Marcus Scholz

22. September 2019

Er umarmte alle. Und alle umarmten ihn. Dieter Hecking bedankte sich bei seinen Spielern, den Offiziellen und teilte auch Gästetrainer Dirk Schuster noch schnell mit, weshalb er die anschließende Pressekonferenz auslassen stattdessen schnell in seine Heimat Hannover reisen würde. Private Gründe – wobei auch wir es belassen – ließen keine andere Entscheidung zu. So schön das 4:0 durch die Treffer von Vagnoman, Hinterseer, Harnik und Hunt und gegen Aue vor 44.021 Zuschauern vorher auch war. Aues Torjäger Pascal Testroet sprach im Anschluss sogar von einem „HSV aus einer anderen Liga“ – so chancenlos hatten sie sich selbst erlebt. Und Testroet übertrieb damit tatsächlich nicht.

Drei Wechsel sorgen für einen sehr guten Start des HSV

Drei Wechsel hatte HSV-Trainer Hecking zuvor vorgenommen. Khaled Narey, Bakery Jatta und David Kinsombi mussten zunächst auf die Bank (und blieben da auch), während  Aaron Hunt zusammen mit Jeremy Dudziak ins Mittelfeldzentrum rückte und Martin Harnik seine Startelfpremiere feierte. Sonny Kittel rückte dafür wieder auf die linke Außenbahn. Und es waren drei Wechsel gegenüber der Derby-Pleite, die sich auszahlten, denn plötzlich hatte der HSV neben Fein zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler, die Verantwortung übernahmen und die Bälle nicht nur forderten, sondern sie auch geschickt verteilten. Kurz gesagt: Der HSV hatte endlich wieder einen geordneten, dominierenden Spielaufbau.

Zu klaren Chancen sollte das gegen sehr verhaltene, schwache und an der Grenze des Erlaubten foulende Auer zunächst nicht führen. Im Gegenteil, erst als sich der bis dahin erneut wackelig agierende Josha Vagnoman ein Herz nahm und von der rechten Außenbahn in die Mitte zog, klappte es. Mit links zog der  Rechtsverteidiger ab, Aues Mihojevic fälschte den Ball unhaltbar ab – das 1:0 in der 18. Minute. Allerdings hätte der Treffer wohl nicht zählen dürfen, da Martin Harnik im Abseits stehend Aues Keeper Männel die Sicht versperrte. Aber okay, so schnell gleichen sich manchmal Fehlentscheidungen (wie das nicht gegebene Tor von Hinterseer gegen Pauli) aus.

Lange, diagonale Bälle sorgen für die Entscheidung

Der HSV hatte das Spiel bis hierhin aber auch regulär komplett im Griff und fand jetzt auch das Mittel zum Erfolg: Lange Bälle diagonal in den Rücken der Aue-Abwehr. Weshalb die Gäste hier nicht zu reagieren wussten, wird mir noch lange ein Rätsel bleiben. Aber für den HSV war es top. Vor allem für Rick van Drongelen, der mit seinen langen Pässen vor allem Martin Harnik in Szene zu setzen wusste.

Nach einem kurzen Schreckmoment (Daferner kommt nach sensationell getimter Flanke von Testroet frei zum Kopfball, Heuer Fernandes klärt zur Ecke, 23.), findet einer dieser langen Pässe des Niederländers den durchstartenden Harnik, der seinerseits den mitlaufenden Hinterseer nicht nur sieht, sondern diesen auch gekonnt per Direktabnahme anspielt – das 2:0 (32.).

Aue fällt nur durch Fouls auf - und hat Glück, dass keiner fliegt

Was mit Aue war? Nichts. Wirklich  gar nichts. Abgesehen von einigen Fouls, die Schiedsrichter Reichel deutlich härter hätte ahnden können und in der 37. Minute auch mit Rot statt Gelb für Daferner hätte ahnden müssen, kam nichts nach vorn. Die HSV-Abwehr hatte bis hier einen aktiven Erholungstag. „Es war eine gute Leistung von uns. Neben den vier Toren ist es schön, dass hinten die Null steht. Das war ebenfalls wichtig für uns. Speziell für Gideon und mich“, freute sich van Drongelen nach Spielschluss.

