Marcus Scholz

18. April 2019

 

Klar, am Monatsende, spätestens wenn das Gehalt überwiesen wird, würden sicher die meisten von uns gern mal mit den HSV-Profis tauschen. Wobei, für heute das auch gelten. Denn heute durfte sich die Mannschaft auf dem saftigen Grün der Trainingsplätze am Volksparkstadion aktiv erholen. Gerade einmal 45 Minuten mit einem spaßigen Handball- und einem Kreisspiel standen auf dem Plan, ehe die Spieler sich auf eben jenes Grün fallen lassen und die Sonne genießen konnten. Kaputt waren sie alle nicht. Sollten sie aber auch nicht sein, wenn man Hannes Wolfs Trainingsplanung am Wochenbeginn nach dem 1:1 in Köln verstanden hatte. Denn während in den letzten Tagen die weniger belasteten Spieler immer wieder Steigerungsläufe in die normale Einheit einschoben, wurden die Mehrbelasteten geschont. Auch die angeschlagenen Spieler.

Heute indes galt die Schonung offenbar allen. Ohne freien Tag wurde der heutige Trainingstag zur aktiven Erholung umfunktioniert. Und dementsprechend gut gelaunt ging es auf dem Platz auch zu. Es wurde geflachst und viel gelacht. Und auch nach der Einheit waren alle gut gelaunt. Das mag zum einen am schönen Wetter gelegen haben, das den ersten Anflug von Sommer mit sich brachte. Aber bei Aaron Hunt beispielsweise lag es ganz sicher auch daran, dass er die letzten Trainingseinheiten komplett mitmachen konnte und keinerlei Probleme mehr zu haben scheint. „Es ist alles unverändert gut“, sagte er mir heute nach dem Training, „ich fühle mich sehr gut, habe keine Schmerzen. Und keine Bedenken.“

In den nächsten 24 Stunden muss entschieden werden, ob Hunt gegen Aue schon sein Comeback feiern darf - oder ob selbiges noch mal aufgeschoben wird. Morgen soll er sich mit dem Trainer hinsetzen und besprechen, wie es konkret weitergeht. Ob er gern schon gegen Aue dabei wäre? „Ich schon. Bedenken habe ich nicht. Aber ich entscheide es nicht, das ist wie immer Sache des Trainers, so Hunt, der allerspätestens im Pokalspiel gegen RB Leipzig am kommenden Dienstag im Volksparkstadion mit seinem Comeback rechnet. „Das dürfen wir nicht vergessen, auch wenn die Spiele in der Liga jetzt natürlich extrem wichtig sind“, so der Kapitän, der erneut anfügte, dass sechs Wochen Pause Zeit genug gewesen seien, um sich zu regenerieren. Zudem würde immer ein Restrisiko bleiben. Ob jetzt oder in ein paar Wochen sei dabei eher unerheblich.

Fakt ist, dass es heute den entscheidenden Belastungstest augenscheinlich nicht gegeben hat. Weder bei Hunt noch bei den anderen zuletzt angeschlagenen Spielern wie Pierre Michel Lasogga und Hee-Chan Hwang, die beide heute problemlos muttrainierten und sichtlich Spaß hatten. Und während der Südkoreaner den Daumen auf die Frage hob, ob er gegen Aue dabei sein kann, antwortete Lasogga den neugierigen Kiebitzen nach dem Training: „Das hoffe ich doch.“ Läuft alles normal, da lege ich mich fest, steht Lasogga am Sonnabend gegen Aue auch wieder in der Startelf. Allemal vor Berkay Özcan, der in den letzten Wochen irgendwie immer wieder zum Opfer der Wolf’schen Umstellungen wurde. Denn weder auf der Außenbahn noch im Sturmzentrum funktioniert der zwar technisch gute, aber insgesamt schlichtweg zu langsame Mittelfeldspieler.

