Tobias Escher

10. April 2019

„Never change a winning team.“ So lautet die alte Weisheit, die ursprünglich aus dem Basketball stammt. Hannes Wolf hielt sich im Spiel gegen den 1. FC Magdeburg an die Regel. Er schickte dieselbe Elf auf den Rasen, die sechs Tage zuvor den SC Paderborn im DFB-Pokal 2:0 bezwang. Magdeburg ist jedoch nicht Paderborn, und so ging Wolfs Plan mächtig schief.

Der HSV begann mit einer Dreierkette. Kyriakos Papadopoulos gab den zentralen Verteidiger der Abwehrreihe. Davor agierte eine Doppelsechs aus Gideon Jung und Orel Mangala. Lewis Holtby spielte als Zehner hinter einer Doppelspitze aus Bakary Jatta und Pierre-Michel Lasogga. Der HSV begann also mit einem 3-4-1-2-System; dieselbe Variante, die gegen Paderborn zum Einsatz kam.

Magdeburgs Trainer Michael Oenning schickte seine Mannschaft in einer 4-3-3-Raute auf den Platz, einer Mischung zwischen 4-3-3-System und Raute also. Diese Grundformation ähnelte dem 4-3-1-2-/4-4-2-Mischsystem der Paderborner.

Damit waren die Parallelen allerdings bereits erschöpft. Der Tabellen-Sechzehnte der Zweiten Liga spielt naturgemäß anders als der Überraschungsvierte, der zudem für seinen offensiven Stil bekannt ist. Unter Oenning fokussieren die Magdeburger klar die Defensive, was sich in ihrer Bilanz niederschlägt: Gerade einmal sechs Gegentore kassierten die Magdeburger in den ersten neun Spielen des Jahres 2019.

Magdeburg ärgert den HSV

Entsprechend defensiv gingen sie auch die Partie gegen den HSV an. Defensiv meint hierbei nicht, dass sie sich in der eigenen Hälfte verbarrikadierten. Im Gegenteil: Sie stellten früh die Passwege der Hamburger zu und gingen bereits in der gegnerischen Hälfte zu einem aktiven Pressing über. Defensiv war die Spielweise eher in der Hinsicht, dass die Magdeburger stets darauf achteten, mindestens neun ihrer zehn Feldspieler hinter dem Ball zu positionieren. Auch bei eigenem Ballbesitz gingen sie nicht allzu viel Risiko ein.

Bei Magdeburg fiel vor allem das Wechselspiel der Offensivkräfte auf. Marius Bülter, nominell zweite Spitze neben Felix Lohkemper, agierte fast durchgehend auf der linken Seite. Lohkemper wiederum ließ sich aus der Spitze leicht zurückfallen. Die vakante Position auf Rechtsaußen besetzte Zehner Philip Türpitz.

Das Magdeburger System hatte zwei Folgen: Einerseits fokussierte sich das Angriffsspiel stark auf die linke Seite. Hier waren sie mit Bülter besser besetzt. Da der HSV diese Angriffe über die linke Seite verteidigt bekam – bis auf die Szene vor dem Abseitstor durch Lohkemper – war die zweite Folge des Magdeburger Systems stärker zu erkennen: Sie lenkten den HSV, bewusst oder unbewusst, auf deren linke Seite. Denn während Lohkemper im Pressing zumeist bereits auf der linken Seite stand, musste Türpitz sich erst dort hinbewegen.

Taktische Analyse HSV-FCM

 

HSV mit guter Phase vor und nach der Pause

Die beste Phase hatte der HSV entsprechend just dann, als sie diese kleinen Lücken auf der linken Seite ausnutzten. Das kam entweder in Form von Dribblings durch Rick van Drongelen, der mit dem Ball am Fuß nach vorne stieß. Oder über Kombinationen zwischen Bakary Jatta und Douglas Santos. Diese führten in den ersten Minuten nicht zum Erfolg; einerseits weil Jatta viele Bälle verlor, andererseits da beide keinerlei Unterstützung erhielten.

Gerade in der Viertelstunde vor und nach der Pause bekamen sie die nötige Unterstützung durch Mangala. Er war abermals ein Lichtblick im eher statischen Offensivspiel der Hamburger. Mit seiner Hilfe überlud der HSV die linke Seite und brachte Hereingaben in den Strafraum. Der Führungstreffer fiel derweil nach einem Standard (30.), nach der Pause hätte der HSV aber durchaus erhöhen können.

Nach der Pause erhöhte der HSV das Risiko noch einmal, was dem Offensivspiel durchaus gut tat. Holtby zeigte sich nun ebenfalls mobiler und bewegte sich auf den Flügel. Gotoku Sakai bot sich als Anspielpunkt für Verlagerungen im rechten Halbraum an. Die größte Gefahr strahlte der HSV derweil nach Standards aus.

Schlussoffensive führt zu nichts

Leider litt die Defensive unter dem neu gewonnen Mut der Hamburger. Es kam, wie es kommen musste: Gideon Jung sicherte in der 60. Minute den linken Halbraum nicht ab, David Bates machte den Anfängerfehler, den Stürmer auf der Außen- und nicht auf der Innenbahn verteidigen zu wollen. Eine Koproduktion der zwei wohl schwächsten HSV-Akteure an diesem Abend.

Wolf versuchte, den HSV durch seine Einwechslungen auf die Siegesstraße zu führen. Mit der Einwechslung von Berkay Özcan (67., für Jatta) stellte der HSV kurzzeitig auf ein 3-4-2-1 um, später kehrte man mit Mats Köhlert (83., für Holtby) zum 3-4-1-2 zurück. Khaled Narey (77., für Sakai) sollte derweil die rechte Seite beleben.

Doch gegen immer defensiv auftretende Magdeburger fehlte die zündende Idee. Diese zogen sich im 4-5-1 in die eigene Hälfte zurück und schlossen die Mittelfeldräume. Das genügte gegen ideenlose Hamburger. Der späte Siegtreffer der Magdeburger durch einen schlecht verteidigten Freistoß (90+4.) war das schwarz angebratene Abendessen eines gänzlich verkorksten Tages.

Fazit und Ausblick

Im Kleinen lautet das Fazit, dass Wolf gegen einen disziplinierten Gegner die falsche Aufstellung gewählt hat. Weder personell noch taktisch funktionierte die Variante aus dem Paderborn-Spiel. Der Blick auf das große Ganze zeigt ein weiteres Problem: Abermals gelang es dem HSV nicht, sich Chancen aus dem Spielaufbau zu erarbeiten gegen einen individuell schwächeren Gegner. Lädt der Gegner den HSV nicht ein, so wie dies beispielsweise St. Pauli tat, tun sie sich mit dem Toreschießen schwer.

Es mag seltsam klingen, doch angesichts dieser Schwächen kommt die Reise nach Köln zu einem guten Zeitpunkt. Wolf kann gegen den Tabellenführer die defensiven Stärken seiner Mannschaft etwas in den Vordergrund rücken. In den kommenden Tagen dürfte das Verschieben und das Pressing auf dem Trainingsplan stehen, um gegen Kölns 3-4-1-2-System gewappnet zu sein. Vor allem die Hereingaben der Kölner sind eine echte Waffe.

Zumindest wird der Spielaufbau der Hamburger in dieser Partie weniger gefragt sein. Und es besteht auch nicht die Gefahr, dass Wolf erneut auf die alte Weisheit hereinfällt, „Never change a winning team“.

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