Marcus Scholz

3. Juni 2020

Mein Wiesbadener Kollege des „Kicker“ wollte es gar nicht so recht glauben. Als ich ihm erzählte, dass David Kinsombi nach nur zehn Minuten gegen den SV Wehen Wiesbaden schon mehr gute Aktionen hatte als bisher in der gesamten Saison für den HSV kam nur: „Na, das ausgerechnet heute gegen uns?“ Und auch wenn es ihn nicht beruhigte, musste ich antworten: „Ja.“ Weil Kinsombi tatsächlich endlich das machte, was sich alle von ihm schon seit Saisonbeginn erhofft hatten: Kinsombi übernahm Führung auf dem Platz. Weniger verbal - mehr spielerisch. Und ganz ehrlich: "Kinso", wie ihn seine Kollegen rufen, hätte den Zeitpunkt auch keinen Spieltag weiter nach hinten legen dürfen.

„Hat gepasst“, waren im Anschluss an das 3:2 mit seinen zwei Treffern die einzigen Worte, die Kinsombi nach dem Spiel auf dem Parkplatz von sich gab, als ich ihm zum gelungenen Spiel befragte. Mehr wollte er nicht sagen. Stattdessen bedankte er sich ganz höflich für das in meine Frage implementierte Kompliment für sein gutes Spiel. Was sollte er auch sagen, ohne, dass es doof rüberkommen würde? Kinsombi wusste, dass es schlauer ist, Taten für sich sprechen zu kassen und anschließend zu schweigen. Und damit liegt er richtig. Vorbildlich sogar, finde ich. Denn wer solche Ansprüche wie Kinsombi weckt bzw. an sich selbst stellt, der kann mit der bisherigen Saison (noch) nicht zufrieden sein. Vielmehr muss der Mittelfeldspieler auch in den letzten fünf Spielen eine tragende Rolle übernehmen, um diese bislang verkorkste Saison noch zu retten. Wobei: Allein dafür, den HSV in Richtung Aufstieg zu hieven, würde sich sein Transfer letztlich gelohnt haben.

„David ist auf einem sehr guten Weg und kann für uns noch ein ganz wesentlicher Faktor in dieser Saison werden“, sagte Dieter Hecking. Nicht am Sonntag, sondern schon zu Saisonbeginn. Und dann noch mal im Winter. Beide Male mussten sowohl der HSV-Trainer als auch Kinsombi selbst schon kurz danach wieder kleinere bis große Enttäuschungen verkraften. Mal in Form von Verletzungen, mal in Form von weniger guten Leistungen. Aber letztlich so, dass Kinsombi erst zwei Spiele über die gesamten 90 Minuten ging. Das letzte Mal im September 2019.

Wird Wiesbaden zum Neustart für Kinsombi?

Seither stand Kinsombi nur zweimal in der Startelf. Und zwar im Hinspiel gegen Wiesbaden und im Anschluss gegen Holstein Kiel. Insofern darf man davon ausgehen, dass sich zumindest diese Geschichte wiederholt. Denn alles andere als ein Startelfplatz für den 24 Jahre jungen Mittelfeldspieler wäre mehr als eine Überraschung. Nicht, weil er zwei Tore gegen Wiesbaden erzielt hat. Aber auch. Denn Kinsombi ist für mich (Kittel mal im wahrsten Sinne des Wortes „außen“ vor) der mit weitem Abstand torgefährlichste zentrale Mittelfeldspieler. Warum? Ganz einfach: Bis zum Wiesbaden-Spiel waren es nur drei Treffer und ein Assist. In 21 Spielen. Jetzt hat Kinsombi sein Torkonto fast verdoppelt und parallel dazu von der ersten Minute an so gespielt, wie man ihn aus seinen besten Kieler Tagen kennt.

Und ich behaupte sogar, dass das alles andere als ein Zufall war. Denn taktisch war Kinsombi endlich „freigeschaltet“. Oder hattet Ihr nicht das Gefühl, dass Kinsombi wie aufgedreht wirkte? Wenn ja, dann lagt/liegt Ihr sicher nicht ganz falsch. Denn nach 21 Spielen als defensiverer Achter mit zumeist Hunt und/oder Dudziak vor sich, die es auch abzusichern galt, war er gegen Wiesbaden endlich derjenige, hinter dem die anderen alles wegarbeiteten, was durchkam. Hunt rückte weiter zurück in Richtung Sechs neben bzw. kurz vor Adrian Fein, während Kinsombi davor munter drauflos wirbeln durfte. So kam Kinsombi endlich wieder vermehrt in die Zone, in der er seinen Instinkt am besten ausspielen konnte: vor dem gegnerischen Tor. Und ganz nebenbei nahm das Hunt die  Verantwortung, für das Kreative zuständig zu sein, ab. Und der war er in den letzten Monaten eh oft nicht gerecht geworden.

 

Eine taktische Veränderung mit messbarem Erfolg. Oder anders formuliert: Kinsombi ist endlich wieder da, wo er sich am wohlsten fühlt – und das funktioniert. Deshalb bin ich tatsächlich fest davon überzeugt, dass Kinsombi in den letzten Spielen noch ein ganz wichtiger Faktor werden kann für den HSV. Wenn er weiter da spielen darf, wo er am effektivsten ist. Dass das alles aus einem unglücklichen Umstand – Jeremy Dudziak musste mit muskulären Problemen etwas kürzertreten - entstanden war – okay. Manchmal wird eben auch ein Fußballtrainer zu seinem Glück gezwungen. Entscheidend ist nur, wie er im Anschluss damit umgeht.

Dudziak oder Kinsombi? Am liebsten beide...!

Und das wird in Hinblick auf Montag schon sehr spannend. Denn bis dahin dürfte der für mich beste zentrale Mittelfeldspieler, Dudziak, wieder vollkommen gesund sein und seinen Startelfplatz (zurecht) beanspruchen. Und sollte Hecking nicht Dudziak eine Position zurückziehen und Hunt draußen lassen, dürfte es auf die Entscheidung hinauslaufen: Dudziak oder Kinsombi? Für mich eine Frage, die ich heute  nicht zu entscheiden wüsste. Auf jeden Fall würde ich am liebsten weder auf den einen noch auf den anderen verzichten müssen.

Auch deshalb bin ich sehr gespannt, wie es der Trainer handhabt. Der hatte Kinsombi direkt nach dem Spiel gelobt und ihm schon für die vorausgegangenen Trainingseinheiten erkennbare Verbesserungen (unter anderem im Sprinttempo) attestiert. Ich persönlich glaube auch an die Sätze von Hecking und Sportvorstand Jonas Boldt rund um das Spiel gegen Wiesbaden. Da hatten beide gesagt, dass Kinsombi die deutlich offensivere Rolle besser liegen würde und dass er Qualitäten in Richtung Tor habe, die andere nicht haben. Daraus abgeleitet hoffe ich inständig, dass Kinsombi genau diese Qualitäten auch am Montag gegen seinen Exklub Holstein Kiel zeigen darf – denn nur so kann er dann doch noch zu diesem entscheidenden Faktor im Aufstiegskampf werden.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich wie immer um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch, um Euch schon am Frühstückstisch über alles das zu informieren, was ansonsten noch so über den HSV berichtet wird. Am Abend melde ich mich dann hier an gewohnter Stelle wieder mit dem Tagesblog. Dann ebenfalls im Gepäck: Helm Peter Spieltagstipps.

Bis dahin!

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