Marcus Scholz

14. März 2019

 

Das Wetter tat sein Übriges - und deshalb brach Trainer Hannes Wolf die heutige Einheit nach gerade einmal 60 Minuten ab. „Alle schnell rein“, so der Befehl des Trainers im strömenden Regen - es soll sich schließlich keiner bei diesen Hamburger Schmuddelwetter erkälten. Dafür sind die nächsten Tage und Wochen einfach zu wichtig. Sportlich beginnt das mit dem Spiel am Sonnabend gegen Darmstadt neu. Finanziell ist es ein seit Jahren anhaltendes Dauerproblem  - mit seinem nächsten Highlight morgen.

Denn bis zum Freitag um 15.30 Uhr muss der HSV seine Lizenzierungsunterlagen eingereicht haben. Und Stand heute sind weder das Namensrecht am Stadion verkauft, noch sind die Darlehensrückzahlungen an Klaus Michael Kühne abgekauft. Dennoch gehen die HSV-Verantwortlichen davon aus, dass man die Lizenz ohne Auflagen und Bedingungen bekommen wird, so Vorstandsboss Bernd Hoffmann.

Und wenn man kurz nachdenkt, weiß man auch sehr schnell, wie das funktionieren soll: Kosten senken, Einnahmen steigern. Klingt einfach, ist es aber nur bedingt. In Sachen Einsparungen hoffen die Verantwortlichen auf die Künste von Sportvorstand Ralf Becker, der teure Verträge der Vergangenheit angehören lassen soll. Die Gehaltsobergrenze ist und bleibt beschlossen, das bestätigte Becker heute in verschiedenen Interviews noch mal. Soll heißen: Spieler, die aktuell mehr verdienen, sollen abgegeben werden - oder günstigere Verträge unterschrieben. Und während sich Real Madrid freut, einen 21 Jahre jungen Verteidiger vom FC Porto für „nur“ 50 Millionen Euro (im Sommer wäre sein Preis um 25 Millionen gestiegen) verpflichtet zu haben, muss der HSV zusehen, seinen gesamten Spieleretat auf deutlich unter 40 Millionen Euro zu senken.

Im Falle Lasoggas ist derzeit noch alles offen, wie beide Seiten betonen. 3,4 Millionen Euro Jahresgehalt dürften bei dem Stürmer - sofern nicht tatsächlich noch ein Klub aus England um die Ecke kommt -  eh der Vergangenheit angehören. Nach dem Darmstadt-Spiel sollen die Verhandlungen, die im Trainingslager das erste Mal geführt worden sind, wieder aufgenommen werden. Und während Becker die Gespräche für Ende März/Anfang April bestätigte, wollte sich Trainer Hannes Wolf nicht groß dazu äußern - lobte den Angreifer aber noch mal: „Er ist ein sehr wichtiger Spieler für uns, aber den Stand bei den Vertragsgesprächen möchte ich nicht öffentlich kommentieren. Mir ist wichtig, dass er weiter so gut spielt wie auch zuletzt gegen St. Pauli.“

Und sollte der HSV-Toptorjäger diese Leistung auch unter den neuen Gehaltsgefügen beim HSV anbieten können, wäre er sicher auch in der kommenden Saison eine Verstärkung. Wobei auch klar ist, dass der Strafraumstürmer in der ersten Liga nicht annähernd so viele Bälle in den Sechzehner bekommt wie aktuell - wobei selbst das noch deutlich ausbaufähig ist.

Über Lasoggas Eignung für die Zweite Liga gibt es keine zwei Meinungen mehr - behaupte ich mal. Allerdings für die Erste Liga (beim HSV) lässt sich zweifellos drüber diskutieren. Ich persönlich glaube, dass der HSV ganz vorn schnelle Spieler braucht, weil er sich angesichts seiner finanziellen Möglichkeiten mit Spielern verstärken wird, von denen man in der Ersten Liga keine spielerische Dominanz erwarten darf/sollte. Lasogga ist das nicht - von daher teile ich diese Euphorie der letzten Wochen rund um den 27-Jährigen des HSV nicht bedingungslos.

Allerdings bin ich mir sicher, dass sich allein durch Verzicht für den HSV zwischen dem einen oder anderen Spieler und dem HSV eine Bindung herstellen lässt, die leistungsfördernd sein kann. Soll heißen: Wer hier herkommt, spielt nicht mehr nur wegen des vielen Geldes für den HSV, sondern aus Überzeugung. Und wer unbedingt für viel mehr Geld spielen will, muss das hier sehr gut machen, um sich für bessere Verträge bei anderen Vereinen zu empfehlen - also eine typische Win-Wim-Situation.

