Marcus Scholz

23. September 2019

Der Tag nach einem so überzeugenden Heimspiel wie dem 4:0 gegen den FC Erzgebirge Aue ist eigentlich geprägt von guter Laune. Die Fragen sind positiv, die Antworten zumeist Lob an Spieler und Verantwortliche. Aber das war heute anders. Heute stand dieses Spiel nicht mehr im Mittelpunkt, nachdem der HSV bekanntgegeben hatte, dass der Vater von Trainer Dieter Hecking am Vorabend verstorben war. In der Pressemitteilung hieß es:

TRAUERFALL BEI TRAINER DIETER HECKING

DER VATER DES 55-JÄHRIGEN ÜBUNGSLEITERS VERSTARB AM SONNTAG NACH KURZER, SCHWERER KRANKHEIT.

Mit Betroffenheit informieren wir, dass am gestrigen Sonntag (22.9.) der Vater unseres Cheftrainers Dieter Hecking nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist.

Dies war der Grund, warum Dieter Hecking am Sonnabend am Abschlusstraining nicht teilnahm und gestern alle Interviews und die Pressekonferenz absagte.

Familie Hecking bittet darum, ihre stille Trauer zu respektieren. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Hamburger SV

Und so sehr es mir ein Bedürfnis ist, dem Trainer sowie der gesamten Familie Hecking mein aufrichtiges Beileid auszusprechen, so klar ist für mich, dass wir das Thema hier genau so wie am Sonnabend und am Sonntag behandeln werden. Nämlich so, wie es sich die Familie um Dieter Hecking wünscht: gar nicht. Oder wie sagte es Martin Harnik völlig richtig: Nichts ist heiliger als die Familie. Und dazu zählt auch, dem Wunsch der Familie Hecking zu entsprechen.

Dass es heute beim HSV trotzdem einen geregelten Tagesablauf gab, liegt daran, dass Hecking einen funktionierenden Trainerapparat aufgebaut hat. Mehr noch: Neben dem neuen Cotrainer Tobias Schweinsteiger hat er in Dirk Bremser seit 15 Jahren einen engen Vertrauten, der weit mehr als nur sein Trainer ist. Heute leitete Bremser das Spielersatztraining und stand danach - wie schon gestern nach dem Spiel - für Interviews zur Verfügung. Und er musste heute vor allem Fragen nach der neuen Stabilität des HSV beantworten. Der souveräne 4:0-Sieg gegen Erzgebirge Aue nach der bitteren Derbypleite am Montag hatte Eindruck hinterlassen. Vor allem hat der Sieg dem HSV neue Räume geöffnet. Personell wurde deutlich, dass Rotation keinen Qualitätsverlust mit sich bringen muss. im Gegenteil.

Vagnoman nutzt seine Chance - Harnik ist endlich angekommen

Und neben dem offensichtlichsten Gewinner des gestrigen Spiels, Rick van Drongelen, dürfen sich auch Martin Harnik und Josha Vagnoman als Gewinner des Spiels fühlen. Denn während Harnik mit einem Tor und einem Assist endgültig beim HSV angekommen ist, absolvierte Vagnoman gestern ein gutes Spiel als Ersatz für den noch länger verletzten Jan Gyamerah. Zusammen mit dem erfahrenen Harnik harmonierte der U20-Nationalspieler besser als am Montag mit Khaled Narey. Und damit meine ich nicht allein sein Tor. Das war sicherlich wichtig - aber vor allem hat es verdeutlicht, dass sich Vagnoman endlich etwas traut. Aber es war nicht entscheidend für seine Gesamtbewertung.

