Marcus Scholz

17. Februar 2020

Zugegeben: Normalerweise sollte man doch heute schon heiß sein. Heiß auf das Derby am Sonnabend. Aber irgendwie ist diese Anspannung noch nicht bei mir angekommen. Schon im Hinspiel dauerte es bis kurz vor den Spieltag selbst, bis sich diese Vorfreude einstellte. Weil es eben kein Erstliga-Derby mehr ist, sondern „nur“ auf Zweitligaebene. Da ist es wahrscheinlich wie mit allem, was man schon größer, doller, besser erlebt hat - Abstufungen mag keiner. Zumindest ich nicht. Und was in diesem speziellen Fall noch hinzukommt: Ich habe den HSV am Wochenende ebenso wie den FC St. Pauli über 90 Minuten gesehen. Und während der HSV in Hannover nur bedingt überzeugt hat, hat der FC St. Pauli überhaupt nicht überzeugt. Mal wieder nicht. Mehr noch, in der Form muss sich unser Stadtnachbar ernsthaft Gedanken machen, was den Abstiegskampf betrifft. Ergo: Sportlich hat das Spiel nur einen bedingten Reiz. Aber darum geht es eben nicht. Ein Stadtderby ist mehr. Und das wird sich im Laufe der Woche auch zeigen. Auch hier.

Aktuell arbeite ich gedanklich eh noch die Folgen des Spiels in Hannover ab. Denn da gibt es einiges, was auch am Sonnabend gegen Pauli noch wichtig wird. Angefangen mit dem ärgerlichen Ausfall von Jeremy Dudziak, der sich gegen Hannover einen Teilabriss des Innenbandes und eine Überdehnung des Kreuzbandes zugezogen hat. Das bedeutet, dass der Linksfuß rund acht Wochen ausfallen wird. Nach der Verletzung von Adrian Fein, der mit Jochbeinbruch frühestens kommende Woche in Aue wieder dabei sein soll, ist das der schlimmste anzunehmende Unfall für das zentrale Mittelfeld. Denn Dudziak, das habe ich schon in der  Hinrunde gesagt, ist der einzige Mittelfeldspieler des HSV, der das Tempo über das Zentrum bis in die Offensive trägt. Sein Fehlen war für mich sogar der Kardinalfehler in der Aufstellung des Hinspielderbys, wo Hecking Dudziak erst nach 80 Minuten für Kinsombi brachte.

Dudziaks Ausfall - Hunts Chance?

Am Sonnabend nun soll Aaron Hunt voraussichtlich die Rolle im Zentrum übernehmen. Glauben die Kollegen. Und es bietet sich personell auch an, da Christoph Moritz lange nicht gespielt hat und David Kinsombi lange nicht mehr gut gespielt hat - was wirklich bitter ist. Denn Kinsombi sollte so eine Art verspäteter Zugang werden, indem er eine komplette Vorbereitung im Winter dafür nutzen sollte, zu alter Form zu finden. Leider sucht er sie weiterhin. Auch in Hannover war der teuerste Zugang dieser Saison nach seiner Einwechslung nicht die erhoffte Hilfe. Man werde die Trainingswoche abwarten hatte Trainer Hecking angekündigt. Er selbst wird den Kampf um die freien Positionen wahrscheinlich bis unmittelbar vor dem Spiel gegen den FC St. Pauli offen lassen, um so die Spannung seiner Spieler hoch zu halten.

Dabei wäre Kinsombi genau der Spielertyp, der dem HSV aktuell im Zentrum fehlt. Durch den Ausfall von Adrian Fein, der vom wesentlich körperlicher spielenden Gideon Jung in Hannover vertreten wurde, ist schon ein Teil Kreativität Bund Aufbauspiel verloren gegangen. Louis Schaub und Dudziak im Team sollte Feins Spielanteile offensiv übernehmen - was nur bedingt gelang, weil beide ihre Rolle ähnlich offensiv angingen. Kinsombi wäre hier eine gute Mischung aus defensiver Stabilität und offensiver Kreativität - wenn er topfit wäre. Dann wäre er bei mir sofort erste Wahl. Da er das aber leider nicht ist, wird auch Aaron Hunt wieder zum Thema. Und obgleich es hier viele gibt, die das als keine gute Idee erachten: Ich sehe da wenig Probleme. Denn der Stadtnachbar ist im Mittelfeld ihn den letzten Wochen auffällig schwach.

