Marcus Scholz

21. Februar 2020

In den letzten Tagen habe ich immer wieder über die fehlende Derbystimmung schwadroniert bzw. wie langsam sich selbige bei mir einzustellen vermochte. Aber sie ist da. Das kann ich heute sagen. Gänzlich anders als sonst - aber sie ist da. Denn das Spiel des HSV am Sonnabend gegen den FC St. Pauli im Volksparkstadion wird mehr zu bieten haben als spannende, hitzige und unterhaltsame 90 Minuten. Dieses Stadtderby ist geprägt von einer Rivalität, die höher kaum sein kann. Und genau das ist die Basis, um morgen im Volksparkstadion geschlossen ein Zeichen zu setzen. Gemeinsam. Gegen Rechte Hetze, gegen Rassismus und jegliche Form von Ausgrenzung. So, dass am Ende auch völlig unabhängig vom Spielausgang alle 57.000 Zuschauer (und noch viel mehr Hamburger) als Gewinner aus diesem Derby hervorgehen.

Der FC St. Pauli und seine Fans schreiben sich diese gelebte Vielfalt seit ass der HSV das kann, hat er bereits bewiesen. Im Fall Bakery Jatta haben Fans, Spieler, Trainer und Vereinsoffizielle gleichermaßen klar Position bezogen. Pro Mensch, pro Jatta - und gegen Diskriminierung. In dem lesenswerten Interview in der aktuellen Stadionzeitung „HSVlive“ hat sich Jatta für etwas bedankt, was nichts anderes ist als eine logische Reaktion auf etwas, was nie hätte passieren dürfen. Aber wichtiger noch ist, dass Jattas Beispiel weiter leuchtet und uns zeugt, wo wir hingehören: Auf die Seiten der Menschen. Gegen Rassismus. Lasst uns Bakery Jatta nur der Anfang gewesen sein. Leute, die tatsächlich behaupten, dieses seit Wochenbeginn - also weit vor der Tat von Hanau - geführte und gedruckte Interview sei ein geschmackloses Stilmittel um die schrecklichen Geschehnisse von Hanau auszunutzen, sind ebenso dumm wie nicht besser als alle anderen Hetzer.

In den Farben getrennt, im Kampf gegen Rechts vereint

Und so uneinig sich selbst der verbohrteste, härteste HSV-Fan mit dem übelsten St.-Pauli-Fan auch vorher und nachher sein mag, in dieser einen Sache müssen wir enger zusammenstehen denn je. Das Beispiel der grausamen Morde von Hanau ist kein Indiz mehr dafür, sondern der grausame Beweis, dass wir hier schon weit über die Anfänge hinaus sind. Und das größte Glück für uns Hamburger ist, dass wir nach dem Derby schon am Sonntag das nächste Zeichen setzen können, indem wir zur Wahl gehen und  beweisen, dass Rechtsextremismus in unserer Stadt keinen Platz hat.

Die Vorstellung, dass sich das Stadion - in den Farben getrennt, in der Sache vereint - gegen Nazis erhebt, dann ein friedliches und mit allen Emotionen behaftetes heißes Derby erlebt, um am Sonntag der AfD den Einzug in die Bürgerschaft zu verweigern - daran glaube ich. Ich freue mich darauf.

Wobei wir bei allem Übergeordneten, deutlich Wichtigeren auch den sportlichen Teil nicht vergessen dürfen. Denn der wird morgen mindestens 90 Minuten im Mittelpunkt stehen, was auch gut so ist. Und wie seit dieser Saison üblich, haben Christian und ich für Euch die wichtigsten Fakten vor dem Spiel noch einmal kompakt zusammengetragen. Aber lest selbst:

 

Die Ausgangslage

HSV: Durch den verpassten Sieg in Hannover hat der HSV die in den ersten drei Spielen erarbeiteten zwei Punkte auf die beiden Hauptkonkurrenten wieder verloren. Ergo: Alles ist wieder auf Null gestellt. Wie die meisten erwartet auch Trainer Dieter Hecking einen Dreikampf um den Aufstieg bis Saisonende. Zudem lobte er die formstarken Kieler und betonte noch einmal, dass endlich alle auch Tabellenführer Arminia Bielefeld ihrer Tabellenposition entsprechend ernst nehmen sollte. „Ich kann nur hoffen, dass endlich alle die Arminia auf dem Schirm haben“, so der HSV-Trainer. Und das bedeutet zugleich, dass der HSV Woche für Woche seine Spiele gewinnen muss. Mal vorlegen, mal nachziehen - aber es wird eng bleiben. So, wie in einem Derby, bei dem alle Seiten betonen, dass die Qualität nicht entscheidend sei, sondern der Wille während der 90 Minuten.

