Marcus Scholz

1. Mai 2019

 

Etwas zu beenden, wenn es einfach keinen Sinn mehr macht ist nicht Aufgeben. Es ist vernünftig. Und so erscheint mir die Entscheidung von Rene Adler, der sich von einer Verletzungspause zur nächsten hangelt, eben sehr vernünftig zu sein. Dies teilte der 34-jährige Torhüter, der von 2012 bis 2017 beim HSV 117 Erstligaspiele absolvierte und auch damals schon immer wieder verletzt ausfiel. Dem Magazin „Stern“ sagte Adler: „Das Vertrauen in den Körper ist einfach nicht mehr da, es macht deshalb keinen Sinn mehr, darum höre ich nun auf“, so der ehemalige Nationaltorwart. Adler fehlt seinem Klub aufgrund eines Knorpelschadens im Knie seit Mai letzten Jahres verletzungsbedingt. Sein letztes Pflichtspiel bestritt er am 29. April 2018 gegen RB Leipzig. „Es war ein mentaler Kraftakt. Ich habe dafür einen hohen Preis bezahlt. Mein Körper hat genug gelitten“, sagte Adler, dem wir vom Rautenperle-Team von dieser Stelle aus alles Gute für die Zeit nach dem Fußball wünschen wollen.

Alles andere als aufgeben will auch Hannes Wolf. Sagt er. Deshalb reiste die Mannschaft auch heute morgen um 9 Uhr früh mit dem Mannschaftsbus ins knapp 100 Kilometer entfernte Rotenburg (Wümme), wo man sich bis Freitagmittag auf das Spiel am Sonnabend gegen den FC Ingolstadt vorbereiten will. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde heute und wird in den nächsten Tagen im Stadion „In der Ahe“ trainiert. Dort, wo der HSV 2017 mit Markus Gisdol schon mal gastierte, soll die Mannschaft, die anscheinend gar keine ist, näher zusammenrücken. Angeschlagene Spieler wie Aaron Hunt (Rücken) und Orel Mangala (Zeh) sollen wieder fit werden und insbesondere der Kapitän soll intern mitwirken, damit die zuletzt von Sportvorstand Ralf Becker ebenso wie von Trainer Wolf angeprangerte Mentalität wieder auf dem Platz gezeigt wird.

Stadion "in der Ahe" in Rotenburg

 

Ich habe mir Gedanken gemacht, was ich heute zu den harten Vorwürfen Beckers und Wolfs schreiben soll. Angereichert mit dem Holtby-Skandal wird aus den Worten der beiden höchsten sportlich-Verantwortlichen ein Schuh draus, weshalb der HSV in der Rückrunde so gnadenlos schlecht punktet. Aber, und diese Frage konnte mir keiner sonst und die kann auch ich mir nicht eindeutig beantworten: Warum erst jetzt? Warum fällt das alles erst jetzt auf?

Fakt ist, dass der Trainer für die Verfassung der Mannschaft hauptverantwortlich ist. Er muss ein Gespür dafür entwickeln, wie er das Beste aus dem jeweiligen Spieler bzw. letztlich natürlich aus der Mannschaft in Gänze herausholt. Fakt ist auch, dass er Assistenztrainer hat, die seit Saisonbeginn - also noch zehn Spieltage sowie eine Sommervorbereitung länger als er selbst - dabei sind. Sie haben ebenso wie der Sportvorstand die Entwicklungen innerhalb der Mannschaft also komplett mitbekommen. Oder eben nicht. Denn wenn man sich tatsächlich drei Spieltage vor Schluss erst dazu durchringen kann, die Mentalität der Mannschaft anzuprangern, die man vorher immer wieder lobend erwähnt hatte, dann ist das ein schlimmes Zeichen. Denn das wiederum lässt nur zwei Schlüsse zu:

1. Man hat seinen Job nicht ausreichend gut gemacht und hat das Problem tatsächlich erst jetzt erkannt.

2. Man hat in den letzten Wochen nach außen auf Schönwetter gemacht und gehofft, die Probleme in den Griff zu bekommen, bevor sie zu augenscheinlich werden -  und man ist gescheitert

