Marcus Scholz

25. Mai 2019

 

Die einen finden es gut, die anderen nicht. So ist das bei wichtigen Personalfragen immer. Umso mehr dann, wenn es um Entlassungen von Führungskräften geht. Von daher muss sich niemand darüber ärgern, wenn der oder die anderen nicht ihrer/seiner Meinung sind. Dafür muss sich niemand rechtfertigen. Da geht es mir sicher nicht anders als den meisten von Euch. Und dennoch möchte ich heute die Gelegenheit nutzen, um noch ein paar Worte  zum gestrigen Blog zu verlieren. Anfangen möchte ich damit, einmal die aktuellen Themen, die sich zur alten und zur neuen Saison beim HSV stellen, in drei Teilen zusammenzufassen und anschließend auf die einzelnen Punkte einzugehen:

  1. Fehleranalyse und daraus resultierende Konsequenzen. Wer ist noch tragbar/wer nicht?

  2. Findung des neuen Trainers

  3.  Ist der HSV personell aufgestellt für den Neuanfang?

Zu Punkt 1 hatte ich in den letzten Tagen sehr viel geschrieben und dabei neben dem Trainer und der Kaderzusammenstellung vor allem auch die Verantwortung des Vorstandes hervorgehoben. Hierbei natürlich insbesondere den Sportvorstand Ralf Becker, der es nicht geschafft hatte, die Spannung in der Mannschaft hochzuhalten und zu erkennen, wann er wie einzugreifen hat. Er hatte die Entwicklung im Winter zusammen mit dem Trainer deutlich unterschätzt und den Draht zu der Mannschaft nicht nur verloren. Ihm fehlte am Ende einfach die Möglichkeit, selbst der Negativspirale entgegenzuwirken. Er dachte fälschlicherweise, dass es auch so noch irgendwie gutgehen würde. Der Gipfel dieser Fehleinschätzung war dann das Ingolstadt-Spiel, bzw. vielmehr das, was  danach (nicht) passierte. Denn zwei Spieltage vor Schluss und so unmittelbar vor dem alles entscheidenden Spiel in Paderborn dem Trainer mitzuteilen, dass er nach der Saison kein Trainer mehr sein wird, war grob fahrlässig von Becker, der das mit Kaderplaner Michael Mutzel und Vorstandsboss Bernd Hoffmann einstimmig so beschlossen hatte. Nein, es war sogar unentschuldbar dumm, weil man so einen Totalabfall in Sachen Fokus und Spannung provozierte, der sich dann auch im folgenden 1:4 deutlich widerspiegelte.

Von daher, ganz klar: Den Trainer und den Sportvorstand zu entlassen, das ist definitiv nachvollziehbar nach diesem Misserfolg. Aber die Frage ist, weshalb sich der Aufsichtsrat am Ende den entscheidenden Impuls bei seinem Vorstandsvorsitzenden holte. Zumal Hoffmann nicht nur Becker verpflichtet, sondern in Abstimmung mit ihm auch Trainer Christian Titz entlassen und dafür Hannes Wolf eingesetzt und am Ende nicht rechtzeitig abgesetzt hatte. Fakt ist auf jeden Fall - und das ist dem Vorstandsboss nicht einmal vorzuwerfen: Hoffmann hat immer wieder entscheidend mit sportlichen Entscheidungen zu tun. Allerdings wurde er in diesem Fall nicht so daran gemessen wie sein Vorstandskollege, der gehen musste.

Und, um das für alle auch klarzustellen: Diese Entscheidung ist im Ergebnis auch nachvollziehbar. Allein der Entscheidungsweg dahin ist meiner Meinung nach diskutabel bis besorgniserregend. Denn wenn sich ein Aufsichtsrat bei demjenigen die entscheidenden Tipps für seine weitreichenden Entscheidungen holt, den der Rat eigentlich kontrollieren sollte, dann läuft da etwas grundlegend falsch.

2. Die Findung des neuen Trainers spielt natürlich in Punkt 1 massiv mit rein. Denn einen Sportvorstand noch den neuen Trainer verpflichten zu lassen, während dieser schon abgesetzt und der Neue schon seit Tagen gefunden ist, das ist so falsch wie die Wolf-Entscheidung vor dem Paderborn-Spiel. Nein, so eine Personal-Entscheidung wie die des Trainers  muss zwingend von der Person getroffen werden, die in Zukunft auch für den sportlichen Bereich verantwortlich ist und auch für den etwaigen Erfolg/Misserfolg verantwortlich gemacht wird.

Und damit komme ich zu meiner Kritik am Aufsichtsrat, der hier schlichtweg zu langsam bzw. zu unentschlossen war. Denn eines kann niemand leugnen: Selbst mit einem glücklichen Aufstieg am Ende war seit Monaten erkennbar, dass dieser HSV sportlich wackelt und keinen Schritt nach vorn, sondern in der Rückrunde drei nach hinten gemacht hat.

