Marcus Scholz

2. Mai 2019

 

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Zuckerbrot und Peitsche, so heißt es. Und manchmal geht das auch andersrum. So wie in etwa bei HSV-Trainer Hannes Wolf, der mit seiner Mannschaft seit dem Schlusspfiff in Berlin hart ins Gericht gegangen war. Er holte in einer für ihn ungewohnt scharfen Weise die Peitsche heraus und kritisierte ebenso wie Sportvorstand Ralf Becker nichts geringeres als die Basis eines jeden Fußballers: die Einstellung. Einen schlimmeren Vorwurf kann man einer Mannschaft nicht machen. Und so wurde in den verschiedensten Variationen moniert, dass die Spieler den Ernst der Lage nicht angenommen hätten. Grund genug für Wolf, ein Kurztrainingslager in Rotenburg zu beziehen. Ob er es aus eigener Erfahrung in einer solchen Situation als probates Mittel ansieht? „Kritische Momente gab es natürlich schon ganz viele. Ich habe mich über den Ort informiert und dann haben wir es danach zusammengestellt, was wir brauchen. Es geht darum, dass du zusammen bist, dass du die Kernthemen ansprichst und gut trainierst. Dass du vor allem den zusammenhält und das Vertrauen in die eigene Stärke stärkst. Und das machen wir.“

Soll heißen: Zuckerbrot statt Peitsche ist heute angesagt. Heute Abend macht die Mannschaft ein Dart-Turnier, ehe am Abend wieder zusammen Fußball geguckt wird. So, wie gestern, wo man Barcelona gegen Liverpool zusammen gesehen hatte. Ob Wolf das Gefühl habe, dass die Mannschaft diesen Zusammenhalt positiv umzusetzen weiß? „Ja, auf jeden Fall. Es ist schon eine gute Energie drin. Auch gestern im Training, und darum gehts ja auch. Die Rolle hat sich verändert. Wir sind vom Gejagten zum Jäger geworden. Auch Ingolstadt kämpft ums Überleben, da müssen wir voll da sein.“ Was er neben dem Zusammenhalt an sportlichen Veränderungen/Verbesserungen erwartet? „Es haben zuletzt immer wieder Kleinigkeiten gefehlt, da hat in der einen oder anderen Situation die Schärfe gefehlt. Jetzt brauchen wir Spieler auf dem Platz, die sich zerreißen. Da kann sich in diesen Tagen jeder qualifizieren. Wir trainieren gut, führen viele Gespräche, wollen uns einschwören. Wir geben den Plan vor, die Mannschaft muss ihn dann mit Leben füllen.“

Im heutigen Training schienen die Spieler das Geforderte umzusetzen. Zumindest war Trainer Hannes Wolf zufrieden. Und das, während Aaron Hunt mit seinen Rückenproblemen aus dem Union-Spiel weiter fehlte und wohl auch am Sonnabend gegen Ingolstadt mal wieder ausfallen wird. Derweil hofft Wolf noch auf die Rückkehr von Orel Mangala. „Orel hat weiterhin Schmerzen am Fuß, aber es wäre wahnsinnig wichtig, dass er spielen kann. Wir werden alles versuchen, was seriös ist. Wir werden auf jeden Fall in den den bestehenden Grenzen alles ausschöpfen.“

 

 

Hannes Wolf macht tatsächlich wieder einen klaren Eindruck. Er wirkt sortiert. Und er marschiert vorweg. Er weiß, dass es hier nicht nur um den Aufstieg, sondern sehr schnell auch um seine Position gehen kann. Treueschwüre hin oder her. „Wenn ich vor die Mannschaft trete, dann muss ich voll da sein. Ich denke, dass das auch klappt. Aber ich nehme mich selbst nicht so wichtig“, sagt er selbstbewusst und wirkt den Umständen entsprechend zufrieden.  Und das sogar mit Fiete Arp, den er in den letzten Monaten nicht mehr nominiert und zuletzt sogar zur U21 abgestellt hatte. „Er trainiert gut und engagiert, er macht einen klaren Eindruck. Das ist ein guter Junge. In den vergangenen Wochen brauchte er Spiele in der U21, die hat er bekommen. Er ist ein guter Junge, ein guter Spieler, ein richtig gutes Talent. Wir wollten ihn hier dabei haben, auch um zu sehen, auf welchem Level er jetzt ist mit ein paar Spielen. Es ist gut, dass er hier ist. Er ist klar und gibt Gas.“

