Marcus Scholz

13. November 2018

 

Natürlich gleichen sich die Themen in den verschiedenen Medien immer wieder stark. Das war schon immer so - und das wird in aller Regel auch so bleiben, da sich alle am Tagesgeschehen orientieren. Beim HSV heißt das, dass aktuell Bakery Jatta, Pierre Michel Lasogga und natürlich der neue Trainer Hannes Wolf selbst Thema sind. Im positiven Sinne, denn es wird das Erfolgsgeheimnis gesucht. Es wird dabei ebenso an taktischen Maßnahmen festgemacht wie natürlich an einzelnen Personalien. Und das gewohnt überschwänglich, wenn gewonnen wird. Liest sich halt gut. Und nur, damit das niemand falsch versteht, ich bin da sicher keine Ausnahme. Im Gegenteil: Ich schließe mich in diese Beschreibungen voll mit ein. Und dennoch sehe ich nicht alles so wie meine Kollegen.

Aufgefallen ist mir das heute wieder, wo ein Leo Lacroix gefeiert wird und ein Kauf am Saisonende für zwei Millionen Euro als voraussichtlich guter Deal bezeichnet wird. Eben jener Schweizer, der vor zwei Wochen noch heftig in der Kritik stand und hinter vorgehaltener Hand sogar in Teilen schon als Fehleinkauf verschrien war, soll jetzt schon zwei Millionen wert sein. Aktuell ist Lacroix bei der A-Nationalmannschaft der Schweiz und gilt für einige als einer der großen Gewinner unter Hannes Wolf. Weil er gegen Köln und in Aue gute Leistungen gezeigt hat. Und auch ich persönlich freue mich sehr, dass er nach der etwas schwierigen Anfangsphase auf der Bank (und teilweise Tribüne) in beiden Spielen positiv überrascht hat. Ich bin allerdings noch ein ganzes Stück weit davon entfernt, ihn als die Lösung für die Innenverteidigung zu sehen.

Gleiches gilt bei Bakery Jatta. Für den Gambier freue ich mich persönlich riesig. Er hat sich diesen Moment des Ruhms absolut verdient. Keiner im Team arbeitet härter als er. Keiner hat eine schwierigere Vorgeschichte und keiner musste mehr Widerstände aus dem Weg räumen als er. Beachtet man dabei, mit welcher Hartnäckigkeit und Härte zu sich selbst Jatta selbst dann weitergemacht hat, als er bei den verschiedenen Trainern auf dem Abstellgleis stand - es nötigt mir den allergrößten Respekt ab. Dass diese zwei, drei Kurzeinsätze und/oder der erste Profitreffer aber eine Vertragsverlängerung nach sich ziehen sollen - das ist das übliche Maß Übertreibung, das ich nicht teile. Es ist einfach nur vielmehr das, was die Fans lesen wollen, als das, was sportlich argumentierbar und vernünftig ist.

Jatta ist sicher ein toller Typ. Ich kann das sagen, weil ich in den letzten 20 Jahren beim HSV auch schon viele, viele echte Spacken kennengelernt habe. Und Jatta besitzt ob seines Tempos und seiner unkonventionellen, alle überraschenden Spielweise auch Qualitäten, die dem HSV helfen können. Aber wenn der HSV auf lange Sicht wieder erstklassig spielen will, ist Jatta m.M.n. (leider noch) nicht der Spieler, der den HSV nach vorn bringt. Dann werden eher erfahrenere Spieler wie Hee-chan Hwang oder Khaled Narey wichtig, die über ein hohes Maß erstklassiger technischer wie taktischer Fähigkeiten verfügen (und schnell sind). Womit ich zu dem komme, was immer gern gemacht wird, wenn der HSV seinen Trainer wechselt. Dann werden die so genannten „Gewinner des Trainerwechsels“ gesucht.

Und dazu darf man Jatta ebenso wie Lacroix zweifellos zählen. Aber auch nur dazu, denn es beschreibt nur diese bislang noch kurze Phase und beinhaltet nicht den Anspruch, dass das auch für die nächsten Monate so bleiben muss. Ebenso muss man Pierre Michel Lasogga mit reinrechnen, der wieder trifft. Er spielt sicher nicht 90 Minuten lang gut, manchmal sogar überhaupt nicht. Aber er ist im richtigen Moment am richtigen Fleck.  In der Mopo sagte der DFB-Sportpsychologe Werner Mickler heute, dass bei Stürmern der Faktor Vertrauen besonders wichtig sei, da man von Stürmern ein besonderes Maß an Risikofreudigkeit im Abschluss erwartet. Und das klingt sehr logisch. Zumindest hier scheint Hannes Wolf mit seiner kleinen Änderung, Lasogga das unbedingte Vertrauen auszusprechen, eine große Verbesserung erreicht zu haben.