FC St. Pauli: Aus der Sicht des FC St. Pauli weist die Ausgangslage erstaunlich viele Parallelen zum Duell in der Hinrunde auf: Die Kiezkicker stecken tief in der Krise, kämpfen als 14. mit mageren 23 Zählern um den Klassenverbleib in Liga zwei. Der bis dato letzte Sieg (3:0 gegen Bielefeld) ist auf den 21. Dezember 2019 datiert. Doch das positive Gefühl aus dem Überraschungssieg ist verschwunden, stattdessen ist große und breite Ernüchterung der Dauer-Begleiter momentan bei Pauli. 0:3 bei Greuther Fürth, 1:1 gegen den VfB Stuttgart, 1:2 bei Holstein Kiel, zuletzt das enttäuschende 0:0 am Millerntorstadion gegen Dynamo Dresden. Die Mannschaft von Trainer Jos Luhukay hat in dieser Spielzeit bewiesen, dass sie in den direkten Duellen mit den „Großen“ in der Liga durchaus für Furore sorgen kann. Das musste auch der HSV im Hinspiel erfahren, als Pauli nicht unverdient 2:0 gewann. Genau aus dieser Tatsache schöpft vor allem Luhukay Zuversicht - zumindest verkörpert er diese nach außen. „Wir freuen uns richtig darauf“, sagte der Holländer im Vorfeld der Begegnung: „Der HSV hat qualitativ die bessere Mannschaft, aber das hat keine Bedeutung im Derby. Der Ausgang des Duells ist auch nicht anhand des Tabellenplatzes vorherzusehen.“

 

Das größte Problem

HSV: Der HSV muss sein Zentrum ersetzen. Nach dem schwerwiegenden Ausfall von Adrian Fein, der trotz Maske noch „definitiv ausfallen wird“ wie Hecking bestätigte, muss auch der vielleicht wichtigste Mann im Zentrum ersetzt werden: Jeremy Dudziak. Einen Eins-zu-Eins-Ersatz hat der HSV nicht im Kader, deshalb muss Trainer Hecking basteln. Aaron Hunt wird von den meisten vermutet, David Kinsombi hat Außenseiterchancen auf seinen Einsatz - Christoph Moritz wäre eine riesige Überraschung. „Vielleicht liegt ihr alle daneben“, hatte Hecking Anfang der Woche gesagt, als wir ihn auf diese drei Kandidaten angesprochen haben. Und ich habe immer wieder überlegt, was er meinen könnte. Denn für große Experimente ist derzeit sicher nicht der richtige Zeitpunkt. Dennoch hätte ich eine gewagte These, auch wenn ich ihr selbst nur gerne Chancen beimesse: Statt Hunt könnte Sonny Kittel im Zentrum neben Schaub agieren, während Jatta auf die linke Offensivseite und der ebenfalls laufstarke Martin Harnik auf die rechte Offensivseite. Dann hätte man hinter Hinterseer zwei Spieler quasi ohne Defensivverhalten (was bei Hunt Bauch nur bedingt anders wäre). Man hätte aber im Zentrum Spielwitz sowie Tempo und wäre auf den Außenbahnen laufstärker.

FC St. Pauli: Weit muss der Pauli-Mannschaftsbus nicht zum Auswärtsspiel fahren. Das Duell beim HSV - ein gefühltes Heimspiel. Und vielleicht hilft das dem FCSP den mittlerweile chronischen Auswärtsfluch zu brechen. Seit März 2019, also nunmehr seit saisonübergreifend 15 Spielen, hat Pauli in der Fremde keine drei Punkte mehr geholt - eine Horror-Bilanz. In den vergangenen fünf Partien erwies sich Pauli als besonders freundlicher Gast - alle Spiele gingen verloren. Dass es nun gegen das aktuell zweitbeste Heimteam der Liga (ein Heimspiel weniger als Stuttgart) geht, lässt die Mission „Auswärtssieg“ nicht unbedingt realistischer erscheinen. Eine nächste Zahl des Grauens: Unter Luhukay durfte Pauli noch überhaupt nicht auswärts jubeln, holte insgesamt nur vier mickrige Punkte. Die Auswärtsschwäche hat den Kult-Klub ganz tief in das Abstiegsdilemma schlittern lassen.

 

Der Lichtblick

HSV: Der HSV hat wieder Torjäger. Lukas Hinterseer brachte es in den letzten sechs Spielen auf fünf Treffer, Joel Pohjanpalo auf zwei Tore in drei Kurzeinsätzen. „Ich habe zwei Stürmer, die das Tor treffen - und einer wird spielen“, sagte Hecking auf die Frage, wer beginnen wird. Der HSV-Coach hat in der Hinrunde suchen müssen - jetzt hat er die Qual der Wahl. Als wahrscheinlich gilt, dass Hinterseer beginnt und Pohjanpalo seine Role als Joker beibehält- 7, dann 19 - und zuletzt 27 Minuten durfte der Finne ran. Ginge es in diesem Rhythmus weiter, wäre jetzt eine Einwechslung zur Halbzeit wahrscheinlich. Und so könnte es auch aussehen. Wichtig hierbei ist, dass der HSV sich mit einem Wechsel nicht mehr verschlechtert, sondern die Wechsel zuletzt den gewünschten Erfolg brachten. Zudem hat der HSV bewiesen, dass er Last-Minute-Tore kann. Die Hecking-Mannen wissen, dass sie jedes Spiel am Schluss noch drehen können.

