Marcus Scholz

31. Januar 2018

Na klar. Jetzt werden sie kommen, die Durchhalteparolen. Man habe großen Wert darauf gelegt, nichts zu machen, nur um etwas zu machen. Der Typ Soforthilfe war nicht zu bekommen. Und: Man will seinen Talenten nicht den Weg verbauen. So oder so ähnlich werden die Verantwortlichen in den nächsten Tagen argumentieren, weshalb sie in dieser Transferphase tatenlos geblieben sind. Dabei wäre diese Transferphase auch in einem Satz zusammengefasst: Wir haben kein Geld, keine Ideen und keinen Lösungsansatz. Punkt. Kurzum: Setzen, sechs. Mal wieder. Denn nachdem man im Sommer das Kaderkonstrukt statisch schon komplett verkackt hatte, wusste man sechseinhalb Monate später immer noch nicht, wie man diesen Fehler korrigieren kann.

Wenn ich dann heute noch höre, dass man im Januar noch mal in fremden Gebieten zum Scouten fährt und dort interessante Leute entdeckt, die man am Ende aber nicht bekommt, dann stelle ich mir die Frage: Warum wurde das nicht in den letzten sechs Monaten erledigt? Weshalb steht der Sportchef im Januar nicht mit einer langen Liste von interessanten Namen da, hinter denen schon vermerkt steht, was man letztlich machen muss, um diese bestmöglich nach Hamburg zu bekommen? Nein, hier hat der HSV versagt. Denn das alles im Nachhinein als wohl überlegt darzustellen, ist nichts anderes, als eine schwache Ausrede. Wäre man sich so sicher gewesen, dass der Kader gut genug für den Klassenerhalt ist, dann hätte man gar nicht erst Verhandlungen aufgenommen in denen man am Ende am Willen des abgebenden Vereines, des Spielers oder schlicht an den Finanzen scheiterte.

Apropos: Vier Millionen Euro soll der HSV vom SC Freiburg für Luca Waldschmidt geboten bekommen haben und damit auch einverstanden gewesen sein – allerdings reichte das Geld am Ende nicht aus, um Ersatz zu bekommen. Der im Winter beobachteten Lukasz Teodorczyk war trotzdem noch zu teuer und ohne Kühnes Hilfe nicht zu bekommen. Der HSV war - wider alle Bekundungen von RTodt, Wettstein und vor allem auch Heribert Bruchhagen - handlungsunfähig. Ergo: Waldschmidt, der sich schon auf Freiburg eingestellt haben dürfte, muss bleiben.

Wobei, okay, in Sachen Finanzen will ich die aktuell Verantwortlichen nicht allein zur Rechenschaft ziehen. Das wurde über Jahre systematisch vermurkst und findet aktuell nur einen der zuletzt schon vielen negativen Höhepunkte. Für die Beschaffung von Geld ist sicher auch nicht der Sportchef verantwortlich – sehr wohl aber der Vorstand, der sich in einer Art schädlichem Waffenstillstand mit Klaus Michael Kühne befindet. Soll heißen: Man schießt zwar nicht öffentlich gegen den anderen – aber geholfen wird eben auch nicht mehr. Dafür fehlen dem Investor und Gönner Klaus Michael Kühne und seinem Berater Volker Struth einfach das Vertrauen in die hier Verantwortlichen, die immer wieder betonen, den Klassenerhalt nicht auf Kosten weiterer Unabhängigkeit erzwingen zu wollen. Und ja, Letztgenanntes ist zweifellos ein Argument, das man nennen kann.