Im vergangenen Sommer hatten mit Aaron Hunt, Gotoku Sakai und auch Lewis Holtby drei Spieler früh Zeichen gesetzt, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, den sie selbst reinmanövriert hatten. Dafür verzichteten alle drei auf Geld, reduzierten ihr Jahresgehalt beim HSV trotz anderer Möglichkeiten. Und alle drei zählen zweifellos zum Führungspersonal auf dem Platz, wie Hunt und Sakai am Sonntag eindrucksvoll nachwiesen. Und auch Lewis Holtby hat diesen Beweis angetreten, insbesondere in der Phase ohne den verletzten Aaron Hunt war der Linksfuß da. dass er noch immer einen außergewöhnlich schweren Stand bei vielen hat, mag an seiner extrovertierten Art liegen. Den Willen, für den HSV auf Geld zu verzichten und trotzdem Vollgas zu gehen, kann ihm allerdings niemand absprechen.

Um eines klarzustellen: Natürlich kann man sportlich über Holtby - wie über jeden anderen Spieler auch - diskutieren. Die einen mögen seine (spielerische) Art, die anderen nicht. Aber weshalb der HSV den Interimskapitän unbedingt loswerden soll/will, das erschließt sich mir noch nicht. Noch nicht, weil ich eben noch nicht weiß, wen Becker als Ersatz für Holtby einplant und wie sich Holtby in den nächsten Wochen präsentiert, wo es Aaron Hunt zu ersetzen gilt. Der Kapitän droht nämlich doch länger als erwartet auszufallen: „Das ist für uns sehr unglücklich. Es ist die dritte Verletzung im gleichen Muskel“, erklärte Trainer Wolf heute, „wir werden uns wieder Zeit nehmen, ihn aufzubauen und alles tun. Aber es wird mit Sicherheit ein paar Wochen dauern, bis er wieder dabei ist. Normalerweise drei bis vier Wochen, aber mit seiner Vorgeschichte wird es länger dauern. Ich rechne damit, dass er erst im Endspurt wieder zurückkehrt.“

Offen ist, wen Wolf als Hunt-Ersatz einplant. Zuletzt deutete viel auf Berkay Özcan hin, während für die kommende Saison mit Jeremy Dudziak vom FC St. Pauli ein weiterer Kandidat fürs Mittelfeldzentrum gefunden zu sein scheint. Wie ich gehört habe, soll sich der Mittelfeldallrounder des FC St. Pauli mit dem HSV schon auf einen Wechsel im Sommer einig sein und könnte Holtby Position im Zentrum einnehmen. Ebenso wie Kiels Kapitän David Kinsombi den besten Mittelfeldspieler des HSV ersetzen soll: Orel Mangala. denn der Belgier ist nicht zu halten, verlängerte vor kurzem sogar seinen Vertrag beim VfB Stuttgart bis 2023, wie VfB-Trainer Markus Weinzierl bestätigte: „Ich freue mich, dass er länger bei uns bleibt. So ist auch meine Information seit ein paar Wochen. Darüber sind wir sehr froh.“

Dass Weinzierl nicht in Euphorie ausbrach dürfte auch daran liegen, dass selbst beim VfB niemand wirklich mit einem Verbleib Mangalas rechnet. Vielmehr dürfte der beste HSV-Mittelfeldspieler, der laut Hamburger Abendblatt im Falle des Aufstieges durch Kiels Davon Kinsombi ersetzt werden soll,  schon bei einigen Topklubs auf dem Zettel stehen, die über die entsprechende wirtschaftliche Potenz verfügen, ihn aus dem Vertrag rauszulaufen. Auch deshalb versuchts beim HSV gar niemand erst, was sehr schade ist.

Und damit teilt Mangala ein Schicksal mit Douglas Santos. Denn der mit Abstand beste Linksverteidiger der Liga wird beim HSV trotz Vertrages bis 2021 nicht mehr fest über die Saison eingeplant. Vielmehr rechnen die HSV-Verantwortlichen damit, den Brasilianer im Sommer zu verkaufen. Oder besser: Verkaufen zu müssen - womit sich der Kreis hier schließt, denn damit sind wir wieder bei den Lizenzierungsunterlagen angekommen. Neben massiven Einsparungen auf der Gehaltsseite beinhalten diese auch Transfererlöse. Müssen sie auch, bis der HSV andere Einnahmequellen nachweisen kann. Auch deshalb bin ich sehr gespannt, ob sich die Vermutungen der HSV-Verantwortlichen bewahrheiten und der HSV die Lizenz ohne Auflagen und Bedingungen erhält.

In diesem Sinne, morgen geht es hier endlich wieder sportlich weiter. Dann sicherlich wieder mit einer längeren, nicht öffentlichen  Trainingseinheit und der Antwort auf die Frage, wer am Sonnabend Hunt ersetzen soll. Mein Tipp bleibt Berkay Özcan, der zentral immer besser in Fahrt kommt und zu den wenigen Spielern zählt, mit denen der HSV auch in Falle eines Aufstieges ganz fest plant. Ich melde mich morgen früh wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch und werde Euch kompakt berichten, was es so alles über den HSV zu lesen und zu hören gibt.

Bis dahin! Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.