FC St. Pauli: Personell ist die Lage bei St. Pauli entspannter denn je. Luhukay kann fast auf alle seine Profis zurückgreifen, lediglich Innenverteidiger James Lawrence steht für einen Einsatz noch nicht zur Verfügung, da er noch Trainingsrückstand hat. Die größten Hoffnungen bei den braun-weißen ruhen indes auf Stürmer Henk Veerman. Der 28-jährige Niederländer ist Paulis Stürmer Nummer eins und hat nach seinem überstandenen Kreuzbandriss bereits sechs Treffer in elf Partien in dieser Spielzeit erzielt - ein Top-Wert. Wie wichtig Veerman für Pauli ist, verdeutlicht folgender Wert: Von den vergangenen acht Treffern des Kiezklubs hat Veerman alleine fünf erzielt. Im Hinspiel konnte der Niederländer noch nicht stürmen, nun brennt er auf das Duell gegen den HSV und will seine Torquote weiter ausbauen.

 

Brennpunkt-Thema

Wie immer beim Derby: die Sicherheit. In der Saison 2018/2019 wurde das Duell im Volksparkstadion noch mit voller Anspannung von allen Beteiligten erwartet - mittlerweile ist eine gewisse Routine eingekehrt. Auch bei der Polizei, die erneut auf das bewährte Konzept der strikten Fantrennung zurückgreifen will. Bislang ist es im Vorfeld ziemlich ruhig zugegangen. Einzelne Ausbrüche bleiben hoffentlich vereinzelt. Ebenso wie die von beiden Fanlagern angekündigten Fanmärsche. St. Pauli-Ultras ziehen vom Millerntorstadion zu den Landungsbrücken und mit der S-Bahn zur Station Othmarschen. Von dort aus soll es zu Fuß zum Volksparkstadion gehen. Die HSV-Anhänger planen, vom Bahnhof Stellingen zum Stadion zu laufen. Erwartet werden rund 3.000 Fans der Rothosen. Dem gegenüber stehen aktuell geplant 1500 Polizisten und um das Derby. Offen ist, ob es am Vorabend auf dem Kiez ruhig bleibt, wo sich die HSV-Anhänger mitten auf dem Kiez (Albers-Platz) zum „Warmup“ treffen wollen.

 

Taktik

FC St. Pauli: Himmelmann - Ohlsson, Buballa, Østigard, Zander - Buchtmann, Benatelli - Sobota, Miyaichi, Gyökeres, - Veerman

HSV: Heuer Fernandes - Beyer, Letschert, van Drongelen, Leibold - Jung - Hunt, Schaub - Jatta, Hinterseer, Kittel.

 

Ausblick

HSV: Nach dem Stadtderby geht es nach Aue, ehe Regensburg nach Hamburg kommt. Zwei schwere Spiele - die beide gewonnen werden müssen. Ob Trainer Dieter Hecking schon in Aue oder erst danach wieder auf Adrian Fein zurückgreifen kann, ist noch offen. Wichtig wäre es. Und während der VfB Stuttgart (gegen Regensburg) morgen parallel zum HSV spielt, muss Bielefeld am Sonntag (zuhause gegen Hannover 96) nachlegen. Bleibt zu hoffen, dass der HSV den Druck mit einem Derbysieger hoch hängt… FC St. Pauli: Jos Luhukay hat recht, wenn er sagt, dass der Ausgang der Partie nicht anhand der Tabelle abzulesen ist. Dafür ist ein Derby nun einmal ein zu spezielles Spiel. Für die eigene Situation wäre ein Sieg jedoch extrem wichtig, wenn Pauli nicht noch schlimmer abstürzen will. Weil der HSV jedoch der klare Favorit ist, müssen die Paulianer eher mit einer Niederlage planen, die die Sorgen weiter vergrößern würde.

 

In der Hoffnung auf ein rundum friedliches Derby mit einer starken Nachricht - und natürlich einem HSV-Sieg - bis morgen! Da melde ich mich zusammen mit Kevin und Janik aus dem Stadion. Zunächst wie gewohnt 30 Minuten vor dem Anpfiff via Facebook mit letzten News zum Derby. Und später natürlich auch nach dem Spiel noch mit dem Blog und dem Blitzfazit zum Spiel. Euch allen bis dahin erst einmal einen richtig schönen Freitagabend!

Scholle

 

FAQs

 
 

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