Marcus Scholz

18. März 2020

Die Kanzlerin spricht (oder sprach -je nachdem, wann Ihr diesen Blog lest) am Abend zur Nation, der DFB hat mit seinen drei prominentesten Funktionären Keller, Löw und Bierhoff eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz abgehalten, und auch sonst wird auf allen Kanälen in mannigfaltigster Art über die Notsituation unter dem Einfluss des Corona-Virus geschrieben und gesprochen. Die einen klagen an, die anderen fordern Zusammenhalt und Solidarität. Und letztlich verbindet alle eines: Der Wunsch, diese in ihren Folgen noch völlig unabsehbare Situation möglichst schadlos zu überstehen. Dass alles nur zusammen funktionieren kann, das wissen alle. Und das sagen auch alle. Aber schon ein Gang in den Supermarkt beweist, dass der Mensch an sich einfach immer wieder den Egoismus und den Selbsterhaltungstrieb über das Allgemeinwohl und die Vernunft stellt. Womit ich fast den perfekten Übergang zum HSV gefunden habe.

Denn auch hier wissen sehr wohl alle, wie man Erfolg haben könnte. Es sagen und fordern auch alle ein - aber es halten sich längst nicht alle daran. Meistens vor allem die nicht, die für diesen HSV hauptverantwortlich sind. Morgen tagt der Aufsichtsrat des HSV und wird dabei selbstverständlich den wirtschaftlichen Aspekt als Kernthema der Veranstaltung behandeln. 20 Millionen Euro Einnahmeverluste drohen dem HSV, sollte diese Saison nicht zu Ende gespielt werden können. Zum einen, weil Vertragsbedingungen gegenüber den Partnern nicht eingehalten werden können. Zum anderen, weil einfach die laufenden Einnahmen aus den Heimspielen und der übergeordneten TV-Vermarktung verloren gingen. Bernd Hoffmann hat das heute in seinem Interview mit der SportBild deutlich gemacht und dabei auch skizziert, was für den HSV der eigentlich entscheidende Punkt sein sollte: Es geht hier um die Zukunft der rund 600 Mitarbeiter des HSV. Dass der Verlust ihrer Arbeitsplätze sie in existenzielle Nöte bringen kann, muss allen Verantwortlichen immer wieder klar werden. Und diese Verantwortung muss ihre Handlungsmaxime sein.

Köttgen fordert: Keine persönlichen Animositäten!

Auch für die, die beim HSV nach mehr persönlichem Erfolg streben. Auch sie müssen jetzt ihren bedingungslos geradlinigen Weg nach oben kurz unterbrechen und sehen, ob sie links und rechts Teamkollegen neben sich haben, die ihre Hilfe brauchen. So, wie wir mit unseren Familienmitgliedern, Freunden und Nachbarn umgehen sollen, so muss es jetzt auch hier sein. „Eitelkeiten dürfen in unserer aktuellen Situation keine Rolle spielen“, sagte mir Aufsichtsratsboss Max Arnold Köttgen heute am Telefon, als ich ihn fragte, ob denn in der aktuell so schwierigen Phase auch so profane Themen wie die internen Uneinigkeiten im Vorstand in der morgigen Aufsichtsratssitzung Thema würden. „Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass einer meiner Kollegen hier ein entsprechendes Thema auf den Tisch bringt. Dann würden wir auch darüber sprechen. Aber ich bin mir sicher, dass sich alle meine Kollegen der Situation des HSV bewusst sind und dementsprechend ausschließlich im Sinne des HSV handeln. Und dass die aktuelle Situation unseres HSV anderer Prioritäten bedarf, ist uns allen mehr als deutlich.“

Was soll er auch sonst sagen? Nein, wie der/die einzelne Bundesbürger/-in wahrscheinlich von sich aus sagen würde, dass Besonnenheit ganz wichtig sei und dass man jetzt vernünftig handeln solle, ehe er/sie sich völlig pflichtbewusst mit einem Klopapiervorrat für die nächsten sechs Monate eindeckt, so wird auch beim HSV seit jeher das Motto gelebt: „Das eine, was ich sage - das andere, was ich mache“. Warum sollte es beim HSV auch anders sein, als bei vielen anderen Multimillionen-Unternehmen mit egoistischen Machtmenschen, die ihren eigenen Vorteil über das Gesamtwohl stellen.

Meine Antwort: Weil es anders NIEMALS Erfolg beim HSV geben wird.

So einfach ist das! Denn zu sehen, oder selbst zugesteckt zu bekommen und inzwischen sogar schon vermehrt zu lesen, wie sich beim HSV wieder unnötige Fronten bilden, die vielleicht einzelne Gewinner aber immer das Kollektiv als Verlierer hervorbringen wird, kotzt mich wirklich an. Köttgen selbst war heute hörbar darum bemüht, seiner verantwortungsvollen Rolle als Chef des Aufsichtsrates gerecht zu werden. Er mahnte an, dass man sich im Sinne der Sache sehr wohl streiten dürfe, dass man dabei aber immer beachten müsse, „den eigenen Laden stabil zu halten“. Köttgen nannte die internen Differenzen zwischen Boldt und Hoffmann „sachliche Kontroversen, die völlig unnötig zu persönlichen Differenzen hochstilisiert werden“. Und er führte aus: „Ich werde in meiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender auch morgen noch einmal betonen, dass es keine persönlichen Animositäten geben darf. Es kann und darf - gern auch inhaltlich kontrovers diskutiert - in der aktuellen Situation nur darum gehen, gemeinsam und gemeinschaftlich den HSV zu stabilisieren und vernünftig bis zum Sommer durchzukommen.“ Was dann passieren werde, könne man aktuell noch nicht absehen.

