Marcus Scholz

5. Mai 2018

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Klar. Und zu analysieren, dass nach einem 0:3 vieles falsch gemacht worden sein muss, das ist wenig mutig. Aber heute habe ich mich schon bei der Aufstellung gewundert, weshalb der HSV mit einer Doppelsechs beginnt und dafür einen Mann wie Filip Kostic draußen lässt. Nicht, weil Kostic so stark war in den letzten Wochen, sondern vor allem, weil es ein schlechtes Zeichen an die Mannschaft war. Die ganzen Wochen über Mut predigen und ihn lobenswert leben, um dann in dem Moment, wo man einen Big Point machen könnte, wieder zurück zu rudern und die defensive Sicherheit an erste Stelle zu setzen – ich hätte es tatsächlich weder gemacht noch von Titz erwartet. Wobei, wäre der HSV mit 1:0 in Führung gegangen, wer weiß...

Denn das war drin. Für mich ist es nur ein weiterer Beweis für die fehlende Linie bei den Videobeweisen, dass Tatsuya Itos Tor aberkannt wurde, obgleich es selbst mit etlichen Wiederholungen nicht genau zu erkennen war. Und, zur Erinnerung: Der Videoschiri in Köln soll nur bei „klaren Fehlentscheidungen“ einschreiten. Zudem fehlt den Kölnern die Linie, die von der ARD gezogen wurde und bewies, dass es hauchdünn abseits war.

Insofern: Schmeißt diesen unsäglich verwirrenden, ungleichmäßig angewandten und entfremdenden Videobeweis endlich in die Tonne. Belasst es meinetwegen bei der Torlinientechnik oder gern auch den von Richard Golz in „rautenperle.tv-live“ vorgeschlagenen begrenzten Challenges. Das würde zwar schon genug von dem Fußball nehmen, den ich in den letzten 40 Jahren lieben gelernt habe – aber es wäre ein Kompromiss, den ich noch mittragen könnte. Fakt ist aber auch, dass der HSV nicht wegen des Videobeweises an sich absteigen würde – sofern es nach dem verlorenen „Halbfinale“ denn so kommen sollte. Diese Fehler mussten auch andere Mannschaften aus dem Tabellenkeller immer wieder verkraften.

Heute war es leider wieder ein HSV-Spiel, in dem früh deutlich wurde, dass nach vorn einfach etwas fehlt, was andere Teams haben: Durchschlagskraft. Wenn dazu auch noch die zuletzt auftrumpfenden Spieler wie Ito (musste mit Gehirnerschütterung raus), Kostic (kam überhaupt nicht ins Spiel), Holtby und Hunt nicht funktionieren, dann geht so ein Spiel wie heute selbst gegen mäßige Frankfurter verloren. Am Ende sogar im Ergebnis sehr deutlich.

Was bleibt?

Klar, auf jeden Fall die Hoffnung, dass der HSV am letzten Spieltag gewinnt und Wolfsburg seine unterirdische Form beibehält und sogar gegen den 1. FC Köln verliert. Möglich ist es allemal. Zudem will ich heute noch gar nicht zu hart ins Gericht gehen mit dem HSV, der in der Summe der letzten Wochen eher positiv zu überraschen wusste. Und auch der Trainer versuchte natürlich, den Blick nach vorn zu richten und den Optimismus vorneanzustellen: „Ich habe direkt nach dem Spiel das Wort an die Mannschaft gerichtet. Denn wir können so ein Spiel gegen einen starken Gegner eben auch verlieren. Wir wissen, dass es im Hinblick auf die Gesamtsituation heute nicht gut für uns ausgegangen ist. Die Mannschaft wird sich aber nicht hängen lassen. Wir werden morgen analysieren und dann die Augen nach vorn richten! Wir wissen, dass im Fußball viel möglich ist. Ich traue meiner Mannschaft zu, dass wir das Spiel gegen Gladbach gewinnen.“

