Marcus Scholz

7. Dezember 2018

Dem Mobiltelefon sei Dank: Unmittelbar nach Spielschluss schaltete das Stadionmanagement die Flutlichter aus und überließ es den 49.449 Zuschauern, den Abschluss eines bescheidenen Fußballjahres im Volksparkstadion doch noch mit einer Feier zu beschließen. 1:0 hatte die Mannschaft von Trainer Hannes Wolf gegen den SC Paderborn gewonnen. Khaled Narey war der Torschütze des Tages und sorgte dafür, dass ein Großteil der Zuschauer trotz des bescheidenen Wetters bei Dauerregen im Stadion verweilte und die Tabellenführung feierte. 34 Punkte nach nunmehr 16 Saisonspielen in der Zweiten Liga bedeuten einen Punkt mehr als Verfolger 1. FC Köln und (zumindest vorerst) sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz (Union Berlin spielt Sonntag in Magdeburg) sowie neun Punkte auf den Tabellenvierten, den FC St. Pauli, der am Montag gegen Bochum den 16. Spieltag beschließt.

Ehrlich gesagt passte das Wetter heute irgendwie nicht zum Spiel. Oder doch? Immerhin wurde der Ball so auf dem nassen Grün noch ein wenig schneller und sorgte für ein Spiel, das seine Erwartungen erfüllte. Und es begann, wie man es vermutete hatte: stürmisch. Allerdings war es ausschließlich der HSV, der in den ersten zehn Minuten Vollgas ging. Es waren keine 45 Sekunden gespielt, als Hee-chan Hwang und Lewis Holtby im Nachgang einer richtig guten Schusschance von Khaled Narey den Ball verpassten. Nach zweieinhalb Minuten schloss Holtby einen vielversprechenden Konter aus 17 Metern ab. Und nach 3 Minuten und 49 Sekunden kam der sehr agile Ex-Paderborner Narey wieder aus 14 Metern halbrechter Position zum Torschuss, traf aber nur den linken Außenpfosten. Es hätte also nach knapp vier Minuten schon vier Tore geben können - was für ein Beginn!

Und nachdem Paderborn einen harmlosen Kopfball und einen ungefährlichen Distanzschuss angebracht hatte, passierte, was sich abgezeichnete: Der HSV ging in Führung. Der ebenso wie Narey sehr auffällige, bewegliche Bakery Jatta hatte auf der linken Seite den Ball erkämpft, passte ihn quer in die Mitte zu Hunt, der den Ball mit dem Außenrist schön direkt auf Orel Mangala weiterleitete. Der auch heute wieder (für die Paderborner oft deklassierend überlegene und) starke Belgier trieb den Ball ein paar Meter, legte ihn im richtigen Moment rechts dem mitgelaufenen Narey auf und - aller guten Dinge sind drei - der Rechtsaußen traf! Sein dritter Versuch aus halbrechter Position saß im langen Torwarteck. Interessant: Das 1:0 in der 11. Minute war ein Treffer nach genau so einem schnellen Gegenstoß, wie ihn Trainer Hannes Wolf noch am Vortag beim Abschlusstraining immer wieder hatte üben lassen.

Und das Spiel blieb sehr kurzweilig. Weil Paderborn sich nicht versteckte und selbst den Weg nach vorn suchte. Zumeist vergeblich gegen einen offensiv wie defensiv sehr starken, aggressiven HSV. Dennoch hätten die Gäste in der 16. Minute fast ausgeglichen. Auch das war übrigens vorher von Wolf angesagt, aber Philip Klement scheiterte mit einem Freistoß aus 22 Metern an der Oberkante der Querlatte, während der leicht angeschlagene Keeper Julian Pollersbeck machtlos den Ball „übers Tor guckte“ und das 1:0 letztlich bis zur Halbzeit Bestand hatte. „Kritisieren auf hohem Niveau“ nannten es meine Kollegen, als ich anmerkte, dass das gute Spiel nur dadurch einen Makel hätte, dass der HSV seine guten Spielzüge nicht noch zielführender zum Abschluss brachte und eiskalt das annahm, was Paderborn ihm anbot. Zudem, und dabei bleibe ich, ist Hwang mit seiner Spielweise noch immer nicht voll integriert. Es war schon besser als zuletzt, dennoch kam Hwang noch nicht so zum Zug, wie man es sich bei ihm mit dem Tempo und der Ballfertigkeit erhofft bzw. auch erhoffen darf.