Womit wir beim Thema sind, denn trotz der Komplimente für die funktionalen Wechsel gegen Köln steht Wolf erneut vor einer schwierigen Aufgabe. Das hat auch Tobias Escher gestern sehr trefflich beschrieben:

Die Offensivprobleme muss der HSV dringend beheben, schon vor dem nächsten Heimspiel gegen Aue. Mit 41 Gegentoren stellen die Auer die beste Defensive aller Abstiegskandidaten der Zweiten Liga. Zugleich verloren sie ihre vergangenen vier Spiele. Trainer Daniel Meyer wird versuchen, sein Team defensiv stabil aufzustellen. Seine präferierte 5-2-1-2-Formation ist dazu angetan, den HSV maximal zu nerven.

Und dafür braucht der HSV Ideen. Ideen, wie sie in den letzten Monaten außer Hunt beim HSV niemand zu haben schien. Um das zu untermauern bemühe ich jetzt nicht zum gefühlt milliardensten Mal des Punkteschnittes mit vs. ohne Hunt. Dafür reicht der Blick auf seine Vertreter. Özcan bringt dafür noch die besten Voraussetzungen mit, finde ich. Aber der Deutsch-Türke wird von Wolf nicht konsequent hinter den Spitzen gebracht sondern als flexibler Spieler immer dort eingesetzt, wo gerade eine Lücke ist. Derweil hat Orel Mangala trotz des eigenen Anspruchs, von Haus aus eher ein Zehner denn ein Sechser zu sein, zuletzt zwar mit seiner engen Ballführung punkten könnten. Sein Passspiel indes ist sehr solide, aber nicht so kreativ, wie man es sich von einem Bollwerk aufbrechenden Zehner erhofft. Bleibt noch Lewis Holtby, der mit Abstand fleißigste HSVer. Er ist überall - und nirgendwo. Früher wusste er mit Torgefahr und offensiver Kreativität  zu überzeugen - aber das war noch vor seiner Zeit beim HSV. Leider. Von Spielern wie Jung und Janjicic darf man sich die Offensive Kreativität nicht erhoffen. Gerade Jung hat nach der sieben Monate langen Verletzungspause schon genug Probleme, sich wieder dem Zweitliganiveau anzunähern.

Auch deshalb nimmt Trainer Hannes Wolf die Fähigkeiten von Douglas Santos nur zu gern in Anspruch. Der Linksverteidiger ist längst ein Mittelfeldspieler geworden, der von seinen Mitspielern fast genauso oft als Lösung gesucht wird wie Bakery Jatta mit langen Pässen. Der Brasilianer spielt zwei Positionen in einer. Und er macht das so gut, dass er auf seiner Seite meistens seinen Gegner in dessen Defensive so einbindet, dass dieser kaum mehr Zeit und Raum hat, Santos defensiv zu beschäftigen. Auf der rechten Seite bist das in den letzten Wochen leider ein wenig anders. Dort schafft es Sakai zwar, sich offensiv mit einzuschalten und den Gegner in deren Hilfe zu drängen. Aber er schafft es einfach nicht, Eins-zu-Eins-Situationen so zu lösen wie sein Kompagnon auf links. Der Japaner bringt einfach zu wenig Flanken und Pässe in die gefährliche Zone. Er bricht seine Angriffe über rechts meiner Meinung nach noch immer zu häufig ab, indem er den Querpass spielt, anstatt mutig bis zur Grundlinie zu ziehen. Hier hat ein junger Bursche namens Josha Vagnoman deutlich mehr Mut und es meiner Meinung auch verdient, sich auf der Sakai-Position zu beweisen, wenn er denn offensiv gegen Narey das nachsehen haben sollte.

