Marcus Scholz

7. September 2018

Am Ende interessiert und vor allem: belastet es fast immer mehr die Öffentlichkeit, als die Betroffenen selbst. Und deshalb wurde rund um das Nations-League-Spiel gegen Frankreich ein unfassbarer Hype darum gemacht, ob sich die Nationalelf unter Trainer Joachim „Jogi“ Löw in neuem Gewand und auch entsprechend verbessert gegenüber der WM präsentiert. Vorweg: Ich fand die Mannschaft gestern gut. Dabei hatte ich bei der Analyse-Pressekonferenz mit Löw eher das Gefühl, dass die Verantwortlichen beim DFB das Problem der Nationalmannschaft nicht annähernd so groß wähnten, wie wir von außen. Und das gefiel mir ehrlich gesagt nicht, weil es ein wenig selbstherrlich rüberkam. Dabei war an dieser Veranstaltung viel entscheidender, dass Löw einen sehr mutigen Weg gewählt und zugegeben hatte, sich und seine Mannschaft überschätzt zu haben. Eine Ehrlichkeit, die man sonst nur von (National-)Trainern kennt, die gerade nicht mehr im Amt sind. Diese können nach ihrer Demission (pseudoselbstkritisch) zugeben, Fehler gemacht zu haben, ohne dafür direkt bestraft zu werden. Sie sind ja schon raus. Bei Löw war das anders.

Mats Hummels wurde zwar rund um das Spiel dahingehend zitiert. Aber ich möchte es hier unbedingt noch einmal wiederholen, weil es der Weg ist, wie man Krisen nachhaltig bewältigen kann: ehrlich. Ob Löw durch das Zugeben seiner Fehler bei der Mannschaft an Autorität verloren habe, wollte der „kicker“ wissen, und Hummels antwortete: „Nein, ganz im Gegenteil“, widerspricht Hummels. „Jogi Löw hat bei uns Spielern auf keinen Fall an Autorität verloren. Ein Trainer, der eigene Fehler eingesteht, gewinnt bei einer Mannschaft sehr viel an Kredit und Stellenwert, diese Erfahrung habe ich gemacht. Der Bundestrainer hat bei der Mannschaft überhaupt nichts von seinem Stellenwert verloren, er hat sogar gewonnen. Er wird von der Mannschaft das Richtige auf dem Platz zurückbekommen.“

Und das war gestern zumindest in Ansätzen zu erkennen. Gegen Frankreich spielte die DFB-Elf über die gesamte Spielzeit aggressiv, lauf- und zweikampfstark – und sie verlor sich nicht mehr in übertriebenem Kurzpassspiel, was Löw nach der WM als einen seiner Kernfehler angesprochen hatte. Es ist auch nicht das erste Mal, dass mich Mats Hummels in Gänze beeindruckt hat. Aber seine Offenheit und Ehrlichkeit in diesem Interview ist wohltuend. Er nimmt sich auch selbst entsprechend in die Pflicht: „Die sportlichen Probleme, die wir auf dem Platz hatten und die ich sah, habe ich zwar angesprochen, aber ich hätte sie deutlich vehementer ansprechen müssen. Das werfe ich mir definitiv vor. Ich habe mit Mitspielern gesprochen, um zu erfahren, wie es gesehen wird, wenn ich mich äußere. Das ist der erste Punkt, an dem ich ansetze: Ich führe mir vor Augen, wie wirkt das jetzt bei diesem Spieler, wenn ich mit meinen 1,90 Metern gestikulierend und schreiend dastehe“, so Hummels. „Ich meine es gar nicht so böse, aber die Wirkung kann ganz anders sein. Ich habe gelernt, das ist definitiv der Fall. Deshalb möchte ich dafür sorgen, dass sich andere nicht mehr von mir vor den Kopf gestoßen fühlen.“

Hummels rechtfertigt sportlich schon sehr lange seine Führungsposition. Das macht es bei ihm noch leichter, ihn ernst zu nehmen. Und selbst bei der WM gab es viele Szenen, in denen zu sehen war, dass er sich in der Defensive als einer der wenigen zu 100 Prozent reinhaute. Aber spätestens seit diesem Interview ist er für mich DER Führungsspieler dieser Nationalelf. Hätte man mit Manuel Neuer nicht schon einen guten Kapitän, Hummels wäre der Spieler, den ich als Trainer sofort zum Kapitän machen würde. Ein Vorbild eben. Auch außerhalb des Platzes.

Und damit komme ich noch kurz zum HSV, der heute nur ein kurzes Auslauftraining hatte, ehe die Mannschaft ins lange Wochenende geschickt wurde. Denn auch hier ist ein Spieler Kapitän, den viele nach außen unterschätzen: Aaron Hunt. Und ich will und werde dabei gar nicht erst versuchen, seine sportliche Bilanz besser zu reden, als sie ist. Der Linksfuß ist zweifelsfrei grenzwertig oft verletzt, um ein richtig effektiver Führungsspieler zu sein. Dass er das wiederum in diesem jungen Team schon ob seiner Erfahrung ist, ist auch noch nichts, was Erfolg bringt. Aber Hunt ist auch der Spieler, der mir in den letzten Jahren immer wieder von jungen Spielern als Spielertyp genannt wurde, wenn es um die Frage ging, an wen sie sich bei Hilfesuche intern wenden könnten. Dass er geblieben ist im Sommer, obgleich er besser bezahlt seiner Frau den größten gefallen hatte machen können, indem er in die Türkei gewechselt wäre, rechne ich ihm dennoch hoch an. Und ja, Hamburg ist schön. Aber noch schöner ist es, wenn jemand aus Überzeugung für den HSV spielt. Und das macht Hunt. Ganz offensichtlich.

Als sehr schade empfinde ich die Reaktionen einiger auf Lewis Holtby’s Interview am Sonntag bei N3. Dort hatte der stellvertretende Mannschaftskapitän erzählt, wie sehr ihm der HSV am Herzen liegt und warum er auch in der Zweiten Liga für den HSV spielt. Man muss Holtby wirklich nicht mögen, er polarisiert mit seiner extrovertierten Art und seinem Mitteilungsbedürfnis. Das stimmt. Aber er ist aktuell einer der Spieler, an denen sich junge Talente hochziehen können. Denn eines ist sicher: Zu müde, um den Jungs Ratschläge zu geben, ist Holtby nicht. Das wird er wahrscheinlich nie sein. Er ist quasi das Gegenstück zu Leisetreter Hunt. Auch sportlichbaktuell. Insofern glaube ich, dass der HSV aktuell eine sehr gute Mischung aus erstem und zweitem Mannschaftskapitän hat.

Aber das nur für diejenigen unter uns, die die Bedeutung dieser beiden immer ausschließlich am sportlichen Wirken auf dem Platz festmachen. Und den außerhalb ebenso vorbildlichen wie auf dem Platz aktuell erfolglos agierenden Gotoku Sakai, den Vorgänger dieser beiden, habe ich lieber noch gar nicht erwähnt. Das wäre sonst zu lang geworden...

In diesem Sinne, bis morgen. Da ist ebenso trainingsfrei wie am Sonntag.

Scholle

P.S.: Mergim Mavraj steht kurz vor einem Wechsel nach Griechenland. Dennis Diekmeier hat dagegen noch keinen neuen Verein gefunden.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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