Marcus Scholz

15. Mai 2019

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Gut zehn Minuten lang standen Hannes Wolf und Philip Langer nach dem Training noch auf dem Platz. Letztgenannter ist Mitarbeiter der Pressestelle, die heute unter Dauerbeschuss stand. Und genau das war auch Thema beim längeren Gespräch zwischen  dem HSV-Trainer und Langer. Immerhin hatte die „BILD“ unmittelbar vor Trainingsbeginn die Geschichte veröffentlicht, dass der HSV-Trainer längst geschasst sei. Zumindest zitierte man so den Sportvorstand Ralf Becker mit dem Satz: „Ich habe Hannes nach dem 0:3 gegen Ingolstadt (4. Mai, d. Red.) gesagt, dass es für ihn hier im Sommer nicht weitergehen wird, dass wir etwas anderes machen wollen.“ Ein Zitat, das für einen empörten Aufschrei sorgte. Allerdings verpasste Wolf selbigen, denn er stand zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Platz. Eben dort, wo er sichtbar irritiert nun nach der 90-Minuten-Einheit von dem stellvertretenden Pressesprecher über alles informiert wurde.

Auch darüber, dass der HSV inzwischen versucht hatte, das Zitat zu dementieren. Die BILD hätte das Wort „vielleicht“ unterschlagen, so der HSV, wogegen die BILD, die das Wort auf Wunsch des HSV inzwischen in das online veröffentlichte Zitat eingebaut hatte, wiederum aufs Schärfste insistierte.

„In einer früheren Version zitierte BILD den Vorstand ohne das Wort ‚vielleicht‘. Becker meldete sich daraufhin bei der Redaktion und merkte an, er habe im Gespräch mit dem Reporter „vielleicht“ gesagt. Dies entspricht nicht der Wahrheit, vielmehr ist das Wort ‚vielleicht‘ im Gespräch mit Becker – dem die Sätze vor der Veröffentlichung nochmals vorgetragen wurden – niemals gefallen. Der Verein teilte zudem mit, dass BILD das Wort ‚vielleicht‘ bewusst unterschlagen hätte. Dagegen wehrt sich die Redaktion.“

Also: Eine harte Aussage gegen die andere harte Aussage. Denn das Gespräch hatte offenbar nur zwischen dem einen BILD-Reporter und Becker stattgefunden. Und wahrscheinlich werden einige jetzt behaupten, dass ich ja nur meinen Kollegen schützen möchte, aber: Darum geht es wirklich nicht. Denn dieser Vorgang an sich ist schon mehr ein Systemversagen. Er hat die HSV-Führung tatsächlich schachmatt gesetzt. Denn was jetzt folgt, sind noch unangenehmere Fragen als die der letzten Tage nach dem verpassten Aufstieg. Jetzt geht es darum, ob und wer gelogen hat. Immerhin hatte Bernd Hoffmann gerade gestern noch einmal betont, dass Hannes Wolfs Zukunft noch offen sei. Man werde erst nach dem letzten Saisonspiel darüber befinden und vor allem miteinander sprechen, nicht übereinander. Erst nach Saisonende würde eine Entscheidung gefällt. Sätze, deren Richtigkeit Hoffmann heute auch nach Bekanntwerden der Becker-Zitate erneut beteuerte. Über die Pressestelle ließ er mitteilen, dass seine Aussagen vom Vortag uneingeschränkt richtig seien. Sicher ist aber, und dabei muss ich nicht dabei sein, um es zu wissen: Ralf Becker wird sich heute noch von Hoffmann einiges anhören müssen. Ergebnisoffen sogar…

Wolf selbst, begleitet von Langer, äußerte sich nach dem Training nicht zu dem Vorgang. Obwohl er den gesamten internen Vorgang aufklären könnte. Wobei: Ich bin mir sicher, dass das eh noch ans Tageslicht kommt. Ganz sicher sogar, sofern der HSV-Vorstand weiter auf Konfrontation mit seinen Freunden von der BILD geht. Denn dann wird aus einer „guten Zusammenarbeit“ schnell ein persönliches Problem der größten deutschen Boulevardzeitung mit dem längst nicht mehr großen HSV. Christian Titz kennt das…

Fakt ist: Becker hat sich und dem HSV-Vorstand mit diesem Interview - egal in welcher Form - einen Bärendienst erwiesen. Denn selbst wenn es stimmt und er „vielleicht“ mit eingebaut hat, müsste man ihm trotzdem die notwendige sportliche Kompetenz absprechen.

Was also bleibt sind Fragen. Peinliche Fragen für den HSV. Zum Beispiel: Warum stellt man sich nach dem bitteren 0:3 gegen Ingolstadt erst hin und spricht Wolf öffentlich das unbedingte Vertrauen aus, während man ihm schon gesagt hat, dass er gehen werden muss? Warum lügt man die Öffentlichkeit bewusst an, wie es Becker dann nach dem Ingolstadt-Spiel und Hoffmann in diesem Fall gestern getan hätte? Vor allem aber, und das ist tatsächlich komplett unabhängig vom „vielleicht“: Wie kommt man auf die Idee, seinen Trainer über dessen Entlassung zu informieren, unmittelbar, bevor er das alles entscheidende Spiel in Paderborn gespielt hat? Wie kann der oberste sportlich Verantwortliche allen Ernstes erwarten, dass die Mannschaft, deren Oberhaupt der nunmehr völlig enteierte Trainer nun mal ist, anschließend in Paderborn maximal motiviert geführt und eingestellt wird?

