Marcus Scholz

8. Januar 2019

 

Gideon Jung ist kein Mann vieler geschweige denn großer Worte. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Im Privaten kann er, das wird von allen Seiten bestätigt, ein sehr unterhaltsamer und geselliger Typ sein. Ein netter Kerl, den die meisten mögen, weil er wenig bis keine Angriffsfläche liefert. Humorvoll, aber eben kein Lautsprecher, sondern zurückhaltend. So auch heute. Im ersten Comeback-Gespräch seit seiner schweren Knieoperation im Sommer sprudelte es nicht aus Jung heraus. Im Gegenteil. Die Antworten blieben kurz. Er habe sich über dieses und jenes  keine großen Gedanken gemacht. Aber, und da sprach er dann voller Freude und Inbrunst: Er ist einfach nur glücklich, jetzt wieder auf dem Platz stehen zu können. Vor allem, weil er nicht mehr nur trainiert, sondern endlich auch die Aussicht darauf hat, wieder zu spielen.

„Es war schon sehr schade für mich. Nach dem Jahr Bundesliga wollte ich direkt Gas geben und ein Zeichen setzen. Ich wollte helfen, wieder aufzusteigen. Die Verletzung kam zu einem bitteren Zeitpunkt. Aber ich habe mich schnell damit abgefunden, mich auf mich konzentrieren und ich freue mich einfach nur darauf, dass es jetzt endlich los geht.“ Und da ist er längst nicht der einzige. Nein, Jung hat etwas, was nur wenige Spieler haben: Alle freuen sich für ihn mit. Rick van Drongelen, für den Jung theoretisch sogar direkte Konkurrenz ist, hatte das gestern hier schon mehrfach betont. Und sportlich wissen alle, dass Jung eine Verstärkung ist - wenn er wieder topfit ist. Wie weit er schon ist? „Es ist schwer zu sagen, aber auf dem Platz fühle ich mich ganz gut. Die Abläufe stimmen schon wieder. Hier und da gibts noch Probleme mit der Luft, aber das kommt in den nächsten Wochen. Mit dem Ball hätte ich es mir tatsächlich schwieriger vorgestellt. Das ist schon alles wieder sehr okay.“

Jung hat sich einer Knorpeloperation unterzogen. Und das, was früher noch Karrieren beendet hat, ist heutzutage mit vier, fünf Monaten konzentrierter Reha-Arbeit nur noch in den Griff zu bekommen. Nicht gänzlich zu heilen - aber zumindest zu kontrollieren. „Den Zeitplan, den wir uns gesetzt hatten, habe wir gut einhalten können“, so Jung, der schon in den letzten Wochen der Hinrunde hätte spielen können - es aber ließ. Oder besser gesagt: Trainer Hannes Wolf verzichtete auf ihn, um ihn in der Wintervorbereitung auf 100 Prozent zu bekommen. „Dass ich zuletzt nicht spielen sollte, war kein großer Schlag für mich. Ich wollte einfach nur komplett fit werden“, sagt Jung. Dabei wird er immer präventiv arbeiten müssen. Mehr als die gesunden Kollegen. Und das weiß er. „Ich muss immer etwas mehr noch machen, zusätzliche Stabilität erarbeiten.“

Wenn die Verletzungspause etwa Gutes hatte, dann die Tatsache, dass Jung gelernt hat, geduldig zu sein. Ob er sein Karriereende schon mal im Kopf hatte? Jung verneint. Deutlich. „Ich wusste, dass es früher eine härtere Verletzung war. Aber ich habe nie an das Karriereende gedacht. Ich wusste, dass ich es schaffen kann, wenn ich weiter so an mir arbeite.“ Dafür habe er auch Kontakt zu Kollegen gesucht, die vor ihm schon eine derart schwere Verletzung überstanden habe. Mit Bobby Wood habe er geschrieben, „der hat mir ein paar Dinge empfohlen“. Zudem sollte man sich heutzutage nicht zu große Sorgen machen, sondern daran arbeiten, fit zu bleiben. Nur das würde am Ende wirklich helfen.

Jung ist durch seine Leidenszeit eine (harte) Erfahrung reicher. Und er versucht, heute das Positive daran zu sehen: „Ich habe gelernt, zuzuschauen. Es wurde zwar eher schlimmer, je länger es dauerte, weil es einfach nicht schön ist, nicht helfen zu können. Aber es gehört nunmal dazu und niemand weiß, wie lange es noch geht. Daher genieße ich den Moment.“ Und er arbeitet zusätzlich an seiner Fitness. Jung versucht entscheidenden Muskelgruppen zu trainieren, die sein Knie unterstützen. Es sind quasi die letzten Meter eine langen Marathons, die Jung jetzt noch zurücklegen muss, bis er endlich am Ziel ist und wieder auf dem Platz steht. Im Spiel wohlgemerkt - nicht mehr nur beim Training. Obwohl Jung betont, die Zeit vorher so gut genutzt zu haben, wie es eben möglich war.  „Auch wenn man nicht im Kader ist, gehört man immer dazu. Und man muss sich positiv einbringen. Das machen auch alle bei uns.“ Auch Jung war bei den Spielen immer wieder dabei, ging in die Kabine, um seine Kollegen anzufeuern, sie aufzumuntern, oder einfach mit ihnen zu sprechen. „Er war immer für uns da - und wir für ihn“, fasste es van Drongelen zusammen. Was Jung freut: „Es ist ein schönes Zeichen, wenn es gut ankommt.“

Klare Zeichen, in welche Richtung auf dem Platz es am Ende gehen wird, konnte bislang noch niemand genau geben. Im Gegenteil: Trainer Hannes Wolf Ließ bewusst offen, ob Jung letztlich in die Innenverteidigung rücken oder doch im defensiven Mittelfeld spielen wird. Vor der Saison war Jung zwar als Abwehrchef „ein Fixpunkt“ im Konzept des Trainers Christian Titz, wie es Sportvorstand Ralf Becker zuletzt immer mal wiederholte. „Für mich ist das alles offen. Ich muss erst einmal zu 100 Prozent fit sein. Dann kann ich eine Hilfe sein. Wo, das entscheidet dann der Trainer. Es ist auf jeden Fall aus meiner Sicht noch offen.“

Wo er sich selbst sieht, wollte ein Kollege wissen? In der letzten Bundesligasaison hatte Jung immerhin mal gesagt, sich in der Innenverteidigung sehr wohlzufühlen. Ob das noch immer so ist? „Hab ich das wirklich so gesagt?“, fragt Jung lächelnd, „eigentlich war es eher auf der Sechs. Aber da gibt es auch Spiele, wo ich mich als Innenverteidiger wohler fühlen würde. Es ist wirklich offen.“ Klarer sind derweil seine Ziele für die Rückrunde 2019: „Ich will im Sommer wieder in der Ersten Liga spielen.“ Und natürlich gesund bleiben. Beides wünsche ich ihm.

In diesem Sinne, bis morgen. Da werde ich Euch noch mal einen kompakten Überblick über die bevorstehende Premiere geben, wenn am Donnerstag alle drei Präsidentschaftskandidaten bei uns zur ersten Rautenperle-Debatte zu Gast sein werden.

Vorher werde ich mich aber noch mit dem MorningCall bei Euch melden. Dann wie gewohnt um 7.30 Uhr, bevor um 11 Uhr am Volksparkstadion trainiert wird.

 

Bis morgen!

Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

Kategorien