Marcus Scholz

10. Mai 2019

Oh Mann, die Tage bis zum Paderborn-Spiel ziehen sich wie Kaugummi. Und so sehr mir vor heute graute, so graut es mir noch mehr vor morgen. Denn was bitteschön soll man jetzt noch schreiben? Was wurde noch nicht gesagt? Nein, es gibt sie eben einfach, diese Situationen, in denen alles gesagt ist und jedes Wort eines zu viel ist. Taten zählen. Also nichts anderes, als das nächste Ergebnis. Auf der Pressekonferenz heute wurde Hannes Wolf darauf angesprochen, dass ja auch das Trainingslager in der vergangenen Woche vor dem Ingolstadt-Spiel nicht gut für die Mannschaft gewesen sei, da man im Anschluss verlor. „Wenn sie alles am Ergebnis festmachen“, so Wolfs Antwort, ehe er ausführte: „dass man am Wochenende ein schlechtes Ergebnis hat, heißt nicht, dass das Trainingslager, das Training und die Ansprachen schlecht waren.“ Und ich behaupte: doch! Denn was auch immer Wolf an Maßnahmen vor dem Spiel ergriffen haben mag, so lehrbuchmäßig sie auch gewesen sein mögen, sie haben nicht den gewünschten und erforderlichen Erfolg gezeigt. Im Gegenteil!

Wolf und seine Mannschaft haben einfach keine Argumente mehr - ihr Stand bei den Anhängern hängt von den nächsten Ergebnissen ab. Gewinnen sie, rettet sich Wolf als Trainer vielleicht in die neue Saison und die Mannschaft schafft eventuell noch den Wiederaufstieg. Und was erst einmal deprimierend klingt, hat auch etwas Gutes: Denn kein Spieler muss sich mehr verrückt machen, Denken bringt jetzt eh nicht mehr viel. Es gibt nur noch ein Szenario, das die Spieler gut dastehen ließe: Sieg! Und dabei ist es tatsächlich komplett scheißegal, wie am Wochenende gewonnen wird, solange einfach nur wieder gewonnen wird. Passiert das nicht, ist hier in Hamburg eh Land unter. Nicht nur für Wolf. Denn dann werden auch einige Spieler, die jetzt noch die Raute küssen und bestehende Verträge haben, ihren Weg hier raus suchen und Wechsel forcieren. Wollen wir wetten?

 

 

Immer wieder wurden die unfassbar geilen Spiele dieser Woche von Liverpool, Tottenham und sogar gestern das der Eintracht aus Frankfurt beim FC Chelsea als Beispiele genannt, dass eben doch noch alles möglich ist, wenn man nur daran glaubt. Und dem kann ich auch null widersprechen. Im Gegenteil: Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass der HSV eine solche Mentalität an den Tag legen könnte. Aber: Diese Mannschaft hat diesen Zusammenhalt bislang nicht gezeigt und es deutet auch überhaupt nichts daraufhin, dass sich das jetzt ändert. Vielmehr zeigen die vielen Umstellungen Wolfs -- personell wie taktisch --, dass auch er keinen Ausweg aus dem Niedergang sieht, sondern selbigen durch teilweise plumpes Versuchen selbst sucht.

Klingt übel - und das ist es auch.

Ich kann nichts über Adi Hütter sagen, den kenne ich zu wenig. Aber ich behaupte mal ganz mutig, dass Jürgen Klopp und Tottenhams Pochettino emotionaler sind als Wolf. Der HSV-Coach ist theoretisch gut, er ist ein (wirklich) guter Fußball-Lehrer. Die beiden anderen sind - natürlich deutlich erfahrener, aber eben auch - echte Typen, die sich nah an ihre Spieler herantrauen, sie heiß machen. Sie machen sich zum Teil der Mannschaft und leben die Emotionalität vor, die sie auf dem Platz sehen wollen. Das ist typbedingt und Wolf grundsätzlich gar nicht mal anzulasten. Sportvorstand Ralf Becker und Vorstandsboss Bernd Hoffmann wussten das auch, als sie Wolf als Nachfolger von Christian Titz zum HSV holten. Aber es führt eben auch dazu, dass Wolf heute nicht plötzlich Brandreden in der Kabine schwingen, die Spieler wild jubelnd umarmen und am Rand wie Rumpelstilzchen abgehen kann. Das würde ihm eh keiner abnehmen. „Der steht da 90 Minuten mit verschränkten Armen und ist ruhig“, ist einer der vielen Vorwürfe an Wolf, die ich immer wieder höre. Aber würde man ihm etwas anderes überhaupt abnehmen? Nein. Im Gegenteil: Das würde aufgesetzt und unecht wirken.

