Tobias Escher

16. Februar 2020

Das war knapp! Ausgerechnet in der 96. Minute gelang dem Hamburger SV der erlösende Ausgleich gegen Hannover 96. Zuvor hatten sich die Niedersachsen als unerwartet schwere Aufgabe entpuppt. 96-Coach Kenan Kocak hatte ein taktisches System entworfen, mit dem seine Spieler dem HSV Paroli bieten konnten.

„Never change a winning team“: Von dieser Philosophie musste HSV-Trainer Dieter Hecking abweichen, trotz drei Siegen in drei Rückrunden-Partien. Adrian Fein musste aufgrund seines Jochbeinbruchs ersetzt werden. Gideon Jung übernahm seine Position. Hecking schraubte damit also nicht am taktischen System. Seine Hamburger begannen die Partie in einem 4-3-3-System.

Hannoveraner Mannorientierungen

Hannovers Trainer Kocak hat das Hamburger Spielsystem offensichtlich ausführlich studiert – zumindest deutet seine Antwort darauf hin. Gegen den Ball agierte Hannover 96 relativ mannorientiert: Zehner Genki Haraguchi agierte als Manndecker für Jung, die dahinter agierende Doppelsechs nahm Hamburgs Doppelacht auf. Auch auf den Flügeln gab es feste Zuordnungen. Hannover agierte also im 3-4-1-2.

Die Hannoveraner Spieler interpretierten diese mannorientierte Spielweise äußerst aggressiv. So rückten etwa die Außenverteidiger weit nach vorne, um die Hamburger Außenverteidiger anzugreifen. Auch im Mittelfeld warfen sich die Spieler in die Zweikämpfe, der HSV wurde zu keiner Sekunde Ruhe gelassen.

Zunächst versuchte der HSV noch, dem aggressiven Pressing des Gegners mit flachen Pässen zu begegnen. Gerade der Weg ins Mittelfeldzentrum blieb aber versperrt. Die Hamburger agierten zu positionstreu, um die enge Deckung des Gegners auseinanderzuziehen. Zumindest unterliefen dem HSV selten Ballverluste. Ihnen gelang es, den Ball in die Breite oder notfalls zum freien Torhüter zu spielen.

Im späteren Verlauf der ersten Halbzeit änderten die Hamburger ihre Herangehensweise. Sie versuchten nun, die aufgerückte Hannoveraner Abwehr mit langen Bällen zu überspielen. Aufgrund der hohen Rolle der Hannoveraner Außenverteidiger verblieben meist nur die drei Innenverteidiger in der letzten Linie. Der HSV konnte hier eine Gleichzahlsituation herstellen und versuchen, hinter die Abwehr zu sprinten. Nur selten gewannen sie jedoch die Kopfball-Duelle. Es fehlten schlicht die Verlängerungen hinter die Abwehr, als dass diese Strategie hätte fruchten können.

Taktische Aufstellung Hannover 96 - HSV
Taktische Aufstellung Hannover 96 - HSV

 

Passende Spielaufbaustruktur der Hannoveraner

Hannover gelang es, dem HSV ein umkämpftes Spiel aufzuzwingen, das weit entfernt vom Hannoveraner Tor stattfand. Doch nicht nur gegen, sondern auch mit dem Ball entpuppte sich 96 als zäher Gegner. Sie formten ihre Formation leicht um: Philipp Ochs rückte bei Ballbesitz weit vor. Dominik Kaiser verblieb als alleiniger Sechser vor der Abwehr.

Die Variante war clever gewählt: Hamburgs Dreiersturm lief Hannovers Drei-Mann-Abwehr an. Die Hamburger Doppelacht wiederum war beschäftigt mit Haraguchi und Ochs. Jung traute sich als Sechser zunächst nicht vor, um den Raum vor der Abwehr nicht zu entblößen. Frei blieb Hannovers Spielmacher Kaiser. Er bekam den Ball vor der Abwehr.

Nur selten konnte Hannover diese gute Aufbausituation nutzen, um gefährlich nach vorne zu rücken. Dazu stand die Hamburger 4-3-Ordnung in der ersten und zweiten Linie zu kompakt. Zumindest aber konnten Hamburgs Stürmer keinen Zugriff erlangen auf den Spielaufbau der Hannoveraner. Die Gastgeber hatten also nicht nur bei gegnerischem, sondern auch bei eigenem Ballbesitz ein hohes Maß an Kontrolle. Die Partie war bis zur Pause etwas zerfahren und arm an Torchancen, aber auch absolut ausgeglichen. Ein Teilerfolg für die Hannoveraner.

 

Kleine Anpassungen geben HSV die Oberhand

Nach der Pause kam es für den HSV noch dicker: Mit dem ersten Angriff erzielte Hannover den Führungstreffer (51.). Hier machte sich die offensive Ausrichtung ihrer Außenverteidiger bezahlt.

Der Treffer war umso schlechter für den HSV, als dass er eigentlich stärker aus der Kabine zurückgekehrt war. Trainer Hecking nahm keine großen Anpassungen vor. Seine kleinen Veränderungen fruchteten jedoch. So suchte der HSV wieder bewusster die linke Seite im Spielaufbau. Vor der Pause hatten sie sich von Hannover zu leicht auf ihre spielschwächere rechte Seite drängen lassen.

Vor allem aber reagierten die Hamburger auf die Mannorientierungen des Gegners: Die Spieler verließen häufiger ihre Positionen und brachten somit die Ordnung des Gegners durcheinander. So trat vor allem Jeremy Dudziak vermehrt in Erscheinung. Er ließ sich auf die linke Außenseite fallen, just in den Raum, den Tim Leibolds Manndecker freiließ. Richtig abgestimmt sorgte dies dafür, dass Dudziak völlig freistand: Sein Manndecker konnte das Zentrum nicht verlassen, Sonny Kittels Gegenspieler wiederum nicht vorrücken. Der HSV konnte Tempo aufnehmen und sich in der Folge über die linke Seite vor das Tor kombinieren oder mit einer Verlagerung Bakary Jatta finden.

Diese Ansätze funktionierten jedoch nur so lange, wie Dudziak auf dem Rasen stand. Nach seiner Verletzung agierte der eingewechselte David Kinsombi (68.) ungleich offensiver. Er ließ sich nicht auf die linke Seite fallen, sondern rückte vor. Das spielte Hannover in die Karten, die nun in einem etwas tieferen 5-2-1-2 verteidigten. So blieben auch die Einwechslungen von Joel Pohjanpalo (63., für Lukas Hinterseer) und Martin Harnik (63., für Jatta) wirkungslos. Sie bekamen schlicht keine Zuspiele. Harnik hatte bei Abpfiff zehn Ballkontakte zu verbuchen, Pohjanpalo gerade einmal fünf.

 

Glücklich für den HSV, dass Pohjanpalos fünfter Ballkontakt das erlösende Ausgleichstor brachte (96.). Mithilfe von Hauruckfußball – Flanken aus dem Halbfeld, groß gewachsene Innenverteidiger in den Strafraum – erzwangen die Hamburger den Ausgleich gegen müde Hannoveraner. Diese hatten aufopferungsvoll gekämpft und den HSV lange Zeit mattgestellt. Doch am Ende konterte der HSV den Einsatz des Gegners mit einer schieren Willensleistung. Manchmal muss es eben auch so gehen.

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