Christian Hoch

26. September 2019

Nach dem Tod seines Vaters hat sich HSV-Trainer Dieter Hecking vor dem Auswärtsspiel bei Jahn Regensburg (Samstag, 13 Uhr) zum ersten Mal wieder öffentlich geäußert und sein Rezept gegen den „Angstgegner“ Regensburg verraten. Der 55-Jährige fordert eine Mischung von spielerischen Lösungen und rustikalen Zweikämpfen von seiner Mannschaft. Abseits der Tagesaktualität gibt es ebenfalls Nachrichten rund um ehemalige Spieler aus dem HSV-Kosmos.

An diese Szene vor fast genau einem Jahr wird Julian Pollersbeck aktuell wohl oft denken: Beim Heimspiel gegen Jahn Regensburg in der vergangenen Saison verdribbelte sich die damalige Nummer eins gegen Jahn-Stürmer Sargis Adamyan. Das 1:0 für Regensburg in Hamburg und der Anfang vom Ende für den damaligen Trainer Christian Titz. Auch das Rückspiel in Regensburg verlor der HSV nach eklatant schwacher zweiter Halbzeit mit 1:2. Wenn die Hamburger am Samstag erneut auf ihren „Angstgegner“ in Liga zwei treffen, wird Julian Pollersbeck für die U21 des HSV gegen Lübeck auflaufen - und auch sonst ist vieles anders vor der Partie. Der Trainer heißt nicht mehr Christian Titz, sondern Dieter Hecking. Der HSV ist nach sieben Spieltagen in seinen Grundfesten stabil und hat noch dazu den Rückenwind des 4:0-Erfolgs gegen Aue im Gepäck.

„Von der Mannschaft, die in der vergangenen Saison gegen Regensburg gespielt hat, sind nur noch zwei oder drei Spieler bei uns in der Startelf. Wir haben einen personellen Umbruch vollzogen, deswegen glaube ich, dass sich viele Spieler an die negativen Erlebnisse der Vorsaison nicht erinnern können“, glaubt auch Hecking vor der Partie, dass die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt. Und damit hat er absolut recht: neue Saison, andere Voraussetzungen, eine andere Selbstverständlichkeit, ein anderer Teamspirit im Mannschaftsgefüge. Es deutet aktuell überhaupt nichts darauf hin, dass dieser HSV vor Regensburg auch nur im Ansatz, das in der Überschrift verwendete Gefühl „Angst“, verspüren muss. Ganz im Gegenteil: Der kriselnde Jahn müsste umgekehrt eher Angst vor diesem HSV haben. Hecking: „Jahn Regensburg ist aufgrund der vergangenen Ergebnisse unter Druck geraten - das wollen sie wiedergutmachen, vielleicht ist aber auch ein bisschen Verunsicherung da bei ihnen.“

Hecking lobt van Drongelen - und erwartet Konstanz

Aber generell kann der DFB-Pokal-Sieger von 2015 mit solchen Begriffen wie „Angstgegner“ oder „Rachespiel“ überhaupt nichts anfangen. Das sei viel zu übertrieben. Es gehe in dem Spiel am Samstag weiterhin nur um den rein sportlichen Wettkampf: „Uns wird nichts geschenkt, genauso wenig haben wir etwas zu verschenken.“ Ein Satz, der phrasenartig daherkommt, die Sache aber letztlich doch auf den Punkt bringt. Mit einem Sieg kann der HSV weiter an Stabilität gewinnen, Selbstvertrauen sammeln und den Glauben an die eigene Stärke weiter festigen.  Auch Hecking erachtet diese Punkte - trotz des bisher sehr positiven Saisonverlaufs - als unabdingbar an. Man befinde sich noch immer in einem Prozess mit der Mannschaft. Zur Erinnerung: Es sind gerade einmal sieben Spieltage absolviert.

Rick van Drongelen durchläuft in dieser Frühphase der Spielzeit seinen ganz persönlichen Prozess: Der Innenverteidiger hat sich vom Zweikampfmonster gegen Aue zum Spielmacher weiterentwickelt und mit zwei genialen Diagonalbällen aus der Tiefe zwei Treffer vorbereitet - eine Glanzleistung. Vom Chef gibt es dafür ein öffentliches Lob: „Rick ist zwanzig Jahre alt. Dass dieser Junge noch in einer Entwicklung ist und darin Dinge annimmt, das hat man gegen Aue gesehen. Gerade die Co-Trainer haben mit ihm diese langen Pässe trainiert. Mit jedem Training kommen in diese Bälle, die unserem Spiel guttun, Sicherheit rein. In den ersten Spieltagen dieser Saison hat Rick eine sehr gute Saison absolviert.“ Doch Hecking wäre nicht Hecking, wenn er es bei dieser Aussage belassen würde und nicht direkt im Anschluss seinem Spieler weitere Hausaufgaben aufbrummen würde: „Er muss jetzt Konstanz in diese Leistungen reinbringen. Wenn das neben seiner eigenen Aggressivität in den Zweikämpfen dazu führt, dass er fußballerisch den nächsten Schritt geht, dann ist das für ihn eine sehr gute Entwicklung.“

Typisch Hecking eben, aber genau das ist es auch, was die Spieler an ihm so schätzen. Er ist die große Autorität, der Schuldirektor, der den Mathe-Leistungskurs vor dem Abitur noch selbst auf die Prüfung vorbereitet. Und die Spieler sind die Schüler, die einfach keine andere Wahl haben als ihm zuzuhören und für ihre jeweiligen Prüfungen weiter zu lernen. Dazu gehört auch Senkrechtstarter Adrian Fein, der am kommenden Wochenende auf seinen ehemaligen Verein treffen wird.