Deshalb macht Wolf es auch nicht. Er ist zumindest konsequent und authentisch. Er holt sich stattdessen Aaron Hunt als eine Art spielenden Co-Trainer an seine Seite, um so ein Stück weit näher an die Mannschaft heranzukommen. Es ist sein letzter Strohhalm, behaupte ich. Und der Trainer wird dafür gelobt werden, wenn die Mannschaft am Sonntag gewinnt. Verliert der HSV, dürfte man Wolf nachsagen, dass auch der letzte Strohhalm nicht ergriffen wurde und er mit seinem Latein beim HSV am Ende ist. Allerdings auch nur bei diesem HSV wohlgemerkt, womit ich zum nächsten Problem komme. Denn während Wolf diesen Kader (Ausnahme Özcan) in seiner Konstellation nicht beeinflusst hat, beeinflusst er zusammen mit dem Sportvorstand maßgeblich den Kader für die kommende Saison: Kinsombi, Dudziak, Gyamerah - und eventuell auch noch Hinterseer sind eingeplant. Wolf würde diese Spieler seinem Nachfolger „vermachen“. Und der müsste damit arbeiten - ob er nun will oder nicht. So, wie Wolf mit Moritz, Holtby, Steinmann, Hwang und auch Fiete Arp, der übrigens doch noch mal zum Thema werden kann (am Ende mehr dazu), arbeiten muss(te).

Und schaut man zum Gegner vom Sonntag, dann sieht man, wie ein Trainer und eine Mannschaft zusammen funktionieren, wenn sie zusammengehören, wenn sie zusammenpassen. Steffen Baumgart hat hat die Mannschaft im April 2017 übernommen und aufgebaut. Er hat im Sommer 2017 ganze 19 und im Sommer 2018 sogar insgesamt 23 neue Spieler verpflichtet, was natürlich auch dem Umstand geschuldet war, dass er letztes Jahr aus der Dritten in die Zweite Liga aufgestiegen ist. Er hat diese Mannschaft nach seinen Vorstellungen und Möglichkeiten zusammengestellt und vor allem eines gemacht: Mut gehabt. Denn Baumgart lässt offensiv spielen. Agieren statt reagieren, das Glück in die eigene Hand nehmen - und Baumgart lebt das vor. Er verweigert das Underdog-Image und gibt auch jetzt als Tabellenzweiter noch vor, selbst stark genug zu sein, um zu entscheiden, wie weit er kommen kann. Das allein gibt seiner größtenteils noch recht unerfahrenen Mannschaft offenbar ein Selbstvertrauen, das sie weiter vom Aufstieg in die Erste Liga träumen lässt.

 

Pressekonferenz des SC Paderborn vor dem Spiel gegen den HSV

Ob ich lieber einen Baumgart als einen Wolf in Hamburg hätte? Das kann ich so platt nicht beantworten. Aber ich kann sagen, dass ich gern einen Trainer in Hamburg hätte, der nicht wie Titz schon vor seiner Unterschrift beim Vorstand durch war. Ich hätte gern einen Trainer in Hamburg, der zusammen mit dem Sportvorstand eine Philosophie entwickelt, die man greifen und erkennen kann, bei der man mitleiden und sich mitfreuen kann. Ich hätte gern mal einen Trainer beim HSV, der vor allem das unbedingte Vertrauen der Vorgesetzten genießt. Und dabei sind mir öffentliche Statements in diese Richtung echt scheißegal. Denn im Off erfährt man eh immer, wie es wirklich aussieht. Auch der Trainer hört, was seine Vorgesetzten wirklich denken. Soll heißen: Scheiß auf die große Show, auf tolle Worte, auf Treueschwüre und sonstigen Populismus und hin zu ehrlicher, gemeinsamer Arbeit mit einem einzigen gemeinsam formulierten Ziel. Denn nur, wenn die Oberen zusammen mit dem Trainer wirklich funktionieren und der Verein eine gemeinsame Idee geschlossen und professionell vorlebt, überträgt sich so eine Haltung auch auf die Mannschaft. Und das fehlte hier in Hamburg die letzten Jahre.