Zur Halbzeit stand ich mit meinem Kicker-Kollegen Sebastian Wolff im Presseraum und wunderte mich darüber, dass Aues Trainer und Spieler die langen Bälle von van Drongelen auch nachdem dritten und vierten Mal nicht zu verteidigen wussten. Aber wir waren uns eigentlich sicher, dass Aues Trainer Dirk Schuster die Problematik in der Halbzeit deutlich ansprechen und ausmerzen würde. Allerdings: Pustekuchen! Stattdessen war gleich die erste Aktion in der zweiten Halbzeit wieder ein langer Ball von van Drongelen auf Harnik, und der Startelf-Debütant krönte die Dummheit der Auer bzw. den schönen Pass van Drongelens mit einem satten Schuss aufs kurze Eck – das 3:0 (46.).

Die Vorentscheidung? Ja. Der HSV legt sogar noch einmal nach

Ja. Zumal der HSV eine gute Viertelstunde später noch mal nachlegte. Aaron Hunt spielt Doppelpass mit dem links mitgelaufenen Kittel und lupft den Ball im Nachschuss zum 4:0 ein (62). Zu diesem Zeitpunkt hatte Hecking bereits Harnik gegen Samperio getauscht, um diesem Spielpraxis zu geben. Der Spielstand erlaubte es. Und so kam in der 72. Minute auch Youngster Xavier Amaechi (kam für den starken Dudziak) zu seinem ersten Einsatz in einem Zweitligaspiel für den HSV.

Am Spielverlauf änderte das nichts – der HSV dominierte die Partei hier nach Belieben. Hunt hätte in der 71. Minute noch das 5:0 selbst machen oder auf Hinterseer querlegen können, scheiterte aber an Aues Keeper Männel und kurz darauf in der 75. Minute an sich selbst, während Aue beim Foul des eingewechselten Strauß an Jairo Samperio das zweite Mal Glück hatte, hier keine Rote Karte zu kassieren. Dennoch: Das Spiel war entschieden und Hecking brachte mit Wood (kam in der 81. Minute für Hinterseer) den dritten Spieler, den er bei einem engeren Spielverlauf wahrscheinlich nicht gebracht hätte. Aber: Aus dem erwartet schweren Gang gegen Aue wurde ein sportlicher Spaziergang. Weil man heute von der ersten Minute an präsent war.

 

Trainer Hecking reiste sofort nach Schlusspfiff aus privaten Gründen ab

Hecking selbst verabschiedete sich dann direkt nach Schlusspfiff nach vielen Umarmungen und überließ Cotrainer Dirk Bremser sowie Sportvorstand Jonas Boldt die Interviews. Aus privaten Gründen, die wir auch genau so belassen. Es gibt eben einfach wichtigere Dinge als Fußball. Auch nach so schönen Siegen wie heute. „Es war ganz wichtig, nach der ärgerlichen Derbyniederlage so zu reagieren“, so Bremser, der verriet, dass Hecking die Spielvorbereitung noch „relativ normal“ geleitet hatte und dass nicht nur er als Freund, sondern der gesamte HSV jetzt hinter Hecking stehen würde. Und dem schließen wir uns hier bedingungslos an.

In diesem Sinne, bis gleich. Da melde ich mich dann nach der PK noch mit dem Blitzfazit bei Euch.

Scholle

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Heuer Fernandes - Vagnoman, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Dudziak (72. Amaechi), Hunt - Harnik (60. Samperio), Hinterseer (81. Wood), Kittel

Erzgebirge Aue: Männel - Kalig, Gonther, Mihojevic, Kusic (50. Strauß) - Baumgart, Riese, Fandrich, Hochscheidt - Daferner (46. Nazarov), Testroet (73. Krüger)

Tore: 1:0 Vagnoman (18.), 2:0 Hinterseer (32.), 3:0 Harnik (47.), 4:0 Hunt (62.)

Zuschauer: 44.021

Schiedsrichter: Tobias Reichel (Stuttgart)

Gelbe Karten: van Drongelen (70.) / Daferner (37.), Fandrich (66.), Strauß (75.)

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FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.