Marcus Scholz

6. Mai 2018

Man kann es drehen und wenden, wie man will, es wird nicht gut. Im Gegenteil: Gestern war ein sportlich betrachtet schlechter Tag für den HSV. Auf dem Platz und daneben. Denn während die U19 in letzter Sekunde den Titel der Bundesliga Staffel Nord entrissen bekam, mussten die Profis in Frankfurt einen Rückschlag hinnehmen, der die Restchance zwar erhält – aber minimiert hat. Dass eine – wie so oft in dieser Saison – umstrittene Videoassistenz-Entscheidungen ebenso massiven wie zu kritisierenden Einfluss auf den Spielausgang nahm, setzte dem Ganz noch die Krone auf.

Um eines noch mal klarzustellen: Ich werde auch heute nicht behaupten, der HSV sei über die Saison hinweg mehr als andere benachteiligt worden. Aber ich bleibe dabei, dass die gestern von Sky-Experte Markus Merk so überschwänglich gefeierte Entscheidung aus Köln ein krasser Fehler war. Denn wenn wir nach gefühlt 100 Wiederholungen und gezogenen Linien einen Hauch von Abseits erkennen, stehen zwei Dinge fest: Es war Abseits, das vom Schiedsrichter Aytekin nicht erkannt worden ist. Aber es steht auch fest, dass die Videoschiedsrichter in Köln willkürlich handeln. Denn in der Situation eine klare Fehlentscheidung erkannt zu haben, ist dramatisch. Oder der dafür verantwortliche VSA Günther Perl hat bionische Fähigkeiten...

Der frühere FIFA-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer widerspricht in seiner „Bild“-Kolumne beispielsweise seinem ehemaligen Kollegen Merk und spricht von einer schwer zu beurteilenden Situation – also einer allemal nicht „klaren Fehlentscheidung“. Insofern war der Eingriff falsch – sofern Perl eben kein Avenger ist. Kinhöfer in der „BILD“: „Es war die strittigste Szene des Spieltags. Hamburgs Ito trifft nach Pass von Hunt zum 1:0 in Frankfurt. Schiri Deniz Aytekin gibt den Treffer zunächst, erkennt das Tor nach Eingriff des Video-Assistenten Günter Perl aber ab – da Ito im Abseits gewesen sein soll. Zunächst muss man zwei Dinge festhalten: Jedes Tor muss vom Video-Assistenten überprüft werden. Und: Der Video-Assistent soll nur bei glasklaren Fehlentscheidungen eingreifen. Wenn Ito also nur einen Zentimeter im Abseits steht, wäre das eine glasklare Fehlentscheidung – denn Abseits ist Abseits. Egal, ob einen Zentimeter oder zwei Meter. Für mich ist es auch nach wiederholter Ansicht der TV-Bilder nicht möglich, zu 100 Prozent zu sagen, ob eine Abseitsstellung vorlag oder nicht. Das TV-Bild ist verzerrt, da die Kamera nicht auf Höhe Itos steht – und ohne den Einsatz einer kalibrierten Abseitslinie ist es unmöglich, die Frage klar zu beantworten. Für den Video-Assistenten eine total undankbare Situation, denn hätte das Tor gezählt, wären auch Zweifel aufgekommen.“

Dietmar Hamann, den ich für einen der besten TV-Experten derzeit halte, nannte es heute sogar leicht übertrieben eine „Skandalentscheidung“. Schließlich sei die Regel klar kommuniziert worden, dass nur dann eingegriffen werde,. wenn es sich um eine „klare Fehlentscheidung“ handele. Und grundsätzlich stimme ich mit Hamann auch überein. Allerdings ist mein Schluss nicht der vieler, die diese Fehlentscheidung für den drohenden Abstieg mitverantwortlich machen wollen. Für mich ist es nur ein weiterer Beweis dafür, dass der Videobeweis am Ende nicht weniger diskutiert wird als Schiedsrichterfehlentscheidungen früher. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich es einem Menschen auf dem Platz verzeihen kann – den mit modernster Technik ausgestatteten Videoschiris allerdings nicht. Von daher bleibe ich auch bei meiner Meinung, dass der Videobeweis in der jetzigen Ausführung ausgedient hat.

