Marcus Scholz

18. Januar 2020

„Moin“ statt „bom dia“ heißt es heute. Denn nach einer äußerst ereignisreichen Rückreise haben wir es gestern letztlich doch noch kurz vor Landeverbot geschafft, in Hamburg Fuhlsbüttel zu landen, während die Mannschaft heute von Lagos aus nach Basel reist, um dort morgen um 15 Uhr zum Abschluss der Trainingslagerwoche gegen den FC Basel zu testen. Ein Test, den man als Generalprobe für den Rückrundenauftakt gegen den 1. FC Nürnberg sehen könnte. Zumindest war er so sicher angedacht. Denn danach gibt es nur noch einen Test gegen den unterklassigen Regionalligisten VfB Lübeck am kommenden Donnerstag. Problem: In Basel muss der HSV auf eine offensiv stark dezimierte Mannschaft zurückgreifen. Mit der ersten Elf, die auch gegen Nürnberg beginnen soll, wird also aller Voraussicht nach nicht einmal zusammen getestet werden können.

 

Dafür fallen einfach zu viele Spieler aus. Aaron Hunt hat noch Trainingsrückstand, Jairo Samperio und Martin Harnik fallen verletzt aus - zudem liegt Lukas Hinterseer mit einem Infekt flach. Hinzu kommt, dass Xavier Amaechi noch nicht so weit ist, eine Hilfe zu sein. Das hatte Trainer Dieter Hecking in seinem Trainingslager-Fazit (siehe Video) deutlich gemacht. Ein neuer Angreifer ist zudem noch nicht gefunden bzw. noch nicht verpflichtet.

Denn obgleich der HSV bei dem Slowaken Robert Bozenik (20) sogar schon im Dezember Gespräche geführt hatte, ziert sich der abgebende Verein MSK Zilina noch, die Ablösesumme zu reduzieren. Zudem haben sich inzwischen mit Feyenoord Rotterdam und dem englischen Premier-League-Aspiranten FC Brentford weitere Interessenten gemeldet, die die Slowaken hoffen lassen, die bislang geforderten 5 bis 6 Millionen Euro Ablöse einstreichen zu können. Aber wenn meine Infos stimmen, tendiert Bozenik deutlich zu einem Wechsel zum HSV. Das soll, so berichtet es die MOPO, sogar schon dazu geführt haben, dass Rotterdam freiwillig aus dem Rennen ausgeschieden ist. Langer Atem bedeutet in diesem Fall eben auch immer zu spekulieren. Wie in jeder Transferphase ist es auch diesmal wieder ein Pokerspiel mit hohem Einsatz.

Transferpoker - HSV setzt weiter auf Bozenik

Spekulieren müssen die Verantwortlichen zudem darauf, dass sie noch Spieler abgeben können. Bei Kyriakos Papadopoulos scheint sich diese Geduld gerade auszuzahlen. Der Grieche trainiert aktuell zur Probe in Schanghai vor. Sollte er dort einen Vertrag bekommen, würde der HSV rund eine Million Euro Gehalt einsparen können. Anders als bei Bobby Wood, der für den Test morgen gegen Basel nicht einmal jetzt nach vier Offensivausfällen eine Rolle spielt. Aber: Bei Papadopoulos wäre es tatsächlich Geld, das dem HSV Möglichkeiten in Sachen Neuverpflichtung eröffnet, die man vorher nicht einplant. Was gut ist. Denn  nur auszugeben, was man auch reinbekommt, war hier in Hamburg in den letzten zehn Jahren leider viel zu selten eine Handlungsmaxime…

 

Verhandelt wurde zuletzt auch in Sachen Talente. Sportvorstand Jonas Boldt hatte angekündigt, dass er dem Thema Nachwuchs in den nächsten Jahren privilegierte Aufmerksamkeit schenken werde. Talente wie Tah und Son sollen hier keine Ausnahmen mehr sein, sondern zur Regelmäßigkeit werden. Vor allem sollen sie endlich auch für den HSV ausgebildet werden. Dazu gehört natürlich auch, dass man Talente aus den eigenen Reihen maximal weiterentwickelt. Zum einen über die eigenen Nachwuchsmannschaften - aber gegebenenfalls auch über Leihgeschäfte (ohne Kaufoption für den aufnehmenden Verein). Also anders als bei Manuel Wintzheimer (Bochum), David Bates (Sheffield Wednesday) und Berkan Özcan (Basaksehir), die allesamt nur deshalb verliehen und nicht verkauft wurden, weil sie hier nicht mehr gebraucht und woanders nicht ausreichend geholt waren.

