Marcus Scholz

24. März 2019

 

 

Der VfL Bochum ist nicht nur der nächste Gegner des HSV, sondern bislang auch der Klub, bei dem man sich für die neue Saison einen Spieler - vielleicht bald schon zwei Spieler - ablösefrei gesichert hat. „Das sind schon die zwei auffälligsten Akteure“, hatte mir VfL-Reporter Christian Alexander Hoch gestern gesagt, als er mir erklärte, was wirklich an dem Gerücht dran ist, dass der HSV nach Jan Gyamerah zur neuen Saison auch Lukas Hinterseer verpflichten möchte. Wer es noch nicht gehört hat, der kann sich hier noch einmal von dem Bochum-Experten auf den Stand der Dinge bringen lassen (geht ohne Anmeldung):

 

 

Und da auch heute beim HSV frei ist, erlaubt mir ein, zwei Sätze zu unseren Nachbarn und Namensvettern aus Hannover. Dort fand gestern die lange erwartete Mitgliederversammlung statt. Und diese führte zu einer ebenso verheerenden wie erwarteten Niederlage für den bisherigen H96-Präsidenten Martin Kind. Der Klub-Präsident hatte sich in den letzten Jahren immer wieder für die Aufhebung der 50+1-Regel im Profifußball starkgemacht und dafür bundesweit sehr viel Kritik einstecken müssen. Vor allem von Fan-Seiten aus dem eigenen Klub, die (berechtigterweise) den Verkauf ihres Vereines an den Geschäftsmann und Noch-Präsidenten fürchtete. Gleich fünf Kind-Gegner sind in den neuen Aufsichtsrat gewählt worden, was gleichbedeutend sein dürfte mit dem Ende aller Kind-Pläne. Die Traditionalisten siegen  und feiern sich wie nach dem Sieg in der Champions League, was irgendwie ein wenig an die Reaktion der meisten anwesenden Mitglieder 2014 im Volksparkstadion erinnert. Und ich befürchte, der HSV war wahrscheinlich DAS - sicher aber ein abschreckendes Beispiel für die meisten Hannover-Anhänger, die sich gestern gegen Kind und dessen Pläne ausgesprochen haben. Insofern hat HSVPlus ganz am Ende vielleicht doch etwas positives bewirkt…

Aber es steht zu befürchten, dass Hannover 96 einen ähnlich erfolglosen Weg jetzt noch vor sich hat, wie der HSV ihn in den letzten Jahren gegangen ist. Okay, mit deutlich weniger Investititionsmasse. Man hat sich ja gegen die Kind-Pläne entschieden. Aber der Erstligaabstieg ist kaum noch zu vermeiden. Und finanziell wird es auch eng, sich in der zweiten Liga aufstiegswürdig aufzustellen. Ergo: Ich hätte gestern als Hannoveraner nicht gejubelt. Ich hätte die Wahl als Motivation verstanden, jetzt mehr denn je arbeiten und kreativ sein zu müssen. Denn die Wege im Profifußball führen seit Jahren nur noch in eine Richtung: Kommerz um jeden Preis. Auch deshalb weigern sich die HSV-Verantwortlichen weiterhin, den von den Mitgliedern vorgegebenen Passus in die Satzung einzutragen und damit einem Verkauf über 24,9 Prozent endgültig einen Riegel vorzuschieben. Weil man schlichtweg weiß, dass man darauf angewiesen sein könnte, wenn alles das, was derzeit optimistisch formuliert wird, eben nicht eintritt. Und diese Wahrscheinlichkeit ist gegeben.

Nein, die Diskussionen der Basis in Hannover und Hamburg sind sicher ehrenwert - aber leider haben sich beide Klubs zu lange in die Hände einzelner Investoren begeben, als dass sie mal eben die Uhr zurückdrehen und autark erfolgreich sein können. Fast kein Klub im deutschen Profifußball kann sich der Geldschraube entziehen, die von der DFL maßlos gefördert wird. Denn sowohl DFB als auch DFL  schreiben eine Rekordzahl nach der anderen, weil sie selbst die Vermarktung dermaßen überstrapazieren und sich so selbst (vertraglich - nicht über Anteilsverkäufe) in Abhängigkeiten zu großen Geldgebern begeben haben, die diesen Niedergang der traditionell und basisdemokratisch geführten Vereine fördern. Sie melken die Vereine, bis nichts mehr da ist. Und sie schütten die zu verteilenden TV-Milliarden ungerecht aus.

Findet Ihr nicht? Weil der HSV mehr Zuschauer vor den Fernseher zieht, sollte er auch mehr bekommen als die anderen?

Das wiederum finde ich nicht. Oder besser: Ich finde, das ist zu kurz gedacht. Denn Fakt ist doch, dass die Liga mit einer Gleichverteilung der Gelder die Wahrscheinlichkeit erhöhen würde, wenigstens national mehr spannenden Wettbewerb zu erzeugen. Und der wiederum wird auch Zuschauer anziehen. Selbst wenn der Gegner mal Wolfsburg, Leverkusen oder Ingolstadt heißt.

