Marcus Scholz

24. Januar 2020

Die Schlagzeilen waren vorherzusehen. Und sie sind berechtigt. Also zumindest die, die sich mit der 2:5-Pleite beim VfB Lübeck  beschäftigen. Den  in den letzten Test vor dem ersten Rückrundenspiel 2020 gegen den 1. FC Nürnberg hat wirklich nichts gestimmt. Nicht die Einstellung, nicht die Leistung - am allerwenigsten das Ergebnis, so verdient es auch war. Nur gut, dass der HSV parallel dazu für die Problemzone Mittelstürmer einen neuen Spieler aus der Ersten Liga verpflichten konnte. Das lenkt ab und gibt normalerweise positive Schlagzeilen - sollte man meinen. Zumal es sich hier um einen finnischen Nationalstürmer handelt. Problem dabei: Der Finne Joel Pohjanpalo ist leider nicht die Wunschlösung der HSV-Verantwortlichen. Vielmehr ist er eine Kompromisslösung hinter der noch einige Fragezeichen stehen.

Zum einen seine Gesundheit betreffend. Seit Oktober 2019, wo er für Bayer Leverkusen für eine Minute eingewechselt wurde, hat der 25-Jährige keinen Ligaeinsatz mehr gehabt. Davor hatte er sogar 19 Monate pausiert. „Ich habe die komplette Vorbereitung problemlos mitmachen können und im Testspiel getroffen“, freute sich „Danger“ heute über eine problemfreie Wintervorbereitung bei Bayer - und ab heute beim HSV. „Danger“ wird der Angreifer übrigens ob seiner Ähnlichkeit zu Schauspieler Max von der Groben genannt, der in einem Film, die Rolle „Danger“ spielt. Und auch wenn Pohjanpalo bei seinem ersten Auftritt heute noch von niemandem seiner neuen Teamkameraden (abgesehen vom HSV selbst in einem Präsentationsvideos) so genannt wurde, will er sich diesen Spitznamen in den nächsten Wochen beim HSV verdienen.

Boldt: „Pohjanpalos Verletzungsproblematik abgeklopft“

Im Training heute konnte der Angreifer noch nicht wirklich zeigen, was in ihm steckt. Aber diese Gelegenheiten wird er beikommen, wenn es am Sonntag um 10 und um 15.30 Uhr weitergeht. Zudem stehen in den nächsten zwei Wochen binnen zehn Tagen gleich drei Ligaspiele an, in denen Pohjanpalo die Einsatzzeiten seiner letzten zwei Jahre ohne Probleme verhundertfachen kann. „Natürlich haben wir vor der Verpflichtung die Verletzungsproblematik gewissenhaft abgeklopft“, sagte Sportvorstand Jonas Boldt heute, nachdem sich Pohjanpalo unseren Fragen gestellt hatte. Der Sportvorstand weiter: „Er ist voll belastbar und schmerzfrei, das ist wichtig.“  Aber seht und hört selbst:

 

Noch wichtiger als alles das aber wird sein, dass Pohjanpalo hilft. Er selbst verspricht alles dafür zu tun. Aber so unfair das auch ihm gegenüber ist - er wird in Hamburg Vorbehalte abarbeiten müssen. Er sei eine Kompromisslösung, heißt es. Und dieser Begriff wird nicht von außen an ihn herangetragen, sondern wurde auch HSV-intern benutzt. Boldt versuchte heute in seinem Statement noch einmal alles, um seinem letzten Zugang den Einstieg zu erleichtern. Und auch ich will das gern versuchen. Allerdings ist es unbestritten, dass der HSV andere Lösungen bevorzugt hätte. Vorstandsboss Bernd Hoffmann wollte demnach Simon Terodde vom 1. FC Köln nach Hamburg lotsen. Sportvorstand Jonas Boldt und Sportchef Michael Mutzel hatten indes bis zuletzt versucht, den slowakischen Nationalstürmer Robert Bozenik zum Wechsel zum HSV zu überzeugen. Angeblich gab es deshalb intern sogar Streitigkeiten, die letztlich einen schädlichen Stillstand erzeugt haben sollen. Ergebnis: Der HSV bekam beide Wunschspieler nicht - und holte jetzt Pohjanpalo. Als Kompromiss.

