Marcus Scholz

15. April 2019

 

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Als Schiedsrichter Robert Hartmann nach drei Minuten Nachspielzeit das Spiel in Köln abpfiff, wurde es laut. Aber niemand jubelte. Die Kölner Fans pfiffen - und die Hamburger schienen fast schon ein wenig enttäuscht, dass es am Ende "nur" ein 1:1 beim Tabellenführer geworden war. Und das, obwohl Köln in der ersten Halbzeit seine Qualität mehr als einmal andeutete und der HSV kaum zur Entfaltung kam. Am Ende aber muss man nach einer starken zweiten Halbzeit des HSV, die der eingewechselte Manuel Wintzheimer mit seinem Premierentreffer in der 85. Minute in einen Punkt vergoldete, von einem mehr als verdienten Punktgewinn sprechen. Wolf nach dem Spiel: „Es war kein leichter Weg zu diesem Spiel. Wir haben zuletzt zwei Mal spät verloren und ein paar Spieler, die nicht spielen konnten. Dafür haben wir es heute insgesamt sehr gut gemacht.“ Stimmt.

In Sachen Aufstellung gab es keine große Überraschung - wenn man mal von der grundsätzlichen Überraschung mit Leo Lacroix für Kyriakos Papadopoulos absieht. Der Schweizer sollte seine Hinspiel-Leistung wiederholen und Kölns Angriff an die Leine legen - es klappte nur sehr bedingt. Auch, weil der HSV insgesamt zu wenig spielerische Mittel hatte, um für Entlastung zu sorgen. Insgesamt dauerte es 15 Minuten, bis der HSV überhaupt das erste Mal vor das Kölner Tor kam - aber Santos Flanke wurde nur deshalb gefährlich, weil ein Kölner sie abgefälscht hatte. Auf der anderen Seite hatten die Kölner immer wieder Räume im Zentrum, das heute beim HSV komplett unterbesetzt war - trotz nominell drei Defensiver mit Janjicic, Jung und Mangala. Vorweg: Alle drei spielten in den ersten 45 Minuten weit unter Form. Ebenso wie Berkay Özcan, der überhaupt nicht stattfand.

Und so kam, was nicht kommen sollte: Der HSV ohne Entlastung und die Kölner kamen zu Standardsituationen rund um den Sechzehner und zu schon sechs Ecken nach gerade einmal 25 Minuten. Und zum 1:0. Kölns Geis schlägt eine Ecke auf den ersten Pfosten, Höger verlängert per Kopf auf den zweiten Pfosten, wo Drexler heranstürmt und mit dem rechten Fuß vor Sakai und Özcan zur Stelle ist - das 1:0 (26.). Es war schon der 18. Gegentreffer des HSV nach Standards. Wahnsinn!

Zuvor hatte der HSV schon einige Situationen mit den verschiedensten Körperteilen gerade noch blocken können. Wirklich Gegenhalten war aber heute in den erste 45 Minuten nicht drin. Einzig Jatta und Santos hatten über links Ansätze von Torgefahr. Letztlich musste ein Kopfball aus 20 Zentimetern Entfernung an den Arm von Czichos in der 44. Minute schon herhalten, damit einige Hamburger ernsthaft einen Elfmeter forderten. Albern.

Es gab in der ersten Halbzeit einige Szenen, die die Dominanz bzw. die qualitative Überlegenheit der Kölner demonstrierten. In der 18. Minute tanze Drexler Sakai auf der Torauslinie aus und in der 37. Minute verlud Hector mit einer ganz simplen Körpertäuschung Gideon Jung und konnte allein in den Sechzehner durchstarten. Dass es am Ende nur 0:1 stand war letztlich noch positiv zu bewerten - aus HSV-Sicht.

Die zweite Halbzeit begann besser. Für den HSV. Und es passte zu Jungs Gesamtbild der letzten Wochen, dass er jetzt zwar auffällig besser wurde - aber dann raus MUSSTE. Zuerst hatte er das Bein sehr weit oben und traf Höger - Gelb in der 49. Minute. Dann spielte er einen schönen Pass auf Narey, dessen flache Hereingabe zur bis hierhin gefährlichsten Aktion wird. Kölns Jorge Meré spitzelte den Ball allerdings gerade noch rechtzeitig vor Jatta ins Toraus (53.). Und knapp zehn Minuten später begeht Jung im Mittelfeld ein harmloses aber durchaus als taktisch zu wertendes Foul und hat Glück, dass Schiri Hartmann Jung noch einmal mit einer deutlichen Ermahnung davonkommen ließ. Allerdings war jetzt klar, dass Jung raus musste, wenn man hier keine Gelbrote riskieren wollte. Und Wolf brachte in der 64. Minute den gerade wieder genesenen Josha Vagnoman für Jung. Eine gute Entscheidung.

