Marcus Scholz

3. September 2018

Er hat zumindest mal frei. Abschalten, Akkus wieder aufladen. „Leider kann ich nicht einfach mit allen in den Urlaub, weil Schule ist“, sagt Ralf Becker. Dennoch sei er sich sicher, dass ihm die Pause guttun werde und er sie genießen kann. Der Sportvorstand: „Ich werde versuchen, mal ein paar Tage ohne die Thematik Fußball auszukommen. So schwierig das sein wird – es ist tatsächlich mal wieder nötig.“ Zumal die Wintertransferperiode unmittelbar nach dem Ende der Sommertransferphase vorbereitet werden will. Sagt Becker.

„Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem man wirklich ‚fertig’ ist“, so der Sportvorstand, der in der abgelaufenen Transferphase knapp 2,7 Millionen Euro in acht Neue investierte, während 17 Abgänge verzeichnet wurden. Transferüberschuss: 16,4 Millionen Euro, wobei man dazu sagen muss, dass Filip Kostic (zwei Jahre) sowie Bobby Wood (ein Jahr) nur verliehen und Orel Mangala, Leo Lacroix sowie Hee-chan Hwang nur ausgeliehen sind.

Womit wir bei einem wichtigen Punkt sind: Bis auf Lacroix hat der HSV keine Kaufoptionen für seine Leihspieler. Das bedeutet, dass Becker hier schon im Winter neue Gespräche führen muss, wenn er einen oder gar beide in Hamburg halten will. Und sollten diese beiden so stark einschlagen, wie ich es vermute, wären sie beide auch für den Fall des anvisierten Aufstiegs noch echte Verstärkungen. „Wir handeln im Rahmen unserer sportlichen Ziele natürlich auch klar nach dem, was wir wirtschaftlich verantworten können“, hatte Becker auf die Frage geantwortet, inwieweit Leihgeschäfte vielleicht auch künftige Planungen erschweren. Zumal ohne dazugehörige Kaufoptionen.

Leihgeschäfte sind wirtschaftlich oft gut für den Moment. Aber man ist kurzfristig gesehen eben auch besser, als man es sich auf Dauer leisten kann. Zumindest der HSV. Denn dass der HSV in der Zwischenzeit derart viel Geld erwirtschaftet, dass er die Spieler am Ende sogar kaufen kann, wenn er sie gebrauchen kann, ist genauso wahrscheinlich wie eine Rückkehr Klaus Michael Kühnes als reiner Mäzen und Gönner unter der aktuellen Führung. Wie ich erfahren habe, hatte Kühne den anderen Anteilseignern ebenso wie dem wohlhabenden Ex-Aufsichtsrat Jürgen Hunke angeboten, seine Anteile an sie zu verkaufen. Der Gesellschafter Kühne möchte schlichtweg kein Gesellschafter mehr sein, nachdem er von Vorstandsboss Bernd Hoffmann klar gesagt bekommen hatte, dass er keine Anteile über die Sperrminorität (24,9 Prozent) der AG hinaus erwerben dürfe.

Das Verhältnis zu Kühne ist also (abermals) zerrüttet. Und einer, geschweige denn mehrere strategische Partner, der die Anteile übernimmt, ist nicht in Sicht. Umso wichtiger war, dass der HSV aktuell ein akzeptables Millionenplus erwirtschaftet hat. So konnte man die aktuellen Lizenzbedingungen erfüllen. Aber umso schwieriger ist es eben, eine Saison zu planen – obgleich Becker damit nach eigener Aussage schon jetzt wieder für 2019 beginnen will. Und muss. Wobei die wirtschaftliche Gesamtsituation auch die Kompromissentscheidungen wie Einjahresverträge mit den Cotrainern, mit dem inzwischen Langzeitverletzten Jairo Samperio sowie die drei Leihspieler erklärt. Niemand weiß hier so recht, wie die neue Saison zu planen ist. Weder sportlich noch wirtschaftlich. Alle Neuen helfen jetzt, das sportliche Ziel realisieren zu können – der Rest muss nachgearbeitet werden. Wie so oft in den letzten Jahren. Diesmal allerdings mit dem ganz entscheidenden Unterschied, dass man zuvor nicht Gelder ausgab, die man noch gar nicht hatte – und wie man sieht auch nicht mehr reinholte.

Warum dieser Blick voraus? Weil er auch wichtig ist für die Beurteilung der aktuellen Geschehnisse. Ich bin zwar auch heute noch weit davon entfernt, Beckers Transferbilanz abschließend zu beurteilen, aber die Tatsache, auch auf lange Sicht kein Geld zu haben und trotzdem aktuell den Wiederaufstieg planen zu müssen, hat er nominell sehr gut umgesetzt. Defensiv hat man zwar noch Probleme, aber Leo Lacroix durfte sich noch nicht beweisen und mit Gideon Jung sowie Kyriakos Papadopoulos fallen noch zwei Stammkräfte länger aus, könnten aber zur Rückrunde wieder dabei sein. Und ehrlich gesagt wäre die Mannschaft mit den beiden zweifellos auch defensiv so stark, dass der Aufstieg das einzige Ziel sein kann.