 

Selbiges gilt übrigens auch für den Fall der kaum minder demotivierenden Ansage, dass Wolf nach der Saison nur „vielleicht“ gehen müsse. Auch dann wüsste Wolf, was die Uhr geschlagen hat. Und er stünde intern, wo sich ein solcher Vorgang kaum verheimlichen lässt,  komplett entmachtet einer Mannschaft gegenüber, die schon in sich zutiefst verunsichert ist. Wobei Wolfs Sätze nach dem Paderborn-Spiel, dass es irgendwann egal war, wie und wen man aufstellt, da eh alles kollabiert sei, dann in einem deutlich verständlicher Kontext stehen würden. Wenn auch in einem für den Sportvorstand hochnotpeinlichen Zusammenhang.

Der HSV wurde heute bundesweit an die Spitze der peinlichen Schlagzeilen katapultiert. Und das, weil ein Sportvorstand zu viel Interna preisgegeben hat. Ob mit oder ohne "vielleicht" ist hierbei scheißegal. Und, um allen mal den Ablauf eines solchen Gespräches zwischen einem Sportvorstand und einem Reporter zu erläutern: In solchen Gesprächen holen wir uns von den Verantwortlichen Informationen, die uns die aktuelle Situation einordnen lassen. Immer auch welche, die wir nicht schreiben dürfen bzw. nicht schreiben können. Darum geht es in solchen Gesprächen, die zum Teil „Hintergrundgespräche“ und zum anderen Interview sind. Aber: Wenn dabei ein Satz wie „Ich habe Hannes nach dem 0:3 gegen Ingolstadt gesagt, dass es für ihn hier im Sommer nicht weitergehen wird, dass wir etwas anderes machen wollen“ gesagt wird, dann geht man danach definitiv nicht zur nächsten Frage über.

Dann fragt man nicht nach dem Termin fürs Trainingslager im Sommer oder ähnliches. Nein, dann fragt man, wie der Trainer es aufgefasst hat, gehen zu müssen. Wie er reagiert hat. Man fragt nach dem restlichen Trainerteam und man würde fragen, warum man trotz der feststehenden Entlassung mit Wolf in das so eminent wichtige Spiel beim SC Paderborn gegangen ist. Man würde das Thema der Entlassung Wolfs von allen Seiten ausführlich beleuchten und es würde allein dadurch noch eine ganze Weile wiederholt über die „feststehende Entlassung“ gesprochen. So oft und so lange, dass  Becker noch etliche Male die Möglichkeit hätte, das Missverständnis aufzuklären und nachzuschieben, dass es ja eben noch nicht feststünde. Zumindest, wenn es denn ein Missverständnis gewesen wäre.

Das hat er aber nicht. So hat sich Becker höchstselbst ins Abseits katapultiert und seinen Kollegen Bernd Hoffmann gleich mitgenommen. Er hat unfreiwillig zugegeben, dass seine mangelhafte sportliche Führung sowie die gesamte Führung seitens des Vorstandes dazu geführt haben, dass sich dieser HSV substanzlos und fragil präsentiert hat und so das Ziel Wiederaufstieg fahrlässig vergeigt hat. Krisenmanagement: Note 6. Denn anstatt Stärke zu vermitteln und zu fördern, noch mal alle Kräfte für das Finale in Paderborn zu bündeln oder eben noch mal einen nötigen Impuls zu setzen, weil man den Trainer anzweifelt, hat man der Mannschaft mit mangelhafter Konsequenz in den Entscheidungen nachhaltig geschadet. Und jetzt hat man das auch noch öffentlich zugegeben. Und das wird nicht ohne Folgen bleiben. Dass der Vorstand aus Angst vor Pfiffen für die zu verabschiedenden Spieler diese am Sonntag nicht verabschieden will, passt dabei sehr gut in das Bild, das der Vorstand gerade abgibt. Stichwort: Führungsschwäche.

Fortsetzung folgt. Ganz sicher - nicht vielleicht…

 

 

Achja, auf dem Platz gab es heute auch noch etwas zu sehen, bzw. einiges nicht zu sehen. Denn neben den beiden verletzten David Bates (fällt mit Teilruptur des Innenbandes sechs bis acht Wochen aus) und Orel Mangala (Oberschenkelprobleme) waren bei der heutigen Einheit auch Julian Pollersbeck und Kyriakos Papadopoulos nicht auf dem Platz. Hinzukam nach gut einer Stunde Khaled Narey, der mit bandagiertem rechten Knie das Training vorzeitig abbrechen musste.

 

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich um 7.30 Ihr wieder mit dem MorningCall und den Reaktionen auf das Becker-Debakel bei Euch. Und ich gehe dann der Frage nach, wie der Aufsichtsrat auf die aktuelle Führungsschwäche beim HSV reagiert.

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.