Der FC St. Pauli hat gerade im Zentrum Probleme

FC-Trainer Jos Luhukay hat hier mit Mats Möller Daehli seinen besten Mann im Winter begeben müssen und lässt mit Finn Ole Becker den zweitbesten (behaupte ich) in den letzten Wochen erstaunlicherweise auf der Bank. Ergo: Das Spiel wird zu großen Teilen über die Außen aufgezogen. Und da ist der HSV mit Beyer rechts und Leibold links vergleichsweise stabil. Soll heißen: Das Pauli-Spiel bietet dem HSV alle Möglichkeiten, imm Zentrum auf Kreativität zu setzen. Hunt neben Schaub ist vielleicht etwas zu viel Kreativität und zu wenig Stabilität - aber eine ähnlich klare Aufteilung der Aufgaben wie in Hannover (Jung räumte alles ab -  Schaub und Dudziak übernahmen das Spielerische) könnte in der Kombination funktionieren. Auch, weil Hunt seine Chance nutzen muss, wenn er den Rest der Saison nicht zum Joker verkommen will.

 

Apropos: Auch Joel Pohjanpalo hofft langsam auf mehr Einsatzzeiten. Bislang ist er mit der Jokerrolle erfolgreich gewesen. Nach dem Treffer in Hannover sprach der Winterzugang davon, dass er mit mehr Einsatzzeit vielleicht auch mehr als „nur“ diesen einen Treffer erzielt hätte - und erzielen könnte. Auch hier bei uns setzen viele darauf, dass der Finne von Beginn an noch effektiver sein könnte. Eine Mehrheit würde Pohjanpalo gern in der Startelf sehen - ich zähle mich noch zur Minderheit in diesem Fall. Denn ich glaube, dass der HSV gegen den FC St. Pauli die Qualitäten eines Lukas Hinterseers gut gebrauchen kann. Mit Hinterseer würde sich Trainer Hecking zudem zwei Optionen offenhalten und nicht gleich all in gehen. Auch der Österreicher kann mit seinem Torriecher in dem aller Voraussicht nach vergleichsweise offensiv ausgerichteten Spiel des HSV wichtig werden. Und sollte er nicht so ins Spiel kommen, wie erhofft, hat der HSV mit Pohjanpalo genau die Qualität auf der Bank, die man braucht, um Spiele spät zu drehen.

Was plant Hecking mit Sonny Kittel?

Interessant wird auch sein, wie Hecking auf den wiederholt schwachen Auftritt von Sonny Kittel reagiert. Der Top-Torschütze des HSV war für mich in Hannover wie schon zuvor gegen Karlsruhe und in Teilen gegen Nürnberg schwach. Und zugegeben: Bei mir wäre Kittel für Harnik vom Platz gegangen, nicht Jatta. Dass er gegen Hannover noch die Ecke zum Tor treten durfte war wahrscheinlich der erzwungenen Dudziak-Auswechslung geschuldet. Oder aber der Weitsicht Heckings, die ihn zum Bundesligatrainer macht und mich als Reporter nur darüber berichten lässt…

 

Schade ist, dass ebenso wie Kinsombi auch Martin Harnik derzeit nicht zu seiner Form findet. In Hannover wurde er das erste Mal in diesem Jahr überhaupt eingewechselt, und blieb bis auf die allererste Szene blass. Dass er gegen den FC St. Pauli beginnen wird ist daher eher unwahrscheinlich. Obgleich ich mir ein Szenario mit Harnik in der Startelf vorstellen könnte: Als zweite Spitze neben Pohjanpalo. Das wäre wahrscheinlich das am wenigsten kalkulierbare Sturmduo, das der HSV bieten kann - und ich behaupte, dass das bei Hecking auch ausgeschlossen ist. Von daher, obwohl sich meine Eindrücke im Laufe der Woche noch verändern können und wahrscheinlich auch noch einmal verändern werden, würde ich aktuell so spielen lassen: Heuer Fernandes - Beyer, Letschert, van Drongelen, Leibold - Jung - Jatta, Hunt, Schaub, Kittel - Hinterseer. Eine - aber nicht primäre - weitere Idee wäre, noch mit Schaub auf rechts und Jatta auf links zu beginnen, um im Zentrum Kinsombi neben Hunt zu stellen. Aber ich glaube, das wäre zu viel Umbau auf einmal. Oder was meint Ihr? Wie würdet Ihr aufstellen? Ich bin gespannt…

Und das im doppelten Sinne. Morgen im Training werden wir schon erste Indizien dafür bekommen, was sich Hecking für Sonnabend vorstellen kann. Nach dem MorningCall, mit dem ich hier immer pünktlich um 7.30 Uhr bei Euch sein werde, wird um 10 und um 15.30 Uhr wird am Volksparkstadion trainiert. Öffentlich. Wer also dabei sein will, der ist herzlich eingeladen, mir Gesellschaft zu leisten. Bis dahin - drücken wir mal die Daumen, dass der VfB Stuttgart heute Abend in Bochum Punkte liegen lässt.

Bis morgen!

Scholle

 

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.