Aber: Man kann diesen Weg nur in einem Fall gefahrlos gehen: Wenn der Sportchef andere Wege findet, die Mannschaft ausreichend zu verbessern. Und das zusammen mit dem Trainer, dem Vorstand – und der Scoutingabteilung. Denn sollten die HSV-Verantwortlichen einmal den richtigen Schluss aus einer missratenen Transferphase – nein: aus zwei missratenen Transferphasen ziehen, dann den, dass für diesen HSV in seiner Situation NICHTS sinnvoller ist, als noch mehr in den Scouting- und Nachwuchsbereich zu investieren. Nur so kann man überhaupt in Betracht ziehen, irgendwann sportlich konkurrenzfähig zu sein, ohne immer wieder auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Denn nichts ist gefährlicher als weder eine funktionierende Scoutingabteilung zu haben, noch ein gutes Verhältnis zu (s)einem Kapitalgeber. Siehe heute.

Insofern bleibt nur die Hoffnung. Wie so oft. Die Hoffnung darauf, dass Bernd Hollerbach die richtigen Hebel anzusetzen weiß, um aus dieser Mannschaft mehr herauszuholen. „Der Sportdirektor kennt meine Wünsche“, hatte er gesagt. Und seine Hoffnungen auf Neue blieben unerfüllt. Schon am Sonntag wirkte Hollerbach nicht sonderlich euphorisch, sein Team personell nachbessern zu können. Aber ehrlich gesagt wirkte er auch nicht restlos überzeigt, es auch so packen zu können. Ob seine Mannschaft ausreichend Qualität hat, um die Klasse auch ohne Neue zu halten, wurde Hollerbach am Sonntag gefragt. Und er antwortete: „Da gehe ich mal von aus, klar.“ Seht selbst, hört selbst – und bildet Euch Euer eigenes Urteil:

Was ich denke, wisst Ihr inzwischen. Und allen, die mir entgegenbringen: „Es ist besser, nichts zu machen, als irgendwelche Panikkäufe zu tätigen“, denen sei gesagt: Wenn in diesem Winter nur Panikkäufe möglich waren, dann haben die Verantwortlichen ihren Job schlecht gemacht. Denn wie oben schon beschrieben: Dieser HSV hatte doch kein Pech. Dieser HSV musste nicht auf plötzlich und unerwartet auf üble Verletzungspausen von mehreren (Führungs-)Spielern reagieren, sondern hatte seit dem Sommer Zeit, seine damals schon offenkundigen Missstände nachträglich zu regulieren, bzw. diese Regulierung ausreichend vorzubereiten. Inklusive der Auslotung, ob und inwieweit mit Kühne zu rechnen ist.

Diese Chance ist fahrlässig vertan.

Womit ich trotz des Ärgers über die aktuellen Geschehnisse noch einmal zum Sportlichen kommen will. Denn da scheint Albin Ekdal tatsächlich sehr viel schneller wieder eine Alternative sein zu können, als zuletzt angenommen wurde. Heute im Training mischte der Schwede jedenfalls komplett mit und knackte mächtig dazwischen, ohne sich dabei in irgendeiner Weise zu schonen. Genauso wenig wie Sven Schipplock und Sejad Salihovic (trainierte individuell) sowie Jann Fiete Arp, der nach seinem Infekt wieder voll mittrainieren konnte und zumindest körperlich heute einen guten Eindruck hinterließ. Wobei: Geschont wurde auf dem regennassen und rutschigen Boden eh niemand. In Spielform wurden Spielzüge in Wettkampfformen geübt. Und dabei krachte es an verschiedenen Ecken immer wieder. Gewollt wie ungewollt. Und das sehr zur Freude von Bernd Hollerbach, der dennoch einen Rückschlag hinnehmen musste, als Gideon Jung nach knapp 30 Trainingsminuten mit Rückenproblemen den Platz humpelnd verließ und per Golfcart abtransportiert wurde. Eine genaue Diagnose steht zwar noch aus, aber es sah nicht gut aus.

In diesem Sinne, zuerst einmal Gideon Jung von dieser Stelle eine gute Besserung!! Wobei: Das sollte ich am besten auch allen anderen HSV-Verantwortlichen wünschen.

Also, bis morgen! Da wird um 10 und um 15 Uhr trainiert.

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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