Auch insgesamt kam der HSV jetzt besser ins Spiel. Auch, weil Köln den HSV kommen ließ, um seinerseits zu kontern. Aber der HSV nutzte diese Räume, um sich immer wieder in Sechzehnernähe durchzuspielen. Allein es fehlte der Abschluss, der letzte Pass - und wie bei Jatta, der sich über links super durchsetzte und aus sechs Metern zu hoch zielte, die Genauigkeit. Kölns Taktik - sofern ich das denn richtig interpretiert hatte - ging in dieser Phase nicht auf. Zumindest holte der Tabellenführer den HSV so wieder ins Spiel zurück. Selbst Özcan war plötzlich zu sehen.

Und während Kölns Trainer Markus Anfang einen Abwehrspieler für Topstürmer Terodde brachte, wechselte der HSV offensiv: Manuel Wintzheimer kam für Sakai - und der zuletzt in der U21 aktive Bayer schrieb die Geschichte, die ihm fast keiner (auch ich ehrlich gesagt nicht) zugetraut hatte: Wintzheimer traf nach einem mehrfach abgewehrten Ball und Gestochere aus kurzer Distanz zum 1:1. Nach Kiel war es erst seine 27. Einsatzminute für sein allererstes Bundesliga-(okay:Zweitliga-)Tor. Aber eines, das zu diesem Zeitpunkt tatsächlich verdient war. 11:1 Torschüsse zählte die Statistik in der zweiten Halbzeit bis hierhin - für den HSV! Und Köln kam aus seiner (zu) passiven Spielweise nicht mehr zurück. Im Gegenteil: Der HSV suchte sogar den Siegtreffer - fand ihn aber leider nicht. Obwohl es die Moral der zweiten 45 Minuten wert gewesen wäre.

 

Fazit: Ein komisches Spiel, weil Köln aus seiner Überlegenheit plötzlich in den Reaktions-Modus schaltete und der HSV diesen nutzte, um Köln so unter Druck zu setzen, dass man am Ende den einen Punkt mehr als verdient hatte. Oder anders formuliert: Es war ein wenig wie der HSV zuletzt, wo man Spiele dominierte und dann doch noch abgab. Aber genau wie ich nach den letzten Spielen diese Passivität des HSV kritisiert habe, muss ich heute sagen, dass Hannes Wolf und seine Männer das Beste aus dem machten, was drin war.

15:11 Torschüsse und 61 Prozent Ballbesitz - FÜR den HSV wohlgemerkt. Das hätte tatsächlich wohl niemand so erwartet. Von daher: Kompliment. Und die Tatsache, dass sich Markus Anfang nach dem Spiel zuerst über die nicht gegeben Gelbrote für Jung beschwerte und ausgebliebene Elfmeterpfiffe anstelle der Passivität seiner Mannen anführte, spricht für den HSV. Auch hier gilt, diesmal für den 1. FC Köln: Albern. Denn daran lag es nicht - sondern am HSV, der die Gunst der Stunde ergriff und sich ins Spiel zurückkämpfte.

In diesem Sinne, bis morgen. Ich bin mit diesem Punkt trotz allem sehr zufrieden. Auch wenn er tabellarisch noch nicht zu viel bedeutet, ist er ein Punkt für das zuletzt gebeutelte Selbstvertrauen. Und das wird der HSV im Schlussspurt noch brauchen. Schlusswort Wolf: „Wichtig für uns ist, dass wir am Sonnabend ein schweres Spiel haben. Wir haben den Anspruch, dass wir im nächsten Heimspiel ein ähnliches Gesicht zeigen, was Engagement und Aggressivität angeht." Stimmt.

Scholle

Das Spiel im Stenogramm:

1. FC Köln: Horn - Meré, Höger, Czichos - Geis - Clemens (43. Risse), Drexler, Hector, Kainz - Cordoba (81. Modeste), Terodde (74. Sobiech)

HSV: Pollersbeck - Sakai (81. Wintzheimer), Lacroix, van Drongelen, Santos - Jung (65. Vagnoman), Janjicic - Narey, Mangala,  Jatta - Özcan

Tore: 1:0 Drexler (26.), 1:1 Wintzheimer (85.)

Zuschauer: 50.000 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Robert Hartmann (Wangen)

Gelbe Karten: Terodde (38.), Kainz (47.), Hector (66.), Meré (75.) / Jung (49.), van Drongelen (55.), Wintzheimer (87.)

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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