Und während ich weiter dafür wäre, den Fußball so zu lassen, wie er vorher war, schlug der ehemalige HSV-Torhüter Richard Golz gestern in „Rautenperle.tv-Live“ eine meiner Meinung nach sehr vernünftige Lösung vor. Er plädierte für eine begrenzte Anzahl von Challenges pro Mannschaft. Soll heißen: Jede Mannschaft hat beispielsweise dreimal die Möglichkeit, einen Videobeweis anzufordern. Das würde dazu führen, dass Spieler im Zweifel sogar ehrlicher werden, damit die eigenen Trainer nicht unnötig Challenges verbraten. Aber wie gesagt: Das wäre für mich ein halbwegs gangbarer Kompromiss – nicht meine Lösung.

Egal wie, der HSV muss jetzt alles darauf fokussieren, am kommenden Sonnabend zuhause gegen Mönchengladbach zu gewinnen. Ohne Sieg wäre eh alles vorbei. Von daher hoffe ich auch, dass sich das, was sich gestern bereits andeutete, unter der Woche nicht zuspitzt. Denn bis heute hält sich das Gerücht, dass der neue Aufsichtsratsboss Bernd Hoffmann nicht den Weg der aktuell Handelnden mitgehen und breitflächig neu besetzen will. Das lesenswerte Interview von Bernhard Peters gestern im Abendblatt war im Grunde die Fortsetzung der Äußerungen Frank Wettsteins. Der letzte verbliebene Vorstand hatte sich wiederholt für Christian Titz stark gemacht. Hoffmann indes soll weiterhin interessiert sein, den aktuell in China arbeitenden Leverkusener Roger Schmidt nach Hamburg zu holen. Im Gepäck wäre hierbei mit dem ehemaligen HSV-Pressechef Jörn Wolf übrigens ein alter Bekannter von Hoffmann, der parallel dazu nach einem Vorstand Sport sucht, der zu Schmidt/Wolf passt.

Bernhard Peters scheint das jedenfalls nicht zu sein, wie immer wieder zu hören ist. Deshalb macht Peters jetzt seinerseits Druck und schlägt sich selbst als Vorstand Sport vor: „Wenn es gewünscht ist, bin ich bereit, diese Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, dass es in dieser Konstellation Sinn ergeben kann“, sagte der Direktor Sport, der bislang hauptsächlich für den Nachwuchs zuständig ist, meinen ehemaligen Kollegen vom Abendblatt im Interview der Sonnabendausgabe. Darin ging Peters noch weiter und plädierte öffentlich für die aktuell Verantwortlichen. Peters lobte beispielsweise Christian Titz, der nach Markus Gisdol und Bernd Hollerbach der HSV-Saisontrainer Nummer drei ist. Peters, der Titz schon im Laufe der Hinrunde bei Vorstandsboss Heribert Bruchhagen vorgeschlagen hatte, bedauert, dass der Wechsel zu Titz zu spät kam: „In diese Entscheidung war ich nicht involviert. Ich habe Christian Titz hier schon häufiger als Cheftrainer ins Gespräch gebracht, weil ich von seinen Kompetenzen und seinem Stab als Gesamtpaket überzeugt bin“, so der Direktor Sport.

Insofern müssen wir uns schon jetzt darauf vorbereiten, dass die Posten-Kämpfe, die hinter den Kulissen bereits laufen, spätestens nach Saisonende auch öffentlich werden. Mittendrin steht Christian Titz, der es wirklich mehr als verdient hätte, den Neuaufbau zu leiten - meiner Meinung nach.

In diesem Sinne, bis morgen! Da ist übrigens trainingsfrei.

Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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