So stark, wie ich aktuell die Offensive auf Zweitligaebene einschätze. Die hat mit dem Ausfall Jairo Samperios einen Rückschlag erlitten, dafür aber mit Hee-chan Hwang einen sehr guten Ersatz gefunden. Viele behaupten sogar, man habe sich verbessert. Zumindest aber hat der HSV zwei pfeilschnelle, dribbel- und abschlussstarke Außenbahnspieler, die offensiv zudem variabel einzusetzen sind. „Es geht heutzutage alles über Speed“, hatte Trainer Christian Titz das Sprinttempo als eines der Hauptkriterien genannt und damit sicher Recht.

Gegen Jae-sung Lee und Mathias Honsak aus Kiel sowie Bielefelds Andreas Voglsammer hatte die nicht zwingend als sprintstark zu bezeichnende HSV-Defensive die größten Probleme. Auf der anderen Seite ist es der schnellste HSV-Offensivspieler, Khaled Narey, der die größte Torgefahr versprüht. Und das jetzt mit dem formkriselnden Tatsuya Ito sowie dem mit vielen Vorschusslorbeeren ausgestatteten Hee-chan Hwang als Pendant. Apropos Hwang: Der frisch gebackene Asienmeister steht im Dauereinsatz für sein Heimatland Südkorea. Hwang wurde direkt für die anstehenden Länderspiele der A-Nationalmannschaft nominiert und wird am Freitag (7. September) in Goyang gegen Costa Rica dabei sein. Ob Hwang auch im darauffolgenden Länderspiel gegen Chile (11. September) mitwirken muss, wird in den kommenden Tagen mit dem südkoreanischen Verband geklärt.

Dazu gesellen sich offensiv der erfahrene Pierre-Michel Lasogga sowie mit Fiete Arp und Manuel Wintzheimer zwei junge Talente, die beide noch Zeit und Spielpraxis benötigen. Vor allem bei Arp darf man aber davon ausgehen, dass er bereits ordentliches Zweitligaformat hat. „Ich bin mit meinem Kader wirklich sehr zufrieden, das dürfen sie mir gern glauben“, hatte Titz zuletzt immer wieder gesagt und dabei betont, dass er offensiv über derartig viele verschiedene Qualitäten verfügt, dass es ihn bzw. seine Mannschaft schwer ausrechenbar mache.

Abgerundet wird diese vergleichsweise starke Offensive von dem erfahrenen Mannschaftskapitän Aaron Hunt, der auf allen Positionen vorn einsetzbar ist. Wenn er denn gesund ist. Dann sogar auf der Zehn oder der Acht. Womit wir beim Mittelfeldzentrum sind, das aktuell leicht überbesetzt ist. Mit Matti Steinmann, Orel Mangala, Vasilije Janjicic, Christoph Moritz, Lewis Holtby, Jonas David und auch Hunt kämpfen sieben Spieler um drei Positionen. Insofern hat Becker sportlich den Grundstein gelegt, auf den Titz den Aufstieg bauen will.

Dass schon jetzt klar ist, dass mit Mangala und Hwang zwei Offensivspieler wegbrechen, die schwer ersetzbar sind – klar. Becker hat jetzt knapp ein Dreivierteljahr lang Zeit, sich darauf einzustellen und den Kader so zu planen, dass er je nach Ligazugehörigkeit entsprechend viele Optionen hat. Parallel dazu muss die HSV-Führung unter Bernd Hoffmann wirtschaftlich die Weichen stellen, die aktuell irgendwie (vor allem ohne Klaus Michael Kühnes Zutun) undenkbar scheinen.

Apropos unmöglich: Noch ein Wort zu den befürchteten Krawallen verfeindeter Fangruppierungen. Es sollen also tatsächlich Verstärkungen zum Derby kommen? Im Ernst? Können sich die paar Hohlbratzen, die das Stadt-Derby zu ihrem persönlichen Randalefest machen wollen, nicht einfach irgendwo auf einem großen, verlassenen Feld treffen und solange hauen, bis keiner mehr schlagen will? Müssen die sich vorher mit fremden Kräften verstärken, damit sie überhaupt so einen dämlichen Kampf bestreiten können? Können die nicht einfach sagen, wie viele jeder mitbringt und sich dann zurückziehen? Nein, so wenig (NULL!!) Verständnis ich für derartige Schlägereien an sich schon habe, ich werde sauer, wenn ich mitbekomme, dass hier auch die Gesundheit Unbeteiligter aufs Spiel gesetzt wird. Am besten wäre es, ein paar Schiedsrichter aus der MMA-Szene (Mixed Martial Arts) oder gleich einen Käfig dazu zu holen, in dem unter Aufsicht aufeinander eingeschlagen wird, bis keiner mehr steht. Dann gewinnt auch einer und die Sache ist geklärt. Und das am besten parallel zum Spiel, damit diese Schlaufüchse nicht auch noch ins Stadion kommen. Es wäre fast so schön wie die Sache an sich schon erschreckend dumm.

Bis morgen. Da wird um 10 und um 14 Uhr trainiert, allerdings höchstwahrscheinlich nicht auf dem Platz.

Bis dahin!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
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