 

Es war Vagnoman erstes richtig gutes Pflichtspiel für die Profis über 90 Minuten. Und dafür reichte mir sein besseres Defensivverhalten und der Mut, endlich auch offensiv mitzuwirken. Wie die Trainer mit Vagnoman zufrieden waren? Bremser weicht aus. Er spricht generell über das heranführen von Talenten: „Es kommt dabei auch darauf an, wie man als Trainer mit dem Spieler umgeht. Es ist sicher nicht selbstverständlich, dass er gleich wieder spielt. Wichtig ist, dass Josh weiß, dass er auch Fehler machen darf und wir ihm trotzdem vertrauen. Er selbst muss aber daraus lernen, denn letztendlich geht es immer um Leistung. Wir ermuntern die Jungs, dass sie mutig sind.“

Bei Vagnoman ist das immer sehr schnell erkennbar. In der Vorbereitung hatte er, so formulierte es mal einer meiner früheren Trainer, „eine Körperspannung wie ein Regenwurm“. Da folgte Fehler auf Fehler und der Rechtsfuß schien immer weiter den Anschluss zu verlieren. Bis er in der U21 eingesetzt wurde und dort in drei Spielen drei Tore erzielte. Allein das bewirkte in dem 18-Jährigen offenbar schon einen erkennbaren Leistungsschub fürs Training. Von daher bleibt abzuwarten, was dieser erste Treffer auf Profiebene auslöst. Bremser selbst hofft: „Das Tor steigert das Selbstvertrauen. Mit jeder gelungenen Aktion wächst die Sicherheit - und trotzdem wird er immer wieder mal Fehler machen. Genau das Ganze müssen wir als Trainer vernünftig moderieren.“

Vertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg - und eine stabile Mannschaft

Auch Xavier Amaechi sei dafür ein gutes Beispiel. Gegen Aue kam er in der zweiten Halbzeit ins Spiel und hatte einen eher schweren Stand. Er verlor viele Bälle, weil ihm die Körperlichkeit und das Durchsetzungsvermögen noch fehlte. Die Abstimmung, wann er ins Dribbling gehen und wann er besser passen sollte, fehlte. „Genau hier setzt auch eine Form von Vertrauen an“, sagt Bremser, „indem wir mit ihm reden, die Fehler besprechen und ihm sagen, dass er weiter mutig ausprobieren soll. Wir geben ihm Tipps an die Hand, er setzt sie um und lernt in der Praxis. So baut man junge Spieler auf.“ Man müsse sich auch bei dem jungen Engländer immer bewusst sein, dass er hier auf der Außenbahn starke Konkurrenz hat. Aber er hat auch gute Voraussetzungen. „Wir als Trainer müssen ihn jetzt heranführen, und dafür ist es leichter, in einer erfolgreichen Mannschaft, wo die Mannschaft eng zusammensteht, reinzufinden.“ Also in einem Team, wie es der HSV aktuell ist.

Und diese Mannschaft bekommt weiter Zuwachs aus der Rehazone. Timo Letschert ist schon wieder voll im Training und könnte schon für das Wochenende bei Jahn Regensburg am Sonnabend schon zur Alternative werden. „Wir sehen dann, wie er sich selbst fühlt und wie er auf die Belastung reagiert hat. Bislang sieht es gut aus.“ Ewerton indes hat aktuell einen grippalen Infekt. „Er soll aber am Mittwoch wieder voll ins Rehaprogramm einsteigen und in der Länderspielpause voll mittrainieren“, so Bremser. Bedeutet: Gegen Regensburg und danach zuhause gegen Fürth wird der Brasilianer noch fehlen. Erst beim nächsten Auswärtsspiel am 21.Oktober (20.30 Uhr) wäre er wieder dabei - und das könnte ein absolutes Spitzenspiel werden bei der überraschend stabil und erfolgreich aufspielenden Arminia Bielefeld.

 

Aber okay, so viel für heute. Sehr empfehlenswert ist der Taktikblog von Tobias Escher hier in der Rautenperle. Und: Ich melde mich dann morgen früh um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch. Für alle Trainingskiebitze an dieser Stelle noch der Hinweis, dass die Mannschaft morgen frei hat. Trainiert wird erst am Mittwoch wieder um zehn und um 15.30 Uhr am Volksparkstadion. Donnerstag wird dagegen nicht öffentlich trainiert, ehe am Freitag die Abschlusseinheit um 12 Uhr ansteht.

Euch allen einen schönen Abend.

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.