Marcus Scholz

14. Januar 2020

Und plötzlich geht die nächste Tür auf, um mal bei den Worten von Jonas Boldt zu bleiben. Der HSV-Sportvorstand hatte es bei der Präsentation von Mittelfeldspieler Louis Schaub bereits angedeutet, man werde warten. Man soll doch bitte geduldig sein, wiederholte Boldt am Sonntag. „Es geht nicht darum, einfach etwas zu machen – sondern darum, das Richtige zu machen“, hatte Boldt schon im Sommer als Handlungsmaxime ausgegeben. Und danach richtete er sich auch in diesem Winter. Noch am Abflugtag hatte Boldt Ruhe angemahnt. Wohl auch, weil er ahnte, dass es gar nicht so lang dauern wird. Genau genommen dauerte es jetzt nicht einmal drei Tage, bis der nächste Neue da ist: Und das ist Rechtsverteidiger Jordan Beyer, der von Borussia Mönchengladbach auf Leihbasis zum HSV wechselt. Bis Saisonende wird der Defensivspieler erst einmal ausgeliehen.

Und das ohne Kaufoption zunächst – was angesichts der ansprechenden Parameter sicher schade ist, aber nicht schlimm. Im Gegenteil: Boldt würde an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn er für die Rechtsverteidigerposition einen Neuzugang längerfristig einplanen würde, nachdem er gerade erst am Sonnabend auf der Mitgliederversammlung gesagt hatte: „Perspektivisch planen wir aber, auf Vagnoman und Gyamerah zu setzen.“ Und die beiden sollen jeweils Ende März oder Anfang April wieder zur Mannschaft stoßen. Realistisch betrachtet dürften die beiden sogar eher erst zur nächsten Saison wieder vollwertig einzuplanen sein. Von daher macht eine derartige Übergangslösung (zumal mit Khaled Narey als Backup)  aktuell Sinn.

Beyer wurde von Hecking zum Profi befördert

Der 19 Jahre junge Außenverteidiger von Borussia Mönchengladbach ist für Trainer Hecking alles andere als ein Unbekannter. Beide arbeiteten schon bei den Gladbachern zusammen, wo Beyer seit seinem 15. Lebensjahr zunächst die Jugendmannschaften sowie die U19 durchlief, ehe er 2018 zu den Profis hochgezogen wurde – von Hecking. Unter dem heutigen HSV-Trainer durfte Beyer dann gleich am  ersten Spieltag 2018/2019 gegen Bayer Leverkusen debütieren. Er spielte beim 2:0-Sieg der Fohlen 90 Minuten lang durch und kam insgesamt in der Saison auf neun Erstligaeinsätze. Es wären wohl sogar mehr geworden, wenn er nicht verletzungsbedingt bzw. ob Trainingsrückstandes 23 Spiele verpasst hätte. In dieser Saison kam der U21-Nationalspieler bislang erst einen Einsatz über 90 Minuten. Im DFB-Pokal. In der Bundesliga kommt Beyer erst auf drei Einsätze unter dem neuen Trainer Marco Rose, wobei es jeweils Einwechslungen waren.

Zu wenig für den Youngster – und die Chance für den HSV. Oder wie Boldt es nennt: Da ging plötzlich die Tür auf. Und Beyer, dessen zweiter Vorname der des ersten Winterzugangs des HSV ist, nämlich Louis, ging hindurch. So schnell sogar, dass er bereits heute in Lagos im Trainingslager des HSV eintraf und bei der Nachmittagseinheit schon dabei war. Zunächst beim Kreisspiel mit dem Team – während er bei den 1000-Meter-Läufen aussetzte und erst einmal im Individualtraining begutachtet wurde. Langsam rantasten war heute noch das Motto – aber wohl auch nur heute zum Kennenlernen, zu dem natürlich auch der Empfang der Mannschaft unter Applaus gehörte. Zudem dürfte Beyer zusammen mit Namensvetter  Schaub (der beim Nachmittagstraining fehlte) noch seinen Auftritt beim Mannschaftsabend haben. Vorher dürfte der 19 Jährige aber wohl morgen schon bei beiden Trainingseinheiten voll mitmischen

Van Drongelen kümmert sich - um alle und alles

Gut für ihn: Er wird sich der Unterstützung eines Spielers sicher sein können, Rick van Drongelen. Der Niederländer ist beim HSV mit seinen 21 Lenzen schon einer der Spieler, die nicht nur viel Verantwortung übernehmen sollen, sondern das auch machen. Auf dem Platz mal mehr und mal weniger gut, ganz klar. Das verdeutlichte der starke Beginn und die wackelige Schlussphase der Hinrunde. Aber in Sachen Einstellung und Teamgeist ist der Niederländer vorbildlich. Und das in einer selten da gewesenen Konstanz. Auch deshalb ist er trotz seiner noch jungen Jahre beim HSV auch schon ohne jeden Widerspruch zum Vizekapitän aufgestiegen und kümmert sich hier in Portugal auch um die Integration der Neuen und der jungen Spieler.