Die zweite Hälfte begann auf HSV-Seite unverändert, während Paderborn einmal wechselte. Das Spiel blieb ebenfalls unverändert kurzweilig. Nur vier Minuten nach Wiederanpfiff kamen die Paderborner zur zweiten guten Gelegenheit kam: Gueye traf aus sechs Metern mit seinem Kopfball nur die Latte (49.). Und wieder nur eine Minute später verpasste Narey aus 17 Metern nur knapp mit links das Tor, während Jatta in der 54. Minute nur knapp den rechten Winkel verpasste, nachdem der heute starke Sakai den Ball über rechts in die Mitte brachte, Holtby auf eben jenen Jatta weitergeleitet hatte. Und hätte Hwang in der 57. Minute genauer gezielt oder den Ball in der 58. Minute von Mangala besser erarbeitet können - es hätte die Vorentscheidung geben können. Gab es aber nicht. Leider nicht.

Und so blieb es spannend. Zumal die Paderborner ab Überschreiten der Mittellinie immer wieder Tempo aufnahmen und immer wieder andeuteten, dass es für den HSV mit einem einzigen Treffer bis zum Schluss eng bleiben würde. Auch deshalb versuchte Wolf, der Offensive noch einmal neue Durchschlagskraft zu verleihen. Er nahm den agilen, aber wieder einmal unglücklichen Hwang runter und brachte - Tatsuya Ito. Der kleine Japaner ging auf die linke Außenbahn, während Jatta nach rechts ging und sich mit Narey im Sturmzentrum abwechselte. Die Belohnung für Itos gute Trainingswoche - und zugleich ein Schlag in die Magengrube für Fiete Arp, der sich zunächst einmal weiterhin am Spielfeldrand warmlaufen musste. Hätte der Paderborner Keeper Zingerle in der 71. Minute nicht mit einem sensationellen Reflex den Ball von Narey (nach Querpass Jatta) zur Ecke gelenkt - Wolf hätte mit seinem Wechsel alles richtig gemacht und Schulterklopfer für seinen Wechsel eingestrichen.

Hätte, wenn und aber - so aber wurde es spannend, denn der HSV zog sich für mich unverständlich weit zurück, anstatt weiter nach vorn zu spielen. Mal wieder. Kontern war angesagt, war aber in der Praxis selten mehr als ein langer Ball nach vorn, dem Jatta hinterhechten sollte, bis er in der 84. Minute bei stehenden Ovationen ausgewechselt wurde - für Fiete Arp. Und der Youngster hatte keine 60 Sekunden nach seiner Einwechslung DIE Großchance zur Entscheidung auf dem Fuß hatte. Hunt hatte den Ball durchgesteckt, Arp lief allein auf Zingele zu - und scheiterte an dem starken Keeper (85.). Unfassbar, wie man sein Glück hier und heute wieder einmal herausforderte.

Aber es langte am Ende. Auch, weil die Paderborner in der vierten Minute der Nachspielzeit eine Riesenchance nach einem Konter fahrlässig liegenließen. „Spitzenreiter, Spitzenreiter - hey, hey!“, sangen die Fans, die den HSV heute über die kompletten 90 Minuten trugen. In den letzten Minuten saß hier heute niemand mehr auf seinem Platz. Eine Nebenwirkung der verpassten Vorentscheidungen. Aber auch ein Ausdruck der Zufriedenheit mit dem Engagement, dass dieser HSV hier aktuell an den Tag legt. Auf jeden Fall war es für mich das erwartet interessante Spiel, das der HSV am Ende nutzte, um die Tabellenführung im Fernduell mit Köln (3:1-Sieg bei Jahn Regensburg) zu verteidigen. Und darum ging es am Ende in allererster Linie.

Ich beende den heutigen Blog mit einem Zitat von Hannes Wolf von der PK nach dem Spiel: „Wir haben großen Respekt vor der Liga und großen Respekt vor unseren Gegnern. Daher soll sich bitte niemand über knappe Siege ärgern." In diesem Sinne, bis später. Dann mit unserem Blitzfazit und ein paar Stimmen. Bis gleich!

Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos -  Mangala - Narey, Hunt, Holtby (76. Moritz), Jatta (84. Arp) - Hwang (67. Ito)

SC Paderborn: Zingerle - Dräger (82. Düker), Hünemeier, Schonlau, Collins - Vasiliadis - Antwi-Adjej, Klement, Schwede (46. Boeder) - Gueye (68. Zolinski), Michel

Tore: 1:0 Narey (11.)