Und dann noch ein Wort zu Nicolai Müller, der tatsächlich eingewechselt wurde, was ich nie für möglich (oder besser gesagt: nie für vernünftig) gehalten habe. Natürlich kann der nach 259 Tagen wieder genesene Angreifer noch mal wichtig werden und braucht dafür Spielpraxis. Ihn allerdings bei einem Leistungsstand von maximal 80 Prozent zu bringen – immerhin wurde er bis heute im Training nicht in harte Zweikämpfe geschickt -, während man andere, gesunde Spieler auf der Bank lässt – das demotiviert definitiv die anderen. Ohne es abschließend beurteilen zu wollen, nenne ich es zumindest hohes Risiko und hoffe, dass es sich am Ende irgendwie noch auszahlt.

In diesem Sinne, bis morgen. Die Hoffnung lebt weiter. Und so ärgerlich die heute verpasste Chance auch ist, so ist das immer noch allemal mehr, als man noch vor wenigen Wochen überhaupt zu träumen gewagt hätte. Habt trotz der Niederlage also einen schönen Sonnabendabend und gebt die Hoffnung nicht auf! Und zum Abschluss noch eine gute Nachricht: Der erste Neuzugang für die kommende Saison, David Bates, hat heute nach dreiwöchiger verletzungspause sein Comeback gegeben und für die Glasgow Rangers gleich mal in der 85. Minute den Siegtreffer erzielt. Glückwunsch dazu...!! Im Abspann noch ein paar gesammelte Stimmen zum Spiel.

Scholle

 

Stimmen zum Spiel:

 

Christian Titz: „Ich habe vor dem Spiel schon vor der Eintracht gewarnt. Das ist eine gefährliche Mannschaft mit einer großen Qualität in ihren Reihen, was sie heute unter Beweis gestellt hat. Die erste Halbzeit war von den Anteilen her gleich verteilt. Das eigene Tor hätte uns natürlich in die Karten gespielt. Stattdessen haben wir kurze Zeit später selbst das Tor kassiert. Das war eine gute Umschaltaktion der Eintracht, aber wir waren in Überzahl und haben es auch schlecht verteidigt. Dann wurde es gegen einen so umschaltstarke Mannschaft natürlich schwer. Wir mussten auf der Hut sein, hätten durch den Distanzschuss von Doulgas und den Kopfball von Papadopoulos dennoch zurückkommen können. Das ist uns nicht gelungen und am Ende hat Frankfurt aufgrund der Chancen verdient gewonnen.“

Nicolai Müller: „Heute wieder auf dem Platz zu stehen, war sehr motivierend für mich. Darauf habe ich hingearbeitet, das war mein großes Ziel. Auf dem Platz wollte ich einfach nur so gut es geht helfen und habe nicht an mein Knie gedacht. Natürlich überwiegt trotz meiner persönlichen Freude die Gesamtsituation der Mannschaft und des Clubs. Wir wissen alle um die sportliche Situation, aber ich glaube noch daran, dass wir es schaffen können. Köln wird gegen Wolfsburg alles geben und kämpfen. Die wollen sich sicherlich mit einem Sieg aus der Bundesliga verabschieden. Unser Ziel ist es jetzt, die Woche positiv zu gestalten und dann zu Hause zu gewinnen.“

Aaron Hunt: „Wir haben uns heute nach vorne schwergetan. In den entscheidenden Szenen war Frankfurt einfach besser als wir. Wir haben immer noch eine Chance, auch wenn diese kleiner geworden ist. Jetzt heißt es, das Spiel aus den Köpfen zu kriegen. Wir haben noch ein Finale zu Hause gegen Gladbach, da müssen wir alles reinhauen. Für mich war es schwer zu erkennen, ob das Tor von Ito abseits war oder nicht. Aber es ist jetzt so, wie es ist. Nächste Woche müssen wir gewinnen und dann mal schauen, was passiert.“

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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