Insofern hätte der Aufsichtsrat schon vor Saisonende (spätestens in der Woche vor dem letzten Spieltag) zusammensitzen und sich beraten können, was die extrem wichtige Personalie des Sportvorstandes betrifft. Spätestens seit der feststehenden Beurlaubung Wolfs hätten die Kontrolleure sich erörtern und schnell entscheiden müssen, ob Becker für die Suche nach dem neuen obersten sportlichen Entscheider noch der Richtige ist. Das letztlich von der Meinung des Vorstandsbosses (der sich selbst damit ein Stück weit aus der Verantwortung nimmt) abhängig zu machen, demonstriert nur die inhaltliche Überforderung dieses Gremiums, für das gestern Max Köttgen stellvertretend auf dem Podium saß.

Vor allem: Was würdet Ihr an Dieter Heckings Stelle und an der aller anderen Trainer denken, mit denen der HSV in Person Ralf Beckers verhandelt hat? Hecking und Co. investieren da jedesmal viel Zeit in Termine, in denen sie von einem bereits abgesägten Sportvorstand die neue Philosophie des HSV vorgestellt bekommen, die ebenso wie er längst hinfällig ist. Sie verhandeln mit einem Sportvorstand im Wissen all derer, die ihn schon längst entlassen habe, quasi für die Katz. Und wenn man sieht, wie das Management von Dieter Hecking gestern unmittelbar nach Bekanntwerden der Becker-Entlassung darum bemüht war, jegliche Einigung mit dem HSV zu dementieren, dann macht das schon deutlich, wie sich Hecking verschaukelt gefühlt haben dürfte. Auf jeden Fall wirft das Ganze ein schlechtes Bild auf den HSV in seinem Konstrukt, wo einmal mehr der eine nicht weiß, was der andere vorhat. Zumal sich so die Frage aufdrängt, inwieweit Boldt den Ex-Gladbacher Hecking überhaupt als seinen neuen Trainer für den HSV der Zukunft sieht. Der smarte Ex-Bayer-Manager ließ das gestern jedenfalls noch offen.

3. „Alles neu macht der Mai“ heißt es. Und beim HSV trifft das weitgehend zu. Seit dem Abstieg sind der Marketingchef, der Nachwuchschef, dessen Vertreter, zwei Liga-Trainer (Hollerbach war noch in der alten Saison) und jetzt auch der vor elf Monaten erst neu installierte Sportvorstand gegangen bzw. entlassen worden. Im Nachwuchs, der in der letzten Saison ob anderer Prioritäten vernachlässigt wurde, versucht man alles mit Bordmitteln aufzufangen, während in der U21 nur wenige Tage vor Beckers Entlassung der Wunschkandidat von Ralf Becker verpflichtet wurde. Ebenso hat Becker schon vier neue Spieler verpflichtet, er hat sie zumindest mit seinen Ideen überzeugt und die Verhandlungen geführt. Zudem hat Becker im aktuellen HSV-Kader vielen Spielern mitgeteilt, dass sie gehen können. Fraglich ist, ob  Boldt diese Spieler auch alle gehen lassen will.  Offen bleibt auch, was der neue Trainer will und wie sich diese Spieler noch mal für den HSV begeistern können, wenn sie am Ende doch nicht abgegeben werden. Auch hier hätte der Aufsichtsrat mit einer früheren Entscheidung so genannte „Altlasten“, die Boldt und der neue Trainer jetzt mitnehmen müssen, als künftiges Alibi vermeiden können. Nein: vermeiden müssen.

Wie gesagt, niemand muss meiner Meinung sein. Es ist halt meine persönliche, wenn auch gestützt auf interne Beobachtungen, Infos und Erkenntnisse aus den vielen Gesprächen mit den jeweiligen Protagonisten. Auch deshalb habe ich das HSV-Konstrukt der letzten Monate als „selbstzerstörend“ betitelt. Und dieses Konstrukt - bis auf Hoffmann als Vorstandsvorsitzenden - neu zu besetzen ist im Ergebnis alles andere als falsch. Allein den noch zu oft falsch gewählten Weg dahin kritisiere ich weiterhin scharf, weil er schon jetzt dunkle Schatten auf kommende Ereignisse vorauswirft.

Zudem ist es wie immer auch heute diskutabel, wie sich der HSV zusammensetzt. Deshalb haben das viele Kollegen von mir, die über dieselben oder auch tiefere Einblicke verfügen, kritisiert. Hoffmanns Abrücken von Becker kam zu dem Zeitpunkt überraschend und wirkte so kalkuliert, dass er sich damit selbst aus der Verantwortung, die er mittragen müsste, stehlen wollte, indem er Becker an den Pranger stellte. Sein abschließendes Urteil gegenüber dem Aufsichtsrat unterstreicht das noch einmal und die Kontrolleure folgten Hoffmann in seiner Beurteilung Beckers ebenso, wie sie ihm auch sonst folgen - das ist tatsächlich kein Geheimnis. Das kann in vielen Situationen sogar hilfreich sein, wenn es um schnelle Entscheidungen geht. Aber wie ich in den Zeilen zuvor geschrieben habe, ausreichend schnelle Entscheidungen gab es beim HSV leider nicht. Eher viel zu zögerliche.