Ebenso bei Gotoku Sakai, der mir gegen Köln und vor allem in Aue wieder gut gefallen hat. Bei dem Japaner habe ich mich monatelang gefragt, weshalb er zwar alle einzelnen Zutaten für einen guten Außenverteidiger besitzt, sie aber nie zusammen auf den Platz bringt. Immer wieder spürte man dem WM-Teilnehmer an, dass er verunsichert war. Er spielte Fehlpässe, brach Tempovorstöße in aller Regelmäßigkeit ab. Oftmals, indem er den Ball verdaddelte. Flanken kamen nicht und von Torvorlagen konnte man ebenso nur träumen wie von einer abgesicherten Rechten Außenbahn. Also alles das, was in Aue und in großen teilen zuvor auch gegen Köln schon funktionierte. „Beide Außenverteidiger haben unter Hannes Wolf leicht veränderte Aufgaben und agieren daher auch aus anderen Räumen. Bislang funktioniert das gut. Sie kommen häufiger zu Abschlüssen und Flanken“, analysierte Ralf Becker auch dem Spiel in Aue - und liegt damit wohl richtig. Von daher glaube ich, dass die Mopo-Überschrift heute, „Sakai zurück in der Spur“ absolut treffend ist.

Wenn ich dazurechne, dass man von Julian Pollersbeck, Rick van Drongelen, Douglas Santos, Gotoku Sakai, Lewis Holtby, Aaron Hunt, Hee-chan Hwang, Orel Mangala, Khaled Narey und Pierre Michel Lasogga erwartet, dass sie besser sind als der Großteil ihrer Konkurrenten in der Zweiten Liga, dürfen wir uns aktuell zweifelsfrei darüber freuen, dass der HSV Tabellenführer ist und zuletzt auch sehr stabil wirkte. Aber übertroffen hat man die gerechtfertigten Erwartungen trotzdem nicht. Das kann man angesichts der maximal hohen Zielsetzung, direkt wieder aufzusteigen, wahrscheinlich auch gar nicht. Es sei denn, der Trainer schafft es, neben dem Erfolg auch neue Qualitäten aus den Spielern zu kitzeln, sie an ihr persönliches Leistungslimit zu führen. Oder zumindest ein Stück weiter heran an selbiges.

Zusammengefasst bedeutet das, dass es momentan sicher einige „Gewinner des Trainerwechsels gibt“. Das ist schön zu sehen und deshalb darf man den Moment auch mal genießen! Wer hat das mehr verdient als der in den letzten Jahren leidgeprüfte HSV-Fan? Kaum jemand! Und genau so sehen das auch meine schreibenden Kollegen, wenn sie das machen, was die HSV-Verantwortlichen allerdings nicht dürfen.

Denn die müssen anders denken. Becker und Co. müssen rational statt emotional handeln und zusehen, dass der Kader, der aktuell Erfolge feiert und die Tabelle anführt, zur neuen Saison im Falle des Aufstieges deutlich verbessert werden muss. Deshalb äußern sich Wolf, Becker und Co. auch noch immer sehr zurückhaltend. Sie wissen, dass der HSV als Zweitligist angekommen ist und das Potenzial zum Aufstieg reicht. Aber wenn die letzten Jahre eines gezeigt haben, dann, dass der beste Zweitligist noch lange kein guter Erstligist ist. Siehe Düsseldorf und Nürnberg aktuell. Und ich freue mich, dass die Verantwortlichen das offenbar beherrschen. Der viel diskutierte und zweifelsfrei mutige Trainerwechsel kann man als Indiz dafür werten, wenn es so weitergeht. Ebenso die manchmal fast schon Stimmung killende Nüchternheit von Hannes Wolf. Denn ich behaupte, dass es gerade jetzt in einer (von außen) gefeierten Phase wichtig ist, dass der nüchterne Blick für die Realität bleibt. Oder wie Wolf sagte: Gerade in guten Phasen muss man erkennen, was noch nicht gut genug ist, um direkt daran zu arbeiten. Nur so bleibt man auch gut.

Heute im Training gab es sportlich nicht viel Neues. Wolf hatte drei Talente aus der U21 zusätzlich eingeladen. Innenverteidiger Patric Pfeiffer (19), Rechtsverteidiger Lenny Borges (17) und Angreifer Christian Stark (20) mischten bei den Profis mit, während Matti Steinmann (Adduktoren) und Gideon Jung auf dem Nebenplatz ihre Runden drehten und individuell trainierten.  Und auch morgen wird es zwei Einheiten auf dem Platz geben, dafür aber hier keinen normalen Tagesblog. Denn ab sofort habt Ihr stattdessen wieder die Möglichkeit, alle Eure Fragen an mich bzw. uns vom Rautenperlen-Team loszuwerden. Genauer gesagt könnt Ihr mir/uns wieder von jetzt an bis zum morgigen Mittwoch um 16 Uhr Eure Fragen stellen und ich werde sie dann so gut und so ausführlich es geht hier im Blog beantworten.

Dafür werde ich in der inzwischen schon bewährten Manier wieder einen Top-Kommentar verfassen, unter dem Ihr alle Eure Fragen loswerden könnt. Ich freue mich auf Eure Fragen! Und jetzt, Feuer frei!

Bis morgen,

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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