Marcus Scholz

29. November 2018

Vier Spiele sind es noch. Erstmals geht eine HSV-Saison dabei sogar bis zum Vortag des Heiligabends. Also so lange wie noch nie. Und dennoch muss Sportvorstand Ralf Becker (nicht erst) jetzt ein klares Fazit der Hinrunde ziehen um zu sehen, ob, wo und wie nachgebessert werden muss in der Winterpause.  Dass man immer wieder betont, mit dem aktuellen Kader zufrieden zu sein, ist normal. Als Tabellenführer ist man zudem voll im Soll. Dennoch gibt es intern schon längst eine Prioritätenliste - allerdings mit außergewöhnlich vielen Konjunktiven. Denn so knapp die Finanzen derzeit sind, so präzise muss geplant werden. Auch über die Saison hinaus. Denn der HSV wird Stand heute auf die Leihspieler Hee-chan Hwang (zu teuer) und Orel Mangala (Stuttgart lässt ihn nicht ziehen) verzichten müssen. Bei Leo Lacroix hat der HSV zumindest eine Kaufoption. Allein, ob die zu ziehen sinnvoll ist, muss sich erst noch zeigen.

 

Seinen sportlichen Wert angedeutet hat Hee-chan Hwang. Sein Tempo, seine Handlungsschnelligkeit und seine Ballfertigkeit sind beeindruckend - nur noch nicht effektiv genug. Trainer Hannes Wolf sagte am Tag nach dem 2:2 gegen Union Berlin völlig zurecht, dass wir uns alle anders über ihn unterhalten würden, hätte er denn das 3:1 mit seiner Hundertprozentigen in der Schlussminute erzielt. Hwang hätte mit dem 3:1 die Kirsche auf den Kuchen gesetzt. So aber ist das ein Konjunktiv, den man auch umkehren kann. Denn wenn er selbst solche Chancen nicht verwertet, sind auch die besten Zutaten nichts wert. Und bis auf seinen Treffer gegen Dresden konnte Hwang bislang nichts Zählbartes anbieten. Im Gegenteil: Er enttäuschte eher. Okay, das aus Gründen, wie ich behaupte. Denn der pfeilschnelle Rechtsfuß wirkt noch immer überspielt, agiert leider oft noch zu hektisch. Und wenn man sich seine nächsten Monate inklusive der Asienmeisterschaft im Januar ansieht, muss man sich Sorgen machen.

Aber was jetzt für einige erst einmal negativ bzw. zu pessimistisch klingen mag, ist aus meiner Sicht nur eine Zusammenstellung von Fakten. Das Interpretierbare bei Hwang sehe ich nämlich deutlich positiver. Die Qualitäten, die Hwang mitbringt, sind - wie oben schon geschrieben - beeindruckend. Ich glaube sogar, dass ein topfitter Hwang nicht mit Pierre Michel Lasogga konkurrieren muss, sondern zwingend mit ihm zusammen spielen muss. Als freier Mann oder über den Flügel kommend ist dabei fast egal. Aber der Umstand, dass der etwas hüftsteifere, aber dafür treffsicherere Lasogga jemanden hat, der seine Gegenspieler beschäftigt - kann gewinnbringend genutzt werden. Sollte Hwang dazu auch noch selbst treffen - umso besser.

Parallel dazu muss aber, und das wird mir in den letzten Wochen des Jubelns über ungewohnt viele Siege zu oft vergessen, auch die Entwicklung eines Fiete Arp vorangetrieben werden. „Die Spieler sind selbst dafür verantwortlich“, sagte Wolf, angesprochen auf die Youngster, zu denen auch Zugang Manuel Wintzheimer zur zählen ist. Und Wolf hat damit nicht Unrecht. Es muss das Leistungsprinzip gelten. Problem hierbei: Der HSV ist inzwischen nicht mehr der Verein, der Spieler einfach wegschicken und austauschen kann, sobald sie nicht funktionieren. Vielmehr muss der HSV zwingend Talente ausbilden, um sie irgendwann gewinnbringend weiterzuverkaufen.

Der HSV ist in der Zwangslage, den Spagat zwischen schnellem Erfolg und schneller Ausbildung eigener Talente meistern zu müssen. Ansonsten ist der finanzielle Kollaps ohne einen wundersam herbeieilenden und altruistisch Veranlagten Gönner nicht einmal mehr theoretisch abzuwenden. Ganz zu schweigen davon, irgendwann wieder autark auftreten zu können. Dass Kühne hierbei aktuell keine Lösung ist, hatten sowohl Vorstandsboss Bernd Hoffmann als auch Kühne selbst zuletzt deutlich gemacht.

Zusammengefasst bedeutet das für die Offensive, dass der HSV einen neuen Spieler im Kader hat, der fußballerisch sehr wertvoll und zudem in der Leihgebühr sehr günstig sein kann, wenn er viele Spiele bekommt: Hee-chan Hwang. Neben bzw. aktuell hinter ihm angesiedelt ist Fiete Arp, dessen Entwicklung seit einigen Monaten stagniert und auch weiter stagnieren. Allerdings ist dieser der einzige nominelle Mittelstürmer im aktuellen Kader, der auch über die Saison hinaus bleiben wird und der dem HSV irgendwann mal Geld einbringen kann. Denn neben dem zu teuren Hwang (Marktwert aktuell knapp 7,5 Millionen Euro) hat der HSV mit Toptorjäger  Pierre Michel Lasogga einen weiteren Stürmer im Kader, dessen Mondvertrag (3,4 Millionen Euro/Jahr) ausläuft und so sicher nicht verlängert werden kann.

Sportlich gab es heute wenig Neues. Das Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde von einem bekannten Rückkehrer flankiert: Kyriakos Papadopoulos absolvierte individuelles Training mit Ball. Seine Rückkehr wird für Februar oder März angepeilt, während Gideon Jung in Teilen mit der Mannschaft trainierte und mit Rückrundenbeginn wieder bei 100 Prozent sein soll. Allerdings hatte ich schon vor Saisonbeginn (und auch jetzt immer wieder) h gehört und geschrieben, dass Papadopoulos selbst sofort wechseln würde, wenn er einen Verein findet. Ebenso soll der HSV seither sehr interessiert daran sein, den mit knapp drei Millionen Euro Jahresgehalt zu teuren Innenverteidiger abzugeben. Im Sommer scheiterte das Vorhaben noch an Mangel an Interessenten. Im Winter dürfte die schwere Verletzung und seine lange Ausfallzeit  derartige Pläne durchkreuzen. Insofern macht die Rückkehr des Griechen Beckers Planungen nicht leichter. Eher im Gegenteil.

Und das sind nur zwei Beispiele von vielen für die Problematik, der sich Ralf Becker ausgesetzt sieht. Er muss bei der Kaderplanung für die Rückserie und vor allem für die neue Saison nicht nur ligaunabhängig planen, sondern er ist auch noch in großen Teilen durch vertragliche Bindungen und die schlechten Finanzen fremdbestimmt. Seine einzige Chance: Becker muss immer wieder günstige Topspieler finden. Er muss also nur mal eben das schaffen, was seine Vorgänger hier seit zehn Jahren mit deutlich mehr Geldeinsatz nicht geschafft haben. Kurzum: Die Zukunft des HSV hängt bei allem zu erwartenden Trubel in den nächsten Wochen rund um die Wahl des e.V.-Präsidenten vor allem an einem - Ralf Becker.

 

In diesem Sinne, bis morgen!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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