Auch bei Fein sieht Hecking neue Herausforderungen

Natürlich habe Adrian Fein laut Hecking vor allem in den ersten Wochen sehr gut gespielt, aber auch weitere Spieler würden momentan positiv auf sich aufmerksam machen, aber „Adrian hat sicherlich noch ein bisschen mehr seinen Kopf ausgestreckt und Selbstvertrauen gesammelt.“ Doch auch hier erfolgt die unmittelbare Einschränkung: .“Er merkt jetzt aber auch, dass das auch leidvoll sein kann. Die gegnerischen Trainer lassen sich etwas einfallen, wie sie ihn aus dem Spiel nehmen können. Da gilt es für ihn, mit diesen Situationen umzugehen, aber auch wir als Mannschaft müssen uns dann Lösungen überlegen. Das ist uns in ein bis zwei Spielen schon gut gelungen, wenn ihn die Gegner bewusst zugestellt haben. Ich denke da zum Beispiel an die zweite Halbzeit gegen Bochum.“

Christoph Moritz im Rautenperle-Talk

Indes kann ich euch an dieser Stelle wärmstens die aktuelle Folge unseres Talk-Formats auf unserem YouTube-Kanal empfehlen. Wir haben in dieser Woche Christoph Moritz zu Gast, der aktuell noch die Reha nach seinem Schlüsselbeinbruch absolviert und darauf brennt, zurück auf den Platz zu kommen. Im Gespräch mit Scholle hat er unter anderem interessante Einblicke in schwierige Phasen beim HSV gegeben. Schaut gerne mal rein.

 

Und wenn wir schon einmal beim Blick abseits der Tagesaktualität sind: Ex-HSV-Spieler Jann-Fiete Arp hat sich im Training des FC Bayern einen Kahnbeinbruch zugezogen und muss operiert werden. An dieser Stelle richten wir einen Gruß von Hamburg nach München und wünschen Fiete eine schnelle und gute Besserung. Ein weiterer Ex-Spieler ist medial in den Fokus gerückt: Alen Halilovic. Kann sich noch jemand an den „Mini-Messi“ vom Balkan erinnern, den der HSV 2016 für fünf Millionen Euro vom FC Barcelona in die Hansestadt gelotst hat? In drei Jahren hat der nun beim insgesamt fünften Klub angeheuert, dem SC Heerenveen in der holländischen Eredivisie. Seinen Wechsel nach Hamburg bereut Halilovic laut eigener Aussage: „Der HSV ist ein sehr großer Verein und die Verantwortlichen hatten erst viel Vertrauen in mich. Alles schien perfekt, aber nach ein paar Spielen wurde der Trainer entlassen. Es kam ein neuer und er sagte mir schon nach einer Woche, dass ich nicht in sein System passe. Es war ein großer Fehler, zum HSV zu gehen. Es war unglaublich unruhig rund um den Verein, die ganze Situation desaströs für mich. Ich wäre besser in Spanien geblieben. Wenn man mich jetzt fragt, warum ich zum HSV ging, kann ich es nicht beantworten. Ich habe mich damals auch von meinem Berater getrennt. Mein Vater vertritt mich jetzt. Wenn ich meine Qualitäten auf dem Platz sehen lasse, habe ich auch gar keinen Berater nötig.“ Das hat er im Interview mit „Voetbal International“ kundgetan. Ich lasse das an dieser Stelle einfach mal unkommentiert und richte lieber noch einmal den Fokus auf den aktuellen HSV und das Spiel gegen Regensburg.

Rezept gegen Regensburg

Auf der Pressekonferenz hat Hecking ebenfalls verraten, wie er mit seiner Mannschaft gegen Regensburg gewinnen möchte: „Sie versuchen schon, mit vielen langen Bällen zu operieren, um auf den zweiten Ball zu gehen. Sie versuchen da immer wieder nachzustoßen aus der Sechserposition. Damit wollen sie den Gegner unter Stress zu versetzen. Wir müssen schauen, wie wir das spielerisch lösen können. Aber nicht nur. Wir müssen auch mal rustikal dagegenhalten in den Zweikämpfen.“

In diesem Sinne, ich wünsche euch dagegen einen eher sanften Abend und hoffe, dass ihr die Zeilen dieses Blogs ebenso genießen konntet.

Bis morgen um 7:30 Uhr - da meldet sich Scholle bei euch mit dem Morning-Call.  

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.