Marcus Scholz

20. April 2019

Der HSV schafft es einfach nicht, zuhause gegen die Kellerkinder der Liga zu gewinnen. Gegen den FC Erzgebirge Aue gab es vor 52.354 Zuschauern bei herrlichem Sommerwetter am Ende ein enttäuschendes 1:1. Auch, weil man wieder einmal die erste Halbzeit verpennte und sich mal wieder einen Standargegentreffer einfing. Manuel Wintzheimer konnte mit seinem Treffer in der 53. Minute nur noch ausgleichen. Und am Ende verhinderte die Latte bei einem Hunt-Freistoß kurz vor Schluss den ersten Heimsieg seit dem 1:0 gegen Greuther Fürth am 4. März.

 

Wobei, apropos Fürth: Die Kleeblätter verhinderten dank ihres 1:1 gegen HSV-Verfolger Union wenigstens, dass der HSV heute schon überholt wurde. Dafür aber rückte Paderborn durch sein 2:1-Auswärtssieg bei Holstein Kiel dem HSV bis auf zwei Punkte näher auf den Pelz. Die Geschichte eines erneut enttäuschenden Heimspiels:

Gideon Jung hatte es erwischt, er wurde aus dem Kader gestrichen. Angesichts der letzten Spiele nachvollziehbar, allerdings schob der HSV über seine Pressestelle gleich hinterher, dass es keine leistungsbedingte sondern eine gesundheitsbedingte Geschichte war. „Eine Muskelverhärtung im hinteren Oberschenkel“, so die Erläuterung mit dem Zusatz, er habe die Woche über ja auch schon reduziert trainiert. Also: Glauben wir es mal. Ist letztlich auch nicht wichtig, denn der HSV hatte endlich wieder (fast) alle Spieler an Bord. Für Trainer Hannes Wolf bestand eher die Qual der Wahl - und die nahm er gern an.

Er setzte mit Holtby, Hunt, Hwang und Lasogga gleich vier nominelle Leistungsträger auf die Bank und hatte so endlich wieder Qualität zum Nachbessern. Und die brauchte er heute auch. Denn das, was der HSV in der ersten Hälfte anbot, war zu wenig.

Ausreichend Ballbesitz, aber viel zu wenig Torgefahr. Zu wenig Zug zum Tor - und vor allem auch nicht der Biss, den Wolf unter der Woche gefordert und die Spieler angekündigt hatten. 62 Prozent Ballbesitz und 10:2 Torschüsse reichten nicht. Wobei man sagen muss, dass bis auf einen geblockten Schuss von Rick van Drongelen alle anderen Torschüsse ins Nichts flogen, also null Torgefahr erzeigten, während beide Auer Torschüsse brandgefährlich waren bzw. einer davon ja die sehr schmeichelhafte Führung für die Gäste bedeutete. Unfassbar.

Mit Manuel Wintzheimer in der Spitze und Berkay Özcan dahinter sollte es heute klappen. Und obwohl Wintzheimer noch einer der bemühteren Spieler war, kam er in den ersten 45 Minuten nur zu einem geblockten Torschuss, holte dazu eine Gelbe raus. Die Tatsache, dass er nicht besser im Spiel war, lag allerdings weniger an ihm denn hinter ihm - also auf dem Platz positionell hinter ihm. Denn weder die beiden Außenbahnen mit Narey und Jatta noch Berkay Özcan erwischten heute auch nur annähernd Normalform. Keine einzige gefährliche Flanke, kein Pass in die Tiefe in der erste Halbzeit.

Und wenn dann doch mal die Chance auf eine Chance da war, wurde der Ball bei der Annahme verdaddelt (17., Narey hätte den Ball nur auf rechts rauslegen müssen). Allein der Umstand, dass Aue hier voll auf Konter setzte bzw. vor allem den einen Punkt absicherte und auf die eine, entscheidende Chance lauerte, beließ das Spiel lange bei 0:0.

Erst ein langer Ball über die Abwehr, den Fandrich per Kopf harmlos in die Arme von Julian Pollersbeck (33.) köpfte, deutete erste Torgefahr an. Und dennoch trafen die Gäste noch vor dem Halbzeitpfiff - wie aus dem Nichts. Und: Natürlich nach einem Standard. In diesem Fall war es ausgerechnet der bis dahin nahezu beschäftigungslose Julian Pollersbeck, der den Eckball unterlief und dem Auer Philipp Zulechner den Ball vor die Füße prallen ließ. Da auch van Drongelen hinter Pollersbeck davon ausging, dass ein Keeper den Ball runterpflückt kam Zulechner komplett unbedingt zum Abschluss und zimmerte die Kugel unter die Latte. Das 0:1 in der 43. Minute.

„Jetzt müssen es doch wieder die Erwachsenen richten“, so der Kommentar meines Sitznachbarn, der damit Recht hatte. Allein Wolf verpasste den ersten Moment, das Spiel zu verändern: Er wechselte gar nicht. Obwohl dieser HSV bis hierhin an Harmlosigkeit offensiv kaum zu unterbieten war.