Stattdessen ist es in etwa so, wie mit Aaron Opoku, der bei Hansa Rostock sein Talent unter Beweis stellen soll. Und das tat der 20-Jährige auch zu Beginn der Saison. Inzwischen stagniert der Offensivspieler ein wenig - aber das kann sich noch ändern. Zumindest aber bekommt er Spielpraxis auf Wettbewerbsebene in der Dritten Liga. Und das sollte ein Talent wie Jonas David auch. Unbedingt sogar - sage ich. Ich behaupte sogar, dass Dieter Hecking das grundsätzlich sehr ähnlich sieht. Er sieht aber parallel eben auch die Nöte im eigenen Team. Und da ist einem das Hemd eben manchmal näher als die Hose. Soll heißen: Wissend, dass er seinem Talent bei einem guten Drittligisten mit der dort zu erwartenden Spielpraxis in der Entwicklung deutlich voranhelfen könnte, sichert er sich lieber beim HSV gegen alle Eventualitäten ab.

Der HSV braucht ein rentables Nachwuchskonzept

Und das ist definitiv ligaweit kein Einzelfall. Es ist sogar nachvollziehbar und aus HSV-Sicht für diese Saison vielleicht sogar richtig. Aber es steht leider auch im Widerspruch zu einer letztlich optimierten Ausbildung. Ein Teufelskreis, aus dem sich der HSV wohl erst dann nachhaltig befreien kann, wenn er einen ausreichend breit aufgestellten Kader hat. Womit wir wieder einmal beim umfangreichen Thema Nachwuchskonzept angekommen sind.

Denn hier hat der HSV sicher den größten Nachholbedarf, bzw. hier schlummert weiterhin das größte Rettungspotenzial des finanziell wohl noch auf Jahre eher klammen HSV. Eigene Talente ausbilden, mit ihnen am besten Spiele gewinnen, ehe man sie teure verkauft. Parallel dazu entwickelt man im Nachwuchs bereits dessen Nachfolger - und das ganze Spiel beginnt von vorn. So lange, bis man nicht mehr auf die Weiterverkäufe angewiesen ist. Im besten Fall. Und dazu gehört es zwingend auch, im Nachwuchs sehr breit auszubilden, Spieler eben gerade auch über Leihen zu Bundesligaspielern zu formen.

Wie jetzt Jonas David. Das Modell Chelsea muss es ja nicht gleich werden. Dort sind gerade 12 Spieler verliehen, während 14 noch bis zu dieser Saison verliehene Spieler gerade erst zurückgekehrt sind. Auch Inter Mailand und andere große Klubs verfolgen diese Strategie: In Massen (Top-)Talente verpflichten, ihnen bei anderen Klubs auf höherer Ebene Spielpraxis über Leihgeschäfte geben und darauf hoffen, dass einige davon den großen Sprung schaffen und ggf. per Verkauf die Investitionen für alle Talente mit refinanzieren. Oder sogar ein Transferplus erwirtschafteten. Und genau DAFÜR wäre meiner Meinung nach die von Bernd Hoffmann angekündigte und in den letzten Jahren verantwortungslos verschwendete Aufnahme von Fremdkapital wieder sinnvoll. Zumindest wäre genau DAS mein erstes Projekt, das ich einem potenziellen Investor (wie Kühne, Otto und Co.) vorschlagen würde.

 

Aber noch mal zurück zum HSV von heute, wo vormittags im regnerischen Lagos noch eine letzte, kurze Einheit anstand, ehe es per Flieger nach Basel ging. Dort wird es morgen um 15 Uhr (HSVtv überträgt live) den Abschlusstest gegen den FC Basel geben und Trainer Hecking ließ heute schon eine Art A-Elf im Training ran, die folgendermaßen aussah: Heuer Fernandes - Beyer, Letschert, Ewerton, Leibold - Narey, Fein, Dudziak, Kittel - Schaub - Jatta. Also erwartungsgemäß ohne Wood und David, zudem ohne van Drongelen und Kinsombi, die beide weiterhin darauf hoffen, sich bis Nürnberg wieder in die Startelf zu spielen. Lukas Hinterseer war heute zwar schon wieder auf dem Platz, soll aber nach seinem leichten Infekt morgen noch nicht ran. Ebenso wie Rekonvaleszent Aaron Hunt, der frühestens gegen Lübeck am Donnerstag wieder spielen soll.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich nach dem Spiel in Basel wieder bei Euch. Vielleicht ja schon mit der einen oder anderen neuen Erkenntnis im  Kampf um die Startplätze oder auch bei Zu- und Abgängen. Und, noch mal ein Tipp in eigener Sache: Schaut Euch doch mal die Videos aus dem Trainingslager an. Es lohnt sich…

Bis dahin,

Scholle

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.