Insofern waren die Worte Wolfs heute auf der Pressekonferenz sicherlich ehrlich und analytisch sauber nachvollziehbar. Bei einer Prüfung für den Trainerschein hätte Wolf wahrscheinlich die volle Punktzahl dafür bekommen. Aber darum geht es in dieser Phase eben nicht mehr. Das alles hilft gegen Paderborn rein gar nichts. Jetzt geht es nur noch um den richtigen Instinkt, um Empathie für die Situation. Wolf muss Stimmungen erkennen, sie kanalisieren, danach aufstellen und die Mannschaft so maximal motivieren - das ist jetzt wichtiger als jedes Wort. Die PK heute war für mich nicht mehr als Vorgeplänkel und verschwendete Zeit. Es geht tatsächlich nur noch darum, was am Sonntag auf dem Platz passiert und ich kann nur hoffen, dass Wolf das ganz genauso sieht und am Sonntag die elf Spieler von Beginn aufbietet, die wirklich noch mal alles geben wollen. Unabhängig von den Leistungen der letzten Wochen - zumal er dann eh keine elf Kandidaten zusammen bekäme…

Und ja, zu meinen Startelfspielern zählt auch ein Gotoku Sakai. So schwach er die letzten Monate auch gespielt haben mag - der Japaner will immer alles geben und genießt schon deshalb die Unterstützung seiner Kollegen. Für ihn laufen die Mitspieler, wenn etwas schief geht. Und er macht das für seine Kollegen. Und ja, ich würde tatsächlich auch einen Fiete Arp bringen. Wenn nicht von Beginn an, dann im Verlauf des Spiels. Denn der Junge hat trotz des Ärgers mit seinen Vorgesetzten und dem feststehenden Wechsel zum FC Bayern richtig Bock darauf, sich zu beweisen. Zugegeben, er hat sportlich in den letzten Monaten wenige Argumente, seinen Einsatz zu fordern. Auch nicht durch das Extratraining heute, wo er noch freiwillig Abschlüsse übte, als alle schon drin waren. Aber wer von seinen Konkurrenten hat das schon? Nein, Arp hat einfach Bock, mit den Fans zu feiern. Er will sich mit einem Erfolgserlebnis verabschieden. Er träumt, wovon er vor nicht allzu langer Zeit als kleines Kind schon geträumt hat: Er will vor den eigenen Fans in der Nordkurve stehen und mit ihnen feiern…

Was ich damit sagen will: Ich würde an Wolfs Stelle alle ansonsten noch so guten Vorsätze und Prinzipien über Bord werfen, die mich und die Mannschaft in den letzten Wochen phlegmatisch haben wirken lassen. Denn so lobenswert seine zuverlässige, regeltreue und disziplinierte Art auch grundsätzlich ist, die Situation heute erfordert andere Maßnahmen. Kurzum: Ich würde die Mannschaft an seiner Stelle einfach loslassen und ihr gar nicht mehr viel sagen - sondern ihr mit meinen Maßnahmen zeigen, was ich sehen will: „Scheißt auf das, was die alle über Euch sagen und schreiben. Zeigt Euch und Euren Fans, was Ihr wirklich könnt und habt Spaß dabei.“ Punkt. Oder vielleicht sogar noch einfacher mit den Worten des Kaisers: „Geht’s raus, spielt’s Fußball“. Mehr muss man manchmal nicht sagen. Denn manchmal ist es tatsächlich so einfach. Zumindest dann, wenn alles andere längst gesagt ist. Wie jetzt.

 

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird noch einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert, ehe es nach Paderborn geht.

Bis dahin,

Scholle

 

P.S.: Gotoku Sakai und Rick van Drongelen (würde ich beide unbedingt spielen lassen) konnten heute wieder mittrainieren. Ebenso wie Aaron Hunt, der aller Wahrscheinlichkeit auch von Beginn an auflaufen wird.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.