Zuschauer: 49.449

Schiedsrichter: Benjamin Cortus (Röthenbach)

Gelbe Karten: Jatta (45.), Bates (89.)/ Schonlau (7.), Vasiliadis (34.)

 

STIMMEN ZUM SPIEL (hsv.de):

Khaled Narey: Ich habe mich natürlich sehr über mein erstes Heimtor gefreut, bislang hatte ich ja nur auswärts getroffen. Trotzdem haben wir es wieder unnötig spannend gemacht, weil wir es einfach nicht schaffen, frühzeitig den Sack zuzumachen. Auch ich hätte noch das eine oder andere Tor mehr machen können oder sogar müssen. So hatte Paderborn in der Schlussphase doch noch die Chance auf den Ausgleich, aber glücklicherweise haben wir es über die Zeit gebracht und freuen uns sehr über den Dreier. Schön, dass wir den Fans im letzten Heimspiel des Jahres diesen Sieg schenken konnten, das war unser großes Ziel.

Aaron Hunt: Wir haben am Anfang richtig gut gespielt und hätten sogar früher in Führung gehen können. Nach dem 1:0 haben wir dann ein wenig den Faden verloren. So war das Ergebnis lange Zeit zu knapp. In der zweiten Halbzeit hätten wir mindestens noch ein weiteres Tor schießen müssen. Es hakt momentan etwas daran, dass wir die Spiele unnötig spannend machen. Insgesamt ist es aber völlig verdient, dass wir gewonnen haben. Jetzt wollen wir auch die letzten beiden Spiele des Jahres gewinnen.

Rick van Drongelen: Wir haben es insgesamt gut verteidigt und haben wieder zu Null gespielt, das ist positiv. Aber wir müssen das Spiel früher entscheiden, es hätte Mitte der zweiten Halbzeit auch schon 3:0 oder sogar 4:0 stehen können. So wurde es am Ende nochmal ein hartes Stück Arbeit. Aber unsere Leistung war okay, wir haben verdient gewonnen, das zählt und freut uns. Sich so von den Fans im letzten Heimspiel zu verabschieden, war unser großes Ziel. Aber jetzt geht es weiter, nächste Woche ist schon wieder das nächste wichtige Spiel in Duisburg. Immer weiter!

David Bates: Wir hätten das Spiel früher entscheiden müssen, aber leider haben wir unsere Chancen vergeben. Wichtig war, dass wir zu Null gespielt haben. Das ist für uns als Verteidiger immer eine schöne Sache. Am Ende hatte Paderborn noch eine richtig gute Chance, daran müssen wir arbeiten. In den letzten Minuten hat der Gegner alles nach vorne geworfen, aber wir haben dagegen gehalten. 

Fiete Arp: Nach all dem, was in diesem Jahr hier passiert ist, war das heute ein versöhnlicher Abschluss im Volksparkstadion. Wir sind die richtigen Schritte gegangen, müssen aber weiter hart arbeiten, um die richtigen Erfolge verbuchen zu können. Ich bin froh, dass meine vergebene Chance keine negativen Auswirkungen auf das Ergebnis hatte. Der Sieg für das Team ist aber wichtiger als ein eigenes Tor. 

Hannes Wolf: Wir sind sehr gut ins Spiel reingekommen, haben von Anfang an viel Druck und Tempo ausgeübt. Wir schießen in dieser ersten Drangphase auch sofort das Tor, was uns gut tut. Danach haben wir gegen eine spielerisch sehr gute Mannschaft gut verteidigt und nur wenig zugelassen. Wir hatten dann die Umschaltmomente, in denen wir die Führung hätten erhöhen können, was uns aber leider nicht gelungen ist. In der zweiten Hälfte hat Paderborn noch besser gespielt, wir hatten allerdings die besseren Torchancen. Das zweite Tor wollte uns aber einfach nicht gelingen. Wir nehmen auch aus diesem Spiel wieder einige Themen mit für die kommende Woche.

Steffen Baumgart: In der ersten Halbzeit haben wir es nicht geschafft, unseren Plan konsequent umzusetzen. Wir haben meiner Meinung nach viel zu viele einfache Fehler gemacht und dadurch den HSV zu Chancen eingeladen. In der zweiten Halbzeit lief es dann besser für uns. Wir haben mehr nach vorn gespielt und versucht, spielerische Ansätze zu finden. Nach unseren Möglichkeiten war es ein relativ ausgeglichenes Spiel, aber am Ende geht der HSV als verdienter Sieger vom Platz.

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.