Okay, diesmal dauerte es nur fünf Minuten, bis der HSV das erste Mal gefährlich vors Tor des FC Erzgebirge Aue kam. Breitkreuz konnte den Linksschuss von Özcan übers Tor lenken. Und der HSV blieb dran, legte nach. Flanke Narey, schön lang über den bis hierhin fehlerfreien Auer Keeper Männel, Mangala legt den Ball vom Zweiten Pfosten zurück in die Mitte und dort lauert - Manuel Wintzheimer! Der Köln-Joker traf aus kurzer Distanz zum 1:1 (53.). Sein zweiter Treffer im dritten Spiel, seinem ersten von Beginn an. Und ein gutes Zeichen vom HSV, der jetzt wieder das Kommando übernahm und endlich auch die Abschlüsse bzw. den Weg zum Tor suchte.

Und das, obwohl Jatta (Totalausfall) und Narey (mit Ausnahme der Danke vor dem Tor) heute enttäuschten. Der Gambier, den Wolf gegen Magdeburg unnötigerweise vom Platz genommen hatte, musste einfach runter. Lange schon. E wirkte müde, wurde gedoppelt und kam nicht ein einziges Mal wirklich gefährlich über Außen durch. Statt Jatta nahm Wolf in der 65. Minute zunächst den ebenfalls enttäuschenden Özcan runter und brachte Hwang hinter der einzigen Spitze (Wintzheimer). Erst danach brachte Wolf auch Lasogga für Jatta (67.) und Wintzheimer rückte auf die linke Seit, bis der Torschütze wiederum durch Aaron Hunt ersetzt wurde (75.). Von da an agierte Hwang rechts, Narey links, Lasogga im Zentrum und Hunt dahinter - also im Angriff wurde einmal alles komplett neu besetzt bzw. umbesetzt.

Und der HSV blieb am Drücker. Anfällig für Konter, das musste man in kauf nehmen. Aber wenn was durchkam wurde es von Aue schlecht ausgespielt oder von dem heute erneut guten Lacroix abgefangen. Apropos Lacroix: Der Schweizer rechtfertigte seine Aufstellung heute erneut und dürfte in der Verfassung auch weiter den Vorzug vor Bates und Papadopoulos erhalten müsste. Er war es auch, der mit seinem Pass auf Lasogga die nächste HSV-Chance einleitete, denn der Angreifer konnte nur per Foul gestoppt werden und Hunt erhielt 20 Meter vor dem Tor auf halmrechter Position einen direkten Freistoß. Und er traf - leider nur die Unterlatte (86.). Auers Keeper Männel wäre bei diesem Freistoß machtlos gewesen.

Und am Ende war es dann auch ein Freistoß, der die nächste Chance auf den so wichtigen Dreier heute einleitete. Narey war gefoult worden, aber Lasogga traf aus 22 Metern nur die Mauer. Lasogga war es dann auch, der nach einem langen Ball von Lacroix plötzlich und unerwartet den Ball im Sechzehner vor die Füße bekam - ihn aber nicht unter Kontrolle bekam (90.+2). Und auch deshalb blieb es trotz 17:8 Torschüssen und 61 Prozent Ballbesitz am Ende bei dem für den HSV enttäuschenden einen Punkt. Aues Trainer Daniel Meyer nannte es im Anschluss einen nicht unbedingt verdienten Punkt, "aber mit dem Glück des Tüchtigen".

Da Paderborn parallel bei Holstein Kiel mit 2:1 gewann, überholten die Paderborner die zeitgleich in Fürth nur 1:1 spielenden Unionen aus  Berlin und liegen nunmehr zwei Punkte hinter dem HSV auf Rang drei. Schlusswort Hannes Wolf: "Es ist ein Punkt, der sich nicht gut anfühlt. Einmal drüber schlafen und dann geht es gegen Leipzig."

Aber der Pokal interessiert mich irgendwie nicht. Im Gegenteil, die Liga bereitet Sorgen. Es wird enger, logisch. Nur, weil der HSV seine Hausaufgaben im Volksparkstadion gegen die Kellerkinder einfach nicht macht. Drei Spiele in Folge zuhause gegen Darmstadt, Magdeburg und Aue ohne Sieg - insgesamt sind es sogar schon fünf Ligaspiele in Folge ohne Dreier. Logisch, dass die Konkurrenz da langsam aber sicher aufschließt.

Hoffen wir mal darauf, dass der HSV sich selbst noch mindestens acht Tage treu bleibt und es auswärts besser macht. Denn am kommenden Sonntag muss der HSV bei Union Berlin ran. Und dort könnte selbst ein remis dazu reichen, dass der HSV überholt wird - von Paderborn, dem Sieger des heutigen Spieltages.

Bis später! Dann noch mit der Pressekonferenz, ein paar Stimmen zum Spiel und dem Blitzfazit. Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Pollersbeck - Sakai, Lacroix, van Drongelen, Santos - Janjicic, Mangala, Özcan (64.Hwang) - Narey, Wintzheimer (76.Hunt), Jatta (68.Lasogga)

FC Erzgebirge Aue: Männel - Kalig, Wydra, S. Breitkreuz - Rizzuto, Riese, Fandrich, Kempe (46.Kral) - Hochscheidt - Krüger (77.Iyoha), Zulechner (60.Testroet)

Tore: 0:1 Zulechner (43.), 1:1 Wintzheimer (53.)

Zuschauer: 52.354

Schiedsrichter: Dr. Matthias Jöllenbeck (Freiburg)

Gelbe Karten: - / Breitkreuz (2.), Riese (29.)

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.