Mit Boldt kommt jetzt ein weiterer Hoffmann-Vertrauter dazu, der schon vor einem Jahr kommen sollte. Aus der Becker-Ecke werden natürlich seit Hoffmanns umangekündigtem Interview („Das Sportsystem hat versagt“) Stimmen laut, die ein abgekartetes Spiel sehen.  Aber alles das ist in diesem Moment schon wieder obsolet. Denn Boldt ist da. Ein junger, smarter Manager aus Leverkusen, der fachlich einen sehr guten Ruf genießt. Von daher gibt es hier nichts einzuwenden. Und das habe ich auch ganz bewusst nicht getan. Es gebührt schon allein dem Respekt Boldt gegenüber, den neuen Sportvorstand erst einmal wirken zu lassen. Mir ging es einfach darum, dass dieser HSV es wie in den letzten Jahren auch jetzt nicht schafft, das wichtigste Gremium dieses Klubs mit der notwendigen Kompetenz zu besetzen. Und damit meine ich nicht den Vorstand, aber den Aufsichtsrat, so lange der sich vom Vorstand seine Entscheidungen soufflieren lässt.

So viel als Nachtrag zum gestrigen Blog, den ich sicherlich an einigen Stellen deutlicher hätte kennzeichnen können/müssen. Diesen Kritikpunkt nehme ich aich gern an. Aber ich hoffe trotzdem, dass ich das hiermit für die meisten von Euch nachvollziehbar nachgeholt habe - womit ich auch gern zum positiven Teil übergehe. Denn der HSV hat heute offiziell verkündet, was man gestern ob des Sportvorstand-Wechsels noch einmal verschoben hatte: Lukas Hinterseer hat seinen Vertrag beim HSV für drei Jahre unterschrieben. In der Pressemitteilung heißt es:

HSV verpflichtet Lukas Hinterseer

Der 28-jährige Angreifer unterschreibt bei den Rothosen einen Zweijahresvertrag.  Der Hamburger SV hat den nächsten Neuzugang für die kommende Saison 2019/20 verpflichtet: Mittelstürmer Lukas Hinterseer wechselt ablösefrei vom VfL Bochum an die Elbe. Der 28-jährige Österreicher absolvierte am Donnerstagnachmittag seinen Medizincheck im UKE Athleticum, anschließend unterzeichnete er im Volksparkstadion einen Zweijahresvertrag bis 2021. Mit dem 1,92 Meter großen Angreifer sichert sich der HSV einen der Top-Torjäger der 2. Liga.

Hinterseer stand in der abgelaufenen Saison 31-mal in der Startelf der Bochumer und avancierte mit 18 Treffern und neun Vorlagen zum drittbesten Scorer der 2. Bundesliga. Vor seinem zweijährigen Engagement in Bochum (2017-19) lief er für den FC Ingolstadt (2014-17) in der 1. und 2. Bundesliga auf und blickt nun der Aufgabe in Hamburg mit Vorfreude entgegen: „Ich habe mich aus voller Überzeugung für den Schritt zum HSV entschieden. Für mich ist es etwas Besonderes, für diesen Club zu spielen und ich freue mich schon jetzt auf die neue Saison.“

Steckbrief:

Name: Lukas Hinterseer
Geburtstag: 28. März 1991
Geburtsort: Kitzbühel, Österreich
Größe: 1,92 m
Position: Mittelstürmer
Stationen: FC Wacker Innsbruck (2008-14), FC Lustenau 07, First Vienna FC (jeweils Leihe 2012), FC Ingolstadt 04 (2014-17), VfL Bochum 1848 (2017-19)
Bundesligaspiele/Tore: 56/9
Zweitligaspiele/Tore: 94/41 Länderspiele/Tore: 12/-

Das kommt jetzt alles nicht mehr überraschend. Dennoch anbei noch einmal eine Einschätzung des HSV-Zugangs von Christian Hoch, der Hinterseer in den letzten Monaten als Bochum-Experte hautnah miterlebt und dessen Werdegang verfolgt hat:

In diesem Sinne, bis morgen! Da werde ich Euch hier im Blog auf Eure Fragen antworten, die Ihr noch bis heute Nacht 24 Uhr unter dem dafür im Vorgänger-Blog eingerichteten Topkommentar stellen könnt. Bis dahin Euch allen einen richtig schönen Sonnabend mit einem hoffentlich spannenden oder zumindest fußballerisch hochklassigen DFB-Pokalfinale!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.