Boldt: Intern gab es kontroverse Diskussionen

Boldt nahm heute Stellung zu diesem Thema und dementierte einen Streit. Stattdessen nannte er es einen normalen kontroversen Diskurs, der immer wieder vorkäme und der dazugehöre. „Von Streit erkenne ich hier relativ wenig“, so Boldt, der auch klarstellte, dass er Joel Pohjanpalo „immer auf der Liste“ gehabt habe. Auch zu den anderen Kandidaten bezog Boldt bei der Gelegenheit Stellung - was nicht wirklich üblich ist, aber was der HSV-Vorstand in diesem Fall offenbar für notwendig erachtete. Terodde sei mit Sicherheit der erste Name, der jedem einfallen würde, wenn man über einen Torgaranten in der zweiten Liga sprechen würde, so Boldt, der aber auch klarmachte, dass es nie eine Chance gab, den Kölner Angreifer zu verpflichten. Man habe sich nicht länger mit dem Namen beschäftigt, nachdem aus Köln klar signalisiert worden war, dass Terodde nicht wechseln wollen würde. Boldt stellte klar: „Wir haben nicht hintenrum irgendwelche Versuche unternommen. Wir haben respektiert, was der Spieler, Verein und Berater gesagt haben.“

Anders gestaltetet sich der Fall Bozenik. Hier hat der HSV bis zuletzt nachgefasst, wie Boldt heute erstmals detailliert beschrieb. „Bozenik haben wir versucht. Er ist anderer, jüngerer Spielertyp, der momentan überall im Fokus steht. Wir haben für ihn auch finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt bekommen“, so der HSV-Sportvorstand, „aber da hat sich dann herausgestellt, dass diese Mittel nicht reichen.“ Es würde sowieso interessant zu sehen sein, ob Bozenik überhaupt gehen darf. Boldt: „Unsere Information sind, dass der Spieler bleiben muss.“ Die Slowaken von MSK Zilina hätten offenbar die Hoffnung, dass sich Bozenik über eine gute EM einen noch deutlich besseren Marktwert erarbeite.

Pohjanpalos Verpflichtung birgt Risiken

Ich halte die Entscheidung für Pohjanpalo tatsächlich für sehr mutig. Der Finne genießt in Leverkusen und Düsseldorf (dort spielte er von 2014 bis 2016 auf Leihbasis) seit einigen Jahren den Ruf eines Lebemannes, er bringt statistisch mehr Argumente gegen als für eine Verpflichtung mit - andererseits kennt Boldt ihn schon lange. Und er kennt die Leverkusener Verantwortlichen gut genug, als dass er dessen Einschätzungen richtig zu bewerten wissen sollte. Und klar ist auch: Pohjanpalo hat eine faire Chance verdient. Wie jeder andere Neue auch. Mein einziges Problem: der HSV hat bei Bozenik eine Chance vertan, sich personell sowohl für den Moment zu verbessern als auch für die Zukunft aufzustellen. Stattdessen hat man einen verletzungsanfälligen Spieler für vier Monate ohne Kaufoption verpflichtet, bei dem alle wissen, dass er nicht die erste Wahl war.

Es bleibt eine Verpflichtung mit Geschmäckle. Und in den letzten Jahren führte das im Nachgang nur zu oft zu „Ich habe es doch gesagt“-Situationen, bei dem Schuldige gesucht und nicht selten auch geopfert wurden. Und um zum Ende hin wieder den Bogen zum blamablen 2:5 in Lübeck zu schlagen: Schlechter als die neuen Kollegen in Lübeck wird Pohjanpalo gar nicht sein können. Weniger Tore als Wood kann er kaum erzielen. Und mit der EM hat der Finne ein großes Ziel vier Augen, für das er sich nur mit guten Leistungen empfehlen kann - beim HSV. Viel mehr Motivation braucht man nicht.

Von daher gehe ich das Thema Pohjanpalo positiv an. Und was er selbst zu sagen hat, könnt Ihr Euch hier ansehen und anhören:

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da ist übrigens trainingsfrei.

Scholle

 

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