Dass Holtby mit seinem unfassbar dummen  und auch nicht zu entschuldigenden Verhalten reingrätschte - es kam den Verantwortlichen dabei sogar fast gelegen. So doof das klingen mag. Denn so wurde die Problematik zunächst einmal am Beispiel Lewis Holtby sehr persönlich an ihm längsdiskutiert. Aber für mich ist dieser Vorgang nur ein weiters Indiz für eine  bereits entstandene Ohnmacht, die sich kein Team erlauben kann, für das es noch um etwas geht. Kein guter Trainer darf so eine Entwicklung verpassen. Er muss im Doppelpass mit dem Sportvorstand auch die Vertragsverhandlungen, deren Verläufe und deren Stände abgleichen, um Verhaltensmuster bei dem jeweiligen Spieler frühzeitig zu erkennen. Er muss sofort reagieren, wenn Spieler sich - aus welchem Grund auch immer!) negativ verändern.

Jetzt dem einen oder anderen Spieler - wenn auch zurecht - vorzuwerfen, sie würden sich für die neue Saison schon schonen, um gesund zu bleiben, wirft auch auf den Trainer und seinen Sportvorstand ein schlechtes Bild. Denn im Umkehrschluss bedeutet das, dass beide Verantwortliche in diesem Bereich und diesem Zeitraum offenbar schlecht, zumindest aber nicht gut genug gearbeitet haben. Beide haben die Entwicklungen innerhalb der Mannschaft unterschätzt. Sogar so lange, bis es zu spät war. Bis der HSV das erste Mal seit Hannes Wolfs Übernahme auf  einen Nichtaufstiegsplatz abgerutscht ist. Offenbar schwelgten alle nach der beeindruckenden Serie bei Wolfs Antritt (sechs Siege, ein Remis und eine Niederlage im letzten Spiel vor Jahresendeaus sieben Spielen) noch im sicheren Glauben, es würde sich alles schon wieder finden…

Übrigens: Dass sich der eine oder andere Spieler schonen könnte, halte ich für ebenso möglich wie verwerflich. Jetzt zu lesen, dass beispielsweise ein Pierre Michel Lasogga sich intern nicht genug wertgeschätzt fühlt, ist schon fast absurd. Der Angreifer wurde vom Vorstand bei der Entlassung von Titz intern als Politikum genutzt, um dem Ex-Trainer Vorwürfe zu Machern und dementsprechend war er unter Wolf von Beginn an gesetzt. Wenn er denn gesund war. Denn seine Verletzungsanfälligkeit kann er keinem (Trainer) anlasten, außer seiner körperlichen Verfassung - und dafür ist er selbst mehr als alle anderen verantwortlich. Und nebenbei: Vom Preis-Leistungsverhältnis, wie es viele bei Holtby gemacht haben, sprechen ich gar nicht erst.

Nein, dieser HSV ist tatsächlich mal wieder hart aus dem Dornröschenschlaf geweckt worden. Mit Pech ist es schon zu spät. Und das wissen alle. Auch deshalb wird jetzt verteilt - und zwar die Schuld an der aktuellen Situation. Noch etwas vorsichtiger, damit man es sich für den Fall des Doch-noch-Aufstieges nicht schon mit allen anderen verscherzt hat. Aber es wird fleißig gestreut. Für mich bedeutet das mal wieder, das Gehörte noch genauer zu überprüfen als sonst. Das normale Zwei-Quellen-Prinzip muss eher auf drei oder vier Quellen ausgeweitet werden, weil der Faktor Selbstschutz beim HSV schwer zu erkennende Allianzen bilden lässt. Kurzum: Der HSV ist wieder der alte HSV.

„Aber diesmal hält man wenigstens am Trainer fest“ wird mir immer wieder entgegengesetzt. Und das ist ja auch nicht falsch. Aber es ist auch alternativlos. Oder glaubt wirklich irgendjemand daran, dass der HSV derartig grundlegende Probleme wie fehlende Einsatzbereitschaft/Willen mit einem neuen Trainer in so kurzer Zeit für die letzten drei Spiele noch in den Griff bekommen könnte? Ich nicht. Womit ich zum Positiven teil kommen möchte. Denn Wolf macht jetzt alles, was er noch machen kann. Er haut für seine Verhältnisse ungewohnt stark auf den Putz, wirbelt intern einmal alles durcheinander und verbreitet so das Gefühl, dass sich jeder noch mal neu beweisen kann bzw. muss.

