Marcus Scholz

28. März 2018

Es wird immer übersichtlicher auf dem Trainingsplatz. Nachdem Christian Titz im Zuge seiner Amtsübernahme beim HSV einige Spieler aus der U21 mit hochzog, standen teilweise mehr als 30 Spieler zugleich auf dem Platz. Zwei davon sind ab sofort nicht mehr dabei und dürfen nur noch in der U21 trainieren: Walace bekanntermaßen. Und seit heute auch Mergim Mavraj. Der Albaner wurde heute aus sportlichen Gründen aus dem Kader gestrichen und trainiert ab sofort bei der U21 mit. Ob den beiden mit Kyriakos Papadopoulos ein dritter prominenter Name folgt – offen. Und nicht allzu wahrscheinlich. Nachdem es heute bereits ein sehr deutliches aber auch „gutes Gespräch“ zwischen dem Trainer und dem Griechen gegeben hat, soll morgen bekanntgegeben werden, ob Papadopoulos wieder zur Mannschaft stoßen wird. Ich persönlich rechne sogar damit.

Nicht gänzlich unerwartet war indes die Degradierung Mergim Mavrajs. Der Albaner wusste sportlich in dieser Saison nicht zu überzeugen – nett formuliert. Allerdings kann ich aus sportlicher Sicht nicht erkennen, in welcher Form ein Bjarne Thoelke beispielsweise mehr Anrecht auf einen Platz im Profitraining haben sollte als Mavraj. Im Gegenteil, Mavraj hat im Zweifel in diesem Zweikampf noch die Nase vorn. Rein fußballerisch. Allerdings ist ein Thoelke deutlich ruhiger und macht weniger Stimmung, wenn er vom Trainer auf die Tribüne gesetzt wird. Es ist also zweifellos eine Entscheidung im Sinne des sportlichen Weiterkommens – aber nicht allein auf die fußballerischen Qualitäten zurückzuführen.

Zumal Mavraj im Winter schon mit einem Wechsel kokettierte. Damals sogar, obwohl er unter Titz-Vor-Vorgänger Markus Gisdol sehr regelmäßig zum Einsatz kam. Als er unter Hollerbach nur noch ins zweite Glied rutschte, wurde der Wortführer in der Kabine zunächst ruhiger. Aber leider nicht nur. Inzwischen soll Mavraj seine verständliche Unzufriedenheit auch mannschaftsintern demonstriert haben. Und der Trainer hat reagiert. Drastisch – aber nachvollziehbar. Titz baut weiter an seinem Kader und seinem System. Und wer nicht mitzieht, der muss gehen.

Es ist doch tatsächlich in Ansätzen der Neuanfang, den wir alle hier immer wieder eingefordert haben. Auch ich. Und deshalb bewerte ich Titz’ Wirken auch positiv. Für einige hier zu positiv, aber das stört mich nicht. Auch wenn es mich ein wenig wundert. Denn bislang basieren meine Bewertungen auf den Überzeugungen, die ich mir mit meinen Beobachtungen in den Trainingseinheiten, den Spielen sowie den Gesprächen holen konnte. Ein neues Spielsystem allein ist es dabei nicht – sondern vielmehr dessen konsequente Umsetzung. Und die war im Spiel gegen Hertha 45 Minuten und ist im Training klar zu erkennen. Zudem hat Titz eine Philosophie, wie eine Mannschaft funktioniert.

Er sucht sich dafür keine einfachen Bauernopfer, wie es viele andere Trainer gemacht haben. Er hat allen Spielern zunächst einmal eine Chance gegeben und gleich zu Beginn seiner Zeit in den Gesprächen offen und klar gesagt, wenn ein Spieler nicht zu seiner Spielidee passt. Das ist hart für den Einzelnen und mag demotivierend wirken – aber es ist gut für das Ganze. Nein, das ist tatsächlich der einzige Weg, wie man hier einen Neuanfang auch langfristig zum Erfolg führen kann. Und das sage ich, wissend, dass dazu noch sehr viel mehr gehört. Soll heißen: Titz macht hier einen guten, vielleicht sogar einen sehr guten Anfang - den mehr als schwierigen Umständen entsprechend. Und ich will ihm diese Chance gern einräumen. Sehr gern sogar, weil ich glaube, dass es funktionieren kann.

Aber auch Titz' Kür wird kommen. Er wird den fast aussichtslosen Kampf gegen die überbordenden Emotionen des ganzen Umfeldes gewinnen müssen, wenn hier der Moment kommt und der erste Abstieg der Vereinsgeschichte Fakt wird. Und selbst wenn er diesen schweren Kampf gewinnt, folgt im Sommer der nächste harte Test, wenn es in der Transferphase darum geht, den Kader sinnvoll und erfolgreich zu verstärken.

Heute im knapp 90 Minuten langen Training schien sich eine erste Teilformation abzuzeichnen. Glaubten meine Kollegen zumindest. Wobei ich bei den Personalien Pollersbeck im Tor, Jung in der Innenverteidigung, Santos links sowie Steinmann und Holtby zentral im Mittelfeld mitgehe. Ob Luca Waldschmidt tatsächlich offensiv zusammen mit Ito gesetzt ist? Möglich. Aber über diese Brücke gehe ich noch nicht. Dafür sind morgen und Freitag noch zwei Einheiten. Allerdings ist erkennbar, dass Waldschmidt immer wieder ins Gebet genommen wird. Kritisch – aber auch das macht ein Trainer in der Intensität eher mit denen, von denen er sich sportlich noch etwas verspricht.

Eine Möglichkeit wäre auch, Waldschmidt ganz vorn beginnen zu lassen und Hunt auf die Zehn zu stellen. Denn dass Bobby Wood, der heute erst mit den USA gegen Paraguay getestet hat, gegen Stuttgart eher auf der Bank Platz nehmen wird, scheint klar. Allein die Frage, ob Titz weiter auf seinen Youngster Jann Fiete Arp setzt, erscheint nach dessen wochenlanger Formschwäche fraglich. Ich persönlich würde es machen, weiter auf Arp setzen. Aber das wird Titz mit den vielen Beobachtungen auch um den Trainingsplatz herum, die uns verborgen bleiben, deutlich besser einschätzen können, zumal er Arp seit dessen U17-Zeit kennt und immerhin ein so gutes Verhältnis zu ihm pflegt, dass dieser sich bei ihm Ratschläge holt. Laut „SportBild“ sogar bei der Frage nach seiner Zukunft. Ob er beim HSV bleiben solle, soll Arp seinen Trainer gefragt haben. Und der soll ihm dazu geraten haben. Was auch sonst? Schließlich passt Arp von allen hiesigen Stürmern mit Abstand am besten in das ballbesitzorientierte, offensiv ausgelegte Spiel im Titz-System.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Und dann auch mit einem Großteil der Nationalspieler, von denen van Drongelen in der Innenverteidigung gesetzt sein dürfte. Und das, obgleich Albin Ekdal diesen Part im Training sehr ordentlich spielt. Auch heute.

Bis morgen!

Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

Kategorien