wiederum relativ ist. Denn der HSV, der einen bei der Lizenzierung einkalkulierten Ablöseüberschuss erzielt hat, könnte Geld ausgeben. Die Liquidität ist da. Problem ist nur: Man will es nicht. Denn dieser HSV arbeitet weiter daran, die Verbindlichkeiten abzutragen, die fast die Lizenz gekostet haben.

Dennoch: Angesichts des Langzeitausfalles von Jairo, dessen Gehalt ab der siebten Verletzungswoche von der Berufsgenossenschaft getragen wird, muss der HSV noch mal nachlegen. Tatsuya Ito, Khaled Narey, Bakery Jatta – das sind die nominell verbliebenen Außenstürmer. Mehrseitig einsetzbare Spieler wie Josha Vagnoman und Aaron Hunt mal nicht mit einberechnet. Und das ist zu wenig für eine Saison, in der an immerhin das Maximalziel ausgegeben hat – den Wiederaufstieg.

Fakt ist: Der Neue soll Tempo und Zug zum Tor haben. Er muss passsicher und technisch versiert sein – und vor allem ins System von Christian Titz passen. Und einen solchen Spieler zu finden ist die Feuerprobe für Ralf Becker, der bislang die vor Wochen angepeilten Transferziele erreicht hatte. Jetzt muss er noch mal nachlegen. Und ich bin sehr gespannt, wenn er holen wird. Zumal gerade in den letzten Tagen des Transferfensters immer die wildesten Rochaden losgetreten werden. Und es ist zu hoffen, dass der HSV im richtigen Moment mit auf den Zug aufspringt. Es wird also doch noch einmal spannend. Wenn auch ungewollt. Erste genannte Namen wollte der HSV nicht bestätigen.

Zudem ist es erneut eine Situation, an der man das Verhältnis von Klaus Michael Kühne zum HSV gut ablesen kann. Der Milliardär hatte sich zuletzt immer wieder dafür stark gemacht, weitere Anteile auch über die 24,9 Prozent hinaus zu erwerben, und dem HSV im Gegenzug entsprechend Geld in die Kasse zu spülen. „Statt die Finanzlage durch eine kräftige Kapitalerhöhung zu stabilisieren, lebt man weiterhin von der Hand in den Mund und hat so gut wie keine Spieler, die die Mannschaft stabilisieren und weiterbringen können. Man meint, mit der derzeitigen B-Variante ans Ziel zu kommen. Das kann kaum gutgehen.“, hatte Kühne unlängst bei den Kollegen der SportBild gewettert.

Und nicht erst seitdem gilt das Verhältnis des HSV-Anteilseigner zum Vorstandsboss Bernd Hoffmann als massiv gestört. Kühne warf Hoffmann sogar vor, Absprachen nicht eingehalten zu haben, während Sportvorstand Ralf Becker noch nicht ein einziges Mal persönlichen Kontakt zum Anteilseigner hatte, was ich nicht erwartet hätte. Auch nicht, dass es am Ende der Trainer Christian Titz ist, der als einziger weiterhin einen guten Kontakt zu Kühne pflegt. Aber auch das wird Kühne nicht dazu bringen, noch einmal zu helfen. Schon gar nicht ohne Gegenforderung.

Besser ergeht es der U21, die wieder auf die Unterstützung aus dem Profikader setzen kann. Manuel Wintzheimer wird im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg II (13 Uhr, Wolfgang-Meyer-Sportplatz) ebenso wie  Bakery Jatta und Stephan Ambrosius dabei sein. Und auch werde mich morgen wieder melden, nach dem Training des HSV, der heute das erste Mal in seiner Vereinsgeschichte nicht zu den 18 Klubs gehört, die die Bundesligasaison eröffnen. Ein Stimmungskiller – aber eben Tatsache. Trotzdem weiß ich das erste Mal seit Ewigkeiten ehrlich noch nicht, ob ich mir das Spiel ansehen werde oder nicht.

Feststeht indes, dass ich mich morgen Abend wieder bei Euch melden werde. Da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Bis dahin!

Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.