Und das in einer Phase, in der sich normalerweise Ein- und Aufstellungen von allein machen. Wer jetzt nicht heiß darauf ist, den letzten Schritt über die Ziellinie zu gehen und dafür alles zu geben, der hat beim HSV (und ehrlich gesagt in keiner Mannschaft auf diesem Planeten) etwas zu suchen. Auf jeden Fall würde ich mir als Manager eines anderen Vereines schon Gedanken machen, einen Spieler zu verpflichten, der gerade dadurch aufgefallen war, in einer sehr entscheidenden Phase für den eigenen Klub nicht alles gegeben zu haben. Aber  ich weiß aus nunmehr 20 Jahren als HSV-Reporter, dass im Profifußball andere Regeln gelten. Da werden Streitigkeiten weniger hinterfragt denn als Vorteil gesehen, den sportlich an sich interessanten Spieler beim entsprechenden Klub günstig loszueisen.

Klingt verdorben - und das ist das Fußballgeschäft ja auch. Wer sich die Mühe gemacht hat, Football-Leaks zu lesen, der weiß das nur zu genau. Aber auch diejenigen, die einfach intensiv den Profifußball beobachten, dürften sich längst jeder romantischen Vorstellung beraubt fühlen. Auch beim HSV gab es schon zu oft Spieler, die die Raute geküsst und sich nach wiederholt eigenen Aussagen milliardenprozentig (mindestens!) mit dem HSV identifiziert haben. Kyriakos Papadopoulos erzählte sowas nach dem Abstieg, während sein Berater (am Ende erfolglos) auf der Suche nach einem neuen Klub war. Papadopoulos blieb, ließ sich schwerwiegend operieren - weil sein vertrag zu gut war. Er nahm das Geschenk von Ex-Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer dankend an, der ihm einen verlängerte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vertraglich zugesichert hatte. Soll heißen: Er bekam volles Gehalt, obwohl er komplett ausfiel. Unfassbar! Obwohl, unfassbar? Eigentlich nicht. Nicht beim HSV, wo Hakan Calhanoglou die Raute vor der vollbesetzten Nordtribüne geküsst und im selben Moment intern seinen Wechsel erpresst hatte. Und das sind tatsächlich nur zwei willkürliche Beispiele  von vielen.  Nein, Idealismus gibt es im Profifußball nicht mehr.

Auch nicht bei dieser Mannschaft, die in der Rückrunde in 14 Spielen gerade einmal  16 der 42 möglichen Punkten holte. Plötzliche Einbrüche während der Spiele wie gegen Aue, Magdeburg oder allen voran gegen Darmstadt  und jetzt Union Berlin bekommen einen Beigeschmack, der bitter schmeckt. Weil er durch mangelnde Beobachtung ganz offenbar auch hausgemacht ist.  Dieser Mannschaft fehlen Typen, die unbequem sind. Typen wie Frank Rost, der die verantwortlichen sicher oftmals mit seiner vorlaut wirkenden Art nervt, der aber parallel auch intern die Verantwortung übernimmt und alles und jeden zusammenschreit, der sich nicht zu 100 Prozent einbringt. Leider sind solche Typen heutzutage rar - und eben nicht gewollt. Stattdessen werden sie weichgespült und für jedes halbwegs kritische Wort nach außen mit Geldstrafen belegt. Anstatt mal ein so genanntes „Arschl….“ zu holen, zerstört man den wichtigen Selbstreinigungsfaktor und wundert sich am Ende trotzdem über Leidenschaftslosigkeit - unfassbar. Wobei das sicher nicht nur für den HSV gilt. Aber auch. Auch jetzt.

Ergo: Viele aktuelle Anstellungsverhältnisse zu beenden bzw. Spieler gehen zu lassen ist sinnvoll. Auch für Becker. Denn es ist keine Kapitulation vor der Einkaufspolitik des letzten Sommers - sondern nur die logische Konsequenz dieser (Rück-)Runde. Und aus meiner bescheidenen Sicht ist das auch ausschließlich vernünftig. Wie bei Adler.

In diesem Sinne, morgen früh um 7.30 Uhr melde ich mich wieder mit dem MorningCall bei Euch. Um 11 Uhr wird in Rotenburg trainiert, anschließend stellt sich der Trainer unseren Fragen und ich werde Euch berichten, was es aus Rotenburg neues gibt. Dann wieder deutlich sportlicher als heute. Aber ich musste das einfach mal loswerden.

Bis morgen!

Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.