Marcus Scholz

14. April 2018

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann hatte es angekündigt: Es wurde ein Spiel werden, das dem gegen den 1. FC Köln sehr ähnelt. Das hatten die Sinsheimer mit 6:0 gewonnen. Parallele zu heute: Auch der HSV kam mit einem gut herausgespielten Sieg und neuem Selbstvertrauen zur TSG in die Wirsol-Rhein-Neckar-Arena - und lief ins offene Messer. Wie gegen Köln nutzten die Hoffenheimer ihr Tempo in der Offensive und überrannten den HSV schnell. „Wir haben heute das Spiel in der ersten Halbzeit schon verloren, weil wir nicht in unser Spiel gekommen sind. Dann gehst du völlig zurecht mit 0:2 in die Halbzeit. Man muss es anerkennen, wie es war. Der Gegner war heute von Beginn an gut – wir leider nicht“, so Titz’ Analyse nach dem Spiel. Dass die zweite Halbzeit zumindest etwas besser wurde und der HSV nicht aufgab – für Titz geschenkt.

Symptomatisch: Der zuletzt so gelobte Matti Steinmann, ein Mann des gepflegten Passes aber sicher nicht des schnellen Laufens, fand nahezu gar nicht statt und wurde nach 33 Minuten schon gegen Albin Ekdal ausgewechselt. Dennoch hatte das erste Gegentor nichts mit alldem zu tun.  Denn da säbelte van Drongelen zuerst über den Ball, fiel dann um und legte Gnabry den Ball direkt in den Lauf. Dass dieser auch noch Pollersbeck tunnelte – es passte.

Richtig aufgeregt hat mich allerdings der zweite Gegentreffer, als Schulz zuerst Gotoku Sakai auf der Torauslinie ausspielt wie einen Kreisklassekicker und anschließend von Lewis Holtby auch noch Geleitschutz bekam, um unbedrängt auf Szalai abzulegen – das 0:2 aus HSV-Sicht. Amateurhafter als sich Sakai zuerst aber vor allem Holtby danach anstellen, geht kaum. Und es war eine Art Vorentscheidung. Denn drei Tore in Hoffenheim - das war dann angesichts der generellen Offensivschwäche dieses HSV doch mehr als unwahrscheinlich. Vor allem heute. Oder?

Ja. Sogar das Gegenteil war zunächst der Fall. Denn binnen drei Minuten in der zweiten Hälfte trafen die Hoffenheimer einmal den Pfosten und einmal das Außennetz. In der 73. Minute m achten sie sogar das 3:0 - aber der Treffer von Akpoguma wurde wie in der ersten Halbzeit der Treffer von Hübner wegen Abseits’ nicht gegeben. Glück für den HSV, der für sein offensives Spiel bitter abgestraft wurde und sich am Ende noch bei Pollersbeck bedanken, dass es nur 0:2 ausging. Nein, das war heute ein Spiel, das einige Dinge nur noch mal verdeutlicht hat, die wir schon seit langer Zeit bemängeln.

Zum einen, dass diese Mannschaft ein Qualitätsproblem hat. Anders ist es auf jeden Fall nicht zu erklären, wie man davon spr3chen kann, dass der Trainer aus dieser Mannschaft das rausholt, was in ihr steckt – und dass man parallel trotzdem nur vier Punkte aus vier Spielen holt. Und, um das klarzustellen: Ich bin überzeugt davon, dass der Trainer nahezu alles aus dieser Mannschaft herausholt, was zu diesem Zeitpunkt herauszuholen ist. Titz ist angetreten mit einem leblosen Haufen Individualisten und hat diese mit einigen mutigen Entscheidungen so weit bekommen, dass wieder Fußball gespielt wird. Und wenn das mal nicht so gut funktionierte, wie es sollte, wurde es zumindest immer weiter versucht. Siehe heute.

Zudem hat dieser HSV einfach nicht die Qualität, gegen Mannschaften zu bestehen, wenn diese mit derart hohem Tempo spielen, weil der HSV einfach dieses Tempo nicht hat. Gnabry und Schulz haben heute die rechte HSV-Seite des HSV in der ersten Halbzeit nach Belieben dominiert, das HSV-Mittelfeld war komplett überfordert bei den schnellen Gegenstößen. Und selbst Charakterspieler wie Rick van Drongelen, dessen Einsatz im Training wie im Spiel absolut vorbildlich ist, fallen dann ab. Von Gotoku Sakai, der als Kapitän diese Mannschaft anführen soll, will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen. Und ohne einen Führungsspieler – Titz’ Liste vom Donnerstag mit Jung, Steinmann und Holtby zeigt mir nur, wie verzweifelt der HSV-Coach nach eben solchen Spielern in diesem Kader erfolglos sucht – kann es nichts werden.

Ich will uns aber heute Abend keine schwere Kost mehr aufgeben. Dieser HSV ist einfach nichts, was uns über mehrere Wochen am Stück Freude machen kann. Und die Suche nach den Ursachen für diese Misere sind hundertfach kontrovers diskutiert, von allen möglichen Seiten aufgeschrieben worden und damit Euch allen auch hinlänglich bekannt.

Stattdessen bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die Verantwortlichen um Interimsvorstandsboss Frank Wettstein, Kaderplaner Johannes Spors und Aufsichtsratsboss Bernd Hoffmann schon seit einiger Zeit den Kader für die neue Saison planen, indem sie ein sehr gutes Gerüst für die Zweite Liga zusammenstellen, das sie je nach Saisonausgang entweder mit Erst- oder Zweitligaverstärkungen garnieren. Hauptsache ist, dass sie nicht am 12. Mai bzw. nach den Relegationsspielen bei Null anfangen. Der gestern verpflichtete Schotte David Bates dürfte ein erstes Indiz dafür sein, dass sich der HSV auf den Abstieg einstellt – ohne ihn jetzt schon komplett zu akzeptieren. Das hoffe ich zumindest. Wie so vieles beim HSV...

 

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle

Statistik:

TSG Hoffenheim: Baumann - Nordtveit, Vogt, Hübner - Kaderabek, Grillitsch (70. Rupp), Schulz - Amiri (78. Demirbay) - Kramaric, Szalai, Gnabry (58. Akpoguma)

Hamburger SV: Pollersbeck - Sakai, Jung, van Drongelen (76. Salihovic), Douglas - Steinmann (33. Ekdal) - Kostic, Holtby, Waldschmidt (63. Arp), Ito - Hunt

Tore: 1:0 Gnabry (18.), 2:0 Szalai (27.)

Zuschauer: 30.150 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Harm Osmers (Hannover)

Gelbe Karten: Amiri (64.) / Douglas (51.), Jung (85.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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