Oder doch? Hoffmann hatte heute im SportBild-Interview über die Folgen ausbleibender Millioneneinnahmen für den Sommer gesagt: „Sollte sich die Lage bis dahin nicht entschärft haben, müssten wir drastische Maßnahmen treffen. Es geht hier natürlich hauptsächlich um die Gesundheit, es geht aber auch um fast 60.000 direkt und indirekt Beschäftigte bei den Klubs der ersten und zweiten Liga. Der Sicherung dieser Arbeitsplätze gilt unser Hauptaugenmerk in dieser Krise.“ Stimmt. Genau so ist es. Und das beste Mittel, diese Arbeitsplätze zu sichern ist, wenn alle Verantwortlichen konstruktiv zusammenarbeiten, so ätzend sie sich persönlich auch finden mögen. Ehrlich gesagt gilt das sogar immer - auch in krisenfreien Zeiten.

Dennoch wird beim HSV längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand über Eigeninteressen gesprochen. Heute war Marcell Jansen an der Reihe. Dem Vereinspräsident sagen nicht wenige nach, er wolle sich ein Amt im bezahlten Vorstand erarbeiten. In unserem Talk hatte Jansen das kategorisch ausgeschlossen und gesagt, er fühle sich als Präsident des HSV e.V. richtig aufgehoben. Hier stehen wie so oft Aussage gegen Aussage. Wie so oft, womit ich zu dem Punkt komme, den viele hier einfach wissen müssen: Die täglichen Gespräche, die ich (wie sicher alle meine Kollegen auch) mit den HSV-Verantwortlichen führe, haben oft zwei Dimensionen: Einmal die, die öffentlich mit Zitaten gezeigt wird. Und dann auch die, die die ganze Wahrheit beinhaltet - so aber nicht geschrieben werden darf. Und egal wie oft mir hier einzelne User vorwerfen, ich dürfe nicht mutmaßen, solange mir der jeweils Verantwortliche das nicht wörtlich im Zitat bestätigt - ich werde meine Kenntnisse hier genau so wiedergeben, wie ich sie in den Gesprächen aufgegriffen habe. Denn meine größte Verantwortung Euch gegenüber ist nicht der Erhalt des HSV-Friedens, wenn es diesen nicht gibt. Meine Hauptaufgabe ist die Wahrheit.

Das Kollektiv wird beim HSV aus den Augen verloren

Und die ist nicht immer klar zu erkennen. So auch jetzt nicht beim HSV. Fakt ist, das kann ich nach vielen, vielen Gesprächen über einen langen Zeitraum so sagen, dass der HSV in Sachen Geschlossenheit ein großes Problem hat. Mal wieder. Ein Beispiel: Im Aufsichtsrat wird in Pro- und Contra-Hoffmann-Personen gerechnet. Aktuell soll es eine 4:3-Stimmung pro Hoffmann geben, wobei es zwei Wackelkandidaten gibt, wurde mir gesagt. Aber darum geht es mir nicht. Wichtig ist: Wieder einmal dreht sich beim „großen HSV“ mehr um einen Einzelnen als ums Ganze. Wer die Schuld daran trägt? Ganz einfach: Das ist im Moment SCHEISSEGAL! Denn dieser HSV hat ganz andere, deutlich übergeordnete Probleme und ist mal wieder dabei, sich in den Selbstzerstörungsmodus zu schalten. Denn was bringt es dem einzelnen, wenn er seinen ganz persönlichen Erfolg eiern darf, dabei aber der Erfolg des Kollektivs auf der Strecke bleibt? Genau: NICHTS.

Okay, eigentlich wollte ich hier gar nicht die Moralkeule schwingen. Das machen in anderen Zusammenhängen aktuell schon viel zu viele. Aber still zuzusehen, wie der HSV die Fehler wiederholt, die ihn seit nunmehr über zehn Jahre sukzessiv bis in die Zweite Liga gebracht haben, funktioniert nicht. Deshalb werde ich weiterhin schreiben, was ich mitbekomme und weiß. Auch dann, wenn es hier einigen nicht in ihre heile (HSV-)Welt reinpasst.

In diesem Sinne, morgen wird es neue Stimmen geben. Hoffentlich welche, die verdeutlichen, dass die Verantwortlichen erkannt haben, dass es so nicht weitergehen darf, wenn man den Aufstieg nicht wieder selbst verhindern will. Euch allen einen schönen Abend und bis morgen. Da melde ich mich wie immer pünktlich früh um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch in der Hoffnung, dass es Euch allen gut geht. Und vor allem, dass das auch so bleibt…

 

Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.