Marcus Scholz

3. Dezember 2019

Es war nur eine Trainingseinheit. Ganz klar. Da ist maximal eine Tendenz zu erkennen. Wirklich eindeutige Rückschlüsse auf bevorstehende Spiele bzw. die Leistungen in diesen Spielen geben die Einheiten maximal in größerer Summe. Und selbst da hat man sich gerade beim HSV in den letzten Jahren sehr oft getäuscht. Dennoch behaupte ich heute das erste Mal seit langer Zeit wieder, dass ich etwas erkannt zu haben glaube. Neben dem durch viele Rückkehrer zweifellos neu befeuerten Konkurrenzkampf agierte Ewerton heute beispielsweise auffällig motiviert. Er war sich für keinen Weg zu schade, war am Ball sicher und in den Zweikämpfen sehr robust sowie bei Kopfbällen (gab es kaum) unschlagbar. Aber vor allem war zu erkennen, dass funktionierte, was sich Trainer Hecking ausgedacht hatte, als er zunächst auf verkürztem Feld auf sechs kleine und später auf noch einmal verengtem Spielfeld auf zwei große Tore spielen ließ: Es gab Zweikämpfe en masse und die Spieler waren durchgehend in Bewegung. „Sehr gut, Männer“, waren dann auch die drei Schlussworte von Trainer Dieter Hecking, dem die sehr Kräfte raubende, intensive Einheit sichtlich gefallen hatte.

Konnte sie auch. Denn so ungemütlich das Wetter momentan auch ist und so tief der Rasen auch sein mag, aktuell geht es dem HSV-Coach vor allem auch darum, seinen Jungs den Kampf wieder beizubringen. Und dafür eignen sich die Witterungsbedingungen sehr gut. Denn je länger die Einheit war, desto müder wurden die Beine und umso größer wurde der innere Schweinehund, den es zu überwinden galt. Und je kaputter die Spieler auch waren, desto mehr Foulspiele gab es. Soll heißen: Umso härter wurde es. „Friss ihn auf“, schrie beispielsweise Rick van Drongelen in Richtung Bobby Wood, als dieser den ballführenden Ewerton durch geschicktes Anlaufen in einen Zweikampf verwickelt hatte. Und er selbst war es, der sich bei einer harten Grätsche von hinten gegen Landsmann Timo Letschert leicht verletzte. Zumindest war das für uns draußen deutlich zu sehen, so sehr van Drongelen auch so tat, als wäre alles okay. Und das sind nur zwei von vielen Beispielen aus der heutigen Einheit.

„Primaballerina-Fußball“ adé - der HSV will variabler werden

Ergo: So darf es weitergehen. So kann aus dem „Primaballerina-Fußball“, den Hecking in Osnabrück gesehen haben will und den er für die Niederlage hauptverantwortlich machte, schnell ein sehr offensiv-zweikampfstarker Pressing-Fußball werden. Der wäre zwar sehr laufintensiv - aber ganz offensichtlich kann die Mannschaft das. Es würde das HSV-System zumindest insofern deutlich variabler machen, als dass die Mannschaft den nächsten Entwicklungsschritt gehen kann und auf dem Platz selbst in der Lage sein würde, die eigene Gangart dem Erforderten anzupassen.  „Wir lernen von Woche zu Woche dazu“, sagt Khaled Narey, der selbst ein sehr gutes Beispiel dafür ist, dass Veränderungen zu Verbesserungen führen können. Bei ihm wurde aus der (Personal-)Not eine Tugend.

Und damit meine ich nicht allein das heutige Training, in dem der Rechtsfuß der überragende Mann auf dem Platz war. Er schaltete seinen direkten Gegenspieler Bakery Jatta aus und gewann sogar Laufduelle gegen den vielleicht schnellsten Spieler im deutschen Profifußball durch gutes Stellungsspiel. Zudem schaltete sich Narey immer wieder mit in die Offensive ein, wo er Tore vorbereitete und selbst auch (per Elfmeter) traf. Es wirkt so, als würde Narey endlich angekommen sein auf der für ihn altbekannten aber eben auch jahrelang nicht gespielten Position, die er als Vertreter für den verletzten Gyamerah-Vertreter Josha Vagnoman spielen „muss“. Ob er sich als Stürmer endlich umgewöhnt habe und jetzt als Rechtsverteidiger sehen würde? „Ja“, so Narey, „ich kenne die Position, habe sie ja auch einige Zeit gespielt. Allerdings ist das auch schon eine ganze Weile her. ich musste mich zweifellos erst einmal wieder gewöhnen. Aber  es wird besser. Inzwischen ist das auch ganz gut, glaube ich.“

 