Es ist schon lange ein ungesundes Kräftemessen der Bundesligisten untereinander, da die oberen fünf versuchen, sich international nicht zu weit abhängen zu lassen von den Klubs, die längst auf einem von Eigentümern geführten Milliarden-Niveau angekommen sind. Und national wiederum versuchen alle, sich von diesen Top-5 Deutschlands nicht zu weit abhängen zu lassen. Das übrigens war auch die Motivation der meisten, 2014 für HSVPlus zu stimmen. Und wo das den HSV hingeführt hat, sehen wir heute: Mitglieder wollen keinen weiteren Anteilsverkauf - und der Vorstand hält sich wider eigene Aussagen und wider Mitgliedervotum diese Tür offen.  Die Grenzen zwischen Vernunft und Lüge verschwimmen hier schon längst. Weil man weiß, dass dieser HSV längst zu weit gegangen ist.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis tatsächlich nur noch die Vereine in der Bundesliga(spitze) überleben, die große Investoren und/oder Unternehmen in der Hinterhand haben und denen Anteile verkaufen können - oder eben verkauft haben. Dass wenigstens ein Großteil dieser Investoren wiederum großes Interesse daran haben dürfte, den jeweiligen Verein irgendwann mehrheitlich zu führen - das liegt in der Natur der Investoren. Deshalb sprechen nicht nur die HSV-Verantwortlichen längst davon, dass es nur eine Frage der zeit ist, bis auch hier die 50+1-Regel gekippt wird. Ob die neuen Besitzer am Ende Kind, Abramowitsch, Kühne oder sonstwie heißen ist dabei ziemlich egal. Denn Fußballvereine und Tradition haben so viel gemeinsam wie schnelles Telefonieren und Telefonzellen - beides gehört irgendwie zusammen, lässt sich aber nicht mehr verkaufen.

Wer an dieser Stelle eine Lösung von mir erwartet, den muss ich enttäuschen. Die gibt es auch noch nicht. Ich selbst bin gegen den Mehrheitsverkauf von Klubanteilen, weil es den Fußball statisch macht. Mehr Geld - mehr Erfolg. Und das alles so maßlos übertrieben wie in Manchester, Paris, bei Chelsea und sicher irgendwann auch den ersten chinesischen Klubs.  Aber ich sehe auch, dass das traditionalistisch-romanische Denken in Deutschland international schon zu einem Wettbewerbsnachteil geführt hat, den man schwerlich zurückdrehen kann. Der Fußball entzweit sich immer weiter und es wird ein Wettbewerb nach dem anderen eingeführt, um noch mehr Vermarktungsmöglichkeiten zu erschaffen. Es soll eine Klub-WM geben - für die Besten der Welt also noch mehr Geld und somit noch mehr Wettbewerbsvorteile gegenüber den nicht partizipierenden Klubs, die national dennoch in derselben Liga konkurrieren sollen.

Ich behaupte, dass die Bundesliga mit der Zustimmung zur Klub-WM den ersten Schritt gemacht hat, sich selbst abzuschaffen. Denn viele sprechen schon jetzt davon, dass die Bundesliga ob der Dominanz von Serienmeister FC Bayern München zu langweilig sei. Was passiert, wenn der Rekordmeister durch Wettbewerbe wie die Klub-WM weiterhin extrem viel mehr Geld einnimmt, als die nationale Konkurrenz - das dürfte sich jeder selbst ausmalen.

Die Frage, die sich alle Jubler in Hannover wie einst im Volksparkstadion 2014 stellen müssen, ist: Gibt es einen Weg zurück in diese Zeit? Kann ein traditionalistisch geführter Verein überhaupt noch auf lange Sicht überleben? Ich befürchte, nein. Es gibt den Weg zurück nicht mehr, weil das Geld so maßlos in den Fußballmarkt geschmissen wurde und wird, dass sich Länder Weltmeisterschaften kaufen können und selbst der eigene Verband Wettbewerbe unterstützt, die die eigene Liga gefährden, weil er sich davon Mehreinnahmen verspricht. Insofern war der Schritt von Hannover 96 gestern sicher moralisch gut. Ein sympathischer, traditionalistisch orientierter Schritt in eine Zeit, die mich den Fußball hat lieben lassen. Bis heute. Denn ich befürchte, heute muss ich mich an das neue Modell Profifußball mit Milliardären in der Führung gewöhnen. Aber das nur mal so am Rande und an einem Tag, an dem sonst nichts beim HSV los war.

Oder wie seht Ihr das?

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich wieder pünktlich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch und werde Euch über alles das in Kenntnis setzen, was dort über den HSV berichtet wird. Bis dahin Euch allen einen schönen Sonntagabend mit einem hoffentlich erfolgreichen Quali-Spiel der Deutschen in Amsterdam gegen die Niederlande,

Scholle

P.S.: Weil es im Blog gefragt wurde, es wird zeitnah  - ich bin mir noch nicht ganz klar, wann es am besten passt - eine neue Frage-Antwort-Runde geben. Ich werde Euch aber im Blog direkt darauf hinweisen und zusehen, dass Ihr alle genug Zeit habt, um Eure Fragen loszuwerden.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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