Marcus Scholz

13. September 2018

Seit dem Umzug in den Volkspark spricht man beim HSV davon, auch die Trainingsbedingungen zu professionalisieren. Und ganz ehrlich: Das hat man in fast allen Bereichen auch geschafft. Man hat drei Top-Rasenplätze mit Rasenheizung, einen Hybridrasen, zwei FIFA-taugliche Kunstrasenplätze und den Campus. Viel mehr geht nicht. Und viel mehr muss auch nicht. Allerdings gibt es eine Sache, die beim HSV seit 15 Jahren in der Planung steckt und noch immer nicht drin ist: Die Möglichkeit, auch mal etwas geheim einzustudieren. Selbst heute war das nicht möglich, obgleich es versucht wurde. Denn das Trainingsgelände am Volkspark ist einfach zu weitläufig, als dass es mit einfachen Planen verdeckt werden könnte.

 

„Titz versteckt den HSV“ titelten meine Kollegen heute, als sie beim Training vor den Planen standen und nach einem Standort suchen mussten, der eine bessere Sicht bot. Und darin war ein gewisser Verdruss über die Maßnahme mit den Planen enthalten. Die Frage ist nur: Warum? Gehört das Geheimtraining nicht zum Profifußball dazu? „Wir haben gar kein Problem damit, alle Einheiten öffentlich zu trainieren“, erklärte sich Trainer Christian Titz heute sogar, „aber wir brauchen ein oder zweimal in der Woche mindestens diese halbe Stunde, um Dinge einzustudieren, die keiner außer uns sehen soll.“

Stimmt. Wobei, bei anderen Vereinen ist es so, dass die geheimen Einheiten (meistens mit Standard-Varianten und taktischen Neuerungen) im Stadioninneren geübt werden, weil dort niemand rein kann. Auch der HSV hatte das in den letzten Jahren immer wieder mal so gehandhabt. Allerdings ist der Stadionrasen des HSV bekanntermaßen sehr anfällig und nicht annähernd so strapazierfähig, dass er dauerhaft solche Einheiten verkraftet. „Und uns liegt extrem daran, zum Spieltag den bestmöglichen Untergrund vorzufinden“, so Titz. Denn Fakt ist: In der Zweiten Liga zählt der HSV zu den spielerisch stärkeren Mannschaften – und diesen Teams tut ein perfektes Grün gut.

Insofern muss man festhalten: Als Journalist finde ich es naturgemäß scheiße, wenn ich plötzlich die (Geheim-)Trainingseinheiten gar nicht mehr sehen kann. Ganz klar! Immerhin geben eben genau diese Einheiten oft entscheidende Tipps auf die kommende Startelf und andere Änderungen, über die man gern berichtet. Andererseits muss ich bei der Beurteilung einer solchen Situation die Professionalität des HSV beurteilen, nicht meine Interessen. Und zur echten Professionalität eines Profiklubs gehört es eben auch, uns Journalisten – und vor allem mögliche Scouts des Gegners – auszusperren und geheime Taktiken auch geheim zu halten. Andere Mannschaften in der ersten Bundesliga haben übrigens mehr „nicht öffentliches Geheimtraining“ als normale Einheiten. Und das komplett ohne jeden Zuschauer – auch ohne Journalisten...

Deshalb kann es hier nur einen Schluss geben: Der HSV hat hier dringenden Nachholbedarf und wäre gut beraten, wenn er es endlich hinbekommt, einen Trainingslatz so auszustatten, dass man bei Bedarf so absperren kann, dass man von außen nichts sieht. Hier das Argument der Kosten zu ziehen, wie es intern gemacht wird, kann ich nicht ernst nehmen. Bei einem Vorstandsvorsitzenden, dessen Kernqualität Vermarktung ist und der zudem über eine eigene Marketingabteilung sowie einen externen Vermarkter wie der Nummer eins im Fußball, „Lagardere“, verfügt, sollte es möglich sein, diese Maßnahmen zu vermarkten. Werbung auf den Planen – das dürfte die Kosten decken können.

Aber okay, weg davon, hin zum Fußball. Denn der steht endlich wieder im Vordergrund. Heute mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die schlechte zuerst: Lewis Holtby hat sich eine Bänderverletzung im Fuß zugezogen und wird am Sonnabend gegen Heidenheim definitiv und am Dienstag in Dresden (alleraller-)höchstwahrscheinlich ausfallen. Dafür wirkte aber – und das ist die gute Nachricht – heute der letzte Neue, Hee-chan Hwang, mit. Und das sah richtig gut aus. „Ich habe ein gutes Gefühl und freue mich sehr, hier zu sein“, sagte Hwang heute nach der Einheit und erklärte, wo er sich am liebsten spielen sieht: „Vorne kann ich alle Offensivpositionen spielen“, so der Südkoreaner, der nach den Spielen für die Nationalelf und dem langen Flug etwas müde ist, der aber unbedingt spielen will.