 

Und davon sind neben Beyer noch einige Talente hier in Lagos dabei. David Jonas beispielsweise, der allerdings schon lange bei den Profis mittrainiert, aber bislang nur dreimal (insgesamt 46 Minuten) auf dem Platz stand. Aber vor allem auch Youngster wie Travian Sousa, Xavier Amaechi und Anssi Suhonen. Letztgenannter legt hier bislang einen sehr interessanten Auftritt hin und feierte heute seinen Geburtstag. „Anssi ist heute 19 geworden. Mit 19 war ich auch schon hier“, erinnert sich van Drongelen, der mit 18 Jahren zum HSV wechselte und in eben jenem Alter auch gleich am ersten Spieltag. Josh, Travian spricht nicht die Sprache. Da versuche ich zu helfen, sie immer mal mitzunehmen.“ Soll heißen, van Drongelen kümmert sich darum, dass die jungen Spieler sich schneller zurechtfinden und sich integriert fühlen. Und das als gerade einmal 21-Jähriger. Chapeau, Rick!

Van Drongelen fühlte sich zuletzt mental schwach

Das möchte man zumindest sagen. Aber gut gemeint ist nicht immer auch gleichbedeutend mit gut gemacht – womit ich allein auf die Nebeneffekte anspreche. Denn Verantwortung zu übernehmen kann gerade bei einem so jungen Spieler wie van Drongelen auch schnell mal dazu führen, dass er den Fokus verliert. Wie zuletzt in der Hinrunde. „Ich wollte immer viel machen. Vielleicht habe ich mir manchmal zu viele Gedanken gemacht und war nicht ganz frei“, sagte van Drongelen uns heute und sprach offen davon, dass ihm in der Hinrunde am Ende die mentale Frische gefehlt habe. Und diese wolle er sich jetzt in der Vorbereitung auch hier in Portugal wieder holen. „Körperlich geht es mir gut. Normalerweise fokussiere ich mich auch nur auf das Verteidigen. Diesmal war das anders, das habe ich selbst auch gemerkt. Jetzt habe ich Zeit gehabt, das alles zu verarbeiten und in die Spur zu finden. Ich versuche, wieder auf das Level der ersten Saisonphase zu kommen. Wie alle in der Mannschaft.“

 

Denn, daraus macht der niederländische Nationalspieler keinen Hehl, auf der Bank zu sitzen – das ist nicht sein Ding. Angesichts der harten Konkurrenzsituation mit Zimmernachbar Timo Letschert, Ewerton und Youngster David ist sein Stammplatz keine Selbstverständlichkeit. Das weiß van Drongelen. „Am liebsten spiele ich natürlich und sitze nicht auf der Bank“, so van Drongelen, der die Ohnmacht, nicht aktiv eingreifen zu können, hassen würde, wie er vor einigen Wochen mal sagte. Dennoch ist er Teamplayer genug, um auch für den Fall seines Bankdaseins eine passende Haltung zu finden: „Auf der Bank kann man nur supporten“, stöhnt er zwar, schiebt aber hinterher: „Aber das Ziel ist immer zu gewinnen. Noch bevor es darum geht, ob ich auf dem Platz nehme. Ich bin nicht sauer, wenn ich auf der Bank sitze, das passiert. Aber ich spiele lieber.“

Gutes Omen: Hier in Lagos hat van Drongelen sein Debüt in der niederländischen U17 gefeiert. Beim Vier-Nationen-Turnier gegen Deutschland, Portugal und England. „Das 7:0 gegen England war damals mein erstes Spiel“, erinnert sich der Abwehrspieler gern zurück. Es war der Auftakt seiner Nationalmannschaftskarriere, in der er anschließend der U18, der U19 und aktuell der U21-Nationalmannschaft angehörte bzw. noch immer angehört. Sein nächstes Ziel ist der Stammplatz. „Die letzten Spiele haben wir Tore aus dem Nichts bekommen, die nicht fallen dürfen. Das war in der ersten Hälfte besser. Wir haben schon gezeigt, dass wir es können“, weiß van Drongelen – und meint damit sicher auch sich selbst.

Am Donnerstag steht der nächste Test an - mit allen Neuen

In den nächsten Tagen hat er Zeit, sich zu beweisen. Ebenso wie die Neuzugänge – und alle anderen, die aktuell nicht verletzt sind. Auch für Aaron Hunt, der heute das erste Mal die gesamte Einheit mit der Mannschaft absolvierte. Für sie alle geht es morgen mit der nächsten Doppelschicht weiter, ehe am Donnerstagnachmittag der erste Test hier im Trainingslager ansteht. Um 15 Uhr soll in Albufeira gegen den FC Seoul getestet werden. Wahrscheinlich mit Schaub und Beyer.

In diesem Sinne, bis später. Da melden wir uns noch einmal mit dem Tagebucheintrag Nummer 2 mit Tom Mickel (und einer Überraschung!). Zudem habe ich Euch den Vlog von meinem Kollegen Janik Jungk hier mit reingestellt, der den Tag in einem wieder einmal sehr schönen Video für Euch noch mal zusammengefasst hat. Wer also gefühlt live dabei sein will – einfach mal reinzappen! Es lohnt sich!

 

Ich melde mich dann morgen früh wieder pünktlich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch. Und nach dem Frühstück(sfoto) gibt es wie immer unsere Tagesvorschau via Facebook, Twitter und Instagram um 9.30 Uhr sowie (Live-)Berichte ab 10 Uhr vom Mannschaftstraining hier aus dem Trainingslager in Lagos.

Bis dahin,

Scholle

 

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.