Gegen Aue könnte Wolf also wieder eine vermeintlich beste Offensive aufbieten, die aus meiner Sicht mit Narey rechts, Lasogga zentral, sowie mit Hunt hinter Lasogga und Jatta über links besetzt würde. Sollten Narey oder Jatta im Spielverlauf irgendwie Probleme bekommen, kann Wolf mit Hwang reagieren. Und während Opokou krankheitsbedingt heute nicht mit zur U21 gegen Havelse reiste, behielt sich Wolf vor, Fiete Arp wieder mit in den Profikader zu nehmen, und strich ihn aus dem U21-Aufgebot. Sollten Lasogga und/oder Hwang doch ausfallen, würde demnach Arp gute Chancen haben, wieder zum Kader der Zweitligamannschaft zu stoßen.

Allerdings hoffe ich, dass Wolf ihn nicht für die Außenbahn in Betracht zieht. Dort könnte er stattdessen mit dem defensiv wie offensiv flexibel auf beiden Seiten einsetzbaren Vagnoman arbeiten, sofern dieser (was zu erwarten ist für den Rest der Saison) nicht für Sakai in der Startelf steht. Unterlassen sollte Wolf meiner Meinung nach die Versuche mit Özcan (und Arp) auf Außen sowie mit Jung in einer spielgestaltenden Position.

Interessant wird zudem sein, wie Wolf die Defensive gegen Aue beginnen lässt. „Nach dem Spiel kann er Lacroix ja nicht rausnehmen“, höre ich immer wieder. Und ich frage mich: Warum nicht? Denn genau so, wie er den Schweizer gegen Köln völlig überraschend gebracht hatte, kann er ihn auch wieder draußen lassen. Zumal Aue ein gänzlich anderes Spiel wird als Köln. Gegen den Tabellenführer brauchte der HSV zwei Innenverteidiger, die vor allem im Spiel Mann gegen Mann sowie in  der Luft stark sind. Und da Lacroix es im Hinspiel gegen Terodde zweifellos sehr gut gemacht hatte, durfte er erneut ran. Gegen Aue wird der HSV allerdings wieder mehr im Raum verteidigen und vor allem bei Testroet aufpassen müssen, wenn dieser aus der Tiefe mit Tempo kommt. Fraglich ist hier, ob Wolf neben dem gesetzten van Drongelen auf die Erfahrung von Papadopoulos setzt oder versucht, gegenüber dem guten Spiel in Köln möglichst wenig zu verändern. Fakt aber ist auch hier, dass der HSV-Trainer bei allen Verteidigern Abstriche machen muss. Papadopoulos ist zu langsam, Bates fußballerisch zu schwach und Lacroix taktisch nicht abgestimmt auf seine Mitspieler.

Und auch wenn ich weiß, dass ich damit angesichts der letzten beiden Spiele sehr viel Angriffsfläche biete, würde ich tatsächlich bei Jung darauf setzen, dass er hinten innen spielt. Nicht sofort, dafür ist er zu tief im Formloch, aber auf längere Sicht. Denn dort muss er nicht gestalten, sondern es reicht, die gegnerischen Angriffe/Angreifer zu zerstören. Er ist hart im Zweikampf, aber im Raum oft verloren. Und er ist schnell, was dem HSV in der Innenverteidigung an sich fehlt. Zumindest ist er schneller als Papadopoulos, Bates und van Drongelen. Wobei ich auch sagen muss, dass diese Argumentation an sich bei mir auch zu dem Schluss führt, dass HSV-Sportvorstand Ralf Becker für die Innenverteidigung zur neuen Saison ligaunabhängig etwas machen muss.

Gemacht wird morgen wieder etwas. Mehr als heute, sollte man meinen Dann allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Da es morgen keine Tageszeitungen gibt, werde ich den MorningCall von Freitag auf Sonnabend verschieben. Am Sonnabend werde ich Euch - dann ausnahmsweise zu einer etwas familienfreundlicheren Zeit ab neun Uhr - im MorningCall vor dem Spiel gegen Aue über alles berichten, was über den HSV gesagt und geschrieben wird. Der Blog morgen Abend kommt indes wie gewohnt. Dann auch mit der Pressekonferenz und Trainer Wolf.

Bis dahin Euch allen einen schönen Abend!

Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.