Und das könnte sehr schnell Wirklichkeit werden. Heute im Geheimtraining war von einer Anhöhe aus gut zu erkennen, dass der Neue gleich im A-Team mitwirken durfte. Im Sturmzentrum. „Das ist meine liebste Position“, gab Hwang zu, betonte aber zugleich, auch über die Außen kommen zu können. Und das durfte er in der zweiten Spielhälfte heute auch. Die Startelf heute: Pollersbek – Sakai, Lacroix, van Drongelen, Santos – Steinmann – Narey, Mangala, Hunt, Ito – Hwang. Wobei Titz zentral Steinmann in der zweiten Hälfte gegen Janjicic tauschte und Narey für Hwang ins Sturmzentrum rückte, bevor er am Ende viel gewechselt wurde (Moritz und Lasogga in die A-Elf, Mangala als IV neben Lacroix etc.)

Interessant auch: Mangala soll offenbar parallel zur IV-Alternative ausgebildet werden und am Sonnabend Holtby ersetzen. Worüber er sich sehr freuen dürfte. Immerhin hatte er gesagt, im Mittelfeld lieber als Achter oder Zehner gestalten zu wollen denn als Sechser abzuräumen und als Bindeglied von Abwehr ins Mittelfeld zu agieren. Fakt ist zudem: Offensiv hat der HSV mit Hwang so viele Möglichkeiten wie lange nicht mehr. Zumal mit Fiete Arp, Pierre Michel Lasogga und Manuel Wintzheimer, der am Sonntag bei der U21 spielen wird, noch drei Mittelstürmer im Kader sind. Was Hwang vom Ex-HSVer Heung-Min Son über den HSV gehört hat: „Nur Positives. Er sagt, der HSV ist ein sehr geiler Klub und Hamburg eine geile Stadt.“

So ähnlich hatte sich übrigens auch Mergim Mavraj im Winter 2016 geäußert, als er zum HSV wechselte. Heute klingt das jedoch anders. Den Kollegen der BILD gab der Innenverteidiger, der inzwischen beim griechischen Erstligisten Aris Thessaloniki untergekommen ist, jetzt ein Interview und lederte dabei mächtig gegen Trainer Titz. Der HSV-Trainer hatte ihn nach seinem Amtsantritt aussortiert und aus dem Trainingsbetrieb der Profis zu der  U21 geschickt. Ohne Begründung, behauptet Mavraj in dem Interview, das morgen in der BLD erscheint.

Menschlich sei Christian Titz ein Desaster, klagt Mavraj und sagt, die anderen Entscheidungsträger hätten erfolgreich weggeschaut. „In Sachen Menschenführung haben einige, entscheidende Personen auf allen Ebenen versagt. Mavraj ist sauer. Sehr sauer. Und ich kann nur sagen, was ich damals gehört habe und was sich zwischen den Zeilen (Enttäuschend war, dass ich für einige Fans plötzlich nur noch der Buhmann war – und nicht der, der den HSV noch im Vorjahr vor dem Abstieg gerettet hat“) herausliest: Fehlende Selbstreflexion.

Denn Mavraj war, das hatte ich damals über Wochen auch geschrieben und das muss man so festhalten, schon vor Titz’ Amtsübernahme beim HSV einer der schwächsten Spieler auf dem Platz. Über Wochen und sogar Monate. Ein Beleg dafür war auch, dass schon Titz’ Vorgänger Bernd Hollerbach den Albaner sofort aus der Startelf und auf die Bank setzte. Drei Spiele in Folge wurde Mavraj nicht für die Startelf berücksichtigt. Höhepunkt damals war das zum Trainer-Endspiel hochstilisierte Match gegen Bayern München (0:6). In diesem Spiel setzte Hollerbach auf Betonabwehr und ließ Fünferkette spielen – ohne Mavraj.

Der Albaner war trotz des erhöhten Verteidigerbedarfs sogar nicht einmal mehr im Kader. Unverletzt. Allein Mavraj hat die Entscheidung des Trainers, bzw. der Trainer Hollerbach und danach auch Titz, ihn nicht mehr zu berücksichtigen, einfach nicht als gerechtfertigt angesehen. Und er soll sich schon unter Hollerbach und weitergeführt unter Titz in der Kabine auch entsprechend verbittert verhalten haben.

Dennoch, keine Anklage ohne Beweise. Aber bei allem, was hier behauptet und was einfach nie hundertprozentig aufgeklärt werden kann, würde ich mich an Mavrajs Stelle fragen: Wenn er denn so gut war und so wichtig für die Mannschaft, wieso sortieren ihn gleich zwei Trainer in Folge aus und wieso hat ihm auch sonst niemand geholfen? Wieso hat das außer ihm niemand gesehen? Bezeichnend für mich auch die Reaktion eines sehr guten Freundes und Hardcore-HSV-Fans auf die Mavraj-Zitate: "Wer war noch mal Mavraj?"

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird der Fokus wieder komplett aufs Wesentliche gelenkt: auf Heidenheim. Ist auch wichtiger. Bis dahin,

Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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