Marcus Scholz

8. Dezember 2018

Er ist keiner, mit dem man täglich Schlagzeilen produzieren kann. Für den Boulevard also eher genau das Gegenteil: Hannes Wolf relativiert gern, wenn Dinge in die eine oder andere Richtung seiner Meinung nach zu extrem ausschlagen. „Und das ist ja nicht nur hier so, sondern generell im Fußball üblich“, sagt der Trainer, dem das Schwarz-Weiß-Denken ganz offensichtlich gegen den Strich geht. Wenn er sich in die Fragerunden begibt, achtet er stets darauf, immer wieder die goldene Mitte zu finden. Beispiel gefällig? In der Nachbesprechung mit der Mannschaft hat der Trainer noch mal deutlich gemacht, dass er zwar sehr zufrieden mit dem Sieg gegen Paderborn bzw. mit den Siegen zuletzt sei. Aber er betonte auch, dass man die Spiele wie die zuletzt gegen Paderborn und auch davor in Ingolstadt konsequenter für sich gestalten könne und müsse. Dennoch, auf die Frage von meinem Kollegen heute, ob der nächste Entwicklungsschritt seiner Mannschaft jetzt mehr Dominanz in den Spielen sei, verneinte er mit dem Hinweis, dass er wusste, dass jedes Spiel aufs Neue schwierig würde und man mit dem Stand sehr zufrieden sein kann.

 

Wolf wirkt aktuell in zwei Richtungen - sehr unterschiedlich, aber ausschließlich positiv. Nach innen mit der Mannschaft macht er deutlich, das man ein gemeinsames Projekt hat und er dauerhaft höchste Ansprüche stellt. Er gibt den Rahmen sehr klar vor. Und dabei ist er hart im Urteil. Wer gut trainiert, bekommt seine Chance (Jatta, Ito), während Spieler, die nicht gut spielen, plötzlich wieder auf der Bank sitzen (Arp, Lacroix). Mit anderen Worten: Wolf ist für seine Spieler berechenbar. Er hat eine klare Linie. Und das ist wichtig. Das kommt sehr gut an. Zudem schützt er seine Mannschaft nach außen, indem er wie heute wieder den Druck komplett von ihr abfedert. Die Mannschaft müsse siegen - nur darum ginge es. Und das habe man zuletzt gut gemacht, obgleich sich in jedem Spiel neue Themen ergeben würden, an denen man sehr intensiv arbeiten muss. „Es war ein gutes Spiel gegen einen guten Gegner“, sagte Wolf heute rückblickend auf das Spiel gegen Paderborn, um dann wieder zu relativieren: „Aber wir sind noch lange nicht fertig.“ Wolf verhindert ganz bewusst jede Form der Zufriedenheit.

Und während andere Trainer bei Niederlagen davon gesprochen haben, dass die Mannschaft den Plan nicht umgesetzt hat und bei Siegen der eigene Matchplan gut umgesetzt wurde, federt Wolf jeglichen Druck von der Mannschaft ab. Er ist ein sehr anspruchsvoller, ambitionierter Beschützer. Vor allem aber ist er konsequent. Selbst wenn er die HSV-Siege damit manchmal langweilig redet und Euphorie im Keim erstickt - sein Plan hat nur ein Ziel: den Aufstieg. Und dem ordnet er alles unter. Den Moment ebenso wie seine Bedürfnisse. Kein einzelner Spieler ist wichtiger als das Ganze bei ihm - auch er selbst ist das nicht. Auch deshalb nimmt er Komplimente für seine bisherige Arbeit - fünf Siege und ein Remis in sechs Pflichtspielen - selten bis nie an.

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich die Arbeit von Christian Titz sehr spannend fand und darin eine große Chance für den HSV gesehen habe, dass der Klub endlich sein eigenes Profil entwickelt, sympathisch wird UND dabei gewinnt. Titz war ein neuartiges Projekt mit tollen Aussichten, das dem HSV während und nach dem Abstieg insbesondere durch dessen Art vor einer großen Depression gerettet hat. Titz war verbindend und (wie gesagt) spannend. Ich hätte dem Trainer, dazu stehe ich, mehr Zeit gegeben und bin mir sicher, dass auch Titz mit dieser Mannschaft aufgestiegen wäre. Aber Titz ist hier kein Trainer mehr. Dafür ist Hannes Wolf da. Und der macht nicht viel anders, aber eben auch sehr viel richtig. So viel, dass ich überzeugt davon bin, dass (auch) er der richtige Trainer für diese Mannschaft und das Ziel Wiederaufstieg ist.