Stimmt. In Osnabrück war er im Vergleich zu seinen Teamkollegen einer der wenigen mit Normalform. Es war überhaupt erst das vierte Spiel in Folge auf der seit Jahren nicht mehr gespielten Position des Rechtsverteidigers. „Zuletzt habe ich das ein halbes Jahr in Fürth gespielt“, erinnert sich Narey, der offen zugibt, lieber die offensivere Position auf der rechten Seite zu spielen. Allerdings hat er auch keine Probleme damit, die defensive Position zu spielen. „Es war schon ungewohnt für mich. Offensiv ist es auch deutlich klarer. Da hast du nicht so viele Themen wie als defensiverer Spieler. Als Rechtsverteidiger musst du schon genau abwägen, wann du dich offensiv mit einschaltest, du bist deutlich mehr am Spielaufbau beteiligt und du musst dabei immer sicherstellen, die Seite dicht zu machen.“

Narey präferiert offensiven Part - und genießt den defensiven

Er sei immer dafür verantwortlich, das zu machen, was sein Vordermann gerade nicht abdecken kann. Narey: „Es ist eine Sache der Absprache mit dem Vordermann. Mit Martin Harnik beispielsweise habe ich keinen typischen Außenstürmer sondern einen, der viel mit nach hinten arbeitet. Das entlastet. Bei Baka (Bakery Jatta, d. Red.) und Jairo (Samperio, d. Red.) ist das anders. Die beiden machen das Spiel sehr breit und ich muss immer den defensiven Part im Blick behalten. Aber“, so Narey deutlich, „es macht auch richtig Spaß, hier Verantwortung zu tragen.“

Noch mehr Spaß hätte Narey, wenn der Trainer irgendwann das System auf Dreierkette umstellen würde. Zumindest machte Narey heute auf mich diesen Eindruck. Als schneller, schussstarker Flankengeber mit defensiver Grundausbildung hat Narey auch quasi alles, was sich ein Trainer für den rechten Mittelfeldpart vor einer Dreierkette wünschen kann. Ebenso wie Tim Leibold auf der anderen Seite. „Die Dreierkette wäre vielleicht eine charmante Lösung“, so Narey, „weil ich so immer die ganze rechte Seite für mich hätte und parallel dazu defensiv noch eine Absicherung hinter mir hätte. Wir haben die Dreierkette im Training und im Testspiel gegen Aalborg auch ein paarmal gespielt. Aber der Trainer hat einen klaren Plan. Er weiß schon ganz genau, wie er uns am besten einsetzt.“ Vielleicht ja schon bald in einer Dreierkette. Immerhin kommen langsam alle Innenverteidiger gesund zurück und bieten Hecking so die Option, mit Ewerton als zentralen Mann die Dreierkette zu spielen. Eine Option, die ich persönlich sehr spannend fände. Auf der anderen Seite spielen die meisten Gegner des HSV nicht so offensiv, dass man drei Innenverteidiger braucht.

 

Dass der HSV aktuell auf der Suche nach einem weiteren Außenverteidiger ist, stört Narey nicht. Er genießt die Option, aktuell viele Spiele über 90 Minuten zu spielen. Und er hat keine Angst vor Konkurrenz. „Im Gegenteil, das hilft. Wir haben einen breiten Kader mit vielen Optionen“, so der Rechtsverteidiger, „da kann sich keiner zu sicher sein. Jeden Tag drängen Spieler ins Team, jeder Platz ist hart umkämpft. So, wie es sein muss.“ Und so, wie es heute definitiv zu sehen war. Auch, wenn Martin Harnik, Aaron Hunt und Xavier Amaechi vorzeitig das Training beendeten und vorsichtshalber nicht am zweikampforientierten Abschlussspiel teilnahmen, während Lukas Hinterseer noch mal individuell trainierte. Ob der Angreifer am morgigen, geheimen Mannschaftstraining teilnehmen kann, ist noch offen. Ebenso wie sein Einsatz am Freitag gegen Heidenheim.

Hecking testet Inneverteidigerduos im Training

Ebenfalls interessant heute im Training: Hecking ließ in den beiden Mannschaften beim Abschlussspiel mit Letschert/Ewerton sowie auf der gegnerischen Seite mit Jung/van Drongelen zwei Duos durchgehend miteinander verteidigen. Noch ein wenig gemischt, aber tendenziell mehr A-Team-Spieler agierten im Team mit Jung/van Drongelen. Insofern bleibt es spannend, für welche Formation sich Hecking am Freitag gegen Heidenheim entscheiden wird. Hier bei uns im Forum waren die meisten für das Duo Letschert/van Drongelen. Bei Ewerton scheinen einige noch (m.M.n. berechtigte!) Zweifel an seiner körperlichen Verfassung zu haben, während Jung bei Euch insgesamt einen schweren Stand zu haben scheint. Ich bin gespannt, wie Hecking das Ganze beurteilt…

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Wir indes melden uns wie üblich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall und der geballten Ladung HSV-News bei Euch. Bis dahin Euch allen noch einen richtig schönen Abend,

Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.