Dennoch, angesprochen auf die Offensive und den Kampf um die Position in der Spitze werden mit Pierre Michel Lasogga, Manuel Wintzheimer und Hee-Chan Hwang (auch in dieser Reihenfolge) alle Kandidaten genannt - Arp nicht. „Pierre ist wieder konstant im Training, Manu ist in guter Verfassung. Auch Chan ist jetzt länger gesund. Da geht es schon darum, wer spielt. Da gibt es nicht die eine Säule.“ Klingt alles nicht so, als würde sich Arp allzu große Hoffnungen machen dürfen. Etwas besser sieht es dagegen für einen anderen Rückkehrer aus. Kyriakos Papadopoulos ist nach seinem Infekt wieder ins Training eingestiegen und haute sich gleich voll rein. „Papa war ein paar Tage raus“, so der HSV-Trainer über das einstige griechische „Mentalitätsmonster“. „Er ist eine  Alternative für später im Spiel“ Zumal die Defensive auch nicht die Zone sei, wo man „ganz was Verrücktes“ machen müsse.

Letztlich bricht sich auch beim Gespräch über die mögliche Startelf letztlich immer wieder alles auf die Basiseigenschaften Kampf, Einsatz und Laufbereitschaft herunter. Ob es eine Aufstellung nach Laufwerten werden könnte? „Das ist nur ein Teil davon. Aber jeder muss an seine Grenzen gehen, mit seinen Möglichkeiten arbeiten. Danach geht es. Wir haben in den letzten Wochen auch gesehen, dass wir marschieren können.“ Rund 120 Kilometer Laufleistung - natürlich immer abhängig von der Nettospielzeit der Partie - pro Spiel ist die Benchmark, an der sich Wolf und seine Spieler grob orientieren. Das fordert Wolf.

Und darauf achtet er auch im Training. Im Gegensatz zu den bisherigen Monaten unter Wolf lässt er aktuell noch nicht durchblicken, wer im vermeintlichen A- und wer im B-Team steht. „Wir haben haben noch mal den Zusammenhalt beschworen. Wir brauchen noch mal Jungs, die richtig ziehen, da kannst Du nicht alles schon vorher klar haben“, so Wolf über das Hochhalten des Konkurrenzkampfes bis unmittelbar vor den Anpfiff gegen Ingolstadt. Auch taktisch hatte er zuletzt immer wieder überrascht. dennoch will er die taktischen Variationen der letzten Wochen nicht als Marschroute für die letzten drei Spiele gelten lassen. „Es geht nicht darum, jede Woche den Gegner zu überraschen. Bei Union war es klar mit langen Bällen, da musstest du darauf achten, hinten  groß genug zu sein, damit du dich da wehrst.“

Ob das auch für das Spiel gegen die um die Existenz kämpfenden Ingolstädter gelte? „Ingolstadt hat bisher in jedem Spiel ein anderes System gespielt, seit sie den neuen Trainer haben“, so Wolf über die schwere Aufgabe, sich auf den gegen einzustellen. „Es wurde mal ein 4-3-2-1, 4-3-3-, 4-4-2 - also alles dabei. Wir müssen es einfach gut machen.“  Und das stimmt. Auch statistisch steht dem HSV ein extrem schweres Spiel bevor gegen einen Gegner, den die Experten vor der Saison eher im oberen Drittel denn unten gehen hatte. Erschwerend hinzu kommt, dass beim nächsten Gegner der jüngste Trainerwechsels zumindest den kurzfristig erhofften Erfolg gebracht hat: Drei Siege, ein Remis - zehn Punkte unter Trainer Tomas Oral.

Der HSV ist gewarnt. Gleich mehrfach. Denn neben der Bilanz des Gegners hat man sich durch die letzten schwachen Auftritte noch einmal  überdeutlich vor Augen geführt, was man alles nicht braucht. dazu kommt die Tabellensituation, die den HSV zum Erfolg zwingt - auch das dürfte der letzte Spieler im Kader spätestens jetzt geschnallt haben…

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird noch einmal am Vormittag in Rotenburg unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert, ehe es von dort zurück nach Hamburg ins Mannschaftshotel geht. Bis dahin! Ich melde mich morgen früh natürlich wieder pünktlich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch.

Bis dahin,

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.