Mir gefällt dabei die stoische Art Wolfs, sich von außen absolut nullkommanull beeindrucken geschweige denn davon im Handeln beeinflussen zu lassen. Seinen Vorgänger immer wieder für dessen gute Arbeit zu loben hat früh deutlich gemacht, dass Wolf kein Effekthascher ist. Im Gegenteil! Ich glaube, dass Wolf (so wie Titz zuvor auch) hier genau die Werte vorlebt, die beim HSV in Zeiten der Millionenverschwendungen verloren gegangen schienen. Erstens: Niemand ist wichtiger als das Ganze. Und zweitens: Der HSV ist nicht mehr groß, weil er es mal war. Aber er kann es mit viel ehrlicher Arbeit irgendwann wieder werden. Und das ist das Ziel. Und sollte ich Recht haben, hätte der Abstieg trotz trotz aller vermeidbarer, negativer wirtschaftlicher Folgen am Ende sogar etwas Positives: Er hätte den HSV gesundgeschrumpft, ihn geerdet. Dank Titz - und jetzt dank Hannes Wolf. Daher bleibt zu hoffen, dass es in den nächsten Monaten und Jahren so weitergeht und ein gesundes Maß Demut die jahrelange Arroganz vertreibt. Womit ich eigentlich zum Thema Präsidentenwahl überleiten könnte - aber das schiebe ich noch. Ich gehe heute lieber noch mal darauf ein, was wir gestern in dem Spiel gegen Paderborn sehen konnten. Und das war viel.

Ehrlich gesagt gibt es auch nichts schöneres, als Spiele, die du gewinnst und die dir trotzdem deutlich aufzeigen, woran man noch alles arbeiten muss. Es verhindert Zufriedenheit und baut parallel das Selbstvertrauen auf. „Einige Themen“ hätte das Spiel aufgeworfen, sagte Wolf gestern. Und damit sprach er zweifellos auch darauf an, dass man seine Räume und spielerischen Möglichkeiten noch effektiver in Tore umsetzen muss. Zudem zeigte das Spiel gestern noch mal, dass Hee-chan Hwang zwar tolle Zutaten mitbringt, diese aber eben noch nicht in das Gesamtkonzept integriert sind. Der Südkoreaner passt noch nicht rein ins HSV-Spiel. Wolf: „Er war sehr fleißig und hat viel gearbeitet. Als einzige Spitze gegen zwei Innenverteidiger hatte er es schwer“, so der Trainer, der kritisch nachschob: „Wir haben es nicht geschafft, ihn in Szene zu setzen. Und er hat es nicht geschafft, sich selbst in Szene zu setzen. Er kann einige Szenen sicher noch besser lösen. Aber er fightet.“

Wolf sucht und findet immer wieder die Mitte der Extreme. Eindeutig ist für nichts. Selbstverständlich ebenfalls nichts. Alles muss hart erarbeitet werden. Welche Schritte jetzt wichtig seien und was der nächste Entwicklungsschritt dieser Mannschaft sei, wurde Wolf gefragt. Und seine Antwort charakterisiert ihn und sein Denken sehr gut: „Wichtig ist, dass wir unsere Aktivität, unsere  Intensität - wir sind gegen Paderborn wieder 125 Kilometer gelaufen -  und die defensive Absicherung nicht verlieren. Das ist unsere Basis“, so Wolf. Und es sei entscheidend, eben diese Basis zu erhalten und nicht mit aller Macht irgendeinen nächsten Schritt in eine von Außenstehenden geforderte Richtung (hier dominanteren Offensivfußball) einzuleiten. Wenn das passieren würde, würde man vielleicht die Öffentlichkeit für den Moment glücklich machen, aber auf dem eigenen Weg würde man seine eigenen, entscheidenden Elemente riskieren, sie vielleicht sogar verlieren. Und das ist für Wolf nicht akzeptabel. Ergo: Dann lieber langweilig - aber erfolgreich.

Interessant dürften die nächsten zwei Wochen dennoch bleiben. Am Freitag in Duisburg und am 23. Dezember dann zum letzten (Auswärts-)Spiel des Jahres nach Kiel. Da dann vielleicht schon wieder mit Pierre Michel Lasogga, der gerade wieder ins Lauftraining eingestiegen ist und nach eigener Aussage gegen Kiel fit sein will. „Das Kiel-Spiel kann realistisch sein“, sagt Wolf und kündigt an, Lasogga nicht schonen zu wollen. Ob das nicht angesichts der Tatsache, dass Hwang in der Vorbereitung im Januar zu den Asienmeisterschaften fliegen und so nicht helfen könne, sinnvoll sei? Wolf verneint: „Auf einen gesunden Spieler, der hilft, werde ich nicht verzichten.“

Zudem steht mit Fiete Arp weiterhin ein Angreifer bereit, dessen Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft wurde. Wie sein Stand sei? „Er ist sehr fleißig. Er gibt Gas. Und darum geht es. Er muss etwas ballsicherer werden, aber seine Laufwege sind gut. Er ist auf einem guten Weg und macht viel Freude“, so Wolf über Arp, der übrigens ein sehr nettes Interview im Stadionmagazin HSVlive gegeben hat.

In diesem Sinne, der HSV ist aktuell auf einem guten Weg, der aber nicht zu unterschätzen ist. Will man irgendwann wieder Erstligafußball spielen, muss man sich noch in allen Bereichen massiv steigern. Sportlich, finanziell und natürlich auch personell. Aber ich glaube, aktuell hat man mit Wolf jemanden, der das immer sehr nüchtern und ehrlich beobachtet und Missstände rücksichtslos deutlich an- bzw. ausspricht. Und das lässt mich aktuell wieder hoffen, dass der HSV vielleicht wirklich endlich den Turnaround hinbekommt, von dem man hier die letzten Jahre immer nur gesprochen hat. Oder?

Euch allen noch einen schönen Abend bzw. morgen einen wunderschönen zweiten Advent!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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